Kulturbeutel 34/18

Clemens Kuratle am Montag, den 20. August 2018 um 5:55 Uhr

Kuratle empfiehlt: Ester Poly ist Feminismus ohne grosse Worte, dafür mit grosser Musik. Bass-Ass Martina Berther und Drummerin Beatrice Graf überwinden Röstigraben und Generationenunterschiede mit Leichtigkeit. Is it J***? We don’t care! Aber die Radikalität ihrer Musik  hilft sicherlich, die Woche mit dem richtigen Esprit anzugehen. Zu hören heute am NEUSTADT-Lab, um 20:00.

Fischer empfiehlt:
Zweite Woche Kino im Kocher, von Mittwoch bis Samstag. Unter anderem mit dem live vertonten Stummfilm Our Hospitality, dem Gangster-Kult In Bruges und einem Überraschungsfilm zum Schluss. Wetter sollte stimmen.

Die Ursi empfiehlt:
Menschen liegen nicht umsonst an der Sonne, nicht aus purlauterem Ennui im Marzili, im LoBa und im BoGa, so lange sie sich nicht verbrennen und vor allem länger.
Im BoGa aber, diesen Samstag gegen Kollekte und wie gewohnt auf Liegestühlen: «les digitales», das Festival für Elektronisches und Experimentelles, von sechzehnhundert nachmittags bis zehn Uhr nachts. Mit besten Menschen und nahezu besserer Verpflegung. Wer wissen wollte, schon immer, wie Veranstalten sollte, der oder die biege seine Geher ebenfalls unter die Kakteen, zum Anschauungsunterricht.

Schwab empfiehlt:
Wer hat Angst vor dem Popsong? Geht noch was in der so called Independent Rockmusik? High-School-Romantik und Loner-Gitarren, first kiss, last kiss, Kaugummis und Kassetten: Snail Mail und Lucy Dacus sind zu Gast in Bonn diesen Donnerstag.

call 0800 00 12 16

Roland Fischer am Donnerstag, den 16. August 2018 um 9:21 Uhr

Wir müssen wieder lernen zuzuhören.

via GIPHY

Zum Beispiel Johanna Kotlaris, wenn sie mit sonorer Stimme eine Geschichte erzählt, am anderen Ende der Leitung.

But then, I kissed you back. And you kissed me back. And I kissed you back.

Am besten mal im Zug, wenn alle bloss ihre Touchscreens streicheln. Call her.

Das Projekt 0800 00 12 16 von Ines Marita Schärer ist eine Telefonnummer, eine Voicemailbox, welche aus der Schweiz kostenlos angewählt und abgehört werden kann. Die Nummer ist eine Plattform zur Veröffentlichung von gesprochenen Texten oder künstlerischen Arbeiten, die auf Sprache basieren. Hier geht’s zum Archiv.
Ines Marita Schärer liest übrigens selber diesen Samstag in der Quartieroase.

Kulturbeutel 33/18

Mirko Schwab am Montag, den 13. August 2018 um 5:55 Uhr

Schwab empfiehlt:
Mama Afrika callin’ you back, Liebes – am Freitag machen sie Tropical Night auf dem Vorplatz. Chefdigger Samy Ben Redjeb von Analog Africa, Basels Uhuru Sound Resistance und den Heimbois Uede Suave und Beni Severo kann man also beim Tellerwaschen zuschauen, sich über Cultural Appropriation unterhalten und Toast Hawaii oder auch über typisch Luandische Gitarrensounds der späten Sechzigerjahre. Aber bitte tanzend, sonst macht das alles keinen Sinn.

JJ empfiehlt:
Bit-Tuner am Donnerstag im Rössli und LSD in einer der kommenden Sternschnuppennächte, aber bitte nicht LSD im Rössli während sich Bit-Tuner im Strobo-Licht on Stage eine Flasche Vodka rein ballert, das ist keine gute Idee, ich habe das mal gemacht und seither bisschen Angst vor dem Boy mit den Bässen. Und sonst so: einfach mal bei Radio Bollwerk reinhören, mit LSD am besten zuhause im Internet, ohne LSD besser gleich direkt bei der RBW Sommer Residenz auf der Schütz.

