Hei si wider mau

Mirko Schwab am Donnerstag, den 19. April 2018 um 11:09 Uhr

Vielleicht kommt so ein Unentschieden gerade recht. Sie wissen schon, natürlich, die Stadt weiss bestens Bescheid die Tage, es herrscht allein ein Thema in den Beizen. Und obwohl man sich im linken Kulturkuchen traditionellerweise auch mal distanziert gibt in Sachen BSC, sind doch die meisten, auf die eine Art oder die andere, fatalistisch in die Sache verstrickt. Man kann sich das nicht aussuchen. «E rächte Bärner Giel, dä isch für YB.» Und eben auch ein linker Bärner Giel und überhaupt auch die Girls.

Die Sandsteinstadt und ihr Fussballklub. Ein Narrativ des Leidens und der Genügsamkeit, von verblasster Grösse und verbleichten Träumen, von der Skepsis, wenn einer die Schnurre zu weit aufreisst – all das passt gut in unsere reformierten Strassen, passt gut zu einer Stadt, die nur einen halben Flughafen hat, einen fast mediteranen Umgang mit der Langsamkeit pflegt, deren wichtigstes politisches Amt vielleicht der oberste Denkmalschützer ist.

Und da passt es auch gut, wenn die eigentliche Hymne unseres Clubs eben ein Lied über diese Demut ist, wo die Unbedingtheit des Fandaseins nicht in einer für solcherlei Liedgut typischen blutsbrüderlichen Kriegsrhetorik daherkommt, sondern als lyrisches Schulterzucken. Nicht von den Trophäen singt und von grossen Heldentaten, sondern von einem durchschnittlich errungenen Arbeitssieg, einer listigen Schwalbe und der Prosa des Alltags im Auf- und Ab der Teletext-Tabelle.

Vielleicht kommt dann so ein Unentschieden gerade recht, der Demut zu liebe. Wahrscheinlich gibts diesmal kein Gewitter, scheint bald die Sonne. Neun Punkte noch sinds dahin.

Briger drüben im Leder:
«Gewinnt YB gegen Lausanne, Luzern und in Sion, kann Basel jedes Spiel 10:0 gewinnen, auch gegen YB.
Gewinnt YB alle drei Helmspiele, dann ist YB Meister. Gewinnt YB alle drei Auswärtsspiele, dann ist YB Meister.»

Bern auf Probe: Tanz der Genderidentitäten

Anna Papst am Dienstag, den 17. April 2018 um 5:33 Uhr

Perückenköpfe, Sterne, Spiegel und rosarote Plastikpferde: Die Kunst heisst Musical!

 

Betritt man diese Tage die Vidmar 1, wähnt man sich in den späten Achtzigern: Ein riesiger, grünglänzender Stern nimmt die Bühnenmitte ein, die Protagonistin trägt eine Lederkluft mit Bikershorts, Corsage und Fransenjacke. Coiffeurstühle und Perückenköpfe säumen den Bühnenrand, die Seitenwände sind mit Spiegeln versehen; der ganze Raum schafft eine Anlage von Verkleidung und Travestie. Wo ausgefallene Frisuren auf rollbare Sitzgelegenheiten treffen, ist das Musical nicht weit: Geprobt wird „Coco“, geschrieben von Alexander Seibt, komponiert von Marcus Schönholzer. Diesen Beitrag weiterlesen »

Kulturbeutel 16/18

Milena Krstic am Montag, den 16. April 2018 um 5:44 Uhr

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Die Krstic empfiehlt:
Meet me Mittwoch at Kapitel, wenn Marco Repetto live on air für das Radio Bollwerk den «Zeitkreisel» mode- und kuratiert. Inspiriert von John Lennons «Woman» spielt er Lieder mit und von Frauen.

Frau Feuz empfiehlt:
Noise-Rock mit New-Wave-Bassläufen: am Donnerstag sind im ISC A Place to Bury Strangers zu Gast. Am Freitag erweisen Sie dann der Lyrik-Spoken-Word-New-Dark-Wave-Pionierin Anne Clark die Ehre: in der Cinématte wird der Dokumentarfilm I’ll walk out into tomorrow über das Leben und Schaffen der Postpunk-Ikone gezeigt und zwar in Anwesenheit von Anne Clark herself.

