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Nach dem Spiel ist vor dem Konzert

Manuel Gnos am Sonntag den 2. Juli 2006

Die Welt ist grad zu Gast bei Freunden. Und weil seit den 1990er-Jahren und dem «Existentialisten in kurzen Hosen» (ein Druckerzeugnis über Fabien Barthez) auch Kulturinteressierte öffentlich zur Verzückung über die runden Leder stehen dürfen, haben die hiesigen Veranstalter kapituliert und eine kulturfreie Zeit eingeläutet.

Simon Jäggi, Sänger von Dean Moriarty And The Dixie Dicks. (Bild: Manuel Gnos)

Mitten in diese Kulturlosigkeit platzte gestern Samstag das Hausfest der Berner Dampfzentrale. Das Programm war attraktiv – und für Unverbesserliche wie mich gab es sogar diverse Farbfernseher und eine Leinwand, wo sich der (hoffentlich nur vorübergehende) Niedergang des brasilianischen Fussballs mitverfolgen liess.

Doch nach dem Spiel ist vor dem Konzert. Und so betrat um Mitternacht die Berner Tom-Waits-Coverband «Dean Moriarty and the Dixie Dicks» die Bühne. Nach ihrem Bee-Flat-Auftritt in der Turnhalle war das meine zweite Begegnung mit der Band, und noch immer schaute ich ungläubig auf die Bühne, weil es schlicht nicht möglich sein kann, dass ein Mann von der Erscheinung von Simon Jäggi die rumpelnden und knorrigen Töne eines Tom Waits imitieren, ja gar mit einer eigenen Note versehen kann.

Dann war die Berliner Formation «Der Rote Bereich» an der Reihe. Ihre Version des Jazz war wunderbar anstrengend und die Ansagen des Bandleaders Frank Moebus waren wunderbar aufheiternd. Diese vertrackte Musik fand anschliessend ihre schweisstreibende Auflösung im Auftritt der Belgrader Gypsie-Rocker Kal.

Trotzdem ist ein flaues Gefühl zurückgeblieben. Nicht weil die nun folgende DJane ein Fehlbooking war, sondern weil auffällig wenig Menschen in die Dampfzentrale kamen. Lässt sich Fussball wirklich nicht mit Kultur verbinden?

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12 Kommentare zu “Nach dem Spiel ist vor dem Konzert”

  1. signora pergoletti sagt:

    lieber herr gnos!

    dacht ichs mir doch. während dem konzert des “roten bereichs” sah ich sie da stehen und fotos machen. und da dacht ich mir doch: das ist bestimmt der herr gnos – in dem falle werde ich nicht über dieses konzert schreiben (das mir super gefallen hat!)
    am samstag waren übrigens auch noch das q-hof-fest und das elfjährige des “les amis”. ins “les amis” sind sicher schon alleine deswegen viele leute gegangen, weil sie sehen wollten, wie man die riesencombo tk’s swingmachine im “wohnzimmer” unterbringen will.

  2. Noz sagt:

    Lässt sich Fussball wirklich nicht mit Kultur verbinden?

    Kennen Sie schon den wirklich lesenswerten Gedichtband “Gelb gegen Dzemaili”, Herr Gnos?

  3. pauli sagt:

    Ach wisst ihr, warum kommen die Leute, warum kommen sie nicht??? Man zerbricht sich dauernd den Kopf darüber und findet es trotzdem nicht heraus. So ist das Leben als Veranstalter, gell? Aber: Dieses Jahr ist vor dem nächsten Jahr. Das nächste Hausfest kommt. Und es wird dann auch kein Fussball geben.

  4. Herr Gnos sagt:

    @ signora pergoletti: die drei herren vom “roten bereich” sind wirklich ganz wunderbar! deshalb kann ich auch nich verstehen, wieso sich der musikkeller von stück zu stück mehr geleert hat.

    @ noz: ohne zweifel ein gutes beispiel! allerdings bleibt die frage, ob der austausch in beide richtungen möglich ist…

    @ pauli: ich verstehe ihr kopfzerbrechen. wenn sie zu einer lösung kommen, lassen sie es mich wissen. jedenfalls danke, dass sie trotzdem veranstalten!

  5. gott vergel(d)ts sagt:

    @ Herr Gnos

    Warum muss sich das überhaupt verbinden lassen? Erstaunlich, diese Aussage, bedenkt man, wie sich gewisse Kulturplayer der Stadt über Fussballfans äussern. Habe bedenklich despektierliches gelesen von ebensolchen in ebendiesem Blog.

    Offensichtlich merken sich die Leute, wer sie von Beginn an auch nur ein Spürli ernst nimmt und wer nur noch auf einen fahrenden Zug aufspringen will, weil er realisieren muss, dass er offentlichlich ein gesellschaftliches Phänomen nicht hat voraussehen können.

    Es bleibt zu hoffen, dass man für die EM in zwei Jahren daraus gelernt hat. Eine Verbindung von Fussball und Kultur könnte bei etwas mehr Weitsicht nämlich auch für IQ-schwache Fans in Schweizer-Shits durchaus spannend sein….

    die grauen Niederungen der IQ-Taballe schickt hochachtungsvolle Grüsse an die Elite!

  6. Herr Gnos sagt:

    @ herr/frau gott vergel(d)ts: ich nehme an, sie spielen auf diesen beitrag hier an. und ich glaube, sie haben den guten herr pauli missverstanden. der findet nämlich fussball überhaupt nicht doof, ansonsten würde das café kairo wohl nicht das ganze jahr über fussball zeigen.

    einzig leute, die aus sondermüll gefertigte leibchen tragen und/oder hupend den nordring rauf und runter brettern, scheinen nicht des paulis freunde zu sein. irgendwie verständlich, finde ich (jedenfalls was die zweite gruppe angeht).

    also wüsste ich nicht, wieso kulturaffine fussballinteressierte nicht an einen anlass gehen sollten, der von besagtem pauli mitorganisiert wurde.

    aber lassen wir das, herr/frau gott vergel(d)ts. mich würde viel mehr interessieren, welche konkreten lehren sie für die euro 08 ziehen. ich bin da nämlich ein wenig ratlos.