Fischer empfiehlt:
Neben Tanz und Substanz: Kunst, am besten als Marathon, dann kommen irgendwann die körpereigenen Drogen (neben dem Vernissagen-Weissen natürlich). Am Donnerstag eröffnen das Kunstmuseum, die Stadtgalerie, videokunst.ch, Reflector, Bernhard Bischoff (im Progr) sowie Duflon Racz (untere Altstadt) sämtlich neue Ausstellungen. Besonders gespannt ist man auf die République Géniale, für die das Kunstmuseum zusammen mit der Dampfzentrale den Hauptstadtkulturfonds geknackt hat.

Der Urs empfiehlt:
Eine letzte Goldene Stunde Sommer im Bogen 17 am Wohlensee – wenn das Licht kurz vor der Sonnenbiege maximal flach durch die Atmo strahlt und alles so heilandwarm leuchten lässt.
Weil tammi schön dort und weil die Boys und Girls am Kiosquetresen den Preis für die bis und mit stadtweit leidenschaftlichste Gastroarbeit der Badesaison mehr als verdient hätten. Und zwar locker –

big spirit down there!

Krumme Geschäfte

Roland Fischer am Freitag, den 10. August 2018 um 15:15 Uhr

Buskers all over. Vor allem auf dem Münsterplatz, wo das überalle All sich ausbreitet für ein paar Tage, mit allerlei Inner-, Aufder- und Ausserirdischem. Zum Beispiel Essen aus abartigem Gemüse, mit dem Food Fest.

Oder mit dem ehemaligen KSB-Alien Miko Hucko, die ja mit der Social Space Agency schon einige Erfahrung in Sachen Wel/t/raum-Erkundung hat. Am Buskers entführt sie als Utopian Witness auf eine zeitreisende Stadtführung.

Wir nehmen euch mit auf eine Reise zurück in die dunklen Zeiten des Spätkapitalismus. Damals, als die Welt von Krisen gebeutelt schien und viele Menschen keine Zukunft näher sahen als den Weltuntergang.

Postkarte: Lowlife highlights

Roland Fischer am Mittwoch, den 8. August 2018 um 9:55 Uhr

Grüsse aus Berlin. 38 Grad. Spiegelschrift und Bodensätze.

Kulturbeutel 32/18

Urs Rihs am Montag, den 6. August 2018 um 5:57 Uhr

Der Urs empfiehlt:
In den BoGa runter, queer hindurch und wieder etwas hoch – dann bis du im brookly.
Der Boho Tresen schlechthin, du weisst Bescheid, mit Cocktails für fair Mäuse.
Und am Donnerstag mit stimmigster Beschallung – garantiere …
Oder auch am Donnerstag – wer seine Hemmungen nicht mit Alkohol und Musik zu verscheuchen trachtet – der oder die geselle sich ab drei Uhr auf die Münsterplattform.
Dort gastiert im Rahmen des diesjährigen Buskers Festival nämlich ein Teil des Heitere Fahne Kollektivs, sonst ja zu Wabern, und will der allgemeinen Verklemmung mittels Performance und Installationen an den Kragen: «Hemmige Metzgete» heisst das dann und klingt verdammt spannend.

 

Loveletter to a Festival: Ostfest

Clemens Kuratle am Freitag, den 3. August 2018 um 16:56 Uhr

Mischen morgen das Ostfest auf: 13 Years Cicada

Liebes, Wie schön bist du denn? Gestern schon eröffnet, heute aber erst so richtig!

Ein Hoch auf deinen Gastgeber, den Osten im Allgemeinen und die Programmkommission, welche hier erneut ein Süppchen zusammengebraut hat, das sich gewaschen hat. Heute bist du musikalisch noch recht leichtfüssig unterwegs (mit Klaus Johann Grobe, Muthoni Drummer Queen, Frutti di Mare und anderen) und morgen dann  mit etwas happigerer Post am Start(Pyrit, 13 Years Cicada, Heliocentrics …).

Generell, dein Programm, ufff?! Ernsthaft.. Die komplette Überforderung. Mit Sicherheit keine Mainstreamk***e und doch kommt niemand zu kurz.

Kuratle empfiehlt: Früh genug starten um sich ein Ticket zu ziehen (kommt erst noch günstiger, kennsch?)! Auf Empfehlungen pfeifen und mal schauen wie der Körper so reagiert. Das Ostfestkomitee hat mit Sicherheit genug am Programm rumgehirnt.