Schwab empfiehlt:
Das Gipfeltreffen der Meister
am Pult. Zu fucking legend DJ Krush aus dem fernen gesellen sich weiter Bit-Tuner aus dem etwas näheren Osten sowie der beloved Lokalheld aka Bassderwisch Phrex. Könnt sein dass geil wird. Dachstock. Freitag. Ein Hoch auf die sinnvolle Lohnarbeit.

Der-Urs-Lifestyle-Consultings© empfiehlt.
Das Viersäulenmodell, patentiert im Hip-Hop, lässt sich aber auch prima sonst adaptieren:
1. Säule Film: Rote Sonne am Donnerstag im Rex – german hippies going nuts, must see!
2. Säule Theater: MESH am Donnerstag, Freitag oder Samstag im Tojo – szenografischer Minimalismus gegen Rollenklischees, oder so, gut so.
3. Säule Musik: Ester Rada am Sonntag im bee-flat – die «Soul-Sister» aus Israel, exzeptionell.
4. Säule Literatur: Michael Fehrs «Simeliberg» als Hörspiel von Kai Grehn, wann immer ihr Lust habt hier – definitiv mehr als eine simple Radiofassung.
Das Viersäulenmodell, Patentrezept zur Erlangung der ultimativen Kredibilität in der Freien Szene.

jessica jurassica #9

Mirko Schwab am Sonntag, den 15. April 2018 um 8:34 Uhr

Yallah Kulturbürger*innen! Gastautorin Jessica Jurassica nimmt Sie mit auf Tour de Lowlife, Mittelstandsverwahrlosung shady side up.

viel zu viele aggressive razzien wegen viel zu wenig koks / demonstrierende für stunden eingekesselt und gummischrot handschellen blaulicht warteraum neufeld usw / politische solidarität diffamiert und instrumentalisiert / millionen von franken nur für diesen einen repressiven apparat / die antwort auf die repression mit begrifflichkeiten der entmenschlichung / immer wieder bullenschweine rufen / bis das gegenüber nicht mehr gegnerin sondern feindin ist / mit dem gegner kann man reden / den feind muss man bekämpfen / ist das demokratie oder ist es krieg im repressiven system und draussen auf den strassen und in den köpfen der aufgebrachten / ein in sich absurder meta krieg / wenn es plötzlich nicht mehr um giftgas in syrien sondern um tränengas in der spitalgasse geht

Jessica Jurassica ist unsere bissige Gastautorin, die in unregelmässigen Abständen aus dem bernischen Prekariat berichtet. Zur Erinnerung: Boy Schwab hat hier ausführlich introduced.

Postkarte aus Chur

Gisela Feuz am Samstag, den 14. April 2018 um 9:02 Uhr

Die Wo-ist-Walter-Bücher sind sehr beliebt bei Eltern, weil der Goof dann zumindest für einen Moment mal ruhig ist, wenn er sich in die Wimmelbilder des Briten Martin Handford vertieft, um den jungen Mann mit der Flaschenbodenbrille, Pudelmütze und dem rot-weiss gestreiften Shirt zu finden. Die grossformatigen, detailreichen Bilder wurden zum ersten Mal vor 31 Jahren in Grossbritannien veröffentlicht, seitdem gibts die Bücher mit Weltenbummler Walter in insgesamt 33 Länder in 22 Sprachen zu kaufen.

Walter heisst aber nicht überall Walter. Im Englischen Original wurde das Kerlchen auf den Namen Wally getauft, in Norwegen nennt man ihn Willy, die Spanier und Italienier Walter Wally, in Nordamerika heisst er Waldo, in Frankreich Charlie und in Dänemark Holger. Seit neustem gibt es nun auch eine berndeutsche Version und die heisst Julian. Die Testphase ist gerade im Bündernland angelaufen, offenbar hat man aber vergessen, Julian über die entsprechende Garderobenpflicht zu informieren. Finden Sie ihn trotzdem?

Wer das gestrige Konzert von Julian Sartorius mit Bruno Spoerri bei BeJazz verpasst hat, gehe am 21.4.2018 in die Dampfzentrale. Dort trifft Schlagzeuggott Sartorius auf den New Yorker Multiinstrumentalisten Shahzad Ismaily. Im Anschluss dann Peter Kember, ja genau, narkotisch-psychedelisch-repetitiv-Spaceman 3-Kerner mit seinem Projekt Spectrum.

