Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Kulturbeutel 33/18

Mirko Schwab am Montag den 13. August 2018

Schwab empfiehlt:
Mama Afrika callin’ you back, Liebes – am Freitag machen sie Tropical Night auf dem Vorplatz. Chefdigger Samy Ben Redjeb von Analog Africa, Basels Uhuru Sound Resistance und den Heimbois Uede Suave und Beni Severo kann man also beim Tellerwaschen zuschauen, sich über Cultural Appropriation unterhalten und Toast Hawaii oder auch über typisch Luandische Gitarrensounds der späten Sechzigerjahre. Aber bitte tanzend, sonst macht das alles keinen Sinn.

JJ empfiehlt:
Bit-Tuner am Donnerstag im Rössli und LSD in einer der kommenden Sternschnuppennächte, aber bitte nicht LSD im Rössli während sich Bit-Tuner im Strobo-Licht on Stage eine Flasche Vodka rein ballert, das ist keine gute Idee, ich habe das mal gemacht und seither bisschen Angst vor dem Boy mit den Bässen. Und sonst so: einfach mal bei Radio Bollwerk reinhören, mit LSD am besten zuhause im Internet, ohne LSD besser gleich direkt bei der RBW Sommer Residenz auf der Schütz.

Fischer empfiehlt:
Neben Tanz und Substanz: Kunst, am besten als Marathon, dann kommen irgendwann die körpereigenen Drogen (neben dem Vernissagen-Weissen natürlich). Am Donnerstag eröffnen das Kunstmuseum, die Stadtgalerie, videokunst.ch, Reflector, Bernhard Bischoff (im Progr) sowie Duflon Racz (untere Altstadt) sämtlich neue Ausstellungen. Besonders gespannt ist man auf die République Géniale, für die das Kunstmuseum zusammen mit der Dampfzentrale den Hauptstadtkulturfonds geknackt hat.

Der Urs empfiehlt:
Eine letzte Goldene Stunde Sommer im Bogen 17 am Wohlensee – wenn das Licht kurz vor der Sonnenbiege maximal flach durch die Atmo strahlt und alles so heilandwarm leuchten lässt.
Weil tammi schön dort und weil die Boys und Girls am Kiosquetresen den Preis für die bis und mit stadtweit leidenschaftlichste Gastroarbeit der Badesaison mehr als verdient hätten. Und zwar locker –

big spirit down there!

Loveletter to a Festival: Ostfest

Clemens Kuratle am Freitag den 3. August 2018

Mischen morgen das Ostfest auf: 13 Years Cicada

Liebes, Wie schön bist du denn? Gestern schon eröffnet, heute aber erst so richtig!

Ein Hoch auf deinen Gastgeber, den Osten im Allgemeinen und die Programmkommission, welche hier erneut ein Süppchen zusammengebraut hat, das sich gewaschen hat. Heute bist du musikalisch noch recht leichtfüssig unterwegs (mit Klaus Johann Grobe, Muthoni Drummer Queen, Frutti di Mare und anderen) und morgen dann  mit etwas happigerer Post am Start(Pyrit, 13 Years Cicada, Heliocentrics …).

Generell, dein Programm, ufff?! Ernsthaft.. Die komplette Überforderung. Mit Sicherheit keine Mainstreamk***e und doch kommt niemand zu kurz.

Kuratle empfiehlt: Früh genug starten um sich ein Ticket zu ziehen (kommt erst noch günstiger, kennsch?)! Auf Empfehlungen pfeifen und mal schauen wie der Körper so reagiert. Das Ostfestkomitee hat mit Sicherheit genug am Programm rumgehirnt.

Und immer gnue trinke, gäu!

Wer den Weg nicht bis ins Alte Tramdepot schafft: Radio Bollwerk sendet live vom Ostfest, inklusive Konzertmitschnitte, Interviews und vielem mehr. Das komplette Programm auf ostfest.ch

 

Altenbergsteg

Urs Rihs am Mittwoch den 20. Juni 2018

Gravitationspunkt im Sommer. Schattenhalb der Kornhausbrücke. Von zierlichem Strich, knapp über dem Pegel verspannt, lädt zum Sprung durch den Wasserspiegel, heute daran hängen geblieben – an der heimlichsten Schönheit der Stadtberner Brücken.

