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Safari in bewegter Landschaft

Roland Fischer am Donnerstag den 18. Juni 2015

Lyrik: interessiert niemanden? Stimmt ja gar nicht, der Kairo-Keller war sehr gut gefüllt gestern, zur Taufe von Martin Bieris Gedichtband «Europa, Tektonik des Kapitals», zu der er sich noch ein wenig Verstärkung hinzugebeten hatte, von drei weiteren Berner Ge-Dichtern, Rolf Hermann, Raphael Urweider und Gerhard Meister.

lyriker

Hermann war dann so freundlich, auch gleich noch eine Definition von Lyrik zu versuchen – er werde ja oft gefragt, was ein Gedicht eigentlich sei, und da sage er jeweils: es sei ein wenig wie ein Reh. Man wusste nicht so recht, wie er es meinte – scheu und meist im Unterholz unterwegs, und wenn es sich mal auf eine Lichtung hinauswagt passiert es leicht, dass es totgeschossen wird? Aber ja, vielleicht müsste man tatsächlich ein wenig auf die Pirsch gehen, mit entsprechender Vorsicht und Geduld, wenn man gute Lyrik finden möchte.

Die Herren gestern wollten das Publikum indessen lieber gut unterhalten wissen als es ein wenig auf die Probe zu stellen. Manchmal wurde das dann ein wenig zur Safari, was schade um die tollen Texte war. Bieri kümmerte sich übrigens am wenigstens um den Unterhaltungswert – eine Haltung, die er schon als Dramaturg von Schauplatz International souverän vertreten hatte und die er nun als Lyriker formvollendet auf den Punkt bringt. Was eindeutig als Kaufempfehlung zu verstehen ist. Wenn man die Mühe des Lesens nicht scheut, wird man sich mit diesen weite Räume öffnenden Texten wunderbar unterhalten. Aber man muss schon selbst was dazu tun.

hier ein Muster:

Paris

Nach einem starren Winter
legt sich nun dein Blick wieder
über die bewegte Landschaft.

Was im Sommer stumpf sein wird,
Stunden ohne Sinn, ist jetzt
ein frühes Versprechen.

Flaches Licht fällt darauf.
Du sitzt am Fenster, gebannt
von dieser Freiheit draußen.

Kein Ernst, es ist noch nicht die
große Tour, es ist der Frühling,
wenn auch erst in Nizza.

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