Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Schon wieder frei

Christian Zellweger am Mittwoch den 17. September 2014

Heute wieder mal ein Seitenblick ins Internet: Es gibt ja viel Nützliches auf Twitter. Und dann gibt es die scheinbar sinnlosen Automatenaccounts. Einer davon ist @wiederfrei. Unermüdlich listet der Feed von «Wieder frei» verwaiste Schweizer Webadressen auf. Das scheint stupide. Bei näherer Betrachtung entwickelt diese endlose Liste eine eigene Poesie. Eine Fundgrube an Unerfolgs-Geschichten, von gescheiterten Idealisten und müden Kämpfern.

So scheint es in letzter Zeit gerade den Jodler-Clubs nicht so gut zu gehen:

Musik scheint allgemein keinen einfachen Stand zu haben:

Auch die Clubszene leidet:

Im Toggenburg scheint nicht viel los zu sein:

Leben und sterben im Thurgau…vielleicht doch nicht:

Spannend auch, was sich wohl hinter diesem Projekt versteckt hielt:

Und dann ist auch diese Adresse wieder frei:


Nicht vergessen – vor allem nicht, die Domainrechnung zu bezahlen.

Wenn Fans Universen umbauen

Miko Hucko am Dienstag den 16. September 2014

Wer kennt das nicht – man hat die letze Staffel fertig (wahrscheinlich nächtelang im Binge-Modus durchgeschaut), man hat die letzte Seite gelesen, man hat sich auf der DVD sogar die Specials angeschaut. Und schon fühle ich mich wieder furchtbar alleine, eine tiefe Trauer befällt mich, weil ich Freund_innen verloren habe oder gar eine ganze Welt, von der ich gerne noch mehr erlebt hätte.

Jetzt gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit diesem Gefühl umzugehen. So können wir das Schicksal unserer Held_innen selbst in die Hände nehmen und weiter spinnen: Fanfiction. Ich lese sie nur zu sehr ausgewählten Werken, und oft frustriert sie halt doch, weil sie weder sprachlich noch dramaturgisch ans Ursprungswerk herankommt.

Fanfiction kann aber auch ein Ort sein, um Bedürfnisse auszuspielen, die in den regulären Werken nicht vorkommen. So ist spätestens seit Dumbledores Coming-Out die queere Fangemeinde stark damit beschäftigt, den Hogwarts-Headcanon zu erweitern (Harry Potter ist auch das am meisten fangefictete (?) Universum auf fanfiction.net). Oder es entstehen Cross-Overs aus verschiedenen Geschichten, wie zB. aus den Fernsehserien Supernatural -Sherlock-Dr.Who das sogenannte SuperWhoLock, das gleich eine ganz eigenes Fandom hat entstehen lassen.

Aber Spass beiseite, ich möchte Ihnen nun gerne diese Perle zeigen. Eine US-Amerikanische Evangelikanerin hat Harry Potter umgeschrieben, damit ihre Kinder es lesen können, ohne von der bösen Magie negativ beeinflusst zu werden. Das nenne ich Engagement. Willkommen in der Hogwarts School of Prayers and Miracles. (Link zum ganzen Text hier)

“Hello, neighbor! I was wondering if you have been saved,” Hagrid exclaimed brightly; and tipped his wide-brimmed, straw cowboy hat.

Aunt Petunia laughed a gravelly laugh; and leaned forward on her sturdy, practical boots. “Saved? Don’t tell me you are you one of those Christians?”

Harry did not know what that word meant; but Hagrid’s smile was the most peaceful smile he had ever seen. It made Harry feel warm and happy inside just seeing the glowing, radiant grin on the kind, friendly stranger’s face. He wondered why Aunt Petunia and Uncle Vernon did not smile like that…

“Yes, I am,” Hagrid replied kindly. “Are you?”

Aunt Petunia laughed again; and stuck her pointy, sharp nose up in the air. “We are too smart for that. Haven’t you read Dawkins? God is dead! Dawkins proved that. Would you like us to educate you on the Dawkins?”

“What is a Christian?” Harry queried innocently; and scuffed his shoe on the shaggy, yellow carpet which had not been vacuumed in quite some time.