Hölzern war er erst, der Steg, 1834 erbaut, als Ersatz der müden Fährmannen.
Zimmermeister Jussi erstellte ihn einst samt Zollhaus auf der rechten Flusseite.
1842 wird die Steuer abgeschafft, das Haus trotzte bis 1934.

Früher verschleisst der Ursteg, die Balken und Planken bereits nach 20 Jahren mürbe.
1856 legt Ingenieur Gränicher darum den Plan für eine Stahlkonstruktion dem Grossen Rat vor.
Keine zwölf Monate später steht die neue Kettenbrücke.

Länge 57.00 m / Breite 2.13 m / Höhe 4.8 m; Versteifungsträger 1.14 m

«Eine Besonderheit des Steges sind die Gusseisen-Pendelstützen, welche die Ketten an beiden Ufern tragen. Die vierfachen, von Hohlkehlen gebildeten Rippen, die Schwellung entsprechend dem Verlauf der Knickkräfte und die eleganten Kopfstücke mit den angeschraubten Verbindungsjochen legen Zeugnis für die sorgfältige gestalterische Durchbildung ab.»
Heisst es in der Fachliteratur und klingt dabei doch mehr nach Poesie.

Schwebend, die offene Brücke, leicht – schwingend immer, wenn wer darüber rennt, davon abspringt oder sich das Gummiseil der Aaresurfer entspannt.

Ein so reizbares Örtchen der Stadt
Am Tag untendurch treiben lassen im Zuge des Flusses.
Daneben lungern in der Abendsonne, wie wechselwarme Tiere.
darauf stehen bleiben und das Glitzern geniessen –
nachts.

Der Altenbergsteg
auch schön zum Rauchen da und um das Leben zu begiessen.
Geht hin dort ihr Lieben.

Der Altenbergsteg, noch ohne Kornhausbrücke darüber – deren Bau erst 1895 begann – dafür mit der “Roten Brücke” im Hintergund, welche 1941 abgebrochen und durch das Lorraineviadukt ersetz wurde. Und dem alten Zollhaus auf der rechten Seite. (Bildquelle: SWISS TIMBER BRIDGES)

Von Stadtgeldern und der Kunst davon zu profitieren

Urs Rihs am Samstag den 16. Juni 2018

Der KSB hatte letzte Woche darauf aufmerksam gemacht, dass im Netz über die Kulturgelderverteilung vernehmlasst wird – auch dein Senf könnte also Gewicht haben – aber der online auszufüllende Fragebogen birgt viel Obskurität und niederschwellig ist das mitnichten. Darum – Zeit, um etwas auszulichten.

Der nächsten Vierjahresplanung für die Kulturförderung, das betrifft die Jahre 2020 bis und mit 2023, sollen insgesamt Fr. 2’275’000.- mehr zufliessen. Sieben Prozent mehr als bis anhin. Das ist erster Dinge natürlich zu begrüssen, bestimmen doch gerade die Beträge, welche als sogenannt «freie Mittel» zur Verfügung gestellt werden, massgeblich über das Aktionspotential der nichtinstitutionellen Szene.

Bei etwas genauerer Betrachtung der vom Amt für Kultur vorgeschlagenen Verteilschlüssel, fallen aber schnell Asymmetrien auf. Zwischen den Spartenkommissionen: Theater (Fr. 1’000’000.- Fördergeld bis anhin, gleichbleibend), Musik (Fr. 615’000.- bis anhin, soll auf Fr. 690’000.- gestockt werden), Literaturkommission und Kunstkommission (jeweils Fr. 200’000.- bis anhin, sollen beide auf Fr. 225’000.- gestockt werden).
Die Spartenkommissionen setzen sich aus Delegierten aus der Szene zusammen. Die «freien Mittel» werden von diesen Kommissionen an Gesuchstellende verteilt.

In Szenegesprächen, zwischen Amt und geladenen Leuten aus den Szenen, wurden die Bedürfnisse im Vorfeld sondiert, um zu eruieren, wo das Geld hinfliessen soll. Klingt gut – birgt Probleme.

