Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Kassettenliebe

Urs Rihs am Samstag den 8. Dezember 2018

Ferrophil geht auch fremd, abseits der Schiene – dafür auf Magnetband gespult. Je mehr Eisenanteile (Fe) desto bandgesättigter, desto fett und warm im Klang. Tonbänder, ich spreche von der Kompaktkassette und ihren Vorzügen. Type I, II, III und IV, qualitativ zunehmend metallpulverbeschichtet in numerisch aufsteigender Folge, und rauschreduzierter. Nerdtalk-Alarm?

Eine kleine Gilde erfreut sich noch immer des Zeremoniells. Musikstücke veröffentlichen auf Tape.
Was für Steroid-Indie-Bands auf ihrem schändlichen Weg weiss der Teufel wohin als Werbegimmick missbraucht wird, trägt im Untergrund den Heiligenschein einer vasa sacra, eines heiligen Geräts oder Gegenstands – Die Kompaktkassette schöpft Geist aus ihrem Vermächtnis als hyperdemokratisches Medium, gewachsen in den 80ern mitsamt einem ganzen Industriezweig.
Die intuitive Handhabe, ihre Erschwinglichkeit und vor allem das Novum der individuellen Gestaltbarkeit – als Mixtape – prädestinierte sie als Katalysator der Popkultur und als Petrischale des Untergrunds.

Auch in unserem Städtchen wird gerne und mit viel Leidenschaft an Magnetband rumgebastelt, darauf gemixt und kompiliert. Releast auf obskuren Labels häufig und mit ständig wechselnden Alias der Künstler*innen. Damit ein entnebelnder Blick schwerfällt und viel eher auf die Schleier- beziehungsweise Schutzfunktion einer Subkultur verwiesen wird. Als Blende vor dem Hauptstrom und als Würgereflex gegen den damit einherschwimmenden Selbstdarstellungsdrang überschärfter und somit quasi-pornografischer Qualität.

Kassetten bergen Dignität.
Heute Samstag erscheint «Soul Tape One» von «Azul Loose Ties», im Selbstvertrieb versteht sich, auf seinem eigenen Label «Underground Soul». Ein bedachter House-Head, welcher am Ufer des Wohlensees in einer Scheune an analogen Synthesizer rumtastet und dem Herzen guttut. Nicht nur als DJ und Produzent, sondern auch als Freund.

Das lokale Kassettenschaffen – eine kleine Auswahl, ohne Anspurch auf Vollständigkeit, versteht sich. Check the linx if you hungry for.

Rauchfrei schlechte Laune

Ilona Steiger am Freitag den 7. Dezember 2018

Für KulturStattBern zeichnet Ilona Steiger aka rauchfrei93 als Gastillustratorin wöchentlich Shortstorys aus dem urbanen Untergrund und von der Sandsteinoberfläche.

Reviews, anyone?

Clemens Kuratle am Donnerstag den 6. Dezember 2018

Liebe Berner Bands,

Ich mag keine Videoreviews schreiben. Ich hab Bock auf Alben oder zumindest EPs. Musik in einer Länge in der man auch mal einnicken kann, anstatt dass man sich im Anschluss gleich noch die nächste Folge von Last Week Tonight reinzieht. Also schiesst mal los. Nicht in unseren KSB-Messenger sondern direkt an mich. You’ll find me!

Somewhere on the road im grossen Kanton.

Unser Autor ist wieder mal auf Tour, diesmal im Deutschen und da fehlt manchmal die Inspiration fürs Schreiben. Helft ihm aus dem Loch mit guter, neuer Mucke!

Rauchfrei auf dem Vorplatz

Ilona Steiger am Donnerstag den 29. November 2018

Für KulturStattBern zeichnet Ilona Steiger aka rauchfrei93 als Gastillustratorin wöchentlich Shortstorys aus dem urbanen Untergrund und von der Sandsteinoberfläche.

Rauchfreie Höflichkeitskultur

Ilona Steiger am Mittwoch den 21. November 2018

Für KulturStattBern zeichnet Ilona Steiger aka rauchfrei93 als Gastillustratorin wöchentlich Shortstorys aus dem urbanen Untergrund und von der Sandsteinoberfläche. 

Kunst kosten

Roland Fischer am Samstag den 17. November 2018

Kunststattbern? Kunststadtbern! Die zeitgenössische Szene ist alive and kicking – eine kleine Bildergeschichte und eine Gratulation.

Angefangen in der Galerie DuflonRacz, wo gestern gleich zwei neue Ausstellungen aufgingen. U5 fragen «Are you with me?» – I was, indeed. Masken und Selfies, alte und neue Beschwörungsrituale, Gelder und Geister. Zeitgenössische Kunst wird da auf verblüffende Weise verscchränkt mit rituellen Objekten aus afrikanischen Kulturen aus der Sammlung des Hausherrn. Derweil drüben im Kabinett Kosmogonia von huber.huber: eine wunderbare olfaktorisch-visuelle Überforderung.

Dann weiter raus ins Zieglerspital, wo sich allerlei Initiativen eingenistet haben in den letzten Monaten. Hat man gar nicht so mitbekommen.