“Christians are people who want to be good,” Hagrid explained wisely; and crouched down so he was on eye level with Harry. “We want to go to heaven after we die. Do you know what heaven is, Harry?”

Harry shook his head; and his big eyes were wide and curious.

“Heaven is a beautiful place where we can be with God.”

 

Schutzengel, irre Bulgaren und ein Elefant im Chamäleon-Look

Gisela Feuz am Samstag den 6. September 2014

«Wir erleben, was wir erwarten», so die Theorie des Einen, «es gibt durchaus Geister und Übersinnliches», so der Andere. Gestern Abend stellten Professor Peter Brugger und Schauspieler Yannick Schmuki in einer interaktiven Show rationale Neuropsychologie dem Übersinnlichen und Aberglauben gegenüber. Das Ganze fand im Rahmen der ersten Ausgabe des Mad Scientist Festivals statt, für welches das Naturhistorische Museum in Beschlag genommen wurde. Anhand von Würfelexperimenten, einem live-Anruf bei der Tarot-Sendung «Wir legen Karten», Persönlichkeitshoroskopen, Beispielen aus der Verhaltenstherapie und Zufallsforschung zeigte Peter Brugger auf, dass ein grosser Teil von sogenannt übersinnlichen Phänomenen hausgemachte Hirngespinster sind. Das tat er durchaus schlüssig und trotzdem zeigte die abschliessende Publikumsbefragung, dass viele eben doch der Meinung sind, dass es da auch nicht rational Erklärbares gibt und diesem «Aberglauben» in irgendeiner Form frönen. Sie nicht? Haben Sie etwa keine Glückszahl? Keinen Schutzengel? Und wann haben sie das letzte Mal gesagt «Houz alänge» und es auch getan? Eben.

Der Schutzengel der beiden bulgarischen Chemiker von «Pretty Big Bang», welche im Anschluss im Garten fürwahr ordentliche Knälle fabrizierten, dürfte jeweils alle Hände voll zu tun haben, wenn seine Schützlinge zu Werke schreiten. Wie kleine Buben freuten sie sich ob den chemischen Mischung, die sie da abfackelten und zum Explodieren brachten. Schade bloss, wurden dem Publikum nicht mehr Informationen geliefert, was denn bei der Raucherei und Knallerei chemisch genau ablief. Übrigens war besagter Schutzengel offenbar auch mit den Pretty Big Bangers im Flugzeug gesessen bei der Einreise in die Schweiz. Die Reise hätte nämlich genau so gut im Flughafengefängnis anstatt im Naturhistorischen Museum enden können. Weil das hochgiftige und explosive Phosphor in der Schweiz offenbar sehr schwer zu bekommen ist, haben es die beiden Bulgaren nämlich gleich selber mitgebracht: «No worry. Nobody noticed.» Frau Feuz ist sich nicht sicher, ob «Respekt» hier nun die geeignete Antwort auf diese Leistung ist.

Generell wurde da gestern äusserst vielseitig und vergnüglich Kunst mit Wissenschaft verknüpft im Naturhistorischen Museum. Eine Sound- und Videoinstallation von Andrea Brunner blies Ameisen visuell und akustisch auf Übergrösse auf, wozu Dominique Müller Texte aus dem Ameisenstaat las. Ernestyna Orlowska und Mathias Ringgenberg thematisierten in ihrer amüsanten Performance das Paarungsverhalten von Disco-Tigern und -Katzen und in der Bar der Toten Tiere wurde man gar ein bisschen nostalgisch ob den Einspielungen von «Im Reich der Wilden Tiere», welche Joiz-Moderatorin Gülsha Adiji und Biologe Klaus Amman spontan neu vertonten. Der heimliche Star der Abends war aber ganz klar der Elefant im zweiten Stock, welcher mit bewundernswerter Stoik die 3-D-Visuals über sich ergehen liess und auch im Tiger- oder Chamäleonlook keineswegs an Würde einbüsste.

