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Corpus Delicti Cis-Thorax

Mirko Schwab am Mittwoch den 13. Juni 2018

Oder wie eine nackte Hetenbrust die Gemüter erhitzte.
Fragen an den Frauenraum.

Sonntagmorgen früh in der Sandsteinstadt, die Sonne wird bald aufgehen und zwei Tage aufs Unheiligste miteinander verknüpfen. Eine Festgemeinschaft steht auf der Gitterstiege beim Frauenraum und raucht sich wiederholende letzte Zigaretten, hat Glitzer im Gesicht und macht grosse Augen oder kratzt sich schnell am Nasenloch. Das Kugelfest hat zum Solidaritätstanz geladen. Und so tanzt man drinnen selbstvergessen, zwanglos, wild und solidarisch zu den monochromen Klängen einer stereotypen Tanzmusik. Mein kleiner Freund, dessen Namen in dieser Geschichte keine Rolle spielt, schwitzt sich an der Bühnenkante aus, selbstvergessen und zwanglos schiebt er Luft herum, dicke Luft im tropischen Klima dieses schlechtbelüfteten anderen Dachstocks der Reitschule.

Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv hat sich über deinen nackten Oberkörper beschwert!

Dicke Luft. Mein Freund hat in der Zwischenzeit sein nasses Leibchen ausgezogen und sich dabei mit den Awarenesstruppe angelegt. Jemand habe sich beschwert. Verdutzt fragt er nach und die dann folgende Erklärung wirft Fragen auf: Er sei doch offensichtlich ein «Cis-Mann» und da sei es verständlich, wenn das Hemdabstreifen hier ein Problem sei. Vielleicht würde dieser «Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv» schlechte Erfahrungen mit dem Anblick einer blutten Männer-Brust verbinden. Man müsse halt Rücksicht nehmen. (Einen Kreislaufkollaps in Kauf?)

Nippelgate im Bassgewummer. Und also Fragen. Angefangen bei der Kommunikation: Das zu Beginn des Abends verteilte «Awareness-Konzept» sieht vor, dass sich jede als solche empfundene Belästigung anonym melden lassen kann. Ein um die allgemeine Awareness besorgte Team kümmert sich dann um die Konsequenzen – was flauschig klingt, hat in diesem konkreten Fall aber zur Folge, dass über einen konkreten Grund nur gemutmasst werden kann. «Vielleicht» gäbe es ja schlechte Erfahrungen mit entblössten Heten-Brustwarzen. Who knows gäu. Spielt das überhaupt eine Rolle?

Ich finde schon. Das langweilige Wort dazu heisst «Verhältnismässigkeit». Wer oder was (ein Mensch oder eine Theorie?) kann einen solchen Anblick wirklich nicht ertragen? Und: Wäre irgendwer angerannt gekommen, hätte sich ein «offensichtlich» homosexueller Mann daran gemacht, sein Shirt auszuziehen? Wie steht es dann noch um die angestrebte Freiheit? Um das Klima des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Toleranz und empathischen Freude, denen ein solches Fest doch gestiftet sein will? Wie steht es um die Freude auch an einer mann- und frauigfaltig gearteten Körperlichkeit – unabhängig irgendeiner sexuellen Identität? Sollte diese Identität denn an der schieren fleischlichen Oberfläche überhaupt bestimmbar sein? Werden Machtstrukturen aufgelöst oder lediglich verschoben, wenn sich aus einer sehr offensichtlich kleingeistigen bis easy weltfremden Befindlichkeit gleich eine solche Intervention ergeben muss?

Liebe Awareness,
Die Musik ist zu laut. Also, auch nicht mein Geschmack. Und vielleicht verbinde ich halt schlechte Erfahrungen damit. Könnt ihr das bitte wegmachen?

Aber lassen wir die Polemik. Der Frauenraum ist mir ein lieber Ort, das Kugelfest ist mir ein schönes. Die Fragen, die sie aufwerfen, sind wichtige und delikate. Umso trauriger macht es mich dann, wenn die hehren Bemühungen zur Freiheitserhaltung aller in einer sehr ideellen Entkörperung und Entindividualisierung münden. In einer Verkopfung, Versteifung und Verklemmung, die dem Mensch und seiner Vielseitigkeit, die dem Fest und seiner Ausgelassenheit, die dem Tanz und seiner Körperlichkeit nie gerecht werden können. Und in einem seltsamen Opfer-Täter-Diskurs sich auch verfangen, wo doch eigentlich ein bisschen gesunder Menschenverstand the good old und ein bisschen Face-To-Face-Gesprächskultur es auch getan hätten.

Stattdessen wird mein Freund in seiner empathischen Begabung dergestalt untergraben, dass er als Symbol herhalten muss für eine sehr verallgemeinernd formulierte toxische Cis-Männlichkeit. Dazu taugt er kaum. Jedes auf gesunder Kommunikation und Menschenliebe begründete Gespräch hätte es rasch offenbart. Stattdessen werden Theorien gewälzt und Feindbilder projiziert, werden die wirklich problematischen Machtverhältnisse der Welt da draussen im Innersten der Reitschule in ein nicht weniger fragwürdiges Gegenteil verkehrt.