KORE zeigte Werke von Jérémie Sarbach & Flurina Badel und von Livio Baumgartner, unter dem Titel «Tribe and Error» – gewissermassen eine Weitererzählung von U5 also. Seltsame Räume, da draussen.

Und dann noch ins Grand Palais, wo man der Chefin (fleissig hinter der Bar, wie immer) ein Kränzchen wand. Letzte Vernissage an diesem Ort, mit Monica Germann und Daniel Lorenzi, zu zweit in einem Raum. Nächstes Jahr geht’s an anderem Ort weiter (und im Grand Palais mit einem neuen Team), aus eins mach zwei also. Und apropos nächstes Jahr – da kommt sowieso ein ziemliches Kunst-Spektakel auf uns zu, dank dem Kollektiv Bern und dem Hauptstadtkulturfonds. «Connected Space» ist ein künstlerischer Staffellauf, bei dem sich die einheimischen Kunsträume untereinander neu vernetzen und auf Zeit in kunstfernen Räumen wie einem Fundbüro oder Kinderkrippe einnisten. Kunstnah, kunstfern, das spielt ja sowieso immer weniger eine Rolle. Auf jeden Fall: Let’s connect, wir freuen uns.

Bisschen weniger vorfreudig war übrigens das Mutterschiff. Lieber Bund – seit wann titelst du eigentlich so Blick-style? Kommt Kunst von kosten?

 

Loveletter to a Festival: Aaretaler Kurzfilmtage

Clemens Kuratle am Freitag den 16. November 2018

Gänzlich ungebeutelt und vom Feuilleton ignoriert, starten heute die Aaretaler Kurzfilmtage. Ein Besuch lohnt sich.

Mögliches Lo-Fi Highlight. Women acting like dictators.

Thun ist nirgends und davor noch weniger. Weit gefehlt! Wo das kulturelle Vakuum droht, raufen sich gute Geister zusammen und schaffen Grosses. So geschehen in Münsingen, wo ab heute in den Räumen des Schlossgutareals die Kurzfilmtage mit einer Auswahl aktuellen (Kurz)-filmschaffens aufwarten.
Serviert wird in kontrastreichen Blöcken von ca. 50 Minuten, Europa in seiner ganzen Vielfalt ist stark vertreten, Übersee und der arabische Raum warten mit einigen Perlen auf, Despoten kriegen ihr Fett weg, Frauen spielen an deren Stelle Diktator und was die eigene Bubble an Missständen verschluckt, wird einem hier kompakt und lustvoll in die Fresse gehauen. Kurz: Ein wichtiger Wachrüttler, jetzt wo der Winter einkickt. Weil Einschlafen nicht drin ist, jetzt wo’s dann bald wieder ans Abstimmen geht. Gäu!

Um die Niederschwelligkeit zu gewährleisten, hat die Festivalcrew sämtliche Filme übersetzen und untertiteln lassen. Raus aus der Stadt, also! Die Aaretaler Kurzfilmtage starten heute um 19:00. Alle Infos hier.

Rauchfrei am Konzert

Ilona Steiger am Sonntag den 11. November 2018

Für KulturStattBern zeichnet Ilona Steiger aka rauchfrei93 als Gastillustratorin sonntäglich Shortstorys aus dem urbanen Untergrund und von der Sandsteinoberfläche. 

(S)hush Hush

Clemens Kuratle am Mittwoch den 7. November 2018

“Speak easy-Konzert” nennt sich die Konzertreihe, zu deren geladenen Gästen der Autor sich letzten Montag zählen durfte. Anthony d’Amato war zu Gast. Man dankt und résumiert.

Ein Blick durch den Spiegel ins Dachgebälk.

 

Erklärtes Ziel der Veranstaltung ist, der herbstlichen Kälte soul-warming music entgegenzuhalten.  “BYOP” (Bring your own pillow). Irgendwo im Mattenhof, Hintereingang, die Treppe rauf bis zum Dachgebälk, überhaupt tönt alles recht gemütlich. Die Anzahl Wollpullover, die sich in ominösem Estrich zusammengefunden hat, ist entsprechend hoch. Nur ein grossgewachsener Herr, häufiger Gast an verschiedensten alternativen Kulturveranstaltungen, bleibt auch hier seinem Anzug treu. Stilistisch und  altersmässig durchmischt ist die Gesellschaft also schon mal.

