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Zweckmässiges Entfremden

Roland Fischer am Freitag den 30. Oktober 2015

Morgen also wieder Demo. Gegen die Ballenbernisierung der Stadt. Und erst noch gereimt.

Eine Stadt, in der Kinder nicht mehr spielen / Fans nicht mehr jubeln / Nachtgänger nicht mehr lachen / ihr nicht mehr atmen dürft, ist uns ein Graus. Deshalb treiben wir die bösen Geister zur Stadt hinaus.

Ja, diese Stadt hat ein Problem, wenn ein Leist-Präsident unwidersprochen so einen Quark erzählen und damit erst noch bei den Behörden punkten kann:

Als Nachtleben-Verhinderer sieht sich Hell wegen der Einsprachen nicht: «Wir sind nicht grundsätzlich gegen Clubs, die Bedürfnisse der Quartierbewohner dürfen aber nicht zu kurz kommen.»

Paraphrasiert: «Wir sind nicht grundsätzlich gegen ein städtisches Leben, aber wichtiger sind die Bedürfnisse derer, die eigentlich lieber auf dem Land leben würden, aber doch die Nähe zu Loeb, Bahnhof und Marzilibad schätzen.»

Gestern abend konnte man sich einen kleinen Überblick verschaffen, wohin das führt, wenn man die Stadt als Bedürfnisanstalt des kleinen Mannes sieht. Kultur und Nachtleben finden dann immer noch statt, bloss an ungewohnten Orten und immer nur vorübergehend, bis zur nächsten Einsprachefrist, sozusagen. Nachtleben als Katz- und Mausspiel. Ganz passend pflegt das Naturhistorische Museum das schon seit längerem sehr erfolgreich, mit der Bar der toten Tiere zum Beispiel. Gestern hatte das Museum eine Bühne unter dem Finnwal aufgebaut für ein kunterbuntes Spoken Word-Potpourri, mit Fitzgerald & Rimini, Gülsha und Hazel Brugger. Gleiches Genre zwar, aber sehr verschiedene Varianten von Textvortrag waren das, vielleicht ein wenig zu verschiedene – die einzelnen Beiträge fanden nicht so recht zu einem Ganzen zusammen.

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Danach ging’s noch weiter zum Cosmic Tiger im Monbijou, wo sich für ein paar Wochen ein Plattenladen eingenistet hat und DJ’s die Ware jeweils auch gleich zum Klingen bringen (und dabei gern auch lustige Hüte aufsetzen). Und zum Schluss landete man dann noch im Kino Rex, wo Dr. Mo im Saal die Basslautsprecher testete dass draussen die Türen vibrierten. In der Bar kommt man auch in Zukunft gern öfter vorbei, zum Beispiel wenn ein Ex-KSB-Mitglied seine Lieblingsplatten spielt.

Also: Die Kultur findet ihre Nischen. Eine Lösung für die Nachtlebenmisere können solche Initiativen allerdings nicht sein, da braucht es zumindest ein bisschen politischen Willen. Vielleicht kann dem ja morgen ein wenig nachgeholfen werden – lasst es chesslen!

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