Wäre der Frauenraum wirklich die gelebte Utopie, die er für sich beansprucht und die ich mir für ihn wünschte – es könnte sich auch der Cis-Mann, die alte Hete, darin aufs Genüsslichste entfalten, könnte wild tanzen und von mir aus halbnackt. Auch er ist Teil des Spektrums aller sexuellen Identitäten – soll er nicht mit seiner ganzen Körperlichkeit auch stattfinden in den Diskursen und den Diskotheken?

Aber ich möchte hier nicht für andere sprechen. Listen up, die ihr aware seid und woke: Ich bin eure hetero-normative C(is)-Dur-Harmonie mit der weissen Hühnerbrust. Ich befürworte die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten. Ich lutsche manchmal Schwänze. Ich bin ein sehr kleiner, euch sehr naher Teil einer homophoben, frauenfeindlichen, von wüsten Machtstrukturen gefurchten Welt.

Macht es euch nicht zu leicht mit mir.

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12 Kommentare zu “Corpus Delicti Cis-Thorax”

  1. Dienstbier sagt:

    Krasse Geschichte (aber auch krass gute Schreibe, lieber Schwab)

  2. Sascha sagt:

    schade hat der autor so viele blinde flecken seinen schönen augen.

  3. Clausette La Trine sagt:

    Sei dir bewusst, dass das öffentliche Ausziehen des T-Shirts ein Privileg der Männer ist. Entsprechend ist damit in einem Raum der Frauen umzugehen.

  4. Mirko Schwab sagt:

    Ein guter Punkt. Ich würde wohl entgegnen, dass dieses Privileg allen vergönnt sein sollte. Und im Frauenraum ein Stück «Öffentlichkeit» ausprobiert werden könnte, in der eine vielseitige und nicht normativ-sexualisierte Körperlichkeit möglich wäre. Salopp gesagt: Dass kurz vor dem Hitzestau alle ihr Shirt ablegen könnten, ohne dass eine hierarchische, übergriffige o. unangenehme Stimmung entstünde.

  5. Miri sagt:

    Ist ja lieb von dir, dass du dieses Privileg allen vergönnst, nur fänd ich Solidarität mit jenen Menschen, die jahrelang schmachten müssen in ihren T-shirts, weil ihre Nippel anders konnotiert sind als deine Nippel, um einiges cooler. Es bringt mir nichts, zieht er sein Shirt aus.

  6. phantasio sagt:

    mensch bedenke dass frauenbrüste im gegensatz zu männerbrüsten biologisch als sekundäre geschlechtsmerkmale gelten. dazu gehört aber auch der männliche bart, weshalb die wahre frage lautet: hatte der typ im frauenraum seinen gesichtsbehaarung verhüllt??

  7. OoOoOoOo sagt:

    Ein paar Sätze nach “lassen wir die Polemik” wird “gesunde Kommunikation und Menschenliebe” dem “Theorien wälzen und Feindbilder projizieren” gegenübergestellt. Da wimmelt es nur so von polemischen Implikationen. Auch verstehe ich die Frage nicht, ob es bei einem offensichtlich homosexuellen Mann kein Problem wäre, die “” um homosexuell tragen dabei wenig zum leichteren Verständnis bei. Überhaupt, Fragen. Fragenstellend Aussagen machen ist immer noch Aussagen machen.

    Mit dem offengelassenen Hintertürchen der Ironisierung machst du es dir selber zu leicht.

  8. sobig sagt:

    Da hier alles schlaue schon gekommentiert ist, hier nur noch das eine Meinungsding: ich fänds richtig nice und es würd mir voll was bringen, wenn eine Frau (mir egal welcher Genderidentität) im Frauenraum ihr Shirt ausziehen täte zum Tanzen. Wäre megaschön mutig. Ich hoffe das ginge dann auch für alle ok. #konjunktivekackscheisse

  9. Max sagt:

    Was ich mich bei solchen Diskussionen immer Frage: Unbestrittenermassen wird der weibliche Oberkörper anders behandelt als der Männliche, aber in wie fern bringt es die Diskussion weiter, wenn wir dann als Reaktion auch den Männern das entblössen verbieten? Inwiefern ist das noch intersektioneller Feminismus (respektive ganz generell Anti-Diskriminierung?) Inwiefern ist das nicht ein Sieg der antisolidarischen Kräfte? Sollten wir nicht unsere Kräfte gegen das Patriarchat, respektive die spätneoliberale Gesellscahft richten? Denn das Problem sind nicht wir oder der – zugegebnermassen nicht sehr ansehliche – Bauch, das Problem ist der patriarchalische Casinokapitalismus.

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