Logo

Sonntagsrauschen

Mirko Schwab am Dienstag den 20. September 2016

Noch schnell die letzten toten Dosen zusammenlesen auf dem Vorplatz, noch schnell die neusten blauen Mosen zusammenzählen in der Bowl. Die Samstagnacht ist verweht. Herein zum Sonntagsrauschen mit Pyrit und Lord Kesseli & The Drums.

lk1

Lord Kesseli (links) und die teilweisen Drums.

Der Sonntagabend ist erfahrungsgemäss die beste Leinwand für diesen spätromantischen Künstler, den sie Depression nennen. Zum Glück gibts um die Schützenmatte herum alles zu kaufen, was einen so aus dem Loch hieven kann. Etwa ein Eintrittsbillet ins Rössli. Und das ausgehängte Programm könnte harmonischer nicht sein: Hier der in Paris lebende Thomas Kuratli als Pyrit, der uns auch schon als Regisseur die Sprache verschlagen und in dieser Funktion das nie genug in den Himmel gelobte Sessionvideo von Lord Kesseli & The Drums zu verantworten hat. Und da eben dieser the Drums Michael Galusser, der Pyrits Debutalbum gemastert hat. Kein normales Doppelkonzert also, sondern ein Zweiakter von Freunden.

Erster Akt, Pyrit. Dass er ein ausgezeichnetes Auge hat für die Inszenierung und das Visuelle, hätte man auch so erfahren: Die elektronische Auslage ist wohlsortiert und links und rechts von einem Becken beflügelt. Zwei theatralische Holzschlegel liegen bereit. Aus dem Gerätehaufen ragt eine Antenne hervor, und den Skeptikern schwant: O, ein Theremin! Ein bisschen musikalische Ratlosigkeit zerstreuen mit Ausdruckstanz und das macht so lustige, kosmische Töne! Ein ganz gewitzter Musik- und Medienkunst-Studiker! Die Skeptiker werden schweigen ab dem ersten Ton. Der sich mittlerweile in seinem eigenen Stillleben aus Geräten eingefundene Pyrit vereinnahmt das gewohnt geschlossen rauchende Rössli ansatzlos. Brillante Songschreibe, eingefasst in einen mit graziöser Konzentration aufgezogenen Spannungsbogen, eine bedachte Verknüpfung in impertinenter Klarheit formulierter Popbetrachtungen. Wir hören den Rock’n’Roll, wie er verhallt. Wir hören ihn, wie er sich auflöst in hymnisches Rauschen. Und über all dem klagt in hohen Lagen klar die Stimme Kuratlis. Und die Sache mit dem Theremin übrigens verhält sich ganz gleich wie mit den Wah-Wah-Pedalen: Sofern man die damit anzustellenden Klischees umschifft (nämlich den abgehörten, thereminischen «Geistersound» oder die funky Schmiere), lässt sich ganz schönes erzeugen. In Pyrits Fall gelingt die musikalische Integration des vermeintlichen Schauelements, wie überhaupt der von den Puristen gern bemühte Antagonismus von Authentizität und Künstlichkeit zerlegt wird, von Echtheit und Verklärung, von Echtzeit und Tonband. Während sich das Publikum an herkömmlichen Sonntagabenden das erste Konzert mit Geschwätz von letzter Woche vertreibt, beginnt die neue Woche mit den Berichten über dieses erste Konzert.

Zweiter Akt, Lord Kesseli & The Drums. Was tun nach dieser Vorlage? Die zwei tun das, was sie in solchen Situationen immer schon taten: ein paar Gitarren- und Modularsynthesisten-Bretter ins Lokal stellen, ohne dabei die Verführung zu vernachlässigen, die auf den sechs ersten Hits des Erstlings und als zartes Popwollen immer mitschwingt. Denn auch sie wissen, dass die melancholische Süsse in wummernder Ekstase ertränkt am schönsten ist. Und ein aus dem Off erklingendes, die Hoffnung besingendes Piano manchmal am ehrlichsten.

Lord Kesseli & The Drums «First Hits» (Ikarus Records). Pyrit «Ufo» (Bookmaker Records). Kaufen Sie beide.

« Zur Übersicht

Kommentarfunktion geschlossen.