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Bücherkiste: Do No Harm

Roland Fischer am Freitag den 20. November 2015

Wieder mal ein Fall für die Titelpolizei: Warum das subtile «Do No Harm» so dramatisch und plump zu «Um Leben und Tod» machen? Wenn Henry Marsh, ein bald pensionierter Londoner Neurochirurg, aus seinem Berufsalltag erzählt, aus seinem Leben und von den Konflikten, die sich aus dem einen bzw. dem anderen ergeben, dann geht es immer um die Kluft zwischen der guten ärztlichen Absicht und dem teilweise katastrophalen Resultat. Und um die Zerrissenheit, die diese Tatsache für den Chirurgen bedeutet.

«You can’t stay pleased with yourself for long in neurosurgery», my colleague said. «There’s always another disaster waiting round the corner.»

brainscan

Sehr ehrlich und sehr berührend geschrieben ist das, ein ungeschönter Einblick in das Gelingen und eben auch das Versagen moderner Medizin – und den Mut, das Versagen zu wagen. So wünscht man sich die Reflexion über die ärztliche Zunft und ihr allerhöchstens halbgöttliches Tun. Gut, manchmal kratzt Marshs Schreibe ziemlich scharf an der Eitelkeit vorbei, weil er genau weiss, dass er erstens gut schreiben kann und zweitens einen der dramatischsten Berufe hat, die unsere durchregulierte Welt zu bieten hat – eine hochoffizielle Borderline-Existenz. Aber wenn er dann eine weitere rührende oder abgrundtief elende Geschichte zum besten gibt, ist das rasch wieder verziehen. Würden doch alle Ärzte so offen zu ihren Fehlern stehen. Und wären sie doch alle so gute Erzähler!

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