Von verschiedenen Seiten wurde ich auf das augenscheinliche Ungleichgewicht angehauen.
Gerade bei Köpfen aus der Ecke der bildenden Künste, welche also speziell von der stärkeren Berücksichtigung der Kunstkommission profitieren würden, ist ein gewisser Missmut über die Vorlage auszumachen, und verständlich. Warum?
Gesuche die der Kunstkommission zufallen, sind oft solche für prozessorientierte, flüchtige Projekte – ohne vermarktbares Produkt am Schluss. Im Gegensatz zu einem Theaterstück auf der Bühne etwa, welches Eintrittsgelder generiert. Oder ein Musikalbum, welches sich verkaufen lässt.
Heikel, denn solch sog. «ephemere» Kunst trägt die Selbstausbeutung quasi im Genmaterial – wer spricht schon Geld für Projekte, bei welchen am Ende nichts Handfestes vorzuweisen bleibt?
Wichtig wär’s, gerade in Zeiten eines durchökonomisierten internationalen Kunstmarkts – vermag doch genau diese Kunst gesellschaftlich gefurchte Vorstellungen ihrer selbst zu sprengen.

Solche Arbeiten realisieren sich darum nur quersubventioniert durch harte Loharbeit der KünstlerInnen.

Aus der Vernehmlassungsvorlage ist zu entnehmen, dass der Kunstkommission künftig Fr. 225’000.- zukommen soll, also Fr. 25’000.- mehr als bis anhin. Knapp 1,1% des gesamten Fördergeldzuschusses von Fr. 2’275’000.-.
Im Vergleich zur geplanten Blähung des Budgets für kostengünstigere Ateliers beispielsweise, von Fr. 119’000.- (Budget 2018) auf Fr. 340’000.- (9,7% des gesamten Zuschusses) – dem neu gebildeten Topf für «Distribution» und «Promotion», Fr. 150’000.- (6,6% des Zuschusses) –  oder dem ebenfalls neuen Finanzierungsgefäss «Infrastruktur Altstadt» Fr. 100’000.- (4,4%) – wirkt das tatsächlich spärlich.

Platz zum «Schaffen» ist ein wichtiges Bedürfnis und dass die Altstadtkeller nicht gänzlich privatisiert werden, gilt es zweifelsohne zu berücksichtigen. Aber das Kulturgeld fliesst in diesen beiden speziellen Punkten direkt in die Taschen von Immobilien InhaberInnen. Das gilt es sich bewusst zu machen.

Auch wenn der Quervergleich von Budgetpunkten einer Milchbuchrechnung gleichkommt und einer genauen Analyse der politischen Vorbedingungen bedürfte – sollte der Löwenanteil der Gelder nicht dahinfliessen, wo am meisten «Eigenleistung» bis anhin nicht oder nur sehr gering vergütet wurde, zur Gesundung der Aktiven?

Gerade wenn sich der Stadtpräsi im Vorwort der Vernehmlassungsvorlage wie folgt zitieren lässt: «Die Arbeit professionellen Kulturschaffenden soll besser anerkannt werden, es sollen faire Arbeitsbedingungen gelten und Förderbeiträge sollen branchenübliche Gagen ermöglichen.»

Warum das Amt für Kultur da lieber neue Finanzierungstöpfe generiert, als den Spartenkommissionen direkt mehr Geld zur Verfügung zu stellen, bleibt wunderlich.
Ein antidemokratisch anmutender Reflex und man fragt sich auch, ob hier wer Angst hat die Zügel aus der Hand zu geben.

Die direkten Fördergelder sind nicht gleichbedeutend mit den «freien Mittel» für die Szenen. Davon müssen die Beträge für fixe Budgetpunkte der Spartenkommissionen abgezogen werden. Von den anhin Fr. 200’000.- in der Kunst wurden Fr. 80’000.- effektiv als freie Mittel vergeben.

Wer entscheidet eigentlich über die Priorisierung der Bedürfnisse? Wer bestimmt deren Dringlichkeit?

