Wir und die anderen

Roland Fischer am Freitag, den 19. Oktober 2018 um 15:23 Uhr

So kann man einen Film anfangen:

Jodie Foster kommt dann, als sie ein wenig älter ist, tatsächlich in «Contact» mit etwas anderem da draussen.

Das Wir und das Andere – es ist die grosse anthropologische Grundkonstante. Der Mensch hat sich immer negativ definiert. Lange Jahre gegenüber Tieren, in jüngerer Zeit auch gegenüber anderen Rassen (heute zum Glück nicht mehr?), gegenüber Ausserirdischen (schwierig, wenn man so gar nichts über sie weiss, siehe Kohlenstoffchauvinismus), und unlängst nun auch gegenüber Maschinen. Irgendwie ging es da immer um die Seele, wobei es ja nach wie vor ein wenig rätselhaft ist, woraus die genau gemacht ist.

Jedenfalls seien hier noch zwei Kontaktaufnahmen mit dem tierisch Anderen empfohlen: Heute abend wird im Naturhistorischen Museum das Buch «Contact» – Die Begegnung von Mensch und Tier vorgestellt. Der Künstler Michael Günzburger kommt zusammen mit dem Schriftsteller Lukas Bärfuss in ein Gespräch mit dem Tierparkdirektor Bernd Schildger – und erkunden das offenbar «gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Tier im 21. Jahrhundert». Und wer lieber direkter auf Tuchfühlung mit der Natur gehen will: Morgen wird vor dem Zentrum Paul Klee ein unscheinbarer weisser Container geöffnet, in dessen Innern man dem Boden und dem vielfältigen Leben, das sich in ihm verbirgt, zuhören kann.

Anatolische Anachronismen

Mirko Schwab am Dienstag, den 16. Oktober 2018 um 7:02 Uhr

Mit Altin Gün war vorgestern wiedermal der Zeitgeist zu Gast im alten Progymnasium. Ein Balanceakt in Vorwärts-Rückwärts.

Ein brav durchmischtes Publikum hat sich den Sonntagabend reserviert. Abfalltrenner und Velofahrerinnen, wohlig rot-grün-mittig. Alt und jung – so würde wohl der Dorfanzeiger melden. Am etwas weniger hüftsteifen Tanzstil geben sich indes die vielen Türken zu erkennen, die den Weg in die Turnhalle angetreten haben. Denn wahrlich: Die niederländisch-türkische Gruppe Altin Gün ist eine der Bands der Stunde.

Das Konzert kommt dann auch rasch ins Rollen. Das Sextett spielt aus den raffinierteren Stücken im Repertoire, die merklich eingetourte Rhythmusabteilung aus Holland braucht kaum Anlaufzeit. Darüber feuert Saz-Virtuoso und Keyboarder Erdinc Yildiz Ecevit seine halsbrecherischen anatolische Linien ab, darunter, eingehüllt in psychoaktive Echoschwaden, Sängerin Merve Dasdemir. Der zunächst warm vorgeschossene Applaus ist bald frenetisch.

Leider sackt die Sache im Mitteldrittel des Konzerts dann merklich ein, was eher an den dünneren Kompositionen liegt als am abgeklärten Bühnenspiel. Wer sich nicht komplett aufs Tanzen verlegt hat, langweilt sich bald an den Bandwurm-Soli und Psych-Rock-Klischees aus der Plattenkiste der LSD-Jahre. Es ist die Story dieser Band: Bassmann und Chef-Digger Jasper Verhulst selbst hat aus seiner Liebe zu türkischer Popmusik der Siebziger eine Band zusammengestellt, per Inserat, die den Sound auf diesen staubigen, halb amerikanisichen, halb orientalischen Verführungen ins 21. Jahrhundert katapultieren sollte.

Und das klappt dann eben halb und immer dann am Besten, wenn die Arrangements wendig, das Gedudel von der Langhals-Laute knappdosiert und die musikalische Perspektivik auch mal vorwärtsgerichtet ist – was gegen Ende des Abends wieder gut gelingt, kurz vor der Zugabe blitzt die anfängliche Idealmischung aus Retro und Futur wieder auf, dass es eine Freude ist. Eben, der Zeitgeist, der zurzeit ganz innig in die Siebziger verknallt ist, er geht um im alten Progymnasium. Und ganz allgemein im Plattenladen. Zwischen Stilkopie als uninspiriertes «in the style of anything nostalgic» und aufregenden Befruchtungen wird zurzeit allerlei veröffentlicht (und als der neu-alte Hot Shit verschrien.)