Und immer gnue trinke, gäu!

Wer den Weg nicht bis ins Alte Tramdepot schafft: Radio Bollwerk sendet live vom Ostfest, inklusive Konzertmitschnitte, Interviews und vielem mehr. Das komplette Programm auf ostfest.ch

 

Kulturbeutel 31 / 18

Roland Fischer am Montag, den 30. Juli 2018 um 5:00 Uhr

Fischer empfiehlt:
Zu heiss? Warum nicht ins kühle Dunkel eines Kinosaals? Und sich das Blut ein wenig gefrieren lassen, vom Altmeister persönlich? Den ganzen Sommer über laufen Hitchcock-Klassiker im Rex, diese Woche zum Beispiel Notorious, Vertigo, Shadow of a doubt und North by Northwest. Und wer lieber draussen Filme schauen möchte: Auf der Schanze oben (ja, da wo mal so ein richtiges Open-Air-Kino stand) zeigt das seltsame Peter Flamingo Dingsbums immer am Montag tolle Filme, heute abend gibt’s die irre Vampir-Klamotte What we do in the Shadows.

Das Urs empfiehlt:
Was ausserhalb des Erfahrbaren liegt. Musst du dir vorstellen – kannst du dir das Paradies vorstellen?
Irgendwo ausserhalb der Stadt liegt Brenzikofen und dort passiert am Freitag und Samstag.
Das Paradies
Festival.
Cloud, Techno, Afro – hier transzendieren Kraut und Rüben!
Das riecht nach Lust, nach Laune,
nach fett,
nach fresh.

Mirko Schwab empfiehlt:

Möchten auch Sie Ihren Event-Werbebanner platzieren? Gerne finden wir bei Ca$hStattKultur eine auf ihr Publikum perfekt zugeschnittene Lösung! Für Informationen zu Preisen und unseren weiteren attraktiven Angeboten (Adverticle, Influencing, Sexting, Handauflegen) melden Sie sich telefonisch bei: 076 516 18 98. Nur Barzahlung.

Gefährdet ist Gut!

Clemens Kuratle am Sonntag, den 29. Juli 2018 um 18:17 Uhr

Die Langnau Jazznights sind wieder einmal Geschichte. Die Szene war anwesend, ist das Festival doch mit seinen Workshops, Clinics und Jams eine Brutstätte des Schweizer J***s. Und so wars, neben dem hochkarätigen Line-Up, auch dieses Jahr wieder ein Familientreffen. Ein Résumé.

Furios und kontrastreich werden die Nächte Dienstags von den Bands von M-BaseGuru Steve Coleman und Basslegende Christian McBride eröffnet. Zwei gegensätzliche, vielschichtige Konzerte.

Mittwochs beeindruckt das stilbildende Trio um Brad Mehldau mit einem, seiner Extra-Klasse entsprechenden, ausgedehnten, abwechslungsreichen Set.

Donnerstags kann man der Jazzgeschichte in Gestalt des beinahe 80-jährigen Schlagzeugers Billy Hart beim Spielen zuschauen, was der anwesenden amerikanischen Drummer-Elite und dem Autor Tränen der Rührung in die Augen treibt.

Freitags, den Kater von den nächtlichen Jamsessions in der Kupfergabel noch im Genick, wird einem dann die Tradition bei aller Spielgewalt und Präzision plötzlich etwas zuviel, worauf man sich vornimmt auch den kommenden, letzten Abend nüchterner anzugehen.. S‘isch haut ****.

Am Samstag Morgen wünscht man sich den Jazz dann, trotz der Nüchternheit, überall hin, nur nicht ins Emmental.

Und dann geht man trotzdem. Wegen der Community, dem letzten Jam, weil man ja nun mal da ist… Im Gegensatz zu den Vorabenden spielt heute keine Legende auf der Bühne, man findet einen Sitzplatz.

Als Endangered Blood loslegt, der Sound justiert, die Ohren gebüschelt sind geht plötzlich alles viel zu schnell. Eine Stunde fühlt sich an wie zwanzig Minuten, die Zugabe wird frenetisch herbeigeklatscht. Die Musik von heute hat gesprochen. Da nützen alle Worte nichts. Chris Speed, Oscar Noriega, Trevor Dunn und Jim Black. Endangered Blood!