  7. pauli sagt:

    also ich sage euch: für die em 2008 gibt es nur ein rezept: flüchten. die schweiz wird sich in eine festhütte verwandeln und wer da nicht mitmachen will – und nun meine ich nicht fussball als solches, sondern credit suisse, styropor-hüte, huppende voll-idioten in aufgetunten ozon-killern und «lieder wie steh auf wenn du schweizer bist» – der haut am besten ab. fernsehen kann man ja auch in hinterfultigen.

  8. gott vergel(d)ts sagt:

    @ pauli

    Toleranz, Offenheit, vielleicht auch eine Brise Humor, ach wie würde dies der Schweiz gut anstehen. Aber feiern darf man offensichtlich nur so, wie es die Kulturhoheiten für richtig halten.

    Ich kann mit diesem Gegränne einfach herzlich wenig anfangen. Leider besteht die Welt nicht nur aus hochintellektuellen Kulturpäpsten. Gott lob. Es wäre eine furztrockene Welt.

    Auto hin, gehupe her. Als nicht-autofahrender Zeitgenosse und Bahnfan störe ich mich nicht krampfhaft am – zugegeben – teilweise pubertierenden Verhalten während dieser WM. Denn, bi Goscht, was ist eingentlich genau das Problem? Langsam etwas eingerostet, verknöchert? Ein bisschen wie Frau Meier von vis-a-vis, die sich Hände raufend darüber beschwehrt, wenn der Hansli und der Fritzli am viertel ab zwölfi draussen rumspringen und die Mittagsruhe nicht einhalten?????

    Ach vermissen wir doch alle die gute alte Zeit. Die Schweiz war noch ne graue Maus, ein Ballenberg von Schaffhausen bis Genf, von Basel bis Lugano. Damals wurde die Nachruhe noch eingehalten, der Köhler bracht die Kohle hoch zu Ross und die Stadt Bern wurde noch Bürgerlich regiert…..und schon gar nicht kam irgendjemand auf die Idee, während einem zwölftel des Jahres etwas aus sich herauszukommen – und dies nicht sturzbetrunken hinter einer Maske während der Fasnacht um alsdann schnell wieder in die Bedeutungslosigkeit des Alltags abzutauchen.

    @ Herr Gnos
    Da ich wie erwähnt eher zur Sorte der “grauen Niederungen der IQ-Taballe” gehöre, verkneiffe ich mir jegliche Ratschläge an die Kulturelite. Jedoch fragt sich der Laie und hofft gleichzeitig, dass ebendiese Elite das Thema Fussball, Schweiz (ou jetzt hab ich wieder dieses böse Land erwähnt – Schande) und Kultur während der EM etwas kreativer umsetzen als eine Combo spielen zu lassen während parallel auf zig Screens für unverbesserliche gezeigt wird, wie die Holländer im Wankdorf gegen die Engländer kicken….Das hat nun in meinen Augen nix, aber gar nix mit Fussball und Kultur zu tun.

    Dieser böse böse Anlass in zwei Jahren wäre nämlich echt ne Chance, aus dem ach so mühsamen Pöbel einen hochgeschätzen Kulturkonsumet zu machen…..Oder bin ich mit dieser abstrusen These gar der Intellektuelle hier?

    erwartungsvoll grüsst

  9. pauli sagt:

    eh, eh, warum so empfindlich? den fussball muss man ja nun weiss gott nicht mehr verteidigen. die feuilletons sind ja voll damit. abgesehen davon: ich bin der erste der mich über doofe musik und konzerte und kulturfuzzis aufrege. machen wir es kurz: im sommer sind die menschen dummer als im winter. vielleicht ist es auch nur das.

  10. Der vom technischen Dienst sagt:

    meiden sie die f5-taste, herr gott vergel(d)ts. die publiziert ihren vorherigen kommentar noch ein zweites mal. hab die verdoppelung und verdreifachung gelöscht, damits hier nicht zu voll wird.

  11. Herr Gnos sagt:

    ausser mir, herr pauli! ich bin im sommer überhaupt nicht dümmer als im winter. gescheiter allerdings auch nicht. nur fauler.

    @ gott vergel(d)ts: wie kommen sie bloss auf die idee, hier dürfe die schweiz nicht mehr erwähnt werden? von mir aus können sie hier auch schweizerfahnen aufschalten. ich hab kein problem damit. – jedenfalls befürchte ich für 2008 folgendes: fanmeilen mit grossleinwänden, dazu konzerte von bands, die man hierzulande schon etliche male live gesehen hat. wer das nicht mag, flieht nach hinterfultigen – und das nachsehen haben alle, die sich über kleine dinge wie das konzert von “der rote bereich” freuen. denn es scheint sich offenbar nicht auszuzahlen, in solch monothemtisch besetzten zeiten mut zu zeigen.

  12. gott vergel(d)ts sagt:

    @pauli

    hat nix mit Verteidigen zu tun. Wer meinen Beitrag genau liest, merkt, dass es mir mehr um gewisse Aussagen und ihre Einstellung geht. Wenn Sie in ihrem zweitletzten Satz sich selbst auch einschliessen, ziehe ich den Hut vor soviel Selbstironie.

    ich habe fertig!

    @ technischer dienst
    der ist mir ab, sorry! soll nicht mehr vorkommen….