Wie es sich mit dem Verliebtsein so verhält, ists dann manchmal schön, manchmal peinlich, manchmal langweilig. Altin Gün gehören da doch, soviel war gestern Abend schliesslich klar, zu den Schönheiten.

Das Langspiel «On» ist 2017 auf dem Genfer Label Les Disques Bongo Joe erschienen.

Kulturbeutel 42/18

Mirko Schwab am Montag, den 15. Oktober 2018 um 5:55 Uhr

Schwab empfiehlt:
Freitagnachmittag im Abyssinia Social Club. Im Beaumont oben haben sich die Tagträumer von Radio Bollwerk eingerichtet und kuratieren verbotengute Musiken. Diesmal: 16 Uhr (die Bohème nennt es Mittag …) Miko Sun, ab 20h dann der düsterseelige Herzensbub hinter den vier Buchstaben S S S S. Truly das Radio der Stunde.

JJ empfiehlt:
Es ist wieder A Sick Sad World von der BlauBlau-Crew, dieses eine Lieblingsformat im ISC. Als Soundtrack für das 5vor Apokalypse Moment am Donnerstag: Umlilo aus Sick Sad South Africa, das fave Dresdner Duo Ätna und best Live-Act 13 Year Cicada aus Bern/Berlin. Dazu oder dazwischen Performance-Kunst von Ernestyna Orlowska.
Und Freitag selbe Zeit, selber Ort: Bad Girl Haiyti kommt in die Town. Endlich. Danach kann die Welt von mir aus untergehen.
 
El Oso empfiehlt:
Im Werkhof 102, dort an der Schwarztorstrasse, machen sie Ernst, aber lustig –
«Tillmans Abendschau Nummer Zwei».
Die Ostschweizer Diaspora beschert der Bundesstadt konstant frischen Wind, schön.
Am Mittwoch ab zwanzig Uhr.
Kunst, Bildung, Humor steht da, und ich frag: «Kabarett?»
Ist doch schon längst aller höchste Eisenbahn! 
 
Fischer empfiehlt:
Aggro? Oder doch eher agri? Am Samstag gibt’s draussen im Klee einen ganzen Agri-Kultur-Tag. Wie tönt es, wenn Bodentiere kommunizieren? Und hmm: klingt ein ökologisch gepflegter Boden anders als ein intensiv bewirtschafteter? «Sounding Soil», eine Soundinstallation von Marcus Maeder, liefert (womöglich) Antworten.
 

Lass uns Lieben – Puts Marie

Urs Rihs am Sonntag, den 14. Oktober 2018 um 11:44 Uhr

Der Fischer hiess uns letztens, er hiess uns zu schreiben und noch besser Liebesbriefe.
Also schreib ich, an eine Band, die Band der Stunde.

Stell dir vor: Untergehende Sonne, in der Luft schon die süsse Ahnung einer langen Nacht, der längsten. Im kaputten Rom von Übermorgen – feuchter, bohemer Traum.
Halbzerfallene Renaissancebauten und trotzdem so schön wie noch nie, eine Stadt dem Halbdunkeln und so hell wie noch nie. Puts Marie, Puts Marie –

Undurchsichtig, unnahbar, eine rauschende, flirrende Idee von wie das klingen sollte – viel Rauch, viel Krach, viel Drama,
und lassen nicht bloss die Gebrochenen das Licht durchscheinen?
Puts Marie, Puts Marie –

Lasst uns die Brunnen mit den besten Tropfen aller Zeiten füllen, lasst uns mit dem edelsten Tscharas alle Gotteshäuser beweihräuchern und in den sterilen Laboratorien der Technokraten das reinste Acid synthetisieren. Und dann lass uns riechen, lass uns schnaufen, lass uns leben.
Lass uns lieben.
Puts Marie, Puts Marie –

Auf Clubtour mit ihrem neuen und lang ersehnten Album, die Band mit dem abgründigsten und erdeschönsten Soul, der Stunde und bitter, bitter nötig – Puts Marie.

Erster Spieltag ist nächsten Freitag im Südpol, Luzern.

Schuld sind die anderen (Bienen und Poltergeister)

Roland Fischer am Freitag, den 12. Oktober 2018 um 15:03 Uhr

Kleine Werbeunterbrechung (passiert ja sonst auch nicht viel hier):

Tom Gauld ist ein absoluter Lieblingszeichner, der sich über Wissenschaft genauso gern lustig macht wie über Literatur.

