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Zukünfte: Anfang Februar 2023

Miko Hucko am Mittwoch den 3. Februar 2016

Ich stehe im Migros an der Kasse. Die Frau dahinter lacht. Oder weint. Ich sehe es nicht so genau. Jedenfalls winkt sie die Leute einfach durch, drückt manchen eine bunte Note Schweizer Franken in die Hand. Ich frage sie, ob es wahr sei. Den ganzen Tag, die ganzen letzten 24 Stunden bin ich an den Nachrichten geklebt, und jetzt ist es also passiert: “Wir sollten dafür sorgen, dass niemand verletzt wird”, sagt sie und kommt hinter dem Kassenband hervor.
Kühle Berechnung. Ich drehe mich um und fülle mein Körbli noch ein bisschen mehr. Ohne Geld gibt es keinen Diebstahl. Die anderen Menschen verhalten sich überraschend ruhig und gesittet – ich hätte ja gedacht, dass Chaos Wut Sturmgewehr (siehe Mani Matters Zündhölzli) über uns hereinbrächen. Doch das verbreitete Gefühl ist mehr Trauer, Totenstille, unheimliche, lähmende Angst. Der Verkehr fährt noch, denn die Berner_innen lassen sich nicht so schnell aus der Arbeit zwängen, nur ein paar Trams fallen aus. Ich gehe in den Progr, wo im Innenhof die SP-Stadtpräsidentin von ihrem Bier aufgestanden ist und eine entschuldigende Rede hält, sie hätte nicht daran geglaubt und von nichts gewusst, von ihrem grünen Tischli herab. Überhaupt halten alle Parteien Reden, und sowieso alles, was sich Politiker_in nennt oder Expert_in, aber für einmal sehe ich im SF vor allem Bilder von den Strassen Berns, in denen heute Abend die Tour de Lorraine stattfinden wird. “Haben sie es etwa geahnt?”

Soweit mein Gedankenprotokoll der Ereignisse während des WEF vor zwei Wochen. Sobald mensch mal drin ist, erscheint alles gar nicht so spektakulär, ja, fast schon normal, irgendwie, gar nicht so überschlagen. Und jetzt? Jetzt hat sich der Alltag auch nicht so sehr verändert, also meiner jedenfalls nicht. Aber ich habe ja auch nie “richtig” gearbeitet. Ich wohne immer noch in meiner WG, hänge ein bisschen im Progr, fahre Rad, koche, esse, trinke, denke, spiele – as usual. Klar, ich zahle keine Miete und auch sonst nix mehr. Womit auch?
Zum Glück hat der Bundesrat schnell reagiert und ein Gesetz erlassen, dass Hausbesitzende keinen Eigenbedarf mehr anmelden dürfen, damit ja keineR das Dach überm Kopf verliert aus purem Egoismus. Jetzt sitzen wir alle im selben Boot, nur, dass ein paar halt in grösseren Häusern wohnen. Und Leerstand gibt’s auf einmal in der Innenstadt zuhauf, die Besetzer_innen kommen gar nicht nach vor lauter Raum, denn wozu sollen die grossen Kleiderketten noch Geschäfte haben, wo sie doch kein Geld mehr verdienen können damit?
Der ÖV wird von Freiwilligen gefahren, jedeR 2-3 Stunden am Tag, selbstorganisiert. Genau so die Spitäler und Schulen. Ich selbst gebe einen Nachmittag Theaterkurs an der Sek, der Stundenplan wurde gleich mal gelockert – es wird beigebracht und gelernt, was halt grad geht. Die Strassen sind schmutziger geworden und lauter. Endlich.
Im Bundeshaus sitzt nur noch etwa die Hälfte, ohne Geld und Macht haben die ihre Lust verloren… Da ist noch alles möglich. Die Stadtverwaltung hat schon ganz aufgegeben, die Abteilung Kulturelles braucht es erst recht nicht mehr – denn mehr als Geld verteilen haben sie nie gemacht.
Eine grosse, kreative Erleichterung im Chaos bricht an. Ich fühle mich lebendig.
Wie geht es Ihnen damit, liebe Leser_innen? Wie hat sich Ihr Leben verändert in den letzten Wochen? Was ist Ihnen aufgefallen?

Miko Hucko hat mit Fischer um CHF 1000 gewettet, dass spätestens im Verlauf des Jahres 2023 der Kapitalismus abgeschafft wird. Sie, werte KSB-Lesende sind hiermit Zeug_innen davon. Miko Hucko hofft natürlich, dass wenigstens das Geld rechtzeitig seinen Wert verliert, weil ihr Bankkonto wahrscheinlich nicht voller wird bis dahin.

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2 Kommentare zu “Zukünfte: Anfang Februar 2023”

  1. Heinz sagt:

    Herzig. Meine Tochter schreibt auch gern solche Aufsätze. Sie ist 14 Jahre alt. Aber nein, ich schreibe völlig unüberheblich und meine: Schön, dass es noch Träumer gibt (auch wenn sich Träumer manchmal ziemlich umständlich ausdrücken).

  2. Admiral von Schneider sagt:

    Ich wünsche mir für dich, Miko, dass du als mittellose Kulturgammlerin dir in acht Jahren die 1000 Stutz leisten können wirst. Denn Spielschulden sind ja bekanntlich Ehrenschulden. Glaub mir, ich weiss wovon ich rede! (Musiker aus dem Kunstprekariat, deutlich unter der Armutsgrenze)