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Pracht der Lähmung

Sarah Elena Müller am Freitag den 5. August 2016

Über Cementery of Splendour, den neusten Film des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul. 

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Das Szenario: Im Dauerschlaf gefangene Soldaten, denen Geistersoldaten vergangener Kriege die Energie aussaugen, lagern in einer ehemaligen Schule, die auf einem ehemaligen Königspalast erbaut wurde und werden von Pflegerinnen und einem Medium betreut. Eine der Pflegerinnen, ehemalige Schülerin in eben dieser ehemaligen Schule, war ehemals mit einem Soldaten verheiratet und findet in einem der schlafenden Soldaten ihre Liebe zu ihrem ehemaligen Mann wieder. Mit Hilfe des Mediums führt sie der schlafende Soldat durch seine Träume und den unter der Schule liegenden Königspalast, während sie wiederum ihre eigene Vergangenheit mit dem ehemaligen Soldaten über diese darunterliegene Vergangenheit erzählt.

Meinungen haben ist eine heikle Angelegenheit. Ich weiss wenig darüber, wie es sich anfühlt, in einem Land aufzuwachsen, in dem sich Könige, korrupte Regierungen und Militärgeneräle das Zepter der Macht seit je her aus der Hand reissen, demokratische Wahlen unterbunden und KritikerInnen des Regimes brutal zensiert werden. Ich kann höchstens mutmassen, dass diese Art von wiederholtem Umsturz und anschliessender Verschlimmerung der Zustände eine Lähmung hervorrufen kann, wie sie auch der Film „Cementery of Splendour“ heraufbeschwört.

Als in den letzten zehn Minuten eine klitzekleine Kamerafahrt meine Nackenstarre unterbricht, wird mir erst bewusst, wie körperlich sich die Statik von Apichatpong Weerasethakul auf die KinobesucherInnen überträgt. Allgemein scheint es um funktionierende Körper zu gehen, funktionstüchtig zwar, aber unfähig am Leben teilzuhaben. Die Körper tun, was sie von sich aus tun, Urin, Stuhlgang, Wundheilung und Erektion werden gezeigt und fügen sich ohne grosses Aufhebens in die traumartige Starre der Erzählstruktur ein. Kein Aufwallen des Lebens in seinen Urformen, keine Sensation, keine Obszönität. Die Bilder fliessen zäh dahin, die Soldaten wachen selten bis nie aus ihrem Tiefschlaf auf, die Pflegerinnen verzweifeln nicht. Es ist eine Langeweile in dieser Kleinstadt, sagen sie zueinander, da kann man froh sein um diese schlafenden Soldaten. Ich bin berührt und gequält zugleich, meine Augen jucken vor lauter Starren, ich versuche den ProtagonistInnen ins Gesicht zu blicken, teilzuhaben, aber die Kameraeinstellungen lassen mich nicht. Der Film sagt, vergiss es. Hier geschieht nicht das, was du siehst. Und was du siehst, geschieht gar nicht. Bedeutung und Tatsächlichkeit kannst du, wenn du das brauchst, dazu denken. Ich fühle mich als Kinobesucherin ertappt und genervt, meine Lust am emotionalen Mitriss steht hier ganz und gar nicht im Zentrum. Ich muss mich jetzt an farbigen Röhren und Körpern erfreuen, die nur Körper sind, aber keine Projektionsflächen für meine Wünsche. Ich wünsche mir, dass sie alle aufstehen und schreien, oder wenigstens sterben, ich wünsche mir eine plötzliche Bewegung, oder etwas surreales Traumtänzerisches, aber vergiss es, sagt der Film. Die Hypnose wäre perfekt, ich würde mich ergeben, selbst die historischen Königsgemächer, die mir nur beschrieben, aber nicht gezeigt werden in die Arme schliessen. Aber ein Teil von mir muss wach bleiben, um die Untertitel zu lesen.

Cementery of Splendour läuft im Rex

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Ein Kommentar zu “Pracht der Lähmung”

  1. Peter Von Känel sagt:

    Ich muss Frau Müller dezidiert wiedersprechen was die Beurteilung der politischen Situation in Thailand angeht. Das Königshaus hat 1932 die absolute Macht abgeben müssen. Das Land hat seither eine wechselvolle Geschichte zwischen Demokratie und Militärregierungen. Es ist eine unbelegte Behauptung von Frau Müller, dass sich die Zustände immer verschlimmern. Das Gegenteil ist der Fall: Wirtschaftlich hat sich das Land sehr gut entwickelt, die Sicherheit ist gestiegen, die Geburtenrate ist auf dem Niveau von Deutschland, das Frauenstimmrecht seit 1932 eingeführt.
    Im Gegensatz zu den Umliegenden Länder war Thailand nie kolonialisiert, was sich sehr positiv auf die Entwichlung ausgewirkt hat.