Auf telefonische Rückfrage beim Amt für Kultur, erhalte ich eher schmallippige Antworten. Es ginge ja momentan genau darum, per Online-Fragebogen etwaige Unstimmigkeiten zu bereinigen.
Und auf die Asymmetrien zwischen den Sparten angesprochen, werde ich auf die Zahl der eingegangenen Gesuche aus den letzten Jahren verwiesen.
Ich hake nach, gerade der Haufen für Infrastruktur – Gesamthaft Fr. 321’00.- (14%) – interessiert mich. Ich werde auf eine Antwort per Mail vertröstet, am Dienstag war das – bis heute nichts gekriegt.
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Postkarte aus der Feuerwehrübung

Anna Papst am Freitag den 15. Juni 2018

Liebe Jessica, Liebe Gisela, Lieber Mirko, Lieber Urs, Lieber Roland, (Liebe verflossene Milena)

Ich sitze gerade in der Alten Reithalle Aarau zwischen Feuerwehrschläuchen und Rauchmaschinen. In wenigen Stunden wird hier der Ernstfall geprobt, frei nach dem Motto: “Wo andere rausrennen, rennen wir rein!”.
Und das erinnert mich doch ein bisschen an die KSB Crew und ihre Berichterstattung in der Hauptstadt. Die motzt, wo andere die Klappe halten, die nachbohrt, wo andere wegschauen und die hingeht, wo andere fernbleiben. Die mögliche Überreaktionen im Frauenraum genauso thematisiert, wie ein sexistisches Video vom allseits beliebten Trauffer und  überteuerte Vernetzungsanlässe. Die auch mal ein Feuer entfacht, anstatt immer nur Brände zu löschen. Die, wenn es nötig ist, den Stinkefinger zeigt anstatt das Peace Zeichen, das aber mit soviel aufrichtiger Liebe zu Stätte und Städtern, dass einem als Aargauzürcherin ganz warm ums Herz wird. So wünsche ich mir, dass ihr Bern erhalten bleibt, als Brandsatz und Rettungsdecke, als Alarmsirene und Sauerstofftank. C’était un plaisir!

Selbstloser Einsatz für die Allgemeinheit, wo gibt es das noch? Bei der KSB Crew.

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitete für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzte sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Dies ist ihr letzter Beitrag.

Corpus Delicti Cis-Thorax

Mirko Schwab am Mittwoch den 13. Juni 2018

Oder wie eine nackte Hetenbrust die Gemüter erhitzte.
Fragen an den Frauenraum.

Sonntagmorgen früh in der Sandsteinstadt, die Sonne wird bald aufgehen und zwei Tage aufs Unheiligste miteinander verknüpfen. Eine Festgemeinschaft steht auf der Gitterstiege beim Frauenraum und raucht sich wiederholende letzte Zigaretten, hat Glitzer im Gesicht und macht grosse Augen oder kratzt sich schnell am Nasenloch. Das Kugelfest hat zum Solidaritätstanz geladen. Und so tanzt man drinnen selbstvergessen, zwanglos, wild und solidarisch zu den monochromen Klängen einer stereotypen Tanzmusik. Mein kleiner Freund, dessen Namen in dieser Geschichte keine Rolle spielt, schwitzt sich an der Bühnenkante aus, selbstvergessen und zwanglos schiebt er Luft herum, dicke Luft im tropischen Klima dieses schlechtbelüfteten anderen Dachstocks der Reitschule.

Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv hat sich über deinen nackten Oberkörper beschwert!

Dicke Luft. Mein Freund hat in der Zwischenzeit sein nasses Leibchen ausgezogen und sich dabei mit den Awarenesstruppe angelegt. Jemand habe sich beschwert. Verdutzt fragt er nach und die dann folgende Erklärung wirft Fragen auf: Er sei doch offensichtlich ein «Cis-Mann» und da sei es verständlich, wenn das Hemdabstreifen hier ein Problem sei. Vielleicht würde dieser «Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv» schlechte Erfahrungen mit dem Anblick einer blutten Männer-Brust verbinden. Man müsse halt Rücksicht nehmen. (Einen Kreislaufkollaps in Kauf?)

Nippelgate im Bassgewummer. Und also Fragen. Angefangen bei der Kommunikation: Das zu Beginn des Abends verteilte «Awareness-Konzept» sieht vor, dass sich jede als solche empfundene Belästigung anonym melden lassen kann. Ein um die allgemeine Awareness besorgte Team kümmert sich dann um die Konsequenzen – was flauschig klingt, hat in diesem konkreten Fall aber zur Folge, dass über einen konkreten Grund nur gemutmasst werden kann. «Vielleicht» gäbe es ja schlechte Erfahrungen mit entblössten Heten-Brustwarzen. Who knows gäu. Spielt das überhaupt eine Rolle?