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Vorboten des Aufschwungs

Christian Zellweger am Mittwoch den 3. September 2014

Raum No. 16, bis 27. September. Krompholz, ab 1. Oktober. Design-Brocki, schon da. Da geht was, im Mattenhof. Jetzt nur noch die Metzgerei schliessen und den Verkehr beruhigen.

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Morgens um halb drei in Bern

Miko Hucko am Samstag den 30. August 2014

…wird immer noch tapfer Adolf Wölfli gelesen. Ist das jetzt diese Mediterranisierung?

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150 Wölfli hat noch mehr Wahnsinn im Programm bis Sonntag.

Her mit den Säulen!

Miko Hucko am Freitag den 29. August 2014

Sie haben uns neue Plakatstellen versprochen, die von der Stadt, damit Plakatierung nicht mehr nur im Weltformat durch grosse, finanzkräftige Kulturinstitutionen legal möglich ist. Toll! habe ich mir gedacht. Jetzt ist das Stadtgebiet ja ziemlich weitläufig und irgendwie haben wir beide nicht die selbe Idee, wo denn ein möglichst guter Ort für so eine offizielle legale Plakatstelle wäre.

Also beim unbefahrensten Kreisel im ganzen Breitenrain bestimmt nicht. Ich meine, weiter so! Mehr Plakatstellen! aber bitte an einem Ort, an dem auch Leute vorbeikommen. 

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Godspeed Postmoderne

Miko Hucko am Samstag den 23. August 2014

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Die Tomatensuppe explodiert! Es wurde ja auch Zeit, sie hat uns 50 Jahre lang geplagt mit ihrer dezidierten Nicht-Aussage. Mit ihrem Konsumentendasein. Mit ihrer Reproduzierbarkeit.

Sowohl Titel – Rhizom und Raster –  als auch die weiteren Bilder dieser Serie, die massgeblich aus Portäts besteht, lassen sich als Abgesang auf die Postmoderne lesen. Das Material ist simpel und roh, fast schon altmodisch: Russ, Klebestreifen, Karton. Je nachdem, wie nahe oder fern man sich von den Bildern positioniert, ergeben sie sinnvolle Ganze oder zerschossener, zerklüfteter Müll. Ob man das Raster sehen will oder nicht, diesen Fokus muss ich als Betrachtende auch selbst legen. Durch diesen selbst zu wählenden Fokus wird die Wahlfreiheit des Auges, des Blickwinkels an die Betrachenden zurück gegeben und die schwarz-weissen Bilder werden dreidimensional und belebt.

Motivisch arbeitet sich Johannes Lortz an Ikonen der Postmoderne ab, von Rosa Luxemburg bis Lou Reed, bekannte Abzüge von ihnen werden hier nicht reproduziert oder nachgemalt, sondern ausgebrannt und abgewandelt. Die Kenntlichkeit bleibt nur knapp erhalten – und trotzdem behält dieser Versuch in Antimalerei eine eindrückliche Ausstrahlung. Damit ich weiss, wem ich hier genau tschüss sagen muss.

Die Ausstellung Rhizom und Raster ist noch bis zum 11. September im Kunst- und Denkraum artundweise zu betrachten.

das bisschen Mut

Miko Hucko am Donnerstag den 21. August 2014

a propos heisser Kultursommer: kleinmikohucko war gestern in Zürich, dem grossen, und schon am Bahnhof leicht überfordert. Schliesslich hat sie es dann doch geschafft und ist auf der Landiwiese gelandet: Theaterspektakel!

Ich war vorher noch nie da, und was mich wirklich überwältigt hat, waren weder die Grösse, technischen Aufbauten, vielen Leute noch die Seesicht. Es war das Hand-in-Hand von sogenannter Hochkultur (oder, wie kürzlich im Rahmen der RKK-Debatte zu hören war, der urbanen und zeitgenössichen), Volksfest und Strassenkunst. Der lebendige Beweis quasi dafür, dass diese Dinge sich nicht widersprechen müssen, ist nur eine Zugstunde entfernt.

