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Dark Sound; Whispering

Mirko Schwab am Freitag den 28. Oktober 2016

Am Anfang steht so eine Journalistenfrage. Und weil der, der sie stellt, kein rechter Journalist ist und der, der sie beantworten soll, keine falschen Werbeslogans abgibt, entsteht daraus ein kleiner diskursiver Brand. In Gespräch und Besprechung: Clemens Kuratle, Schlagzeuger, Komponist und Kopf des Quintetts «Murmullo».

Setzt sich verbal ungern in die Nesseln und ist am Schlagzeug umso zupackender: Clemens Kuratle.

Ich frage: «Was erzählt uns deine Platte vom Jazz, was wir noch nicht wissen?» und ernte Gegenfragen. «Was erzählt uns neue Musik von der Musik, was wir noch nicht wissen? Was ist Jazz? Und was haben wir gewonnen mit Genrenamen?» Dass es eine  Notwendigkeit der Ordnung und des Sortierens gebe, wende ich ein, codierte Hinweise über Milieu-Zugehörigkeit und musikalische Beziehungen, mit dem Ziel, das Publikum zu leiten, zur Musik heranzuführen … Aber ob es produktiv ist, ob es musikalisch ist, in Säckli abzufüllen und sowieso: Was ist Jazz, ein alter Sack? Können wir Jazz stilistisch und ästhetisch hinreichend verorten? Oder zeichnet sich, was zeitgenössische Musiker damit und darin und daneben anstellen, vor allem dadurch aus, dass sie sich alle Freiheiten nehmen, ausscheren – und also erst eine methodische Definition dieser stumpfen Frage, was Jazz denn überhaupt sei, etwas Kontur zu verleihen vermag? «Das Komponieren im Moment, die Improvisation. Und daneben das Zeitverständnis als Bekenntnis zum musikalischen Puls, zum Time. Aber wir müssen sorgfältig sein mit Genrezuschreibungen.» – gerade weil weite Teile der medialen Öffentlichkeit damit operierten sei es wichtig, darüber ein feines Sensorium wachen zu lassen. Clemens Kuratle ist vorsichtig im Abschluss. Immer gibt es Ausnahmen – und vielleicht ist die Ausnahme die einzige Regel im Jazz, denke ich bei mir. «Oder den Begriff abschaffen: Jazz.»

Also liegt vor mir zunächst ein Stück Musik. «Murmullo», bald jährig, eine Sammlung grösstenteils von Kuratle selbst komponierter Stücke. Eingespielt von einer Truppe, die zum Studiotermin selbst noch nicht sehr eingespielt gewesen sein soll und darob im besten Sinn neugierig und im Prozess begriffen: Kuratle am Schlagzeug, Weiss an der Posaune, Jerjen am Bass, Hellmüller an der Gitarre und Voirol am Tenorsax.

Die Platte wird von «Resignation» eröffnet, ein zunächst rasanter, bald schon schleppender, siechender Schwerblüter, dessen Trübsal am eindringlichsten ist, wo sich Sax und Posaune umspielen in himmeltraurigschönen Linien. Der blanke Wahnsinn begegnet bereits im nächsten Stück, eine Hommage ans Naturell des eigenen Bassisten Rafael Jerjen, wie Kuratle mit einem schelmischen Grinsen erzählt. Er habe das als kompositorischen Ausgangspunkt genommen. Weil aber Kuratles Kompositonen der Improvisation einen privilegierten Platz einräumen, entsteht daraus eine furiose Irrfahrt, wie sie der verrückteste Komponist nicht in dieser Lebendigkeit auf Blatt bringen könnte. «Improvisieren bedeutet auch, dass jeder in der Band sich selber auf die Bühne oder ins Studio bringt, mit seinen Launen und Unzulänglichkeiten. Wir spielen meine Stücke. Aber die Verfassung in der sich jeder einzelne befindet und die Stimmung im Raum macht, dass sich die Musik jedesmal von neuem entwickelt.» «Murmullo» ist ein sehr direktes Ding, empfindsam und zupackend. Es fällt das Wort «Statement» und obwohl, zumal in den langsameren Stücken, gerne auch gefärbelt und gewispert wird, dürfen wir uns über die rohe Klangsprache freuen und die Freude an der Lautstärke. Der Gitarrensound bringt in aller Wärme die nötige Schärfe mit, die Bläser vermögen lyrisch zu klagen und lauthals zu kreischen, immer schön eingefasst von der Band, die hörbar eine solche ist statt eines Symposiums von fünf Begabten, die aneinander vorbeiplaudern. Der Bandsound ist den aufwühlenden Stimmungsbildern, die auf «Murmullo» gezeichnet werden, zu jeder Zeit gewachsen, die ausufernden Soli und Kollektivsoli nur gerade so prekär, dass die Spannung gehalten werden kann. Dahinter und davor komponiert Kuratle äusserst launige, gerne etwas schiefliegende Themen, die ebenfalls ihren Beitrag leisten zum subversiven Charakter dieser Band des dark sound, des Murmlen und Raunens.

Als das abschliessende Stück ausklingt, eine Zutat des Luzerner Posaunisten Moritz Wesp, der letzte grosse Bogen gespannt ist als versöhnliches Fest, dann sind die Grenzen verschwommen, die Grenzen von Komposition und Stil verflossen. Wenn das Dargebotene den Zuhörer ergreifen kann, fühlen sich diese Fragen sowieso obsolet an: Obs nun Jazz ist, improvisierte Instrumentalmusik oder die anmutigste Blaskapelle?

Clemens Kuratle (*1991) hat sein Handwerk an der Luzerner Hochschule der Künste gelernt und so ziemlich alles gespielt, was ihm unter die Finger kam und kommt: In Hommage an Edith Piaf mit La Môme, die rhythmische Herausforderung mit Odd Dog, im Quartett mit der Harfenistin Julie Campiche und Ausflüge nach der «pop/rock/folk scene» – aber was ist schon Pop und Rock und Folk, mein Freund?

Die Platte «Murmullo» ist auf dem Label QFTF erschienen. Zum nächsten mal auf Berner Bühnen: In der Zoobar am 18.11. (mit Murmullo) und am 23.11. im Punto (mit Odd Ogg). Bitte gehen Sie da hin!

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