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AUA Daily Blog (7): Drei Geschichten ohne Bedeutung

Christian Zellweger am Donnerstag den 15. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Ein Traum
Es ist nicht so klar, wie der Ort aussieht, jedoch ist es höchstwahrscheinlich ein Garten. Dieser Garten ist meistens voll nassem Gras. Es scheint mir, dass es der Garten meines Grossvaters im Dorf Kafr Yachmoul in Idlib ist. Manchmal scheint es mir auch, dass das Dorf Kafr Yachmoul die einzige Wahrheit der Welt ist. An diesem Ort finde ich mich allein wieder, umgeben von einer riesigen Menge von Vögeln verschiedener Grössen und Arten. Ich versuche, keinen Ton zu erzeugen, damit ich die Vögel nicht erschrecke und vor mir fliehen lasse. Der Wunsch, sie zu berühren, überkommt mich. Ich nähere mich leise einem grossen Vogel. Ich merke, dass er keine Angst hat. So wird mein Mut grösser. Ich berühre ihn vorsichtig. Er flieht nicht. Der Vogel hat keine Angst vor mir. Ich spüre eine seltene Freude. Ich beschliesse, ihn zu packen… Ich erwache.

Seit 33 Jahren sehe ich diesen Traum mindestens einmal pro Jahr.

Ein Taxifahrer
In Beirut nimmt die syrische Schriftstellerin und Opponentin Dima ein Taxi mit anderen Fahrgästen. Das Radio verbreitet eine Nachricht über den Tod eines Korrespondenten des Kanals Al-Manar (des Kanals der Hisbollah, welche das syrische Regime unterstützt) in Syrien. Dima gibt einen Kommentar ab, welcher dem der Hisbollah angehörenden Taxifahrer nicht passt. Er dreht sich zu Dima um, ohrfeigt sie, schlägt sie mit der Faust, beschimpft sie und wirft sie aus dem Taxi hinaus, während alle zuschauen.

Jedes Mal, wenn ich die Nachricht über den Vorfall von Dima lese, erinnere ich mich daran, wie oft ich so tat, als könne ich nicht Arabisch, wenn ich mich in einem Taxi in Beirut befand.

Ein Spatz
Ich sitze glücklich, da ich einen Falafel-Sandwich gekauft habe, in irgendeinem Garten in Bern. Ich fange an zu essen. Der Geschmack des Falafels stillt meinen Hunger und meine Sehnsucht nach Damaskus. Ein Stück Brot fällt auf den Boden. Die Spatzen versammeln sich, um daran teilzuhaben. Ich werfe ein weiteres Stück näher bei mir hin. Die Spatzen nähern sich mir, um sich ihren Anteil am Brot zu nehmen. Vorsichtig werfe ich noch ein Stück auf meinen Fuss. Ein Spatz landet auf meinem Fuss und ergattert das Brotstück. Ich spüre eine seltene Freude. Ich unternehme nichts, um ihn zu fassen… Ich erwache nicht.

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

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