Den Print kann man übrigens kaufen. Oder auch sehr sympathisch: ein Haufen herrlich unsinniger Badges.

Wer sich grad verliebt hat und nach Strasbourg fahren mag: Morgen signiert Gauld da im Quai des Brumes. Schöner Laden, übrigens. Trotzdem schade hat ihn niemand auch in die Schweiz eingeladen.

Kulturbeutel 41/18

Urs Rihs am Montag, den 8. Oktober 2018 um 5:46 Uhr

Der Urs empfiehlt:
R&B
von Tirzahzwei Girls aus London drainieren ein Genre und saugen ihm die Sülze ab. Auf Club getrimmt, reduktionistisch und trotzdem bleibt der Soul– am Freitag im Bonn, hin da!

Fischer empfiehlt:
Die Bookerin ist am Verzweifeln: «Ihr kennt Steve Buscemi nicht!?!» Wie soll sie denn Leute wie Jake La Botz promoten, wenn alle Referenzen fehlen hier drüben, andere Seite Atlantik? Hush hush, das wird schon. Einfach dranbleiben, die Stadt merkt schon noch, was sich da Spannendes und Untergründiges tut zwischen Blues, Rock, Folk und alledem.

JJ empfiehlt:
Immer am Achten
ist im Schwob-Haus Happening und heute ist wieder der Achte. Nicolás Araneda macht die Theorie zur Praxis und stellt seine konzeptionelle Kompositionstechnik vor. Es nennt sich “Time Decoration“, es gibt Klang und Talk und Bier aus der Dose, oben über der Länggass.

Berner Initiativen: Räuber und Poli

Roland Fischer am Freitag, den 5. Oktober 2018 um 6:00 Uhr

Rabautz! Morgen schon wieder. Und diesmal mit Ansage.

Man könnte nun ein bisschen böse fragen: Gehört es schon zum Berner Kulturgut, das Räuber-und-Poli-Spielen rund um den Vorplatz? Das Herausfinden, wer denn nun die Deutungshoheit über Recht und Unrecht und Ordnung und Unordnung hat? Ein bisschen was von Theater hat es ja schon. Oder ist es eher eine soziale Skulptur? Oder Soziokultur im besten, partizipativen Sinn, Begegnungsort, Schreitherapie, kühne Gassenschau meets Improtheater? Live Action Roleplay?

Ah, elegante Überleitung:

[wir] finden, nicht nur Kinder dürfen spielen, sondern Erwachsene mindestens genauso fest. Darum haben wir den Verein Rabautz gegründet. Damit alle, die mal wieder etwas kindisch sein wollen, in der Stadt oder im Wald oder wo auch immer richtig ausgiebig spielen können.

Wir verwandeln deine Stadt in ein Spielfeld. Wir machen das Kind in Dir zu Räuber oder Bulle, Hexe oder Werwolf. Wir organisieren, studieren und du darfst fetzen und Banditen hetzen.

Sehr schöne Initiative. Und um das Verwirrspiel perfekt zu machen: Treffpunkt ist tatsächlich auf dem Vorplatz. Game on!

Frau Feuz hat fertig

Gisela Feuz am Mittwoch, den 3. Oktober 2018 um 17:03 Uhr

Liebes KSB-Blog, wir beide haben uns ziemlich exakt vor 10 Jahre aufeinander eingelassen, gell. Läck bobi war ich nervös, als ich im September 2008 den ersten Text für dich abfeuern durfte. Es ging um das Konzert von Unhold im Dachstock, weisst du noch? STUN-DEN hab ich daran rumgebastelt. Wenn ich den Text heute lese, schäm ich mich ein bisschen. Weil gut ist anders. Aber item.

Es folgten wilde Zeiten, oh boy, und wenn ich wild schreibe, dann mein ich auch wild. Wie oft bin ich nach einem feuchtfröhlichen Konzert nach Hause gewankt, um dir noch davon zu berichten. Im Notfall bediente ich die Tastatur mit einem Zeigefinger, weil ich mir mit der anderen Hand ein Auge zuhalten musste. Und wenns gar nicht mehr ging, dann klemmte man sich am nächsten Tag mit Brummschädel hinter den Computer, um von irgendeiner Hundsverlochete des Vorabends zu erzählen. Der gestrenge Herr Gnos machte einem damals noch die Hölle heiss, wenn nicht anständig verlinkt wurde und der nicht minder gestrenge Herr Sartorius knallte gnadenlos mit der Peitsche, wenn man sich denn mal in der eigenen Kater-Fäule suhlen wollte.

