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Der letzte erste Schnee

Mirko Schwab am Freitag den 1. Dezember 2017

Wir befinden uns im Jahre 2017 n.Chr. Ganz Ostbern ist vom Bürgertum besetzt … Ganz Ostbern? Nein! Ein von unbeugsamen Ostbernern geführter Kulturschuppen hört nicht auf, der Verödung Widerstand zu leisten.

Béatrice Graf und Martina Berther bei der Arbeit. (Photo: Jessica Jurassica)

Der Geruch vom ersten Schnee ist eine seltene Freude. Streife die dickste Jacke über, die ich finden kann. Hätte noch eine dickere im Schrank, aber die sieht scheisse aus. Im Winter bekommt man die eigene Eitelkeit am schmerzvollsten ab. Anker schmerzt auch, klebt in der Hand, doch Deal, der Saft träufelt mir wohlig wohlig inwendig den Hals entlang aufs Herz. An der Brunnadernstrasse spuckt das Tram mich aus aufs seifige Trottoir. Hier könnte die Sandsteinstadt auch Grossstadt sein. Vis-à-vis des vom Netz genommenen Tramdepots aus Zeiten, wo selbst Zweckbauten noch Seele inne war – (Notiz an Miraculix Fischer: Bitte lassen Sie diese meine etwas ordinäre Nostalgie mal kulturgeschichtlich abtropfen bei Gelegenheit. Würd mich freuen. Gruss.) – vis-à-vis dieser jedenfalls schön von der Zeit gestreiften alten Anlage halten drei Tramlinien und zwei Omnibusnummern, dass man schon meinen könnte, man sei am Brennpunkt, Adresse Platz2b, an der Rosette der Urbanität. Halten dazu noch in städtebaulicher Schnodrigkeit mitts auf der Strasse. Ein Hauch Ostberlin vermischt sich mit dem Geruch vom ersten Schnee und der Geruchlosigkeit Ostberns, als ich die letzten Treppenstufen bewältige, hinab in meinen Lieblingskeller.

Dass aber Mittwoch ist, ein Mittwoch eben immer noch ein Mittwoch ist in dieser Stadt, die lieber schläft, es ist rasch bewiesen: Rund fünfzehn Nasen sind dem Geruch des ersten Schnees gefolgt, ein gutes Drittel davon Jazzstudent*innen. Sie nehmen das löbliche Angebot der mittwöchig-monatlichen Jazzreihe im Keller des Restaurant Punto dankend an, haben sie doch nichts dergleichen in ihrem Schulhaus. Was einigermassen schändlich ist, wie das Schielen nach Zürich, Basel und sogar Luzern einmal mehr zeigt, wo die Kunstschulen mit eigenen Konzertclubs ausgestattet sind. (Muss ja nicht gleich ein Grosspuhr sein wie à Zureich, aber ein netter Keller mit netter Anlage und netter Bar …)

Trotz allem gibts hier heute wenig Jazz. Ein Bassverstärker und ein Schlagzeug sind hergerichtet, daran machen sich Martina Berther und Béatrice Graf qui s’appellent Ester Poly. Das Duo vom sehr erfreulichen Zürcher Untergrundlabel Ikarus Records besticht mit seiner stilistischen Unverfrorenheit zwischen Minimalismus und Ekstase, zwischen raumgreifenden Rubati und rollenden Post-Irgendwas-Schelmereien. Die Schlagzeugerin Graf aus Genf rumpelt maximal charmant durch die originellen Grooves, bisweilen meint sie es etwas gut mit der Nonchallance, kann sich aber immer auf ihren ruhigen Gegenpart Berther am Elektrobass verlassen, die konzis schichtet und verdichtet und der freizügigen Ausgelassenheit die nötige Präzision verleiht.

Solcherlei Konzertmomente sind nicht selten in meinem Lieblingskeller. Abseits allen Nachtlebens hat sich hier im tötelig-diplomatischen Kirchenfeld über die letzen Jahre der wichtigste Geheimtipp der Stadt etabliert. Der Schweizer Untergrund und tourende europäische Liebhabermusiken zieren das Programm. Sie scheinen die stickige Atmosphäre im Club zu schätzen, den freundschaftlichen Umgang drumherum und die leidenschaftliche Bewirtung in der Beiz. Von Zeit zu Zeit steigen Raves, bis es von der Decke tropft. Für einen guten Teil des Programms zeichnet Florian Guntersweiler verantwortlich, der meist auch gleich am Mischpult steht, den Einlass betreut, Flaschen verkauft oder sich um die Konzertleuchten kümmert, ohne auch nur einen Trostbatzen einzusacken dafür. Nennen wir es Hingabe.

Auch heute hat er sich (sichtlich stolz) am neuen, rechtzeitig auf den ersten Schnee angeschafften 24-Kanal-Schlitten eingerichtet und dreht sorgfältig etwas Hall ein auf den Stimmen. Béatrice Graf hat derweil eindrücklich einen Orgasmus nachempfunden auf der Bühne. Ester Poly können stöhnen und sie können schweigen, der instrumentalen Kraft still vertrauen. Und manchmal können sie eben nicht mehr schweigen. Dann skandieren sie Wahrheiten sexueller Verständigung: «Yes means yes, no means no.» Punkt –

Punto. Voraussichtlich bis im Sommer noch soll dieser liebe Ort bestehen und ich wünsche ihm, dass er mit einem Feuerwerk untergeht! Es könnte so kommen: Eine monatliche elektronische Liebhaber-Soirée sei projektiert, ein Haufen lohnender Konzerte darüberhinaus. Von einer Wiederaufnahme des letzjährigen Ostfests handeln die Gerüchte.

Bis die Bagger auffahren und Schicht für Schicht das Vielschichtige abtragen, bis buchstäblich nur noch eine letzte bleibt.

Bis zum nächsten ersten Schnee, der in die nächtliche Kirchenstille herabrieselt. Und die bewohnte ostberner Ödnis in ein versöhnliches Weiss kleidet.

Nächstes Ausrufezeichen: Spill Gold aus den Niederlanden diesen Samstag. Danach Disko mit Princess P. Ab 22 Uhr.

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