Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Gescheiterter Jahresrückblick oder «Bern ist keine Ausgehstadt»

Oliver Roth am Dienstag den 30. Dezember 2014

Ich wollte eigentlich einen Jahresrückblick schreiben, in dem ich nochmals die besten Events und Ereignisse im Berner Kulturleben 2014 überschaue. Zum Beispiel gut verdaulich in einer Top 10-Liste aufgeführt. Dazu hätte bestimmt das Stück von Jan Martens «The Dog Days Are Over» gehört, das am Tanz In Bern Begeisterungsstürme auslöste. Oder das so simpel wie geniale «A History of Everything» von Ontroerend Goed und die sentimentale hardcore Performance «You Are Not Alone» von Kim Nobel, die beide am AUAWIRLEBEN liefen. Oder die Biennale, oder andere Festivals, oder auch mal ein Clubabend?

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Statt die Liste weiterzuführen, möchte ich eine Anekdote aus dem Berner Alltagsleben erzählen. Ich war beim Friseur und im Hintergrund läuft in einem Berner Radio der Jahresrückblick 2014. Ich frage die Frisöse, was ihr Jahreshighlight im Berner Kulturleben war. Sie meint, schroff: Keines! Nach kurzem Schweigen dann doch noch: Das Rockabilly Festival in der Kufa Lyss. Und weiter: Das Buskers sei Scheisse, da sei um zwölf schon immer alles vorbei. Und an der Museumsnacht sei sie noch nie gewesen. Ich sage, es habe immer zu viele Leute an der Museumsnacht und man fühle sich gestresst, durch die Museen zu jagen, weil man ja für alles bezahlt hat. Aber eigentlich müsste man sich für im Museum ja Zeit nehmen und so.

Weiter kommen wir nicht mit unserem Jahresrückblick. Sie erzählt dann, wie sie sich am Rockabilly-Festival spontan ein Tattoo hat stechen lassen. Aus dem Radio sagt Tschäppat: “Die Berner mögen die Museumsnacht. Es ist ein gutes Fest.” Die Frisöse sagt: “Bern ist eine schlechte Ausgehstadt.” Ich sage nichts mehr. Als ich darüber nachgedacht habe, muss ich froh feststellen, dass es das Rössli gibt, wo zu später Stunde alle willkommen sind. Mein Highlight.

 

Bücherkiste: Afrika und weitere Lücken in meinem Wissen

Miko Hucko am Donnerstag den 25. Dezember 2014

Es hat alles mit diesem Spiel angefangen, ein SuperApp, das mir zeigte, wie schlecht doch meine geographischen Kenntnisse sind. Vor allem, was den Kontinent südlich des unseren betrifft. Ja, von der Geschichte der afrikanischen Nationalstaaten und eigentlich, ich gebe es zu, von ihrer blossen Existenz weiss ich nichts.

Ah, moment, es hat alles noch vorher angefangen. Als ich nämlich nach dem Film Sans Soleil ganz und gar davon überzeugt war, so etwas wie Guinea-Bissau könne es nicht geben. Und wenn, dann liege es bestimmt nicht in Westafrika. Ups. Zum Glück lerne ich aus Fehlern! Und aus Unwissen auch.

Jetzt hat eine sehr aufmerksame Person mir zu Weihnachten diesen fetten Schmöcker hier geschenkt, gerade frisch erschienen:

Visionäre Kopie  Visonäre Afrikas. Soso. Da dachte ich erst so, ui, da hat wieder eineR von uns Europäer_innen sich was Nettes ausgedacht, um dieses mysteriöse Afrika für uns versändlich zu machen. Aber nein! Zum Glück nicht. Und es handelt sich hierbei auch nicht um ein langweiliges Geschichtsbuch oder um ein Schlechtes-Gewissen-Mach-Buch.

In gut verdaubaren Häppchen werden kurze Porträts von Persönlichkeiten quer über den Kontinent verstreut geliefert, geschrieben von Afrikaner_innen selbst, die von ebendiesen Persönlichkeiten inspiriert wurden. Das geht von aufständischen Namibianerrn Ende 19.Jh. über einen  metaphysisch-künstlerischen Sultan in Kamerun bis hin zu feministischen Vorreiterinnen in Simbabwe.

Und jetzt noch das Sahnehäubchen: Zu jedem Porträt gehört eine kleine Afrikakarte mit Fähnchen, damit auch Geografienullen wie ich sich ein Bild darüber machen können, wo denn dieses Land liegt, von dem hier gesprochen wird.

