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AUA Daily Blog (8): You are alone, we are not your friends

Christian Zellweger am Freitag den 16. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Jedes Mal, wenn ich die Nachrichten lese, denke ich an das Theater und jedes Mal, wenn ich ein Theaterstück sehe, denke ich an die Nachrichten.

Dieser Prozess nimmt bei AUAWIRLEBEN 2014 angesichts der präsentierten Darbietungen und in Bezug auf was Nicolette Kretz bei der Eröffnung sagte, eine andere, tiefere, vielleicht noch mehr mit den Geschehnissen auf der Welt verbundene Dimension ein. Sie stellte Fragen wie: Wen kümmert es? Wer entscheidet? Was ist privat und was ist öffentlich? …zurück zum Motto des Festivals OF PUBLIC INTEREST und zum Begriff des Big Brother: Ich finde zwischen all diesen Elementen eine tiefe Verbindung.

Ich, als Syrer, der heute ein Theaterfestival in Bern besucht, in welchem die meisten Darbietungen europäisch sind, finde in all diesen Darbietungen etwas, das mich interessiert, und ich habe das Gefühl, dass es trotz der unterschiedlichen Details und Ereignisse um die gleiche Sache, das gleiche Anliegen und um die gleiche Gefahr geht. Meine Überzeugung wird bestärkt, dass Kunst das Sicherheitsventil der Menschheit und dass das Theater der Weltdemonstrationsplatz ist, welcher alle Verweigerer, Liebhaber und Verrückte zusammenbringt.

Was sich aus dem Vergleich zwischen dem auf der Theaterbühne und dem in den Nachrichten präsentierten Inhalt ergibt, empfinde ich als keinen Zufall. AUAWIRLEBEN umfasst heute zwei Darbietungen. Der Titel der ersten lautet «You are not alone» und der zweiten «We are your friends». Aus irgendeinem Grund spüre ich jedes Mal ein beklemmendes Gfühl, wenn ich diese zwei Titel im Programm lese. Ich empfinde sie als speziell an mich gerichtet. Ich spüre, dass sie eine grosse Portion Ironie der schmerzhaften Sorte beinhalten.

Aus irgendeinem Grund lese ich die zwei Titel als «You are alone, we are not your friends». Ich erinnere mich an das Gefühl des Syrers, der auf jedem Flecken der Erde im Stich gelassenen wurde. Ich erinnere mich an meine syrischen Freunde, die sich in alle Weltgegenden verstreut haben… Ich erinnere mich und erinnere mich.

Aber vielleicht genügt es, die Gesichter des Publikums am Ende beider Vorstellungen anzuschauen, um zu realisieren, «You are not alone, we are your friends».

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

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