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Eine andere Welt ist möglich

Christian Zellweger am Donnerstag den 14. August 2014

Es ist wahrlich ein Lesesommer, wenn auch eher im Ohrensessel als auf dem Strandtuch. Auch im Häuschen im Wallis lässt sich ganz gut lesen (obwohl da das Wetter sogar Ausflüge auf Bergspitzen und Gebirgsgrate erlaubte, in der letzten Woche). Meine Lektüre für den wachen Kopf zu den müden Beinen war Der Innerschweizer, der Debut-Roman von Urs Zürcher.
innerschweizer

Der ist intelligent-vergnügliche Unterhaltung und ein gigantisches Spiel mit der Schweizer- und der Welt-Geschichte der 80er-Jahre. Bei Zürcher bleibt der Kalte Krieg keineswegs kalt, sondern mündet geradewegs in einen Dritten Weltkrieg, in ein Basel, das von den Russen besetzt gehalten wird, eine geteilte Schweiz. Direkt Schuld daran trägt die Basler WG, in die der Innerschweizer Urs (der Autor besteht darauf, dass bis auf Name und Herkunft keine Parallelen zu seinem Protagonisten bestünden) für sein Studium zieht.

Zu Beginn, Anfang 1979, ist auch bei Zürcher die Welt ganz in Ordnung, akribisch bis aufs tatsächliche Wetter zeichnet er den geschichtlichen Hintergrund für die WG-Soap aus der Sicht eines naiven Landeis. zürhcerWir lesen Urs’ Tagebuch, verfolgen, wie sich die linksrevolutionäre WG nach und nach radikalisiert. Und man entdeckt immer mehr kleine Fehler in der Weltgeschichte, bis zum grossen Knall: Bei einem Anschlag der Gruppe aus Leuten der WG, der eigentlich einem Schweizer Militärlastwagen gegolten hätte, kommt der höchste russische Spion im Lande zu Tode…und die Russen beginnen ihren Marsch in Richtung Westen. Basel wird zur Garnisonsstadt. Wie sich die Attentäter durch den Krieg stehlen, ist dann alles andere als antikapitalistisch, und wie sich der Protagonist nach dem Krieg durchs Leben schlägt, liest sich ganz anders als die Stimme des Jünglings zu Buchbeginn. Aber: Lesen Sie selbst.

Es wird Ihnen leicht fallen, trotz der Dicke des Buches, denn dem Sog der Tagebuch-Form entzieht man sich nur schwer. Ein schönes Sommer-Buch also, auch wenn der ohne Sonnenbrand vergehen sollte.

Übrigens: Ergänzt wird das Tagebuch von korrigierenden Anmerkungen eines Staats-Spitzels, der die WG in ihrer Basler Zeit überwacht haben will. Von ihm soll der Autor das editierte Tagebuch dann auch zugespielt bekommen haben, behauptet der. Diese Anmerkungen untergraben nicht nur die Verlässlichkeit des Tagebuchschreibers und seiner Notizen, sie lassen in Zeiten von neuen Überwachungsskandalen auch ein ganz schön ungutes Gefühl zurück.

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