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Letzte Runde №1: Albert Einstein

Mirko Schwab am Freitag den 18. August 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade …
Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Letzte Runde!
Heute mit Albert Einstein
.

«Und deshalb ist es gut, dass du einmal stirbst» hat er ihm gesagt und ein selbstgerechtes Lächeln hinterhergereicht. Der andere, schon deutlich ältere der beiden Feisten, die sie da sassen und Stangen tranken und Stangen rauchten, sagte darauf nichts. Auch ich fand es recht frech. «Doch, lueg», setzte er nach, «du hast jetzt vielleicht noch deine Ressentiments gegenüber den Neuen, genauso, wie deine Eltern damals, als die Tschinggen raufgekommen sind.» Vom Gesprächsthema verdrossen bemühte ich mich um schnelles Rauchen. «Aber deine Eltern, die sind jetzt tot» raunte er schnörkellos «und den Ernesto, weisst, der von Bethlehem, den findest du ja auch einen Geraden.» Und genauso gehe es dann der nächsten Generation mit den Neuen. Und eben deshalb sei es gut, sagte er, «dass du einmal stirbst.» Also doch: Ein Satz von kühner Weisheit.

Das war vor einer halben Stunde und eigentlich wollte ich mal schieben, biegen, mich ausfädeln aus dieser Szenerie, der letzte Herrgott hat mir gut geschaut, jetzt aber hü. Das Gespräch der beiden entwickelte sich nach dem Drehbuch jedes abend- oder zumindest mittelländischen Stammtisches, eine ungute Mischung aus Verschwörungstheorien und Frauenwitzen wurde aufgetischt nebst frischen Schöppen Hopfentee. Der für seinen dereinstigen Tod Verdankte habe gelesen, wo genau wisse er nicht mehr und es spiele auch keine Rolle, jedenfalls hätten die eh schon bald das ewige Leben erfunden. Mit der Gentechnik sei es bald soweit momou, er habe das gelesen oder geschaut oder gehört. (Oder gerochen fehlte noch, dachte ich bei mir.) «Und dann habt ihr mich dann noch ein Weilchen am Hals.» Hustenlachen.

Ich beschliesse also vorerst den Rückzug an die Bar, das Geschwätz wegspülen und mich wieder den Endlichkeiten widmen. Ein leeres Päckli Sargnägeli im Hosensack, darauf ein grausiges Bild einer verkohlten Teerlunge au nom de dieu, die mich dereinst ins Grab bringen wird. Und no money left. Von einem Rest Durchzug erfasst schaue ich nach der Tür, wo sich eine verlotterte Gestalt mit wildem weissen Haar hindurchschiebt. Aus Reflex bereiten meine Lippen eine Entschuldigung vor: dass es mir Leid tue, aber eben selber münzlos aufs Traurigste sei ich – doch der triste Tattermann, er schlurft vorbei, wirft sich in der Ecke an die Täferung und kauert.

Weil ich mich einen geileren Siech fände, würde ich mich wenigstens rasch nach der Befindlichkeit des armen Tropfs erkundigen und ausserdem wenig zu verlieren habe an diesem selstsam einsamen Abend, gehe ich zu ihm hin. Ob alles gut sei frage ich (obschon generell eine blöde Frage, weil selten alles gut ist, wenn man genau genug ist mit den Dingen) und ob es ein Glas Wasser täte. Bitte helfen Sie mir flüstert er und fast wäre ich versucht, auf meine billig vorbereitete Entschuldigung zurückzugreifen. Ich mache stattdessen ein Fragezeichen in mein Gesicht und warte ab. Einstein. Ich bin Albert Einstein. küschelt er schliesslich etwas theatralisch. Es denkt mir: Das haben schon einige behauptet, zumal in der Literatur, und was man darauf wohl entgegnet.

Ich lass mich ein aufs Spiel. «Ach, ein Physiker also sind Sie?»
War ich mal. Ich bin ein Gefangener.
«Wessen?»
‹Meiner schieren Existenz.›
«Versteh ich nicht.»
‹Ich bin schon achtunddreissigmal gestorben und trotzdem muss ich sein. Die Regierung lässt mich nicht in Ruh.›

Die Regierung. Vom Stammtisch verdorben, auch weil ich selber selten andere Probleme habe, frage ich nach einer Frau. Er schaut mich prüfend an, fast angeekelt von diesem eher bodenständigen Einschub.

