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Bloggen? Kann jeder.

Roland Fischer am Freitag den 11. Oktober 2013

Lisa Steiner, ein tag im atelierOk, das wird jetzt wieder mal ein etwas wilder Ritt. Weil ein Blogbeitrag nämlich kein Magazinartikel ist, man also das Textende bestenfalls schon im Blick hat am Anfang – also spute ich mich mal besser. Wir bekommen demnächst Konkurrenz, zumindest wenn das Crowdfunding noch in die Gänge kommt. Ein neuer Kulturblog für Bern, oder gleich ein Magazin, wenn es nach den Machern geht:

«Seelenreiter» ist ein Online-Magazin für die Stadt Bern in Form eines Blogs. Es versteht sich als eine Art kollektives Tagebuch verschiedener Berner Kulturschaffenden. Offizieller Startschuss ist am 6. Januar 2014, 10.00 Uhr.

Wir werden auf die Uhr schauen. Inzwischen ist man eben noch am Geld sammeln, «dies, weil wir alle Beteiligten für ihre Blogbeiträge (wenigstens symbolisch) entschädigen möchten (was heutzutage im Online-Geschäft ja kaum mehr gang und gäbe ist).» Die paar schon im gediegenen Design erschienenen Beiträge haben jedenfalls noch Luft nach oben, sowohl konzeptionell (was genau will man da? Nabelschau der Schreibenden? Untergrundjournalismus? junge Talente fördern?) wie auch stilistisch. Aber wir freuen uns, weil es ja bekanntlich gut fürs Geschäft ist, wenn sich der Marktplatz füllt.

Ah ja, apropos Markt. Da hat’s ja in den letzten Tagen ein ziemliches Geschrei gegeben in Deutschland, wegen der HuffPo, wie die deutschsprachige Ausgabe der Huffington Post in der Blogosphäre gerufen wird.

Ist es nicht das bevorstehende Ende des Journalismus, wenn Journalisten und andere Autoren für eine Redaktion schreiben sollen – und ihre einzige “Bezahlung” ist die Aufmerksamkeit und ein bisschen was vom Ruhm, den ein großer Name abstrahlt? Am Tag 1 der HuffPo zeigt sich vor allem eines: Es war die falsche Diskussion […]. Die eigentliche, viel wichtigere und ganz simple Frage lautet vielmehr: WAS SOLL DAS, HUFFPO?

Blogger Christian Jakubetz fand den Start der amerikanischen Journalismus-Rettungsinsel in Deutschland offenbar nicht so berauschend. Und macht gleich den saloppen Umkehrschluss: Wer bezahlt wird wie ein Praktikant, liefert auch Arbeit wie ein Praktikant:

Eine krude und aufmerksamkeitsheischende, in weiten Teilen aber substanzlose Mischung aus Focus Online und Bild, die aussieht, als sei sie von Praktikanten zusammengestopselt worden – das hat der deutsche Medien-Regenbogen nun wirklich nicht gebraucht.

Was brauchen wir denn dann? Wie’s der Zufall so will: Gerade präsentieren zwei Netzgrössen Ideen, wie man mit digitaler Schreibe (und Mache) vielleicht doch Geld verdienen kann. Sascha Lobo (der mit dem Irokesenschnitt) stellt an der Buchmesse seine Plattform Sobooks vor, mit der er die «Idee Buch» (und nebenbei den Beruf des Autors) retten will – indem er sie sozialmedial reinterpretiert.

Das Buch ist die wunderbarste Methode, klugen Leuten zu ermöglichen, dass sie hauptberuflich nachdenken. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, wo genau das möglich ist. Darüber hinaus war die Idee des Buchs – das zusammenhängende Textwerk – von Beginn an nicht so festgezurrt, wie es heute scheinen mag. Voltaire schrieb: „Die nützlichsten Bücher werden zur Hälfte von den Lesern selbst geschaffen.“ Und wie es der Zufall will, ist genau das auch das Leitmotto von Sobooks.

Lobo will noch einigermassen klassisch Buchhändler werden, er möchte «das Buch als verkaufbares Kulturprodukt im Digitalen erhalten», wie er der FAZ gesagt hat – und nebenbei: nicht nur das Buch, sondern auch journalistische Produkte, zb. das Magazin brandeins. Der amerikanische Netzguru Jaron Lanier geht da noch einiges weiter. Er sieht unser ganzes Wirtschaftssystem in Schieflage, weil allenthalben mächtige (und gewinnträchtige) Firmen entstehen, deren Businessmodell auf Gratisarbeit der User beruht (Huffpo, du bist auch gemeint, aber nicht nur: es geht auch um Google, Instagram usw.). Das könne nicht gut gehen, meint Lanier, ausser wir finden ein Mikrobezahlsystem, das unsere alltäglichen kleinen Digitaldienste (bewerten, Status ändern, Fotos hochladen) fair vergütet. In seinem neuen Buch Who Owns the Future? schreibt er:

We’re used to treating information as ‘free’, but the price we pay for the illusion of ‘free’ is only workable so long as most of the overall economy isn’t about information.”

Das aber sei sich gerade am ändern. Bin noch nicht durch mit dem Wälzer, mehr dazu bald hier. Gratis und franko, versteht sich.

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3 Kommentare zu “Bloggen? Kann jeder.”

  1. michael sagt:

    Lanier ist heute live in der NYL: http://www.youtube.com/watch?v=aFW9qxKojrE
    gibt’s dann sicher auch noch als Aufzeichnung.

  2. Miko Hucko sagt:

    Zum Kulturblog: auch mir ist das Konzept ein Rätsel, obwohl mir die Grundidee sympathisch ist. ich weiss halt einfach nicht, wie sehr ich einem Blog vertraue (da geht’s ja vor allem ums Schreiben, oder? nicht ums Design?), der schon im Eingangstext (also im “about”, das du oben zitiert hast) einen Fallfehler hat. oder sollte man im Internet die Grammatik nicht so eng sehen? wäre auch mal eine Diskussion wert!

  3. e.c.palermo sagt:

    bloggen kann jeder. schreiben nicht. auf jeden fall nicht im magazin:
    http://blog.dasmagazin.ch/2013/10/11/die-grossartigen/?goslide=0

    und: warum, warum, warum bloss kommt eine studienabgängerin ohne journalistische erfahrung auf die idee, ihre schwangerschaftsselbsterfahrungskolumne könnte gut ins magazin passen? warum, warum, warum ächt? #grosseungeloestefragendes21stenjahrunderts