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AUA Daily Blog (5): Die Antwort ist, dass du ein Fisch werden sollst… – Garry Davis

Christian Zellweger am Montag den 12. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Ein Welt-Reisepass… Ein neues Gebiet jenseits der Grenze suchen… Die Frage nach dem Ort… Nach der Weltbürgerschaft… Nach dem Menschen. Garry Davis zeigte eine mutige Theatervorstellung. Er stellte die Frage: Gibt es ein neues Gebiet? Die Frage beherrscht mich. Ich erinnere mich, wie sehr ich letztes Jahr gelitten habe, um das Schengen-Einreisevisum zu erhalten, um über das Thema „Verreisen oder Verbleiben“ eine Theatervorstellung in Berlin zu präsentieren.

Die Frage ist die Frage des Tages, die Frage von hier und jetzt: „Jetzt“ ist die Zeit des Krieges, und „hier“ ist die ganze Welt. Man erinnert sich an den Anfang der Vorstellung, dass es so etwas gibt wie „das Recht des Menschen auf freie Bewegung“… Ich schweife mit meinen Gedanken weit von der Vorstellung ab und erinnere mich… Hier und jetzt verschliessen sich die Grenzen der meisten Länder der Welt gegen die Syrer, die vor dem Tod auf der Flucht sind. Jenen, welche am meisten das Recht auf Bewegung benötigen, wird dies verweigert. Ihnen das Recht auf freie Bewegung zu verweigern heisst, ihnen das Leben zu verweigern.

Ich schlafe mit Mühe ein und erwache plötzlich mit der gefundenen Antwort: In der Tiefe des Meeres.

In mein Gedächtnis springen Dutzende von Bildern von kleinen Booten, gefüllt mit Immigranten, die meisten davon Syrer und Palästinenser. Jedes Boot ist mit Geschichten gefüllt. Es trägt eine Anzahl Geschichten, die seine Kapazität übersteigen. Die Geschichten sind schwerwiegend, währenddem das Boot leicht ist. Der Sturm bläst und das Boot überschägt sich mitsamt jenen, die darin sind. Und so empfängt der Meeresboden die Immigranten und ihre Geschichten.
Ich suche im Internet nach der Zahl der Syrer, die ertrunken sind und finde nichts, aber ich finde eine enorme Menge von Nachrichten über gesunkene Boote mit syrischen Immigranten.

Ich erinnere mich an eine Idee, die in der Theatervorstellung vorgekommen ist und gemäss welcher das senkrechte Reisen die neue Gegend sein könnte. Ich überlege mir: Wäre die Invasion der Tiefen nicht äquivalent zur Invasion des Weltraums?

Die Nachrichten über die mittlerweile sogenannten Boote des Todes reissen nicht ab, und trotzdem gehen die Meeresfahrten der Syrer in Booten, die kleiner sind als ihre Geschichten, weiter. Weshalb?
Was treibt dich dazu, ein Boot zu besteigen, dessen Wahrscheinlichkeit des Sinkens viel grösser ist als jene der Ankunft, wie du im Voraus weisst? Als ob die wahre Destination der Reisenden der Meeresboden wäre. Als ob das Ertrinken die letzte Wahl des Syrers wäre. Als ob er glauben würde, es gäbe ein gerechteres System im Bauch des Meeres, ein gerechteres System als jenes der sogenannte Menschenrechte, zum Beispiel die Fischrechte.

Die Fische fressen den Ertrunkenen, aber nicht seine Geschichten. Folglich können wir sagen, dass sich der Ertrunkene in einen Fisch umwandelt. Vielleicht erhält er einen für die Fische speziellen Reisepass. Es ist auch möglich, dass er überhaupt keinen Reisepass benötigt, denn es gibt am Boden der Meere keine Grenzen.

Ist möglicherweise der Meeresboden das neue Gebiet?

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

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