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Postkarte aus Elm oder – Der Absender, ein Buch mit Nachspiel

Sarah Elena Müller am Donnerstag den 21. Juli 2016

In seinem 1995 erschienenen Erstling Der Absender behandelt der Berner Autor Daniel Ganzfried die Geschichte seines Vaters, der 1944 in nach Auschwitz deportiert wurde. P1010269

Bei den darauf folgenden Lesungen wurde er immer wieder auf den KZ Überlebenden Bruno Doesseker angesprochen, der zu eben derselben Zeit sein Buch »Bruchstücke aus einer Kindheit 1939-1945« veröffentlicht hatte. Ganzfried wurde beim Lesen dieser Erinnerungen sofort klar, dass es sich bei Doessekers Holocausterinnerungen um eine Fälschung handelte. »Viel zu brutal, fast pornografisch, einfach ohne Sex« sagt Ganzfried heute. »Auschwitz war eine Todesfabrik, da mussten möglichst viele Menschen lebend vorne rein und tot hinten wieder raus. Brutalität braucht zuviel Energie, zuviel Zeit.« Er sitzt neben mir in Elm vor seinem Haus und pfeift zwischen den Sätzen nach seiner Hündin. »Immer haut sie ab, die Bauern regen sich furchtbar auf.«

Ganzfrieds erstem Anzweifeln von Doessekers Erinnerungen folgte ein Artikel in der Weltwoche, ein Tumult in der Literaturszene und schliesslich ein Strafverfahren gegen Doesseker. Kurz zusammengefasst war der vermeintliche KZ Überlebende mit dazu erfundenem Namen »Wilkomirski« Doesseker Sohn einer armen Bielerin, zur Adoption freigegeben, von einem Zürcher Ärztepaar aufgezogen worden. »Langeweile war meiner Meinung nach das Hauptmotiv« meint Ganzfried. Doesseker behauptete, sich an Dialoge, Hausnummern und Strassennamen zu erinnern, obwohl er zu dem besagten Zeitpunkt gerade mal zwei Jahre alt war. Der Verlag zog Doessekers Buch offiziell zurück. Ganzfried gewann 1999 den Journalistenpreis. Dies war die Kurzfassung. Denn wie die Jahreszahlen verraten, handelt es sich hier nicht um eine Aktualität. Was aber sehr aktuell ist, ist Daniel Ganzfried hier neben mir auf der Bank. Die Hündin galoppiert weiterhin taub auf der Wiese herum. Er pfeift. Sie ignoriert. Eine eingespielte Angelegenheit.

Ich habe Der Absender erst angelesen, möchte es aber trotzdem empfehlen. Vergriffen zwar, aber bei Amazon noch erhältlich. Denn bei dem ganzen Trubel um die Fälschung, könnte man das eigentliche Werk glatt vergessen. Die Erzählung bewegt sich im Gegensatz zu der von Doesseker angetönten Splatterbutalität entlang einer Leerstelle, die des Vaters nämlich, dem der Protagonist zwar via Archiven näher kommt, in Natura aber nie direkt zu den Fakten befragt… Zudem, was habe ich für Bern anderes zu berichten, aus Elm? Eben.

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