Im Anschluss steht man mit Seelenverwandten stumm und glücklich an der Bar und braucht keinen Alkohol. Die Nörgler können einem gestohlen bleiben. Man ist Fan! der Drummer und Bandleader des Fischermann‘s Orchestra (am 3. August am BeJazzSommer) macht sich auf, die CD signieren zu lassen.

Das zweite Konzert wird über die Lautsprecher der Bar zur Kenntnis genommen, der Abend verrinnt, der Jam wird um halb 5 mit einem Blues beschlossen. Man liegt sich in den Armen, verabschiedet sich und freut sich auf die Ausgabe vom nächsten Jahr. Die Helfer sind bereits am Verräumen.

Danke Langnau!

I don’t Getty, really

Roland Fischer am Freitag, den 27. Juli 2018 um 15:31 Uhr

Wie anfangen, wenn eine Ausstellung entweder perfekter Unsinn ist oder, well: perfect sense macht? Oder vielleicht auch beides?

Von allen Museumsbesuchern, die Gradlinigkeiten und ergründliche Wege bevorzugen, müssen wir uns an dieser Stelle leider bereits verabschieden. Jedenfalls wären Sie hiermit gewarnt: Achtung, Meta.

Wer an der Gerechtigkeitsgasse 74 in den dritten Stock hinaufsteigt, begibt sich in die Ausstellung einer Ausstellung einer Ausstellung. Vielleicht sind’s auch ein paar Schachtelungen mehr oder weniger, das ist irgendwann nicht mehr so klar. Am besten fängt man wohl so an: Die Wand, an die man beim Eintreten in die Wohnung als erstes blickt, steht da eigentlich gar nicht, auch wenn sie aussieht als müsste sie genau da stehen, fein säuberlich mit einer Fussleiste versehen. Auch das Lavabo dahinter: nicht ans Wasser angeschlossen. Alles Kulisse, Teil der Reinszenierung einer Wohnung, die auch damals schon, 1974, nur der

Anschein einer rekonstruierten Wohnung als Rahmen für eine Erzählung

war. Und zwar der Lebensgeschichte von Etienne Szeemann, Harald Szeemanns Grossvater. Das Getty Research Institute in Los Angeles hat sich in den letzten Jahren durch Szeemanns Nachlass gewühlt und daraus zwei Shows destilliert, die nun auch in Bern zu sehen sind, Harald Szeemann: Museum der Obsessionen in der Kunsthalle und Grossvater: Ein Pionier wie wir am Originalschauplatz in der Gerechtigkeitsgasse.

Von der eher skurrilen Biografie-Show aus dem Jahr 1974 waren nur Bilder und in alle Weltgegenden verstreute Objekte übrig geblieben, und so fragt man sich beim Reinszenierungs-Besuch nicht so sehr, was das für ein schillerndes und geschichtsbeladenes Leben war, das dieser Coiffeur-Selfmademan gelebt hat zwischen 1873 und 1971, sondern vielmehr, welchen Teufel die Getty-Leute geritten hat, dieses nicht wirklich bedeutende Szeemann-Kapitel bis ins kleinkleinste Detail nachzubauen. Was dann zum Beispiel bedeutet, dass der ausgestopfte Hund, der leider verloren gegangen ist in den letzten vierzig Jahren, irgendwie 3D-geprintet und neu befellt worden ist. Oder dass Hollywood-Setdesigner eine Biedermann-Möbel-Kombination nachgebaut und mit unsinnigem Aufwand bemalt haben, die man mit etwas Glück sicher auch im Brockenhaus gefunden hätte. Nicht exakt dieselben Möbel, natürlich, aber spielt das wirklich eine Rolle?

Man kommt so ziemlich ins Sinnieren. Leider nicht über das, was hier ausgestellt wird, sondern über die Art und Weise, wie es ausgestellt wird – wie es von Szeemann wurde und von seinen Jüngern noch einmal wird. Eben, Meta: Eine Ausstellung übers Ausstellungmachen. Bei Szeemann wie bei Getty: Museum der Obsessionen.