 

 

Visionäre Afrikas. Der Kontinent in ungewöhnlichen Porträts. Peter Hammer Verlag 2014. ISBN: 978-3-7795-0487-0

 

Geschenkbeutel 2014

Christian Zellweger am Freitag den 19. Dezember 2014

Das Kulturblog Ihres Vertrauens öffnet den Geschenketippsack:

Herr Zellweger schenkt:
kugelfischWeil es von Podcasts keine Geschenkboxen gibt, erzähl ich einfach jedem, den ich kenne von Serial. Etwas handfesteres und immer wieder gern gesehen ist die Tierpatenschaft vom Tierpark Dählhölzli, warum nicht für den Kugelfisch? Noch etwas handfester wird es mit dem Buch Bilder deiner großen Liebe, dem letzten Roman von Wolfgang Herrndorf. Das kann man wunderbar zusammen mit dessen Durchbruch-Roman Tschick verschenken, die beide in derselben Welt spielen.

 

Oliver Roth schenkt:
die-schuerze-zum-nackt-kochen-und-grillen_2631Wer sich auch dieses Jahr wieder nicht dazu überwinden kann, sich nackt und nur mit einer Schleife um den Hals dem Liebespartner zu präsentieren, der schenke zum Beispiel ein Bio-Abi. Der oder die Beschenkte erhält dann im Stadtgebiet Bern im zweiwochentakt saisonal zusammengestellte Taschen mit Bio-Gemüse – frisch vom Bauernhof aus der Umgebung ins Haus. Natürlich kann man sich das auch selber schenken. Zudem lassen sich die beiden Ideen auch verbinden, indem man dem Partner oder der Partnerin nackt mit nur einer Schleife um den Hals Gemüse kocht.

 

Die Krstic schenkt:
Feingebein_Lilith_BeckerNicht Diamonds sondern BONES are a human beings best friend: Schmuck aus Knochen! Die filigranen Halskettchen und Ohrstecker sind so hübsch wie Morbides nur hübsch sein kann und werden von der deutschen Künstlerin Lilith Becker hergestellt. Leider gibt es die Kollektion namens Feingebein online nirgends auszuchecken, aber sie wird momentan am Kunstkiosk der Sattelkammer verkauft. Dort lässt sich dann am Samstag gleich eine Tischbombe dazu ersteigern: Wie wärs mit der Sex Bomb, exklusiv zusammengestellt von J. P. Love?

 

Fischer schenkt:
Ein in einer Berner Lieblingsbuchhandlung der Wahl gekauftes schönes Buch mit guter Marge für den Laden. Zum Beispiel (noch verzweifelt auf der Suche nach etwas Undigitalem für das Göttikind?) die Little-Nemo-Gesamtausgabe im Taschen-Verlag. 549 Folgen des tollsten Zeitungscomics aller Zeiten auf über 700 Seiten, 37 mal 50 cm, 8,4 Kilo. Und dann aber auch wirklich verschenken, diese Zauberwelt von Winsor McCay, und nicht etwa selber behalten!

Miko Hucko schenkt:
Sie werden lachen. Also hoffentlich werden Sie lachen, denn ich finde es wird Zeit für ein lustiges Geschenk. Ich könnte Ihnen jetzt auch ein Buch empfehlen oder einen Theaterbesuch oder eine lustige Internetseite – aber wie wäre es mit etwas noch Analogerem. Schenken Sie Ihren Liebsten eine Stand-up-Show. Also eine eigene. Eine richtig Peinliche. Setzen Sie Ihre rhetorischen Künste und nackig-im-Geschenkband-Fähigkeiten ein. Alles wäre lustiger als Andreas Thiel. Spätestens in einem halben Jahr werden Sie dann selber darüber lachen.

Alleinsein mit der Wand

Oliver Roth am Freitag den 28. November 2014

Jetzt ist es kalt draussen und das Weihnachtsgeschäft mit den Büchern beginnt. Wer sich weder mit einem Rückzug aus der Zivilisation gegen den Buchmarkt auflehnen, noch mit der Lektüre verstaubter Texte den neusten Büchertrends widersprechen möchte, dem oder der ist ein Buch empfohlen, das gleich beide Absichten erfüllt:

Marlen Haushofers Roman Die Wand von 1963. Mit dem Kauf erwirbt man nicht nur einen modern day classic, sondern kann mit der Lektüre aus der sicheren Distanz der warmen Stube auch am Leben in der einsamen Natur teilhaben und jeglichen zivilisatorischen Problemen entfliehen.

