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Der Saubannerzug des Gaviões Jr.

Mirko Schwab am Mittwoch den 7. September 2016

Das verstopfte Nünitram ist meistens ein schlechtes Zeichen. Irgendtal und Kaffigen zu Gast in Bern, Kühe und Gartenmobiliar schauen an der BEA, mit Fahne an den Randsportevent. Zum Glück aber ist das: ein Nachtrag zum Herzogstrassenfest.

mlk

Gnadenlos draufgehalten: Melker auf der Gass. (Ellen Butterweck)

Die Stadtberner beziehen ihre Arroganz gegenüber dem Land ja aus der Angst und dem ständigen «chly schile uf Züri.» Denn man ist hier immer grad nur einen halbbatzigen Agglomerationsgürtel entfernt von Gemeinden ohne Moonliner-Anbindung, dafür mit ganz viel Sünneli-Blues auf den Wahlzetteln. Da brauchts ab und an ein bisschen Vehemenz und Grenzenziehen. Wir, die wir stolz das Turnsäckli am Rücken tragen, das sauteure neue Gleichgewicht an den Füssen zum lässig-illegalen Waldrave ausführen und ihr, die ihr euch ein nummeriertes Zelt um den Wanst bindet und in der Eishalle rumpöbelt. Und sowieso … (der Autor hört sich selbst beim Stänkern zu und verliert den Faden. Atmen, Brudi.)

Also Stadtkinder und -eltern unter sich am Herzogstrassenfest. Und eigentlich wollte ich ja von diesen Melker erzählen, die buchstäblich die Nebenbühne abgeräumt haben. Zuvor habe ich selbst ebenda gespielt und darum hat sich im Hinterbühnenbereich folgender Dialog ergeben:

Ich: «Ah, Du bist der Melker-Dude»
Gaviões Jr. (Der Melker-Dude): «Hm. Hats hier hinten keinen Schnaps?»
(zeigt auf meine leere Gin-Flasche)
Ich: «Böh, frag mal an der Bar, die haben sicher was.»

Zugegeben keine Perle des Schmalgesprächs. Und ich muss darüberhinaus zugeben, dass mir die Gruppe Melker bis dahin nur namentlich bekannt war. Und so dachte ich bei mir: «Fein, der gönnt sich normal und gemütlich vor dem Gig seine Portion Sanftgift zur Lockerung der Stimmbänder.» Dann passierte das Konzert. Gaviões Jr. schwofte sich durch die astreinen Synthiepop-Beats, lallte sich druch die Mitgröhlgedichte über das sympathische Verliererdasein und turnte auf den Bassboxen rum, bis er sich im zuversichtlich befestigten Pavillonzelt verhakte – und die Installation zur Freude der noch nicht weggezerrten Kinder, zum Schrecken der immerfort vierviertelnden Band und zum Verdutzen des Festvolks beinahe zum Einsturz brachte. Und auch zwischen den Songs begann sich die Sache mit dem Schnaps zusehends zu klären. Im Konzept Melker setzt nämlich die Backingband immermal wieder aus und Gaviões Jr. an zu halsbrecherischen Soli über den Breitsch, die Meitschi und die Young Boys. Und oft auch über eigentlich nichts, was mindestens so unterhaltsam ist. Dass die (trotz Ersatz-vom-Ersatz-Drummer) steinsolide Band dabei manchmal etwas verloren im Zelt hinten hockte – auch wünschenswert. Erst durch den Kontrast zwischen den entspannt groovenden, gewollt blassen Instrumentalisten im Hintergrund und einem entfesselten Junior irgendwo im Strauchelbad der Menge entsteht dieser eigenartige Humor mal Rock’n’Rollschuhdisco straight outta Nordquartier.

Ein Melker auf der Gass. Gejohle drumherum. Im Breitenrain ist es nicht mehr weit bis zur Grenze. Schon ist man auf dem Dorf. Nach dem Konzert zog sich das Festvolk zum Glück langsam und gesittet in seine zweitausendfränkigen Nester zurück und die Verwechslungsgefahr war gebannt.

Das Debutalbum von Melker kommt nächstes Jahr und wird mit Vorfreude erwartet. Bis dahin überbrücken Sie am besten mit diesem crèmigen Stück Skilager-Erotik.

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3 Kommentare zu “Der Saubannerzug des Gaviões Jr.”

  1. signora pergoletti sagt:

    Zugegeben keine Perle des Schmalgesprächs

    …aber eine Perle der Blogrhetorik werter Herr Schwab! Super geschrieben!

  2. Dienstbier sagt:

    Die Schreibe dieses Herrn Schwab ist einfach grossartig, das darf doch auch mal gesagt werden. Ich danke Ihnen! (und natürlich den Herren von Melker ebenso)

  3. Mirko Schwab sagt:

    Schwab dankt ganz herzlich für diesen Seelen-Balsamico!