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#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag den 22. Juli 2018

Bern ist zwar nicht BrooklynNapoli, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los. Beispielsweise auf allen Badewiesen und Uferabschnitten, welche zum Sonnen und Liegen laden.

Von den Brücken und vom Zug aus gleicht das einer fransigen Patchworkdecke.
Farbige Leinenbahnen, kalkige Frotteetücher, exotische Waxprints auf dichtem Stoff, dünnes Baumwollgewebe, alles wie Schleier über dem grasgrünen oder steingrauen Untergrund verteilt.
Darauf gebräunte Körper, viele rauchend, neben ebenfalls qualmenden Feuerstellen, spielenden Gruppen, lesenden Einzelgänger. Essen dazu, trinken dazu, viele saufen.

Vor einigen Jahren war mal so ein heimischer Film für den besten fremdsprachigen zur Nomination bei den Oscars vorgeschlagen. «Giochi d’estate» hiess der doch, Sommerspiele.
Das darin auftragende Kolorit – pastellener Coming of Age Timbre, herbere Noten Lebensmittekrise – spürt sich auf an der Aare.

Zwei Handvoll Köpfe aus der Stadt haben sich diesem Sentiment musikalisch angenommen und gestern dazu einen Soundtrack auf Kassette veröffentlicht. Toxico SUMMER TAPE, TX07.

Vornehmlich bleiche Gesichter trotz Hochsommer, vom Kunstlicht im Studio, mit diesem Leuchten in den Augen aber. Weil sie einer Fantasie Kontur verpasst haben und die Sonnenkur ihrem Sound, statt sich selbst.
Die gemeinsame Sprache: Das italienische Klub-Viermalvier der späten 80er- Anfang 90er-Jahre. Auf diesen Nenner hatte man sich bereits in den kalten Monaten geeinigt.

Sphärischer, verträumter House mit diesem Discogloss. Italienischer «Dream House», Sommernachtstraum-Verve, weil dieser Dancesound wie nichts anderes in der Klubkultur für lebensbejahende Leichtigkeit steht.

In den Staaten war House politisch konnotiert, queer an der Ostküste, farbig im Rostgürtel. Und auf der Mutterinsel aka UK sowieso immer tief im Kellerloch, selbstzerstörerisch, zerrütteter.

Die Ränder des Stiefels hingegen, mit seinen sonnenbeschirmten Promenaden und felsigen Kanten, diesem Azur der Adria und dem Türkis des Mittelmeers, das instantane Glück höchstens getrübt von einem schnell wieder verdrängten Ennui – das ist die Blaupause für Dream House.

Salzige Zungenküsse, das Wiederaufflammen einer Jugendliebe oder einfach nur ein paar verklärte
Gedanken an einst im Sand.
Jetzt alleine vielleicht, aber immerhin ein Campari Soda auf der Patchworkdecke,
in der Nacht und am Strand.

Dieser Sound lässt immer mal wieder schmunzeln auch, den eitlen Hipster-Ernst in die Ecke stellen. Er bringt Spass und Lockerheit auf die Tanzfläche, Attribute die der Klubmusik paradoxerweise so oft und so schmerzlich fehlen.

Mediterrane Inspiration, that’s the cure! Jetzt gibt’s eine lokale und auf Tonband gespulte Facette mehr davon. Bern ist zwar nicht Napoli, aber hey, auch hier klingt und fühlt sich der Sommer richtig schön.

#BernNotBrooklyn, neither Napoli, but lots of good vibes.

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