Ich finde schon. Das langweilige Wort dazu heisst «Verhältnismässigkeit». Wer oder was (ein Mensch oder eine Theorie?) kann einen solchen Anblick wirklich nicht ertragen? Und: Wäre irgendwer angerannt gekommen, hätte sich ein «offensichtlich» homosexueller Mann daran gemacht, sein Shirt auszuziehen? Wie steht es dann noch um die angestrebte Freiheit? Um das Klima des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Toleranz und empathischen Freude, denen ein solches Fest doch gestiftet sein will? Wie steht es um die Freude auch an einer mann- und frauigfaltig gearteten Körperlichkeit – unabhängig irgendeiner sexuellen Identität? Sollte diese Identität denn an der schieren fleischlichen Oberfläche überhaupt bestimmbar sein? Werden Machtstrukturen aufgelöst oder lediglich verschoben, wenn sich aus einer sehr offensichtlich kleingeistigen bis easy weltfremden Befindlichkeit gleich eine solche Intervention ergeben muss?

Liebe Awareness,
Die Musik ist zu laut. Also, auch nicht mein Geschmack. Und vielleicht verbinde ich halt schlechte Erfahrungen damit. Könnt ihr das bitte wegmachen?

Aber lassen wir die Polemik. Der Frauenraum ist mir ein lieber Ort, das Kugelfest ist mir ein schönes. Die Fragen, die sie aufwerfen, sind wichtige und delikate. Umso trauriger macht es mich dann, wenn die hehren Bemühungen zur Freiheitserhaltung aller in einer sehr ideellen Entkörperung und Entindividualisierung münden. In einer Verkopfung, Versteifung und Verklemmung, die dem Mensch und seiner Vielseitigkeit, die dem Fest und seiner Ausgelassenheit, die dem Tanz und seiner Körperlichkeit nie gerecht werden können. Und in einem seltsamen Opfer-Täter-Diskurs sich auch verfangen, wo doch eigentlich ein bisschen gesunder Menschenverstand the good old und ein bisschen Face-To-Face-Gesprächskultur es auch getan hätten.

Stattdessen wird mein Freund in seiner empathischen Begabung dergestalt untergraben, dass er als Symbol herhalten muss für eine sehr verallgemeinernd formulierte toxische Cis-Männlichkeit. Dazu taugt er kaum. Jedes auf gesunder Kommunikation und Menschenliebe begründete Gespräch hätte es rasch offenbart. Stattdessen werden Theorien gewälzt und Feindbilder projiziert, werden die wirklich problematischen Machtverhältnisse der Welt da draussen im Innersten der Reitschule in ein nicht weniger fragwürdiges Gegenteil verkehrt.

Wäre der Frauenraum wirklich die gelebte Utopie, die er für sich beansprucht und die ich mir für ihn wünschte – es könnte sich auch der Cis-Mann, die alte Hete, darin aufs Genüsslichste entfalten, könnte wild tanzen und von mir aus halbnackt. Auch er ist Teil des Spektrums aller sexuellen Identitäten – soll er nicht mit seiner ganzen Körperlichkeit auch stattfinden in den Diskursen und den Diskotheken?

Aber ich möchte hier nicht für andere sprechen. Listen up, die ihr aware seid und woke: Ich bin eure hetero-normative C(is)-Dur-Harmonie mit der weissen Hühnerbrust. Ich befürworte die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten. Ich lutsche manchmal Schwänze. Ich bin ein sehr kleiner, euch sehr naher Teil einer homophoben, frauenfeindlichen, von wüsten Machtstrukturen gefurchten Welt.

Macht es euch nicht zu leicht mit mir.

Eichenberger, frühmorgens

Urs Rihs am Samstag den 9. Juni 2018

Kanonisiert durch Schwabs donnerstäglichen Rossfeld-Gospel, erwache ich heut mit einer tierischen Lust auf Studentenschnitte.

Dazu verirre ich mich aber nicht zum Dorfbeck, sondern zu seinem metropolitisch-dünkelnden Pendant im blöfferisch-chromstahlpolierten Postparc. Nämlich der dortig am Bug positionierten Eichenbergerfiliale.