Foyer des Amateurs

Mirko Schwab am Freitag, den 13. April 2018 um 15:02 Uhr

Bizarr. Zwielichtig. Obskur. Heraus zum Abstieg in die fruchtbaren Randgefilde elektronischer Tanzmusik.

Foto: Phil Struck

Mit strenger Brille und angesteckter Zigarette selektiert sich Lena Willikens durchs Unerforschte. Weird shit only kommt hier auf den Plattenteller, zur Erzählung kompiliert in beeindruckender Fingerfertigkeit, mit der die Kölnerin durch die unterschiedlichsten Morphologien musikalischer Entrücktheit streift, ohne je das Leitmotiv der Tanzbarkeit, der Körperlichkeit und der Unmittelbarkeit preiszugeben.

Radio Bollwerk Klubnacht w/ Lena Willikens und Daniele Cosmo. Heute ab 23h im Foyer der Dampfzentrale.

Postkarte aus Japan

Roland Fischer am Donnerstag, den 12. April 2018 um 7:13 Uhr

Tokio, du seltsames Wesen. Du magst es nicht, wenn man um 11.15 Uhr zum Toast und Café au Lait gern noch ein Schälchen Marmelade hätte, weil, sumi masen: «Breakfast is only until 11am». Du bringst das Schälchen dann aber doch, weil du es ja nicht aushältst, Menschen in Verlegenheit zu bringen. Was der Besucher ohnehin längst erledigt hat, indem er so etwas zu fragen wagt.

Du versteckst deine tollsten Beizen im obersten Stock eines unscheinbaren Bürogebäudes hinter solchen Türen, so dass man sich kaum traut einzutreten in das kleine Paradies dahinter, wo tolle Musik läuft und junge Menschen Sojamilch-White-Russians trinken und wunderbare Häppchen essen und hemmungslos rauchen dazu. Sowieso, für ein sozial irgendwie verknorztes Land hast du ein herrlich anarchisches Verständnis von Gastfreundschaft und Nachtleben: Mancherorts stapeln sich kleine Bars bis ins siebte Stockwerk hinauf (Aussicht und Cocktails werden gegen oben hin tendentiell immer besser), in deinen unzähligen Beizen essen Leute auch gern allein, wofür sie sich einfach an den Tresen setzen, ein ums andere Tellerchen bestellen und kreuz und quer zu plaudern beginnen.

Und wer lieber einen Highball als ein ordinäres Bier zum Feierabend hat: auch das hast du in ziemlich grossen Dosen vorrätig, im Convenience Store nebenan oder mit etwas Glück sogar am Getränkeautomaten. Und den Croissant am Morgen danach lieferst du auch gleich vors Haus. Essen!

«Window Shopper» VI

Urs Rihs am Mittwoch, den 11. April 2018 um 13:20 Uhr

…oder die schönsten Schaufenster der Stadt, eingerichtet durch König Zufall, mit Eigenwille dekoriert, angenagt durch den Zahn der Zeit.
Hier gibts weder fabrikneue Ware noch die hipsten Ernährungstrends. Das ist die Fotoserie abseits der hegemonial marktlogisch gestalteten Vitrinen unserer Einkaufsmeilen. Und dazu ein Versuch, ihnen Graustufen des Zeitgeistes abzugewinnen.

Grad daran vorbeigerauscht, oft schon gesehen, aber nie richtig wahrgenommen.
Wundert auch nicht, wer braucht denn noch spezialisierte Flimmerkistenbuden in Zeiten von Elektroschrottgrossverteilern und dem digitalen Billigstbazar aka Internetzi.
Dafür packt einem die Nostalgie, wenn man die Vitrine aus dem donnernden 20er Bus heraus erblickt oder zu Fuss mal an der Ampel Halt macht. Flirrende Erinnerungen …

… an diese endlosen Nachmittage im verdunkelten Zimmer, wenn Frühlingsferien waren, verschanzt hinter dem 50 Hertz getakteten Kathodenstrahlröhrenbildschirm, auf alles schiessen, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Dazu literweise entzuckertes Pepsi-Cola – ballern war erlaubt zuhaus, übersüsste Limonaden nicht – und eine Packung Blévita aus dem Migros, die hellblauen.