Zudem ist die Landiwiese keineswegs zentral gelegen, klar ist Zürich grösser als Bern, aber das liegt auch daran, dass alles Richtung Zentrum drängt, statt sich auszubreiten. Das KTB zum Beispiel ist vor der Vidmar schon wieder etwas zurückgeschreckt, dabei können mutige Verlagerungen durchaus erfolgreich sein, wie das Festivalzentrum des diesjährigen AUAWIRLEBEN gezeigt hat. Auch die Heitere Fahne kann hier als positives Beispiel angeführt werden.

Alles in allem wünsche ich mir nach diesem kurzen Ausflug von der Berner Kulturszene mehr Mut zur Durchmischung und Ausbreitung.

speki

Das Stück, das ich dort gesehen habe, war leider dann nicht so gut. Man kann ja nicht gleich alles haben an einem Abend.

 

Laufende Vorbereitungen

Miko Hucko am Donnerstag den 7. August 2014

Ab heute Abend geht zum elften Mal das Buskers über die Bühne.

Der Bühne des Schlachthaus Theaters hingegen wurde zum Lager aller Buskers umgewandelt: Schön mit Klebeband abgetrennte Parkplätze für das Material der einzelnen Gruppen.
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Bücherkiste: Kein Hass, sondern gerechter Zorn

Miko Hucko am Dienstag den 29. Juli 2014

Als ich der Krstic von diesem Roman geschwärmt habe, sie so: «Du hast ja nur Glück mit den Büchern im Moment!»
Ich kann dem nur zustimmen, bin jetzt schon wieder beim nächsten, Malina von Ingeborg Bachmann, das seinerzeit von Reich-Ranitzki zerrissen wurde – und es ist grossartig.

Um genau diesen Reich-Ranitzki beziehungsweise seinesgleichen und den ganzen Literaturzirkus geht es in Nachkommen. von Marlene Streeruwitz. Ihre Hauptfigur, die junge Nelia Fehn, Tochter einer toten aber erfolgreichen feministischen Autorin, schafft es auf (in?) die Shortlist des deutschen Buchpreises. Ständig wird sie mit ihrer Mutter verglichen, ständig von gesetzten Herren für ihre Jugend, ihre Weiblichkeit, ihr Aussehen in den Boden geputzt und nicht ernst genommen.

Es ist der Kampf einer Jungautorin um Anerkennung. Und man kann sich prima mit ihr identifizieren. Also mit man meine ich vor allem mich, die rezensierende WOZ-Redakteurin hat genau das Unidentifizierbare an diesem Roman zu beklagen gehabt. Aber vielleicht ist das auch eine Frage des Alters, des Anarchismus’, des Vegetarismus’ – der Radikalität. Dass die Streeruwitz ein meines Erachtens so genaues Abbild der Kämpfe meiner Generation geben kann. Trotz ihres Alters.

Das Buch habe ich als Leseempfehlung auf meine FB-Wand gepinnt erhalten, mit der angehängten Rezension im Freitag Die Männerhasserin. Das hat mir natürlich total Lust gemacht, obwohl ich jetzt sagen kann: Der Roman ist keine eiskalte oder verbitterte Abrechnung mit einer männlich dominierten Welt, sondern eine intelligente und sprachlich umwerfende (Sätze wie aus dem Maschinengewehr!) Erschaffung einer weiblichen Genealogie.

Eine kleine Kostprobe, der Inhalt bewusst gewählt:

dass nur ein Museum ein Museum war, wenn es keinen Eintritt kostete. dass nur in so einem Museum die Kunstwerke Kunst blieben. wenn man zahlen musste, dann musste die Kunst gleich wieder etwas leisten. dann wurden die alten Mechanismen wieder eingesetzt und Wunscherfüllungen eingekauft. Bezahlung. das gab den Dingen Sinn. denn falschen Sinn, aber Sinn. dann war die Sinnlosigkeit von Kunst verloren. die Freiheit war verloren. und nichts blieb.

Also wenn das nicht für den Buchpreis nominiert wird, dann weiss ich auch nicht mehr.

(Der Geniestreich dauert im übrigen an: Der Roman der Hauptfigur Nelia Fehn, getitelt «Reise einer jungen Anarchistin nach Griechenland», erscheint im Herbst, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse. Zwei Bücher auf einen Streich, potz.)