Die-WandDie namenlose Ich-Erzählerin findet sich, zu Besuch in der Jagdhütte ihrer Cousine und ihrem Mann, eines Morgens von der Aussenwelt abgetrennt hinter einer gläsernen Wand wieder. Dahinter scheint jegliches Leben versteinert zu sein. Aber um die Wand, die uns als ungeheuerliche Tatsache erscheint und die es eigentlich nicht geben darf, geht es im Folgenden gar nicht.

In sprachlich reduzierten Beschreibungen berichtet die Erzählerin von ihrem Leben in der voralpinen Jagdhütte. Gemeinsam mit dem Hund Luchs, einer Kuh und einer Katze schlägt sie sich selbstversorgend durch, um zu überleben. Eine existenzielle Erfahrung. Ihr Alltag ist geprägt vom Heuen, Stallausmisten, Melken, Feldarbeit und Erkundungen in das von der Wand abgetrennte Berg-Tal. Und von ihrer Gedankenwelt, die sie mit niemandem teilen kann. Ihr Rhythmus richtet sich nach der Witterung und den Jahreszeiten. Auf unaufgeregte Weise wird der einsamen Frau und auch den Lesenden klar, wie sehr wir uns von einem Leben im Einklang mit der Natur entfremdet haben. Und auch von uns selbst? Beispielsweise, wenn die Erzählerin davon berichtet, was die menschlichen Hände eigentlich für wunderbare Werkzeuge sind.

Am ersten Weihnachtstag, den die Erzählerin nach fast einem Jahr in ihrer Hütte verbringt, schafft sie es, sich mit ihrer Situation als letzter Mensch auf der Welt zu versöhnen. Ein beinahe revolutionärer weihnächtlicher Gedanke.

PS: Der Roman wurde 2012 von Julian Pösler verfilmt.

Rebellion Alltag

Christian Zellweger am Mittwoch den 26. November 2014

ksb

Ach, was haben wir uns alle schon abgearbeitet an unserem ehemals «amtlich bewilligten Störsender». 2001 war es, als Zürich West mit «Radio zum Glück» ein zynische Hommage an den damals noch DRS3 geheissenen Sender rausgaben. Natürlich, gebessert hat sich die Situation seit da nicht, «Sounds» zum Beispiel dauert nur noch zwei statt drei Stunden und immer noch dominieren die grössten Hits der 80er, 90er und die Megahits von heute.

Man ist ja schon länger in Gleichgültigkeit versunken, es zwingt einen niemand, diesen Sender einzuschalten. Man kann sich darum nur wundern, was denn jetzt Jürg Halter alias Kutti MC zu seinem «offenen Brief an Michael Schuler, Leiter der Fachredaktion Musik beim Schweizer Radio und Fernsehen» bewogen hat.

Sicher mit ein Grund ist sein Musikerdasein, wäre doch ein öffentlich-rechtlicher Popsender eine wahrlich willkommene Plattform um abseits des Quotendrucks für eine angemessene Präsenz Schweizer Popmusik zu sorgen. Auch wenn sich gerade Halter nicht über mangelnde SRF-Präsenz beklagen kann. Selbstloses Interesse, Einsatz für Musikerfreunde mögen Gründe sein, vielleicht auch nur das Bedürfnis nach ein wenig Zuspruch, denn das bringt so ein SRF-3-Bashing, auch wenn es etwas langweilig ist, immer: Mehr als 1500 Likes und über 400 Shares verzeichnet das empörte Pamphlet bis dato bereits. Rebellion Alltag.

Ja klar, es tut gut, ab und an mal mit einem Like und einem Kommentar seinen Unmut zu äussern. Vielleicht ist so ein Zwischenruf ab und zu nötig. Vielleicht geschieht nichts. Vielleicht ist die Diskussion der Anfang zu einer Richtungsänderung bei SRF3. Wohl eher nicht.

Es ist ja nicht so, dass Halter ganz unrecht hätte, schliesslich gehört zum ewigbeschworenen Servie public auch das «Abbilden der kulturellen Vielfalt». Das erfüllt SRF3 mit seinem Tagesprogramm wohl nur zu einem Teil.

