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Ostern beim Syrer

Urs Rihs am Sonntag den 1. April 2018

Oder wie ein Haarschnitt zur Einsicht führte.

Gestern traf ich meinen Freund Tobi* – an der Bar – mit neuem Haarschnitt. Nicht wie gewohnt wild, buschig und verfilzt, sondern schön adrett föhnfrisiert und alles in eine Richtung: nach hinten.
Das passt nicht zu Tobi, denn eigentlich ist er mehr so der Typ Jim-Morrison-Mähne.
Tobi geht aber im Dreivierteljahrestackt zum «Syrer», wie er sagt:

«Der macht mir eben die Haare, was soll ich sagen, ich mag meinen Syrer.
Nicht wie Elvys Presley, sag ich ihm, ich will ja keine Nazi Frisur und dann schnippelt und rasiert er drauf los und am Schluss lauf’ ich eben trotzdem mit diesem Rockabilly-Trimm aus seinem Salon. Scheiss drauf, ich mag ihn eben meinen Syrer.»

Tobi hat ein grosses Herz und regt sich aber schnell auch furchtbar auf:

«Und ja lacht nur, ihr instagramalgorithmisierten Gecken, ich sag euch eins, es tät euch allen gut mal zum Syrer. Mal die Eitelkeit in die Ecke zu stellen und dafür dem Handwerk anderer zu vertrauen. Meine Frisur? Scheiss drauf, das wächst schon nach, aber Vertrauen nicht!
Ihr habt alle kaum Vertrauen mehr und quatscht dafür pausenlos rum, was wie und besser und sowieso. Verdammt Kontrollfreaks, ihr kotzt mich an!
Und im gleichen Mass wie euer Misstrauen wächst, wächst auch eure Ignoranz, weil ihr euer eigenes Wirken überschätzt und glaubt, dass ihr mit eurem Kulturschaffen wirklich was bewegen könnt, aber niemand kommt als Kommunist aus dem Brecht Stück, hat der Bichsel mal gesagt und vom Sanitär, der mir auf Piquet letztes Wochenende mein vollverstopftes WC aufgebohrt hat, hab ich mehr profitiert als von manch einem aufgeblasenem Theater und sowieso …

Tobi ist leidenschaftlicher Landschaftsgärtner, leidender Kulturgänger und eine Legende. Auch an der Bar, denn da macht er Punkte klar, ohne grossartig zu labern, meistens reicht eine Anekdote, langt ein mittlerer Ausraster zur Erwirkung einer Einsicht oder neuen Weitsicht.

 

Und darum geh ich morgen mal zum Syrer.

*Jegliche Ähnlichkeit mit wirklichen Geschehnissen oder lebenden Personen wäre rein zufällig.

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