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AUA Daily Blog (3): Die Blumen der Zeit

Christian Zellweger am Freitag den 9. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Die Langsamkeit gibt mir eine grössere Gelegenheit, Details herauszufinden, sie zu verstehen und zu fühlen. Mit dieser Methode rechtfertige ich die schwersten, während meines Lebens an mich gerichteten Vorwürfe: Wie langsam bist du, Mudar… In Bern finde ich das passende Klima der Langsamkeit. Zur Ergänzung der Geschichte treffe ich einen syrischen Freund, welcher seit drei Jahren in Bern wohnt. Er ist Komponist. Die Musik drängt sich so sehr in die Details seines Lebens, dass sie seinen Wörtern und seinem Lächeln einen speziellen Rhythmus verleiht. Er (Hassan Taha) nimmt mich zu einer Sehenswürdigkeit in Bern (dem Rosengarten) mit.

Wir nehmen unseren Weg hinauf, unsere Atemlosigkeit verheimlichend, damit das Jugendbild erhalten bleibt, und unterwegs sagt Hassan:
– «Das Furchterregende in dieser Stadt ist, dass sie dich zu deinem eigenen Wesen zurückführt. Sie zwingt dich zur Kontemplation in deine innere Welt hinein.»
– «Was ist furchterregend dabei?»
– «Das Furchterregende ist, dass es eine Forderung ist, mit der du in Syrien nicht konfrontiert worden bist. Es ist eine reelle Prüfung deiner Fähigkeiten als Künstler und als Mensch.»

Bevor wir den Garten erreichen, heisst uns der Duft des Frühlings willkommen. Kaum hinein gekommen wird alles langsamer. Ich ergebe mich der Zeit und betrachte das Wetteifern der Blumen des Gartens mit der Farbe, dem Duft und der Form ihrer Lage unter den Zweigen.

Was Hassan sagte, ist wahr. In dieser Stadt kommen mir Angelegenheiten in den Sinn, die seit langer Zeit hängen geblieben sind und besetzen mein Herz, auf eine Entscheidung wartend, nachdem ich diese mehrmals aufgeschoben hatte. In Bern finde ich Zeit, um über das Theater, über das Schreiben und über das Liebesgefühl nachzudenken. Es scheint, dass ich in Damaskus den Lärm des Lebens dazu benutze, um Fragen aus dem Weg zu gehen, für deren Konfrontation ich keinen Mut hatte. In Bern habe ich keine Ausrede, ich muss antworten.

Mit dem Handy fotografiere ich eine Blume und sende das Bild meiner Mutter per Whatsapp. Ich schreibe ihr:
– «Das ist das Bild einer echten Blume, das ich soeben aufgenommen habe.»

Meine Mutter antwortet:
– «Hör auf zu lügen, wie du es immer tust. Diese Rose kann nicht echt sein.»

Ist es eine Frage der Zeit? Des Rhythmus einer Stadt? Was ist hier anders, dass wir Raum zur Selbstschau haben? Die Zeit? Die Ruhe? Die Schönheit? Die Ordnung? Der Wohlstand?

Was meinen die Einheimischen dieser Stadt? Finden sie auch diese Zeit, die Hassan und ich fanden? Es gibt keine Antwort, aber das Verbringen einiger Stunden im Rosengarten in Bern erübrigt eine Antwort.

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

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