Doch: «Ich bin nicht die Masse, aber ich bin auch nicht allein», schliesst Halter das Statement. Und hier liegt wohl das Problem. Zum einen: Auch Massenkultur ist natürlich Teil der kulturellen Vielfalt. Zum anderen und wohl gewichtiger: Nur vermeintlich läuft SRF3 ausser Konkurrenz zu den Privatsendern. Die Masse würde bei einem mutigeren Programm ganz schnell umschalten. Zum Vergleich: Das einzig wirkliche alternative-öffentlich-rechtliche Pop-Radio, Couleur 3, verzeichnet in der Romandie einen Marktanteil von gerade mal 6,8 Prozent. SRF 3 kommt in der Deutschen Schweiz immerhin auf 16,6 Prozent. Es wäre schon sehr interessant zu sehen, was da politisch in die Gänge käme, würde SRF 3 solche Zahlen präsentieren. Dann doch lieber ein harmloser Sender mit Slots für gute Musik als gar keiner. Oder?

weiss!

Miko Hucko am Mittwoch den 12. November 2014

Ntando Cele ist auf der Bühne eine Wucht. und nicht nur eine komödiantische. dieser Gedanke schlich sich schon letzten Juni bei Erika in Afrika (das mit den Schlümpfen im Schlachthaus) in meinen Kopf und hat sich nun, nach gestern, bestätigt. ich bin ja eine dieser Personen, die behauptet, es sei schwierig, mich zum Lachen zu bringen, und gestern in der Heiteren Fahne, da habe ich mich nur noch gekrümmt. Gleichzeitig war da immer wieder diese berechtigte Boshaftigkeit, mit der Bianca White in Black Notice gespielt wird, diese Frau, weisser als weiss, blonder als blond.

und danach gibt’s noch einen Showeffekt obendrauf (hier seien die beiden Musiker erwähnt, einmal Gitarre, einmal Drum, ganz flott!), inklusive selbstgebasteltes Lichtspektakel. Nein, Theater, bei dem es sich im Saal verstecken lässst, ist das nicht.

Falls Sie jetzt schon Angst haben, hinzugehen, no don’t worry honey. Sogar meiner Mutter hat’s gefallen! Ich verspreche Ihnen – es bleibt kein Auge trocken, auf die eine oder andere Weise. Und falls Sie zu denen gehören sollten, die öfters mal Sätze mit “Ich bin ja kein Rassist, aber…” beginnen, dann sind Sie das perfekte Zielpublikum.

Sehen Sie, es war so lustig, dass ich vergessen habe, ein Foti zu schiessen. Glauben Sie mir jetzt? Am Freitag um 20:00 in der Heitere Fahne ist das nochmal.

Neu! Neu! Neu!

Christian Zellweger am Samstag den 25. Oktober 2014

Ist Spotify nun gut oder böse? Das darf man gerne diskutieren, hier aber will ich nur mal eben zwei Spotify-Links platzieren. Es sind zwei mit Spannung erwartete Veröffentlichungen, welche in den letzen Tagen ihren Weg zum Publikum gefunden haben.

Zum einen wäre hier die neue EP von Panda Bear, benannt Mr. Noah. Und nein: Es gibt hier zwar viel neues, aber wie das Album Panda Bear Meets The Grim Reaper denn nun defintiv klingen wird – das wissen wir immer noch nicht. Geplant ist es für Anfang 2015. Zu so richtig viel mehr als zum Verlinken der EP bin ich noch nicht gekommen. Aber der grosse Pandabären-Freund Benedikt Sartorius hat seine ersten Eindrücke hier geschildert.

Das rätseln, wie das wohl klingen wird, wenn sich Sunn O))) und Scott Walker zusammentun, hat bereits ein Ende gefunden. Wobei, man hat es sich schon vorstellen könnnen: Laut natürlich, dramatisch, bedrohlich und dunkel. Und so ist es denn auch gekommen. 5 Tracks, 50 Minuten. Am besten, sie transportieren ihre Stereoanlage in den Luftschutzkeller und drehen den Regler ganz nach rechts. Hier ist das Werk: Soused.

Sie gaht is Bett und seit: I gang is Bett.

Christian Zellweger am Donnerstag den 23. Oktober 2014

Man könnte es eigentlich kommen sehen: Wo in popkulturellen Erzeugnissen heute noch geraucht und getrunken wird, ist klar, dass sich jemand an den Rand des massengeschmacklichen Kontextes stellen will, ja die Provokation sucht. Und man weiss auch, dass sich Stahlberger mit dem neusten Album Die Gschicht isch besser ein ganzes Stück von der Kleinkunstbühne entfernt hat. Er hat sich eine richtige Band zugelegt und gemeinsam spielen sie richtig guten Rock. Und was gemeinhin zu Drugs und Rock’n’Roll gehört, wissen Sie ja auch.