Abgelaufen ist das «Brösmeli-Briquette» zwar nicht, trotzdem wird’s mir flau im Magen. Denn –

In meinem Rücken buhlen Rentner im Rudel um Aufmerksamkeit. Die Rentnerinnen buhlen nicht, die saufen Schalen, helle und dunkle, wie Kühe Wasser und mit viel geschlagenem Schaum. Den scheinen sie gewohnt. Die Männer ringen um Redezeit.
Was man von dem Dutzend hört, sind approximativ 876 Jahre unerhörtes Gepulster (bei geschätztem Durchschnittsalter von 73, nach Adam & Eva Riese).
Die Reise nach Rio steht bevor, anscheinend: «Uf dä Zuckerhuet chömemr de scho juscht ufe!»

An den Gestaden des eigenen, nahezu verwirkten Kleingeists ist man schon. Bald ist Schluss zum Glück (Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 83,2 Jahren zwar immer noch eine gute Dekade – ).

Aber zuerst eben: «Züriflughafeeifach, u när übere Teich».
Mir kommen vor Rührung fast die Tränen, es sind auch meine Reisepläne, nach der Schnitte.
Ein Halbes auf Zureich kostet etwa 30 Stutz, da geh ich mit. Und auf Rio komm ich im Kopf, den Rest besorgt die Zeit.

“Wir können keine grossen Dinge vollbringen – nur kleine, aber die mit grosser Liebe.” ol’ Mother Tereezy

Für immer Fan

Milena Krstic am Freitag den 8. Juni 2018

Ich gehe dann, wenn’s noch weh tut.

Ich trug eine orangefarbene Kappe an einem Abend im Mai 2018
Sie drückt mein Haar zurecht, glatt nach unten
So, wie ich es mag
Mein Lippenstift ‘Osaka Plum’
Ein dunkles Rot, beerenfarben
Sherpa Regenjacke aus der Brocki
Ultraenges Samtkleid aus der Brocki, Ursprung H&M
Spanx Leggins, gekauft öppen 2010 im Globus, als ich noch Kohle hatte
Die ich in einem meiner KV-Jobs verdient hatte
Dann ein halbes Jahr durchfeiern in São Paulo
Quer in den Journalismus einsteigen
Arsch gerettet
Mein Austrittsticket aus der klassischen Arbeitswelt
Das war mein Adieu, ich leb jetzt mit sehr wenig
Damit ich machen kann, was ich liebe
Schreiben und Musik
Gut.
Ich bin jetzt etwas älter geworden.
Und Armsein war sexyer, als ich jünger war
Workshops und Diskussionsrunden sind die neuen Konzerte
Eines Tages referiere ich wahrscheinlich über Altersarmut
Aber gopfertammi, ich liebe dieses Leben
Das Schreiben, die Unruhe, bevor sich die ersten Zeilen verdichten
Fast durchdrehen, weil ich etwas richtig Gutes, Tolles schreiben will
Ich habs nicht mehr so recht hingekriegt in der letzten Zeit
Der Swag hat mich verlassen
Ich stiere jetzt in leere Ableton und Max MSP Projekte
Um sie später, etwas weiterentwickelt
Unter irgendeinem Namen abzuspeichern
Fast wie eine leere WordPress-Seite
Ich hab lange geschrieben
Nachgehakt und bemängelt
Bewundert und kredenzt
Ich brauche Zeit
Und KSB frisches Blut
Ich reiche das Zepter weiter an Jessica Jurassica
Die soviel Bock aufs Schreiben hat wie ich damals, im März 2014
Ich trug also diese orangefarbene Kappe
Spazierte damit an der Cowboys Bar vorbei, auf dem Weg ans Konzert vor Jess
Vor dem Eingang sassen Typen
Und einer davon meinte
So chaut ischs de o wieder nid
Und sein Kollege so
Bi dere muesch nid
Die isch scho 26gi gsi
Wie wahr
Wie egal
Ich kann mich noch erinnern
Wie ich damals im Mokka
Im Zweitausendundirgendöppis
Der Evelinn Trouble nach einem Konzert gesagt habe
Sie sei die Beste
Das war wichtig für mich
Sie das wissen zu lassen
Ich bin ein verdammter Fan
Von so vielen Menschen
Über die ich hier geschrieben habe
Sie posierte mit mir für ein Foto
Und wenn ich jetzt gehe und keine Liebesbriefe mehr schreibe
Ich bleibe Fan
Für immer
Ihre Krstic

Evelinn Trouble und die Krstic an einem Abend im Mokka. Lange her. Foto: Oli

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen! Vierter Teil

Anna Papst am Sonntag den 3. Juni 2018

Vor einer Woche ging das AUAWIRLEBEN Festival 2018 zu Ende. In einer Nachlese fragen wir noch einmal die Zuschauer*innen. Heute: Claire Dessimoz.

