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Kopfweh in 3D oder: Adieu Godard

Milena Krstic am Samstag den 14. Februar 2015

Wir haben uns gefreut auf «Adieu au langage», den neuen Film von Jean-Luc Godard, der ja eigentlich immer Werke vollbringt, die einem ratlos dastehen und an der eigenen Intelligenz zweifeln lassen. Aber diesmal war ich mir sicher, dass ich alles verstanden hatte, indem ich nämlich nichts kapierte. Die Ernüchterung und die Kopfschmerzen setzten früh ein, und ich ärgerte mich, dass ich Godard dafür bezahlt hatte, mich mit seiner 3D-Kino-Bastelei zu quälen.

Küre fand:
«Jean-Luc hat einen neuen Film gemacht! Das ist eine weitere Gelegenheit, zu sagen, was für eine bedeutende Figur Godard für das Kino ist. Natürlich ist er das. Deshalb kann auch sein neuer Film nichts anderes sein als ein Meisterwerk, das seinen Triumphzug durch die Kinogeschichte fortsetzt. Die Kameraarbeit in «Adieu au langage» ist bestechend. Ein 3D-Erlebnis mit Kopfschmerzgarantie. Als müsste der alte Herr seinen Zeuginnen und Zeugen mit aller Wucht klar machen, dass er noch immer existiert. Darum geht es meines Erachtens nämlich: um das Scheissen und die Angst vor dem Tod. Betrifft uns alle.

Vielleicht ist AH! DIEUX! auch eine Art Frankenstein: Godard’s Hirn wurde in ein Monster gepflanzt, das uns Fragmente auf die Leinwand wirft, die so wenig miteinander zu tun haben, wie die Sprachspiele Aufschluss geben könnten, was das Ganze soll. Aus der gütigen Perspektive beschrieben:Die Summe aller Teile ist mehr als das Ganze. Aber diese Teile untersuchen gar nichts. Sie wollen dir die Augen ausstechen!

Ich habe nichts gegen das Anti-Sein (Zitat aus dem Film: «Ich bin gekommen, um nein zusagen» – mir wird warm ums Herz) und ich liebe gute Essayfilme. Was mich hier stört, ist das grossgekotzte Getue, die klugen Zitate, das ständige Verweisen auf andere grosse Denker und Künstler (und Mary Shelley). Es ist eine Flucht. Natürlich eine Flucht vor dem Tod. Es ist das Sich-selbst-Einreihen in die Geschichte eines bereits Eingereihten.

Was habe ich von GODards Flucht vor dem Tod? Warum zeig er mir den Genfersee und Smartphones, die mit Büchern verglichen werden, oder den Wald, der zeitweise Schamhaar ist und plötzlich gerodet wird (schade, sagt der Mann dann zur Frau) oder die tollen Zwischentitel, die gar keine Kapitel ankündigen, sondern einfach Zwischentitel sind? Weil bei der Themenwahl nichts nicht dazu gehört. Deshalb ist es unmöglich, den Film zu zerreissen, AH! er ist schon zerrissen, LANGAGE! 

Das ist super und trotzdem ein elendes Gewixxe. Und käme dieser Film aus der Hand einer jungen Filmemacherin, kurz nach dem Studium, keine Sau würds interessieren. Eine Jury würde sagen: ‘Sorry gäu, di Fium hett ja es paar schöni Ideä drinn, aber hey, das chame jtz würklech niemerem atue. Dänk dra: SIMPLICITY, gäu! Weisch, ds Guete isch immer eifach.’»

Der Film läuft noch bis am Dienstag, 3. März, im Kino Kunstmuseum. Ausserdem wird dort am 22. Februar zwecks eines Godard-Specials der Film «Nouvelle Vague» gezeigt.

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5 Kommentare zu “Kopfweh in 3D oder: Adieu Godard”

  1. Miko Hucko sagt:

    sehr schön gesagt. das zeigt wieder einmal, dass es eben drauf ankommt, wer spricht.

  2. Nebelle sagt:

    Ich weiss ja nicht genau, wer der oben erwähnte “Küre” ist, und ob er überhaupt eine Existenz ausserhalb des Internets führt…
    Auf jeden Fall kann man eine grobe Respektlosigkeit wie die ihrige nicht einfach so stehen lassen, lieber Küre; meine Frage an sie: Haben sie je in ihrem Leben (geistig oder körperlich) gearbeitet, und zwar über 10, 20, 30 Jahre im selben Metier? Wissen sie noch, was es bedeuten könnte, sein Leben mit Leidenschaft einer Kunst zu opfern, und dafür auf einiges zu verzichten? Ich glaube nicht. Denn dann wüssten sie, dass dieser Film Teil eines Lebenswerks ist, und Godard hier Ideen, Bilder auftischt, die ihn schon lange beschäftigen.

    Vorschlag: Kämpfen sie erst einmal ca.10 Jahre lang für eine Idee wie den Marxismus (oder den Katholizismus) und dessen Realisierung in der heutigen Zeit, dann können sie hier weiterbloggen.
    Sehen sie sich bitte erst einmal ein paar Dutzend grosse Filme (Godard, Antonioni, Pasolini…) an, und hinterlassen dann bitte einen angemessenen Kommentar, okay?
    Was “die Leute” interessiert, scheinen sie ja ganz genau zu wissen, lieber Küre, und sie lesen auch artig die Kommentare anderer Leute über Godard, weil sie sich selber kein Bild von ihm machen können; das find ich schon etwas faul…
    “Adieu au langage” ist in meinen Augen nicht zuletzt ein schöner, durchdachter und mutiger Film über das Wunder des Lebens, des Mannes, der Frau, der Beziehungen zwischen ihnen und des Hund- Seins. Und zwar kurz bevor diese Dinge ihren Sinn und ihre Bedeutung in der heutigen post-postmodernen Welt gänzlich verlieren.
    P.S. “Gewixxe” schreibt man korrekt: “Gewichse”.

  3. Miko Hucko sagt:

    Liebe/r Nebelle
    es geht doch hier gar nicht um den Küre (und ist es nicht egal, ob er existiert oder nicht?). Sondern darum, dass Sie diesen Film, den ich übrigens nicht gesehen habe, beurteilen aufgrund dessen, WER ihn gemacht hat. also aufgrund des Kontextes. und dass Krstic und Küre eben sagen, dass dieser Film ohne Kontext scheinbar einfach nicht funktioniert. und alles, was Sie in diesem Kommentar hier machen, ist: weiterhin Kontext hinzufügen.

    P.S: Ich bin froh, ist die Postmoderne endlich vorbei. denn in ihr konnte der dialektische Materialismus nicht wirklich Fuss fassen — aber dazu gerne anderswo, ein andermal. und ja, auch junge Künstler_innen können opfern und für Ideen kämpfen, dafür muss mensch nicht im Pensionsalter sein.

  4. erük sagt:

    NE TRAVAILLEZ JAMAIS

  5. Sebastian sagt:

    Sehr guter Artikel und ich hab mir auch die Kommentare angeschaut – wow hat Mike Hucko recht, auch ich bin so froh dass die Postmoderne endlich vorbei ist….