Also: Falls Sie gerade in der Mittagspause ihr Sandwich vor dem Computer essen (während der Arbeitszeit surfen Sie ja sicher nicht privat im Internet, oder?) und Ihnen Ihre Arbeitskollegen im Grossraumbüro auf den Bildschirm schielen, können Sie das nachfolgende Video zur neuen Stahlberger-Single Schwizer Film bis so ca. 3:20 Minuten geniessen. Den Rest schauen Sie sich besser zu Hause an. Ausser natürlich Sie sind vielleicht Musik- oder Filmredaktor/in und können sich auf berufliches Interesse (auch nach vier Jahren noch lesenswerter Beitrag aus dem Züritipp) berufen.

sobooks: des Buches Ende?

Miko Hucko am Mittwoch den 22. Oktober 2014

Um praktisch dort anzuknüpfen, wo Fischer gestern aufgehört hat: Sascha Lobo geht es – ganz platonisch – um die Idee des Buches. Wie er an der Rede (Buchmesse Frankfurt, 10.10, 10 nach 10, hihihaha) zur Eröffnung immer wieder betont hat, sei es eben nicht das Papier, die Haptik, die das Buch zum Buch macht, sondern der Text und wahrscheinlich dessen Gliederung in Seiten. Genau so wird das Buch auf sobooks.de verkauft.

Als das Portal an der letzten Buchmesse (2013) gross angekündigt wurde, machte ich mir grosse Hoffnungen, ich war nervös, gespannt, kribbelig – auf was genau, kann ich leider immer noch nicht sagen. Irgendwie hatte ich eine Buchrevolution vor Augen, wahrscheinlich sah ich mich schon drauf und dran, irgendeines Autors Urheberpersönlichkeitsrechte zu verletzen, indem ich ganze Passagen umschreibe oder rausstreiche, weil sie mir einfach nicht passen. Das ist leider auch auf sobooks nicht möglich, der social-media-Werdung des Buches.

Ich weiss auch nicht genau, was mir die Freude daran vermasselt hat. Das übertriebene Unternehmertum und die grosskotzig gewählten Worte an der Rede machten es mir natürlich schon mal nicht leicht. Es wurde schnell klar, dass hier nichts Neues angestrebt wird, sondern die Marktlücke. sobooks verknüpft – zwar nicht ungeschickt – alles, was schon da ist. sobooks ist ein Ort für Selbstverleger (nach eigenen Aussagen sogar mit schlechteren Bedingungen als Amazon). sobooks lässt dich einzelne Texte kommentieren (wie schon Genius das tut). sobooks erschafft eine auf Texten, Fiktionen basierende community, in der auch die Autor_innen mitreden (wie wattpad).

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Das Langweiligste an Sobooks: All das gibt’s nur für die deutschsprachige Leser_innenschaft – für ein Portal in dieser gedachten Grösse ziemlich fragwürdig.  Oder zielorientiertes Verlagsberuhigungsmittel, eine verzweifelte Beatmung für den deutschen Buchmarkt. Aber leider in biederem Design und ohne Haptik. Da bleibe ich lieber bei meinem Papierfetisch.

 

Wachliegen im Seeland

Miko Hucko am Dienstag den 30. September 2014

Regelmässige Leser_innen werden sich daran erinnern, dass ich letztens, als ich mich mit dem Urheberrecht befasst habe, aus Jux damit geschlossen habe, in Bälde seien auch Witze plagiierbar. Ganz so weit ist es zum Glück noch nicht, aber der Gerichtsfall um Urs Mannhart hat mir zu denken gegeben. Die nachfolgende Kurzgeschichte könnte auch ein Plagiat sein, weil ich mich bei einer Reportage von Brunnsteiner habe inspirieren lassen. Aber lesen, vergleichen und entscheiden Sie selbst!

Es ist schon komisch, was mit einer Leiche am Polarkreis im Sommer passiert. Innerst kürzester Zeit zerfällt und verfällt sie, so dass auch mein finnischer Kommissar nicht so recht weiss, was er damit eigentlich anfangen soll. Für eine Autopsie ist einfach zu wenig übrig geblieben. Nachdenklich zieht er an seiner Zigarette, atmet langsam und in kleinen Wölkchen aus. Er dreht sich zu mir um, streckt mir einen Kessel entgegen und deutet auf eine Waldlichtung in der Ferne: “Dort wachsen Beeren zuhauf. Magst du einige für unser Abendessen holen gehen? Aber pass auf, dass du nicht zu Nahe an die Häuser rankommst. Wer weiss, wie die Einwohner auf dich reagieren.” Ich nicke mundfaul. Vielleicht kann er beim Essen besser nachdenken. Scheissjob. Aber vielleicht will er auch nur seine Ruhe haben.

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