Geduldig und nachsichtig hast du so einige feuzsche Text-Experimente, Stilblüten, Unwahrheiten und sprachliche Unflatiche über dich ergehen lassen, gell liebes KSB. Entschuldigen mag ich mich nicht dafür, weil ich weiss, dass meine blühende Fantasie dir insgeheim genau gleich viel Freude bereitet hat wie mir. Vielmehr möchte ich mich bei dir bedanken, dass ich mich all die Jahre dermassen hemmungslos austoben durfte.

Gemeinerweise hat alles ein Ende. Nein, komm mir jetzt nicht mit der Wurst. Du hast dich verändert, Frau Feuz hat sich verändert. Erwachsen wäre das falsche Wort. Aber die zeitlichen Ressourcen müssen definitiv besser eingeteilt werden und das geht leider Gottes auf deine Kosten. Ja, mir blutet auch das Herz. Aber weinen tun wir trotzdem nicht, gell liebes KSB. Ganz vom Kulturacker* mach ich mich ja nicht und du hast doch neue junge Wilde am Start, mit denen du zukünftig bestimmt allerlei lustigen Unfug und Schabernack erleben wirst. In diesem Sinn: go KSB-Crew, gooooo!

Auf immer und ewig deine,
Frau Feuz

*Frau Feuz bleibt dem Kulturkuchen als Kulturredaktorin bei Radio RaBe erhalten und schreibt weiterhin als freie Journalistin für den Bund. 

Make some noise

Roland Fischer am Dienstag, den 2. Oktober 2018 um 14:12 Uhr

He tells me in his bedroom voice
C’mon honey, let’s go make some noise
Time it goes so fast
When you’re having fun

So etwa. But, you know, It’s just another manic Monday.

Gestern abend also, oben in der KTB-Mansarde: Auftakt zum neuen allmonatlichen Montags-Format, einer Carte Blanche für das Schauspiel. Den ersten Blankoscheck hat Julia Haenni erhalten, die Hausautorin für die Spielzeit 2018/2019 (und Transform-Co-Leiterin und dramenprozessorin und Slammerin und, so Gott – oder wer auch immer sich in dem Laden nun um Personalien kümmert – will, auch bald KSB-Gastautorin). Schön, dass sich da jemand sehr wohl fühlt auf einer Bühne, die mit viel Tamtam für sie eingerichtet wird. Und noch schöner, dass sie weiss: diese Bühne ist locker gross genug für noch andere. Also hat sie eine ganze Schar von Gästen dazugeholt und hat ihre Texte performt, im Chor gelesen, gespielt, geslamt, konzertiert. Eine sehr unterhaltsame Vorstellungsrunde. Und apropos: Die Vorstellung von so einer Stadt an so einem Montag ist dann ja gar nicht so anders:

… hallo seit als häti si nur uf dich gwartet ade reception vom läbe
dir ad wösch gat
direkt aber ehrlich _
(aus Julia Haenni, Die Stadt isch zchli für dich)

Kulturbeutel 40/18

Urs Rihs am Montag, den 1. Oktober 2018 um 5:56 Uhr

Der Bongoboi empfiehlt:
Ich besass mal einen schönen Revox Verstärker, von meinem Onkel – hat’s verblasen als «The Maggot» von den Melvins auf dem Plattenteller lag …
Drum geh ich am Sonntag in den Dachstock und verlang Vergeltung!
(Scheiss auf Legendenstatus und so – dem Alarmismus, um im Musikgeschäft Shows anzupreisen – aber das sind scheiss Legenden!)

Fischer empfiehlt:
Gleich zwei Film-Tourneen kommen diese Woche zu Besuch in die Cinematte. Heute startet das Cinema Italiano mit fünf aktuellen Filmen von südlich den Alpen. Und am Freitag dann schaut das Fantoche vorbei, mit einem Best-Of des diesjährigen Festivals.

Schwab empfiehlt:
Das, wo der Bongoboi Urs auch sagt. Und darüberhinaus: Galerie Duflon-Racz, Vernissage des «Fujicolor Crystal Archive». Ein wunderschöner Name, nicht? Fotografische Arbeiten der Berner Künstlerin Anouk Tschanz, Weisswein, Freitag.