‹Einstein. Ich bin Albert Einstein, ins Unglück geboren am 14. März 1879 und zum ersten mal gestorben 1955 am 18. April. Wiedergeboren am 13. Februar 2011 und so fort.› Und so fort sagt er, während mir die Kinnlade runtergeht, obwohl ich nichts von all dem glaube. Dass er schon achtunddreissigmal wiedergeboren sei, ‹zurückgeholt›, wie er es nennt, dass er sich schon ebenso oft das Leben genommen habe, mit Gift und Garn sei er dahinter, doch sie hätten ihn stets aufs Neue zu reproduzieren gewusst, irgendwo fände man immer etwas Haut, etwas Haar, und sowieso seien seine Erbdaten aufgearbeitet. In Chicago läge sein Hirn hinter Glas, in Neuyork seine Augen. Und sie würden immer besser und wüssten immer mehr. Doch auch die Regierung mache Fehler. In den Anfängen hätte sie zweimal im Versehen eine alte Geliebte wiedergeboren aus alten, falsch identifizierten Haaren, was auch nicht gerade pässlich war und zusätzlichen Ärger bereitete. Auch seien die eigenen Wiedergeburten nur selten glimpflich gelaufen, die fachidiotische Konzentration auf das Jahrhunderthirn hätte anderswo am Körper fürchterliche, krumme Peinlichkeiten hervorgebracht, dass an die alten Freuden aus dem ersten Leben kaum noch zu denken sei.

‹Ich bin Albert Einstein. Versuchsobjekt mit Auftrag. Ein Gefangener.›
«Was ist Ihr Auftrag?»
‹Gott beweisen. Ich soll der Regierung die Existenz eines Gottes nachweisen auf naturwissenschaftlich wasserdichter Basis. Dafür haben sie mich zurückgeholt. Sie sagen, ich sei dafür vorgesehen. Sie pochen auf ihr Recht als meine Schöpfer, als einzige entscheiden zu können, wann Schluss ist mit mir. Aber Schluss ist nie – und nimmer ist es schlüssig. Unlängst habe ich aufgehört, zu schreiben und zu rechnen. Immer wieder gebe ich ihnen dieselben Theoreme und Lemmata, dieselben lächerlichen Fresszettel ab, ohne dass es irgendjemand bemerken würde.›
«Sie arme Sau.»
‹Ich arme Sau in der Tat.›

Was ich also müssiger finde, frage ich mich: das ewige Leben oder die Suche nach dem Gottesbeweis. Beides zusammen ergibt jedenfalls eine veritable Scheisssituation. Und was wüssten wir schon mehr, gäbe es diesen verdammten Beweis? Ist Gott ein Mann oder eine Frau? Hoppla, Wiedergeburt: bitte finden Sie es heraus! Ist er schwarz oder weiss? Hoppla. Ist er ein Philanthrop oder ein Arschloch?

Zudem kann man beweisen, was man will, den meisten Leuten ist es egal. Sie setzen, kriegen, diskriminieren sich über jede wissenschaftliche und humanitäre Erkenntnis noch so gern hinweg.

‹Bitte helfen Sie mir.›

Was gibt es schon zu helfen? Sie haben seine Daten. Klar könnte ich ausholen zu Nummer neunundreissig, ihn im Spelunkenklo ertränken oder eine volle Flasche Ingwerer über seinen klugen Kopf herunterziehen. Sie machten dann einen Neuen. Wahrscheinlich, denke ich mir, laufen da draussen andere ebenso psychisch gemarterte Kopien dieser meiner spätnächtlichen Bekanntschaft herum – wieso sollte die Regierung darauf verzichten, gleichzeitig an der Gottesforschung arbeiten zu lassen? Und geht mal einer verloren, wacht er als Kopie sonstwo wieder auf, in einer anderen Bar, in einem anderen Land. Die Misère bleibt die immergleiche.

Also krame ich meine Entschuldigung hervor, ich könne jetzt nicht, müsse ja auch mal heim, genau, einen Text sollte ich noch schreiben, auch ich hätte eine Regierung und schulde der ein paar Zeilen. Von meiner Deadline erzähle ich dem ewig Lebenden.

Und fliehe in die Nacht hinaus,
entzünde eine Zigarette
in freudiger Erwartung
des finalen Lungenkrebs’.

Die KSB-Serie «Letzte Runde» ist die Fortsetzung von «Genossen» und der besten Bar der Stadt gewidmet. Die alten Folgen finden Sie hier.

s/o to Emanuel Bundi fürs schöne Spuckbällchen-Hin und Her, für bewusste Ideen und andere.

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