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Bern auf Probe: Erzählerin 4 hat die Grippe

Anna Papst am Dienstag den 19. Dezember 2017

Die Grippewelle macht auch vor dem Theater nicht halt: Irina Wrona, eine von vier Darsteller_innen in „Die Toten“, ist krank. Die Probe von Christian Krachts Roman muss – drei Tage vor Premiere – ohne sie stattfinden. Die Souffleuse liest Wronas Textpassagen, die Regieassistentin schlägt vor, sie könne sich anstelle der Erkrankten in die rechts auf der Bühne platzierte Badewanne legen. Regisseurin Claudia Meyer erkundigt sich besorgt, ob sich jemand der Anwesenden ebenfalls krank fühle. Schauspieler Alexander Maria Schmidt trinkt zur Stärkung der Immunabwehr einen Ingwershot, während sein Kollege Nico Delpy eröffnet, er habe beschlossen, nicht krank zu werden.

Schauen zu, wie der Kollege für zwei spielt: Schauspieler Gabriel Schneider und Souffleuse Sabine Bremer

In Unterbesetzung wird der Anfang des Stückes geprobt. Der sei eine echte Knacknuss, verrät Meyer. Sie habe schon unzählige Versionen dieses Anfangs geprobt, sei aber immer noch nicht ganz zufrieden. Immerhin, bei der heutigen Probe muss sie oft lachen. Und sei es dem häufigen Proben geschuldet oder der gründlichen Vorbereitung, jedenfalls zitiert Meyer sämtliche Passagen, die sie anders haben möchte, auswendig. Sie erweist sich als ebenso genau wie streng: „Nun“ darf nicht mit „jetzt“ paraphrasiert werden, „heisst“ nicht durch „ist“.
Von den vielen Wiederholungen ein Lied singen kann Nico Delpy: „Ernst Nägeli gab an, am allerliebsten hartgekochte Eier mit Bauernbrot und Butter und Tomatenscheiben zu essen“, habe er schon so oft sagen müssen, dass er den Satz nun jeweils variiere, damit er nicht jegliche Bedeutung verliere. Allein schon das Wort „Bauernbrot“ mache ihn wahnsinnig. So isst Nägeli bei ihm einmal Nüsslisalat, einmal Spaghetti, einmal Quinoa.

Der erfolglose Schweizer Regisseur Ernst Nägeli ist einer der Protagonisten in Krachts Roman, die Schilderungen seines Charakters bilden den Anfang des Theaterabends. Die drei Erzähler Schmidt, Delpy und Gabriel Schneider streiten sich darum, welche Rolle Nägelis Vater zuzuschreiben ist, genauer gesagt, dessen Hand. Die Hand, so erzählt Schneider, an deren schmalem Handgelenk eine goldene Uhr glänzte, erfüllte den Buben Emil mit einer „unbedingten, stummen, fast sexuellen Sehnsucht“, eines Tages ebenfalls eine solche Hand zu haben. Diese Hand habe sich aber, so kontert Delpy, des Öfteren erhoben, um dem Knaben ins Gesicht zu schlagen, wenn er nicht aufgegessen habe. Ausserdem habe diese Hand im Jähzorn den Eierschneider samt Ei an die Wand geschleudert. Sie sei es aber auch gewesen, die Emil schützend vor den heranbrausenden Autos zurückgezogen hatte, wenn er gedankenverloren neben dem Vater durch Bern spazierte, wendet Schmidt ein.
An dieser kurzen Passage wird klar, welches theatrale Potential dem Vorhaben, einen Roman auf die Bühne zu bringen, innewohnt: Die Erzählperspektive wird aufgespalten in mehrere, sich widersprechende Berichtende, die sich zur Freude des Publikums in den Haaren liegen. Der auktoriale Erzähler ist abgeschafft, über den Sachverhalt der Ereignisse werden Zweifel geschürt.
Aber nicht nur im Widerstreit ist die Mehrstimmigkeit auf der Bühne ein Gewinn. Der dreifach ins Mikrophon gehauchte letzte Seufzer des sterbenden Vaters jagt einem kalte Schauer über den Rücken.

Ernst Nägeli wird nach Japan reisen, um dort den Kulturminister Masahiko Amakasu zu treffen, der als Bollwerk gegen die Amerikanisierung des Kinos ein japanisch-deutsches, faschistisches Filmimperium erschaffen möchte. Amakasu ist die zweite Hauptfigur in Krachts Roman, auch sein Leben wird an diesem Theaterabend aufgerollt. Wie er als Knabe Gruben im Garten ausgehoben hatte, um die Heftchen mit Gewaltdarstellungen, an denen er sich ergötzte, die ihm aber verboten worden waren, vor den Eltern zu verstecken, erzählt uns einer. Den Vater habe er gehasst, wirft ein anderer ein. Und schon wieder beschleichen die Zuhörerin Zweifel, welchem dieser Erzähler sie trauen kann. Ist der Nachschub Bestätigung oder Verneinung des Vorangegangenen? Wer ergreift hier für wen Partei und warum?

Pause. Die Regisseurin braucht Kaffee, die erkrankte Schauspielerin meldet sich per SMS. Es gehe leider noch nicht merklich besser. Das Ensemble fachsimpelt darüber, wie lange eine Grippe dauert und wie lange man auf einen Arzttermin warten muss. Die Meinungen gehen ebenso auseinander wie auf der Bühne. Die Zuhörerin merkt, dass sie selbst keine Ahnung hat, wie lange eine Grippe dauert. Und wünscht gute Besserung.

“Die Toten” von Christian Kracht, Regie Claudia Meyer, Premiere 21. Dezember, 19:30 Uhr, Vidmar 1, Konzert Theater Bern, weitere Termine bis März 2018

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

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