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Er wird ganz gross

Mirko Schwab am Freitag den 18. November 2016

Dem Zürcher Faber jetzt noch eine grosse Zukunft zu bescheiden, ist etwa so prophetisch, wie dem Kapitalismus keine. Trotzdem muss beides immer wieder getan werden.

faber

Bis sich die Stimme überschlägt und die Kehle sich rötet: Faber aus Zürich. (Le Rod)

Der vorab ausverkaufte ISC ist gestern Donnerstag so berstend voll, dass einige Dutzend Leute auf den Treppen und am Rand des Raums um eine Streifdosis Beschallung, einen erspähten Haarschopf oder einen aufblitzenden Gitarrenhals zu kämpfen haben. Macht nichts. Ein gutes Konzert dringt bis in die hintersten Ecken und auch einer, der an der Bar steht seit zwanzig Jahren, Cuba Libre säuft und sich den Bart mit Nüsschen vollstopft, kann sich dieser Dringlichkeit nicht entziehen. Und das Publikum weiss das, erwartet das. Als die Zupfgitarre eröffnet, werden die Gespräche noch zu respektvollen Tuscheleien, wer trotzdem weiter dreinplaudert, hat mit bösen Blicken zu rechnen. Zweihundertfünfzig Leute haben sich hier eingefunden, um für etwas mehr als eine Stunde gepflegt die Fresse zu halten oder mitzusingen bei Faber und Band. Und dieses vorgeschossene Vertrauen unterscheidet, was gemeinhin mit den Branchenfloskeln «aufstrebender Newcomer» beschrieben wird, von einem «Headliner». Und nirgends ist die deutsche Sprache ohnmächtiger als im Bookingwesen.

In diese Stimmung bester Erwartung hinein tritt er, der eigentlich zu jung ist für seine Stimme und die von ihr erzählten Geschichten. Von obessiver Liebe im Milieu, von den unterdrückten Fantasien unterdrückter Bürolisten und von der hochbeschworenen Wut im Bauch jener, die vor allem Angst haben. Faber singt davon und täte er es als altkluger Beobachter mit Gesicht und Tolle eines Jünglings, hiesse der Verdacht, einem Voyeur mit Gitarre gegenüberzustehen, der sich an den schön dreckigen Biographien anderer verlustiert. Aber Faber ist kein Beobachter, er ist ein Ergriffener, mit den wachen Augen eines Frühzwanzigers die Traurigkeiten und derben Freuden dieser Welt erst aufsaugend, dann verkörpernd, dass Zeilen wie «Bleib dir nicht treu, sei niemals du selbst» nicht nihilistisch ironisiert daherkommen, sondern glaubhaft. Über die (selbsternannten) Verlierer des Systems macht er keine Witze, sondern offenbart auch in der bitterbösesten Abrechnung mit ihren trüben Ideen Empathie und Verständnis – er wird selbst zu einem, dem der Hass die Kehle rötet, nimmt sich der Parolen an und schreit sie in den Raum, von sich weg, damit sie sich selbst auflösen mögen.

Die Band, die ihn begleitet, lässt darum ein polterndes, rohes und jederzeit im Dienst der Stimm- und Sprachgewalt stehendes Klangkarrussel kreisen. Posaunist und Schlagtreter Tillmann Ostendarp, bereits bekannt als grössenwahnsinniger Kappellmeister des Pirmin Baumgartner Orchester, ist für sich allein in vielerlei Hinischt schon fast eine Band und bei vielen Tourkonzerten auch Fabers einziger brother in crime. Zu ausgewählten Anlässen aber wird die Bande erweitert: Der herrvorragende Gitarrist Max Kämmerling, der deshalb herrvorragt, weil er sich nie aufdrängt, veredelt das triebgesteuerte Rhythmikgerüst von Ostendarp und Bassist Janos Mijnssen mit sensibel dosierten Surf-Rock-Referenzen und kann auch Bongo, wo die Triebhaftigkeit es verlangt. Mijnssen selbst ist ein obertighter Schlaksbassist, der sich als einer der performativen Höhepunkte des Konzerts auch noch auf einen homoerotischen Tanz mit dem Sänger einlässt. Nicht zuletzt akzentuiert der Pianist Goran Koç mit ordentlich dreingelangten Akkorden die perfektionierte Ungehobeltheit der Arrangements. Oft würden die Säle bestuhlt in der Erwartung eines gefühligen Schmusebarden oder Kleinkünstlers, für den man Faber frisch ab Pressefoto gern halten mag. Kleinkunst wird aber nicht geboten und zu Kleinholz würden die Stühle im Sog dieser Band.

Am Ende aber ist wieder Faber ganz allein. Die zweite Zugabe wird vom ungeduldigen Haustechniker um ein Haar in der Pausenbeschallung erstickt, dann aber noch einmal Stille und ein letztes mal hinauf bis sich die Stimme überschlägt und hinunter in die europäischen Abgründe. Wo immer man ihn verstehen kann – man wird ihn anhören.

Wer zu faul war, sich ein Billet zu holen, krank entschuldigt oder einfach unterinformiert: Faber taucht am 10.12. noch einmal in der Nähe auf und zwar in der Kulturfabrik Lyss. Die aktuelle EP «Abstinenz» gibts digital und auch in echt als Kompaktdisc und auf Vinyl.

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