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Un-Topos (Amerika ist kein Unort mehr)

Roland Fischer am Mittwoch den 9. November 2016

Ja, die Wahlen. Nein, das lassen wir hier. Wobei: bisschen Utopie kann ja nicht schaden, gerade in solchen Zeiten. Und Jubiläen sind auch nie verkehrt, oder?

utopiaeinsulae

Also: Vor genau 500 Jahren erschien eines der tollsten und dreistesten Bücher der Weltliteratur – und beschrieb sprichwörtlich einen Unort. Utopia nannte Thomas More die geheimnisvolle Insel irgendwo weit draussen in den Weltmeeren, ausführlich bereist von einem gewissen Raphael (der dann auch berichtet, More ist blosser Protokollführer und gibt in der Vorrede zu, dass er blöderweise nicht recht hingehört hat als Raphael die genauen Koordinaten der Insel nennt), aber sonst niemandem bekannt.

Alles Satire natürlich, das macht More eben schon mit dem Namen der Insel klar: Utopia ist ein buchstäblicher Nicht-Ort, das Land das nicht existiert (ausser in unserer Vorstellungskraft, als politisches Kontrastmittel). Und der erzählende Raphael heisst mit Nachnamen im Original Hythlodeus (griechisch: ein Experte für Unsinn – oder auch einfach ein Grossschwätzer), woraus meine englische Ausgabe ein wunderbares Nonsenso gemacht hat. Kommt einem irgendwie bekannt vor?

Aber natürlich wäre das damals im Grunde noch möglich gewesen: Dass da draussen irgendwo eine bessere Welt liegt, ein abgelegenes Eiland mit einer sehr viel gerechteren Gesellschaft. Und warum auch nicht? Man stelle sich doch mal vor, wie man über unsere Gefilde denken würde in einem Land wo es kein Privateigentum gibt:

Indessen […] scheint mir – um offen zu sagen, was ich denke – in der Tat so, dass es überall da, wo es Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen, kaum jemals möglich sein wird, gerechte oder erfolgreiche Politik zu treiben, es sei denn, man wäre der Ansicht, dass es dort gerecht zugehe, wo immer das Beste den Schlechtesten zufällt, oder glücklich, wo alles an ganz wenige verteilt wird und auch diese nicht in jeder Beziehung gut gestellt sind, die übrigen jedoch ganz übel.

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