Ach ach, die gute alte Verklärung, Hort der Schönfärberei – Früher war nicht alles besser – aber verklären heisst auch «glücklich machen». So ist das eben.

Checa TV R. Cherpillod an der Wylerstrasse 55, weiss gar nicht ob der Laden überhaupt noch aufschliesst oder nur noch geschlossen die Aufwertung abwartet.

Kulturbeutel 15/18

Milena Krstic am Montag, den 9. April 2018 um 5:01 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Letztes Jahr am Bestival hatte ich eine ziemlich gute Zeit: Croque Sandwiches essen im Sputnik, gucken, was der Theaternachwuchs so treibt und nach dem Dave Eleanor Konzert mit Schwab und den anderen Boys am Feuer über Kulturgelder philosophieren. Ich wette, dieses Jahr wirds mindestens so gut. Findet statt am Freitag und Samstag im Gaskessel.

Schwab empfiehlt:
Schöne Raverei allenthalben! Versionen schon am Donnerstag im Ross (w/ Nitrate, DAAT (live), Tashi Noir). Am Freitag dann stellen sich die Weichen zwischen der Dampfzentrale und einer dusteren Klubnacht nach Bollwerk’scher Art (w/ Lena Willikens, Daniele Cosmo) oder einem von dunkler Weltklubmusik befeuerten 3AM Karma Decrease im geliebten Internationalen Shabazz Club (w/ Smugplaydirty, Illegyalz, Zsameszad). Entweder oder auch am Samstag: das Kapitel lädt zum Familientechno (w/ Marco Repetto & Angelo Repetto (live), Princess P., Heiko) und der Dachstock macht auf tropisch Vinyl (w/ Studer TM, Uedé Bongoboi Suavé & Beni Severo). Brn City, Bébé!

Der Urs empfiehlt:
Schliess mich dem ravenden Schwäbchen an, vor allem am Freitag mit Lena (GeneigteR lese hier) und Cosmo im Dampfbad. Das ist elektronische Tanzmusik maximal weit weg ihrer uninspiriert-ballernden Abarten im Hauptstrom.
Dafür verspielt, obskur und polygenerisch – state-of-the-art!

Frau Feuz empfiehlt:
Seine Verse sind so schlicht, leicht, geschmeidig und luftig, dass man ihnen die Arbeit nicht anmerkt, die dahintersteckt. Berns Vorzeigelyriker Raphael Urweider tauft am Dienstag im Tojo der Reitschule seinen 4. Gedichtband «Wildern». Am Mittwoch gehts dann im ISC mit Doom-Drone-Postmetal von Sannhet und Sum of R schön düster zur Sache.

#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag, den 8. April 2018 um 12:22 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los, beispielsweise:

Neben einem Parkplatz unter Neonlicht, sehr junge Menschen spielen Karten um lächerliche Summen Geld. Auf Kokain und Schnaps. Einer gewinnt einer verliert. Hauen sich mit Flaschen aufs Maul. Blut und Geschrei.

Im Tojo Theater läuft EXTASE, ein Stück. Über Selbstvergessenheit und Momentum. Wo sind sie noch, die ekstatischen Momente im Leben?

Unter einer Brücke jagen blaue Menschen schwarze Menschen. Wegen lächerlichen Mengen Kokain. Schläge und Geschrei, Kniekehlentritte und Hebelgriffe, Verhaftung und Rückzug.

Im Dachstock spielt AGONIS staubtrockenen Techno – kathartisch. Trotzdem ist der Raum halbleer. Ist denn Techno nicht immer Kommerz?

In der Nachmittagssonne marschieren dreihundertfünfzig Nasen hinter Transparenten gegen Assimilation und Vertreibung in einer Stadt dreitausendsiebenhundert Kilometer weit weg von hier.
Sie landen im Schraubstock der Exekutive, wegen lächerlichen Mengen versprühter Farbe auf überversicherte Schaufenster und Betonmauern.

Im Innenhof des Progr sitzen volltätowierte Menschen und essen vegane Snacks, lassen sich die Haare schneiden, hören Musik und trinken Kaffee.
Und rauchen.

Die ersten Schwimmer in der Aare – Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, trotzdem ist mächtig was los …

#BernNotBrooklyn ist normalerweise die Sparte wo lange Partynächte nachbrennen, manchmal aber auch für sonst brennende Themen.