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AUA Daily Blog (2): Wir brauchen den Krieg!!!

Christian Zellweger am Donnerstag den 8. Mai 2014

von Mudar Alhaggiaua200

Ich war Schüler an der Hochschule für Theaterkunst. Einmal forderte mich der Dozent auf, ein Diskussionsthema für die Schüler vorzuschlagen, um sie zu beschäftigen. Ich schrieb damals an die Tafel: «Wir brauchen den Krieg» und begründete den Satz damit, dass der Krieg uns einander näher bringen würde.

Natürlich lehne ich diese Vorstellung heute total ab, wobei ich von den Schmerzen des Krieges nur wenig erfahren habe im Vergleich zu den Schmerzen tausender Syrer – Schmerzen, von denen nicht zu erwarten ist, dass sie mit dem Ende des Krieges ebenfalls enden werden. Als Syrer, der aus dem Krieg in die Schweiz, nach Bern gekommen ist, wo Ruhe herrscht und Lächeln die Sprache ist, erinnere ich mich heute an diese Begebenheit.

Mein schweizerischer Freund sagte mir, dass es in der Schweiz seit über 150 Jahren keinen Krieg mehr gegeben hat. Ich betrachte die Stadt und mein Herz ergibt sich ihrer Sanftheit. Ich stelle die Frage: Ist diese Schönheit das Ergebnis von 150 Jahren Frieden? Ich leugne die Tatsache nicht, dass ich vor mehr als zehn Jahren vorgeschlagen hatte, dass «wir den Krieg brauchen». Wirklich zu verstehen brauche ich, weshalb ich damals angenommen hatte, dass die Menschen die Gefahr benötigen, um einander näherzukommen. Gibt es keine andere Methode?

Nun erlebe ich heute den Frieden in seinem Maximalzustand. Ich, welcher den Krieg in seinem Maximalzustand erfahren hat. Ich atme eine andere Luft, die mir hilft, meine Erinnerungen zu ordnen, die Schläge meines Herzen zu stabilisieren und die Betrachtungsweise der durch den Krieg reichlich generierten Fragen zu revidieren, und zwar: Was ist die Bedeutung des Lebens, der Sicherheit, der Angst und der Liebe? In jedem Moment erinnere ich mich an ein Gedicht, das ich in den ersten Tagen zu Beginn der syrischen Revolution geschrieben habe:

Bevor sie die Elektrizität von der Seele abschneiden,
bevor sie das Wasser vom Herz abschneiden,
bevor sie Facebook und Küsse verbieten,
denk daran
sag deiner Mutter, dass du ihren Kaffee liebst,
erzähle deinem Bruder einen lüsternen Witz,
sag deiner Geliebten, sie sei ein Schmetterling,
dann schlafe auf dem Grab deines Vaters… − ohne den Wecker zu stellen.

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit grossem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

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