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5 Thesen zum Theater der Zukunft

Miko Hucko am Freitag den 26. Juni 2015

Ich bin eine von 12 Co-Autor_innen dieser Thesen, die im Rahmen der Schillertage Mannheim enstanden sind. Wir freuen uns alle über Kritik und Diskussionen zum Thema, liebe Berner Theaterschaffende!

I.
Theater ist das dialektische Andere, das dem Internet immer noch fehlt. Theater ist der Mensch als Körper. Internet ist der Mensch als Text. Das Theater der Zukunft eignet sich die offene und vernetzte Struktur des Internets an.

Theater wirft den Menschen auf seine Körperlichkeit zurück und öffnet dadurch einen Raum, in dem andere Welten möglich und erlebbar werden. Theater macht Lebensrealitäten erfahrbar und stellt Solidarität her. So kann es das Gegenmodell zum Prinzip der Vereinzelung auf dem freien Markt sein: Weil Theater der Ort ist, an dem durch Kopräsenz Gemeinschaften gebildet werden können.

Theater ist unberechenbar and should embrace imperfection.

II.
Die Bühne als Benutzeroberfläche: Die Bühne der Zukunft ist losgelöst von Architektur und Institution zu denken. Theaterbauten, die Schlösser des Bürgertums, werden in der Netzgesellschaft um dezentrale Schauplätze erweitert. Das Theater der Zukunft schafft neue Bühnen, die sich als Rahmung von Was-Wäre-Wenn-Konstruktionen verstehen. Es sucht das Potential von Stadt und Land, von Hinterhof und Internet als Spielräume. Das Theater der Zukunft interessiert sich weniger für das Zeigen und Vorspielen, als für das Ineinandergreifen und Durchspielen.

Die Bühne der Zukunft nimmt die Herausforderung der zunehmenden Gleichzeitigkeit in der Netzgesellschaft dankend an.

 

III.
Theater generiert neue Öffentlichkeiten und integriert bereits bestehende.

Öffentlichkeit ist Bedingung und Plattform für gesellschaftliche und politische Diskurse. Unterschiedliche Theaterformate adressieren unterschiedliche Öffentlichkeiten.

Theater eröffnet Möglichkeiten des Austauschs verschiedener Generationen, sozialer Milieus, Interessengruppen, Religionsangehöriger und ethnischer Gruppen.

 

IV.
Der künstlerische Prozess wird demystifiziert und dadurch zugänglich für die Öffentlichkeit, die sich immer mehr berechtigt fühlt, an der Kunst teilzuhaben: Es entstehen Osmosen zwischen Theaterschaffenden und ihrer Umwelt sowie unterschiedlichsten Kunstformen.

Der Begriff der Autor*innenschaft erweitert sich. Viele Formen können parallel existieren. Gleichzeitig differenziert sich der Künstler*innen-Begriff aus: Zuschauende werden zu Akteur*innen, Schauspielende zu Autor*innen. Hierarchische Strukturen verändern sich hin zu kollaborativen Arbeitsweisen.

Die „geschlossene Gesellschaft“ des Theaters öffnet sich für Kommunikation und Dialog.

 

V.
Welche Haltungen erfordert das Theater der Zukunft?

Selbstverpflichtung zur Mündigkeit
jede*r Beteiligte hat die Pflicht sich und Andere im Produktions- wie im Rezeptionsprozess als handelndes und erkennenden Subjekt zu begreifen

Selbstverpflichtung zur Courage
empfundene Missstände müssen ohne Rücksicht auf ökonomische, persönliche oder ästhetische Folgen veröffentlicht werden

Selbstverpflichtung zum Respekt
ehrliche Auseinandersetzung mit Subjektivität, Themenzugang und Komplexität

Selbstverpflichtung zum Austausch

Selbstverpflichtung zur Befreiung von konventioneller Einschreibung
größtmögliche Freiheit im Umgang mit räumlicher, zeitlicher und medialer Anordnung – form follows content

 

Mannheim, 19. Juni 2015

Sitsofe Azoma, Anne Hübner, Miko Hucko, Kathia von Roth, Isa Pietsch, Elena v. Liebenstein, Julia Herbrik, Verena Wössner, Esther Slevogt, Corinna Hirrle, Johanna Benrath, Josephine Algieri und Chris_Tiane

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