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AUA Daily Blog (1): Kein Weinen in der Schweiz

Christian Zellweger am Mittwoch den 7. Mai 2014

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Heute Abend beginnt in Bern das zeitgenössische Theatertreffen AUAWIRLEBEN, wir beginnen schon jetzt: Ab heute bis zum 18. Mai sind wir an dieser Stelle Gastgeber und begrüssen den «Daily Blog» des AUA. Der Autor des Blogs, Mudar Alhaggi, ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist diese Woche im «Bund» erschienen. Den aktuellsten Beitrag gibt es jeweils spätestens ab 15.00 Uhr hier zu lesen.

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Kein Weinen in der Schweiz

von Mudar Alhaggi
Der Satz «Kein Weinen in dieser Stadt» scheint für mich attraktiv. Ich kann den Grund nicht definieren. Vielleicht wegen seiner Eigenartigkeit. Ich sehe keinen Menschen in dieser Stadt weinen. Und weil ich weiss, dass das Weinen zum menschlichen Wesen gehört, bin ich gezwungen an dieser Idee zu zweifeln.

Ich vertiefe mich in mein Gedächtnis im Zusammenhang mit den wenigen Tagen, die ich in Bern verbrachte. Darin finde ich kein Bild einer Person auf der Strasse oder an einem öffentlichen Ort. Das kann bedeuten, dass Weinen an öffentlichen Orten eine ganz natürliche Sache ist. Aber ich habe zufällig keine solche weinende Personen angetroffen. Diese Beobachtung führt mich zu einer von zwei Annahmen: Die erste wäre, dass die Leute in Bern nie weinen…und das ist unmöglich oder aber, dass die Leute in Bern schon weinen, jedoch an ihren privaten Plätzen. Das heisst, sie teilen die Traurigkeit nicht zusammen.

Aber ist es nicht so, dass sie das Glücklichsein teilen? Ich sah, dass die Leute die Freude teilen. Sie tanzen. Ist Tanzen nicht der starke Ausdruck der Freude, während das Weinen der starke Ausdruck der Trauer darstellt?

Tanzen ist etwas Fantastisches in Bern.

Lass mich an dieser Stelle der Analyse einen Halt machen und zum ersten Anlass hinter dieser Frage zurückkehren.

An einem Frühlingstag in Zürich, in einem Café am Fluss zusammen mit einem mir sehr nahe stehenden schweizerischen Freund, animierte mich die Atmosphäre, über die kommenden Tage in den Augen der Syrer umfassend zu reden und wie sie da angefangen haben, die Idee zu akzeptieren, dass der Krieg noch länger dauern wird und sie keine andere Wahl haben, als sich eine Vorstellung zu machen, wie sie die kommenden Tage planen sollen.

Im gleichen Moment, als ich behauptete, dass ich als Syrer diese Idee angenommen habe, konnte ich mich dem Weinen nicht verwehren. Ich leistete einige Momente Widerstand und stoppte. Ich rechtfertigte mir den Widerstand der Tränen damit, dass ich an einem öffentlichen Ort war. Dann sprang die Frage in meinen Kopf, ob es normal ist in der Schweiz, dass Du an einem öffentlichen Ort weinen kannst?

Im Zug auf dem Weg von Zürich zurück nach Bern fing ich an, über diese Frage zu schreiben. Ich schreibe, während ein wohltuendes Gefühl mein Herz erfüllt. Ich schreibe über die Möglichkeiten, in der Schweiz zu weinen, währenddem ich weiss, dass der Grund meines wohltuendes Gefühls ist, dass ich geweint habe. Und weil ich geweint habe, spüre ich den Wunsch zu schreiben und…zu tanzen.

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mudarMudar Alhaggi ist im April/Mai als Artist in Residence im Schlachthaus Theater und bei AUA zu Gast. Für AUA und KulturStattBern verfasst er tägliche Blogbeiträge dazu, wie er diese Stadt, ihren Alltag, aber auch das Festival wahrnimmt. Alhaggi wurde 1981 in Syrien geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik, Erzählungen, aber auch Blogs und journalistische Texte über die kleinen Hoffnungsschimmer in der von Isolation, Repression und Perspektivlosigkeit überschatteten Realität syrischer Städte. Ein ausführliches Porträt über den Autor ist im «Bund» erschienen.Hier finden Sie die gesammelten Texte von Alhaggi für AUA und KSB. Weitere Informationen: AUAWIRLEBEN Zeitgenössisches Theatertreffen Bern. Mit bestem Dank an das Übersetzer-Team Amira und Ahmed Latif.

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