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AUA Daily Blog (6): Der himmelblaue Speck – ein verrücktes Theaterspiel über eine verrückte Welt

Christian Zellweger am Dienstag den 13. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Es ist wirklich seltsam, über eine auf Deutsch gesprochene Theatervorstellung zu schreiben, zumal ich die deutsche Sprache nicht kenne. Ich tue es trotzdem, weil mir die Vorstellung «Der himmelblaue Speck» sowie das Ensemble gefallen haben. Die positive Energie, welche das Werk generiert hat, inspirierte mich.

Ich lernte das Ensemble während den Proben kennen. Die Stimmung war so entspannt, dass jeder Student das Beste gab. Unter der Leitung von Dirk Vittinghoff glichen die Proben eher einem Workshop. Und obwohl alle das Beste gaben, war Vitti nicht immer zufrieden und sagte wiederholt, «Tempo, Tempo, Tempo».

Sie erläuterten mir die Handlung der Vorstellung «Der himmelblaue Speck» aus dem Roman des russischen Autors Vladimir Sorokin. Es ist die Geschichte des blauen Schweinefetts, welches das Wesen der Kultur darstellt, und welches von Hitler gegessen wurde, worauf die Welt explodierte. Die Handlung ist ausserordentlich seltsam. Sie ruft jedoch zeitgenössische Fragen über die Präsenz der Kultur in zeitgenössischen Gesellschaften hervor, welche von Geld und Krieg dominiert werden.

Die Studenten erzählten mir, wie sie vom Theaterstück auf professioneller Ebene bezüglich der Beziehung des Schauspielers zur Puppe beeinflusst wurden, wie sie beim Aufbau des Textes zusammengearbeitet haben, und wie sie selber die Puppen mit der Unterstützung von Priska Praxmarer entworfen haben. Überraschend für mich war, zu erfahren, dass es ihre erste Arbeitserfahrung mit Puppen war, da sie mir erfahren in diesem Bereich schienen. Ferner erzählten sie mir von der Schaffung von Verknüpfungen zwischen dem Privatleben jedes Einzelnen und dem Theaterstück.

Mit Leidenschaft werden die Proben fortgesetzt und Vitti fährt fort, «Tempo, Tempo, Tempo» zu wiederholen.

Am Tag vor der Vorstellung erzählte mir Vitti von seiner Wertschätzung gegenüber den Schülern und seiner Trauer darüber, dass für ihn dieses Experiment nun zu Ende war. «Meine Rolle ist abgeschlossen… Es ist nun ihre Vorstellung.» …er war zufrieden, stolz und traurig.

Ich verfolgte die Vorstellung mit Begeisterung, als ob ich die deutsche Sprache verstehen würde. Es erstaunte mich, dass der Aufbau der Vorstellung demjenigen eines Albtraums ähnelte. Es gab weder einen logischen Zusammenhang unter den Teilstücken noch einen klaren Rahmen für die Ereignisse. Es ist das höchste Mass an Fantasie, entsprechend dem Aufbau eines Albtraums. Dieser Aufbau ist meiner Meinung nach der passendste für “Der himmelblaue Speck». Es handelt sich um ein Theaterstück, das einen Albtraum thematisiert, den die Menschheit erlebt. Es ist ein verrücktes Theaterstück über eine verrückte Welt.
Während der Vorstellung sagte Vitti nicht mehr «Tempo, Tempo, Tempo» und trotzdem hörte ich es ständig.

Mir persönlich brachte diese Erfahrung viel. Wohl das Wichtigste ist meine Freundschaft zum Ensemble von «Der himmelblaue Speck». Ich bin stolz auf sie alle.

Der Ruf von Vitti, «Tempo, Tempo, Tempo» wird stets in meinem Kopf bleiben.

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

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