Logo

Alleinsein mit der Wand

Oliver Roth am Freitag den 28. November 2014

Jetzt ist es kalt draussen und das Weihnachtsgeschäft mit den Büchern beginnt. Wer sich weder mit einem Rückzug aus der Zivilisation gegen den Buchmarkt auflehnen, noch mit der Lektüre verstaubter Texte den neusten Büchertrends widersprechen möchte, dem oder der ist ein Buch empfohlen, das gleich beide Absichten erfüllt:

Marlen Haushofers Roman Die Wand von 1963. Mit dem Kauf erwirbt man nicht nur einen modern day classic, sondern kann mit der Lektüre aus der sicheren Distanz der warmen Stube auch am Leben in der einsamen Natur teilhaben und jeglichen zivilisatorischen Problemen entfliehen.

Die-WandDie namenlose Ich-Erzählerin findet sich, zu Besuch in der Jagdhütte ihrer Cousine und ihrem Mann, eines Morgens von der Aussenwelt abgetrennt hinter einer gläsernen Wand wieder. Dahinter scheint jegliches Leben versteinert zu sein. Aber um die Wand, die uns als ungeheuerliche Tatsache erscheint und die es eigentlich nicht geben darf, geht es im Folgenden gar nicht.

In sprachlich reduzierten Beschreibungen berichtet die Erzählerin von ihrem Leben in der voralpinen Jagdhütte. Gemeinsam mit dem Hund Luchs, einer Kuh und einer Katze schlägt sie sich selbstversorgend durch, um zu überleben. Eine existenzielle Erfahrung. Ihr Alltag ist geprägt vom Heuen, Stallausmisten, Melken, Feldarbeit und Erkundungen in das von der Wand abgetrennte Berg-Tal. Und von ihrer Gedankenwelt, die sie mit niemandem teilen kann. Ihr Rhythmus richtet sich nach der Witterung und den Jahreszeiten. Auf unaufgeregte Weise wird der einsamen Frau und auch den Lesenden klar, wie sehr wir uns von einem Leben im Einklang mit der Natur entfremdet haben. Und auch von uns selbst? Beispielsweise, wenn die Erzählerin davon berichtet, was die menschlichen Hände eigentlich für wunderbare Werkzeuge sind.

Am ersten Weihnachtstag, den die Erzählerin nach fast einem Jahr in ihrer Hütte verbringt, schafft sie es, sich mit ihrer Situation als letzter Mensch auf der Welt zu versöhnen. Ein beinahe revolutionärer weihnächtlicher Gedanke.

PS: Der Roman wurde 2012 von Julian Pösler verfilmt.

« Zur Übersicht

Ein Kommentar zu “Alleinsein mit der Wand”

  1. Miko Hucko sagt:

    wie der Zufall so will, habe ich das Buch auch kürzlich gelesen. ich war ehrlich gesagt vom letzten Drittel etwas enttäuscht, weil durchwegs eine Erwartung auf ein erschütterndes Ereignis geschürt wird, dass dann an sich sehr klein ausfällt. (SPOILERALERT) aber dass die Wand am Schluss eben nicht fällt, finde ich doch ziemlich geil.