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Bücherkiste: «All diese Narben, da und da»

Oliver Roth am Mittwoch den 14. Januar 2015

838d6f9fe1Silvan Niedermeier hat eine zugängliche und gut ausgearbeitete Studie zur Polizeifolter im Süden der USA geschrieben. Er geht von der These aus, dass die Lynchgewalt in den Südstaaten der 1930er Jahren durch die institutionalisierte Polizeifolter abgelöst wurde. Die Lynchpraxis lief ungefähr nach folgendem Schema ab: Ein wütender Mob holte sich die eines Verbrechens beschuldigten African Americans aus dem Gefängnis und richtete sie in einem öffentlichen Spektakel hin. Dieses zivile Vorgehen wurde durch die staatliche und mehrheitlich verborgene Praxis der Folter abgelöst: Die afroamerikanischen Beschuldigten (ja, mehrheitlich Männer) wurden nun von Polizisten verhaftet und dadurch vor der wütenden Menge geschützt. Allerdings folterte die Polizei die Beschuldigten so lange, bis sie ihre Tat, die sie offensichtlich meistens nicht verübt hatten, gestanden und sie schliesslich – ganz gleich ob geständig oder nicht – vom Gericht zum Tode verurteilt wurden.

Anhand von vielen Zeitungsberichten und Gerichtsprotokollen zeichnet Niedermeier eine süffig geschriebene Geschichte der Gewalt, des Rassismus und der Bürgerrechte, die besonders die Aspekte der Sichtbarmachung sowie der Inszenierung und Performanz der Folter betont.

Beispielsweise wird deutlich wie der 1938 wegen eines Raubüberfalls auf zwei Krankenschwestern mutmasslich beschuldigte Dave Canty vor Gericht mit verschiedenen kommunikativen Strategien versuchte, sich zu verteidigen. Er zeigte vor Gericht seine Folterwunden, führte mit Gesten vor, wie er misshandelt wurde und beschrieb detailreich die Vorgänge seiner Folter. Das Gerichtsverfahren wurde somit zu einem kommunikativ umkämpften Gebiet, indem Canty eine „Form des subalternen Gegen-Sprechens“ ausübte. In diesem widerständigen Verhalten vor Gericht lassen sich historische Wurzeln für die Inszenierung der schwarzen Widerstandsbewegung in den USA finden.

Foto 2 KopieMit weiteren anschaulichen Beispielen beschreibt Niedermeier die fundamentale und strukturelle Benachteiligung der African Americans , die sich bisweilen (leider?!) wie ein Krimi liest. Er leistet einen mit vielen Quellen ausgearbeiteten Beitrag zur amerikanischen Geschichte der Südstaaten, sowie zur Geschichte der Gewalt und deren Inszenierung und Sichtbarmachung. Der Autor betont in seinem Resümee der Studie wie diese Geschichte bis in die unmittelbare Gegenwart unserer Zeit führt: „Die Praxis der Folter in den USA des späten 20. Jahrhunderts knüpft an andere Formen illegaler Polizeigewalt – wie unrechtmäßige Festnahmen, willkürliche Misshandlungen und rechtswidrige Erschießungen – an, die im amerikanischen Polizeiwesen bis heute weit verbreitet sind.“

Silvan Niedermeier: Rassismus und Bürgerrechte. Polizeifolter im Süden der USA. 1930-1955. (Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts) Hamburg 2014.

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