Die Gastgeberin grüsst freundlich und fordert ebenso herzhaft zur Rücksicht auf die Nachbarn auf. Nun warten wir auf Anthony D’Amato, Songwriter von ennet dem Teich, welcher sich der Zusammenarbeit mit verschiedensten Helden von drüben rühmt. Gute zehn Minuten nach der Ansage legt er auch bereits los. Man merkt schnell: Um den Herrn mit Gitarre braucht man sich keine Sorgen zu machen. Tourgestählt präsentiert er seine Songs, ohne viel Klamauk, mit den nötigen Finessen in Arrangement und Gitarrenspiel und dem unwiderstehlichen Drive der American Folk Music.  Gewährleistet wären sie also, die Zutaten, die einen Songwriterabend von einem Abend am Lagerfeuer unterscheiden. Amato reizt die dynamische Bandbreite seiner Gitarre aus und schafft’s so die Spannung aufrecht zu erhalten.
Zwei kurzweilige Sets später ist der Gig vorbei, sind zwei Zugaben zum Besten gegeben und auch das obligate Dylan-Cover gespielt. Die eigenen Songs vermochten nicht immer restlos zu überzeugen. Teils vorhersehbar in Struktur und Material, zu nahe an bereits Bekanntem sind die Stücke, auch wenn sie lyrisch immer wieder mit Humor auftrumpfen. Schwächen, die aber durch die starke Performance grösstenteils kompensiert wurden.

Der Abend als Ganzes geht mehr als in Ordnung. Der heiss geliebte Wohnzimmervibe, in Dreieinigkeit mit Gastgebern die wissen was wichtig ist und einer Kollektenkultur die den Namen verdient machen, dass hier niemand zu kurz kommt. Man spürt, hier kann Musik passieren, die das Bewusstsein der Hörer umpflügt. Und so wankt der Autor nach einem zu starken Absackerli nach Hause. Unbeackert zwar, aber im Frieden mit sich und der Welt. Und den Frieden wünscht man sich an einem Montag doch am meisten.

Weil die Dinge hier in Ordnung sind

Mirko Schwab am Mittwoch den 7. November 2018

Mani Matter. Und auch mir ist kürzlich ein halbes Loblied auf die Schweizer Demokratie entfahren. Hat sich angefühlt wie ein Furz. Wie einer, den man zuerst nicht riecht, der dann aber lange in der Zimmerluft stehen bleibt.

Bin über die Bundesterasse gestolpert. Über den Bundesplatz hinein, dem Bundespalast entgegen. Helvetia. Du kolossaler Gugelhopf mit grünem Zuckerguss. Dich fresse ich zum Frühstück auf, bist so süss. Niemand da, nur Du und ich. Nur Du, Demokratie und ich, ein Taugenichts aus dem Leben. Bist so süss, ich fass dich an. Das kann ich, niemand da, keine Polizei, nein, keine Armee, nein. Ich fress dich auf, weil ich dich liebe. Lässt mich ran, ganz nahe ran. Niemand da, dich zu bewachen, nackt und süss bist du da und ich fass dich an, beiss von dir ab, lass dich mir schmecken. Grünspan auf der Zunge – nein, kein Grünspan, sagt das Internet, Kupferhydroxide bzw. Kupfercarbonate – auch gut, ich komm dir nah, ich fass dich an, ich ficke dich, Demokratie, ganz lieb will ich dich ficken jetzt. Und keiner da, keine Polizei, nein, keine Armee, nein.

Der Bundespalast wird nicht, wie in anderen Nationalstaaten üblich, von der Öffentlichkeit abgeschirmt, d.h. von den Taugenichtsen aus dem Leben. Weil die Dinge hier in Ordnung sind. Weil die freiwilligen und ordentlichen Mannli und Froueli, Toggeli, aus dem ganzen Land mit dem Zug anreisen und zu Fuss durch die von schönen Geranien gesäumte Obere Altstadt toggeln. Toggeln dann hin zum Bundespalast, der Haus heisst, weil liebe und ordentliche Leute halt in Häusern wohnen. Und im Bundeshaus drin gehen sie dann schauen, dass die Dinge hier in Ordnung bleiben. Ordentliche und friedliebende Leute sind das hier halt. Das ist schön, das ist schön.

Darum brauchts auch keine Waffen. Blöder Zufall, schlecht gelaufen, kann passieren, wenn die halt dann Waffen bauen, die lieben Leute im Land, kann passieren. Zum Beispiel in Neuhausen am Rheinfall. Aber da gehts ja nicht um Waffen, sicher nicht in erster Linie, da gehts um Präzision und Perfektion und Zuverlässigkeit. Um die Ordnung, der wir schauen müssen.

Aber hier brauchts eben keine Waffen. Blöder Zufall, wie gesagt, dass die lieben Leute dann trotzdem immer wieder Waffen bauen, können es nicht lassen, Lausbuben. Aber schon mit Talent, das muss man sagen, Präzision und Perfektion und Zuverlässigkeit. Und dann wäre es ja schade – da muss man sich nicht unter seinem Wert – also die Waffen – die kann man ja immernoch verkaufen. Irgendwohin, wo die Leute nicht so gut sind in Präzision und Perfektion und Zuverlässigkeit. Das ist schon in Ordnung, sollen dann einfach keinen Seich machen damit.

Im Jemen. In Syrien. In Lybien.
Mani Matter? Money Matters.

Ich ficke dich, Helvetia. Ganz langsam. Fick dich schneller. Ich ficke alles, was du gelten lassen willst.

Bevor ich dich auffresse und dich nicht verdauen kann. Dann halt stinkts. Aber eben so, dass man es zuerst nicht riecht. Was einmal reingeht, muss wieder rauskommen. Was einmal raufgeht, muss wieder runterkommen.