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Sich tragen lassen – auf Russisch

Saskia Winkelmann am Mittwoch den 16. Dezember 2015

Das Kino Rex zeigt um die Jahreswende Andrei Tarkowskis Werk – sieben Filme in restaurierter und digitalisierter Fassung mit deutschen Untertiteln. Zeit etwas nachzuholen.

Ich kannte mal einen Vladimir, der bei seiner russischen Grossmutter in Deutschland aufgewachsen war und in Wien Theater- und Filmwissenschaften studierte. Einmal morgens um fünf bei Sonnenaufgang – in Wien geht die Sonne eine Stunde früher auf als in Bern; in Russland noch früher – legte er mir Andrei Tarkowski ans Herz. Er benutzte Wörter wie lyrisches Ich. Ich war betrunken. Vielleicht hätte ich mich gerne in Vladi verliebt, aber das passierte leider nie. Dies war meine letzte Begegnung mit Tarkowski. Und gestern in Bern, sah ich mir endlich “den Spiegel” (Зеркало) an.

spiegel_andrei_tarkowski

Frei nach dem Motto “mehr ist mehr” und um mich einzustimmen, zog ich mir auch gleich den Vortrag des Filmemachers und Dozenten für Filmtheorie Fred van der Kooij rein, der für den Laien (ich) und Kenner (wahrscheinlich die anderen zwanzig) Tarkowskis Schaffen, Motive und Geschichte anhand verpixelter Fimausschnitte zusammenfasste. Das war besser als es jetzt klingt und bereitete mich zumindest darauf vor, mich anderthalb Stunden völlig von meinem vom Erzählkino geprägten Sehen zu lösen.

Grosses Erlebniskino

Wer es schafft, die gewohnte Logik über Bord zu werfen (das gelang mir immerhin nach gefühlten 20 Minuten), dem öffnet “der Spiegel” ein Tor zu Unter-, Über- und Zwischenwelten. Eine Assoziationsreise in Traumwelten, in die Tiefe individueller und kollektiver Erinnerung, in Zeitgeschichte und die eigenen Abgründe, ohne Rücksicht auf Zeitebenen und Stringenz, beginnt.

Ich wage zu behaupten, das es sich lohnt, sich um die Feiertage eine Dosis Tarkowski zu verordnen. Auch wer kein Filmfreak ist, wird daran gefallen finden, sich plattwalzen zu lassen von der Bildgewalt Tarkowskis. Und das geht halt nicht beim Streamen. 

Die Reihe Retrospektive Andrei Tarkowski läuft noch bis Anfangs Januar 2016 im Kino Rex Bern.

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