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#BernNotBrooklyn – 20 Stutz oder auf den Strich!

Urs Rihs am Sonntag den 26. November 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los, beispielsweise die harte Realität auf der Gasse, gerade wenns wieder richtig kalt und nass wird.

Erste verbrecherisch wüste Weihnachtsbeleuchtungen, üppig süssliche Glühweinschwaden in der Luft, Schaufenster welche unter dem Druck des spätjährlichen Konusumbarocks zu bersten drohen und dazu diese modulare Besinnlichkeit – so brutal herbstet es für den Hauptstrom unter den Lauben. Der Geruch von gerösteten Maroni als einzig tröstlicher Lichtblick.

Für die Menschen auf der Gasse kommts noch weit übler.

«November, schleichend rückt er dir auf die Pelle. Tags frisst er dich, nachts erdrückt er dich. Ohne Blech überlebst du ihn nicht.» K* (Name dem Urs bekannt)

Blech meint Folie und Folie meint die Unterlage für Crack, im besseren Fall Freebase – Kokain geraucht, mit viel Dreck und Streckmittel oder eben etwas weniger – deine Zähne frisst es sowieso.
Im November ist aber niemand wählerisch, alles was knallt wird angemischt. Gesnifft, geraucht, geschossen.

Nach den letzten Tagen goldenen Oktobers scheint der Mangel an Nähe, an Beachtung, am wichtigsten Selbstachtung so richtig zu Buche zu schlagen. Mit der Kälte kommt die Psychose zurück, die Depression zurück, der Wunsch nach dem ultimativen Kick zurück.
Stoff bleibt Stoff. Einziger Garant für wenigstens einige Stunden lang, einige Minuten lang, seis nur einige Sekunden lang – Geborgenheit.

Meine warme Badewanne, seine Blutturmtreppe – deine saubere Bettwäsche, ihre Anlaufstelle.

Auf der Schütz blinken arrogant unnahbar, farbig kalte Ledlampen, rumpeln gehässig regelmässig mechanische Spassschleudern. Dahinter, dazwischen und davor wird «gemischelt» was das Zeug hält. Der Jahrmarkt offenbart Fratzen. Dieser morbide Beigeschmack der Schiessbudenromantik:  Dringliche Offenbarung der Brüchigkeit andauernder Bespassung zur Überbrückung vorherrschender Entfremdung.

Aus dem Kassenhäuschen der Geisterbahn scheppern Nachrichtenfetzen: «…Sparpaket…sozialer Kahlschlag… auf Kosten der Ärmsten… trotz Protesten… durchsetzen!»

«Hesch mr 20 Stutz, schüsch muessi ufe Strich!»

Diese grobe Anhaue kursiert auf der Gasse, weil sie an Wirkung wohl nicht missen lässt. Zeugnis des wahren Elends einer Wohlstandsgesellschaft, die Verrohung der Ausgeschlossenen.
Wer so formuliert wirkt paradox, angriffig und verdammt selbstverachtend. Die selbstmitleidige Nihilistenkeule – das trifft fast jedeN, der sie angeschmettert kriegt. Und egal ob’s dann Verachtung oder tatsächlich Geld gibt, fruchten tut sie immer, Rückkopplung ist schliesslich Rückkopplung. Und die Steigerung der verbalen Selbsterniedrigung wird die körperliche sein, am jämmerlichsten ringt der willentliche Selbstnässer um Beachtung.

Ekel ist erzwungene, reflexartige Reaktion. Was dich richtig graust, kannst du unmöglich ausser Acht lassen.

Schorfverkrustete Gesichter, keifende Stimmen, Blicke abgelöscht und trotzdem hypernervös – weite Pupillen und trotzdem kein Silberstreifen in Sicht. Das sind Hilfeschreie.

Aber Moralin schmeckt so scheisse, wie diese traurigen Tatsachen. Und aufs Podest gestelltes Elend wird dadurch nur noch einfacher zu ignorieren, die eigen Trägheit perfide entschuldigend, und darum weiss ich verdammt noch mal auch nicht.

Der November ist eisern hart auf der Gasse und das wird der Dezember auch sein- die Abgehängten machen Welle auf Dormikum und vielleicht sollten wir einfach mal wieder den 20er lockermachen. Denn einige Augenblicke Geborgenheit, wenn auch nur in Rauch gelöst, sind immer noch besser als gar keine.

#BernNotBrooklyn ist normalerweise die Sparte wo lange Partynächte nachbrennen, manchmal aber auch für wirklich brennende Themen.

 

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Ein Kommentar zu “#BernNotBrooklyn – 20 Stutz oder auf den Strich!”

  1. Dienstbier sagt:

    Oje, sad & bad & triste, but:
    I say
    Thank you for the music, the songs I’m singing
    Thanks for all the joy they’re bringing
    Who can live without it, I ask in all honesty
    What would life be?
    Without a song or a dance what are we?
    So I say thank you for the music
    For giving it to me…
    just singing