Wer soll hier Platz nehmen? Die Teilnehmer*innen des Lab diskutierten über das Theater und sein Publikum

Claire hat einmal Achitektur studiert. Inzwischen erforscht sie als Tänzerin und Choreographin Wandel und gesellschaftliche Wahrnehmung. Claire war eine von acht Teilnehmer*innen am Lab How do you do?, bei dem Tanz- und Theaterschaffende das AUAWIRLEBEN Festival begleitet und unter einem bestimmten Gesichtspunkt reflektiert haben. Die Gruppe hat sich mit der Frage nach dem Publikum auseinandergesetzt: Für wen machen wir Künstler*innen unsere Arbeiten und wie bewusst denken wir beim Machen schon an die Zuschauer*innen?

“Für uns wurde die Frage der Vermittlung zentral. Die Künstler*innen sollten in ihrer Arbeit frei sein, zu tun, was immer ihnen einfällt. Wenn man Neues, Ungewohntes ausprobiert, Konventionen unterläuft, Sehgewohnheiten in Frage stellt, wäre ein Heranführen des Publikums an die künstlerische Arbeit aber nicht verkehrt.

Wenn alles bei den Theaterschaffenden selbst liegt: Die Kreation, die Analyse der eigenen Arbeit und die Veranschaulichung derselben, wird das zu einem in sich geschlossenes System. Wo bleibt da die Luft für ein Publikum, andere Perspektiven einzunehmen, als der*die Künstler*in selbst?

Früher hat Vermittlung teilweise auch durch die Medien stattgefunden, indem ein*e Theaterkritiker*in, die die Szene gut kannte, eine künstlerische Arbeit in einen Kontext zu stellen wusste und aus seiner*ihrer Sicht zu deuten vermochte. Aber gerade in der Freien Szene fehlt diese Form der intensiven Berichterstattung oft.

In unseren Gesprächen ist uns auch klar geworden, welche Wissenslücke zwischen der Deutschschweiz und der Romandie besteht. Die Produktionen jenseits des Röschtigrabens kennt man kaum. Wir hatten eher bei international bekannten Künstler*innen einen gemeinsamen Nenner, als bei Schweizer Theaterschaffenden.

Kill the Röschtigraben! ist deshalb unsere interne Überschrift zur Förderung des Austauschs zwischen den Theaterschaffenden aus den verschiedenen Sprachregionen. Wir haben angedacht, dass man Residenzen an Theatern aus der ganzen Schweiz organisieren könnte, um die jeweilige Szene besser kennenzulernen, dass man sich in Workshops austauscht oder im kleinen Rahmen anfängt, gemeinsame Projekte zu entwicklen. Das ist alles noch nicht spruchreif. Aber schön wär’s.”

Das Lab How do you do?#3  fand während des ganzen AUWIRLEBEN Festivals 2018 statt. Die Teilnehmer*innen waren Dennis Schwabenland, Emma Murray, Lucie Eidenbenz, Marcel Schwald, Diana Rojas, Susanne Abelein, Leja Jurisic und Claire Dessimoz.

Where the hell

Urs Rihs am Donnerstag den 31. Mai 2018

Is BAD BONN – die Kilbi 2018 geht los. Der KSB ist auf Platz und lässt ab und an mal blicken was so spielt und dröhnt.

Die Wiesen sind gemäht und Ane vom Mutterschiff hat mit dem Deux – Tätschmeister der Programmierung – vorab gequatscht. Die Stimmung auf dem Camping ist gut – ein Autosalon gut abgehangenem Blech – und die Sache ist also gerichtet.

Um vier schallen die ersten Wellen, das LAUTSPRECHER ORCHESTER FREIBURG verspricht Klänge aus allen Ecken des Geländes. Und der erste Live-Höhepunkt ist schon dabei Klimperkästen aufzustellen: GOLDEN DAWN ARKESTRA – obwohl es wohl nichts wird mit güldner Dämmerung, denn die Wolken hängen tief. Umso höher die Erwartungen.

Der Fuhrpark an der Kilbi, ein haufen ehrlich stinkender Karossen.

News following up tomorrow …