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Es kitzelt im Schoss der katholischen Kirche

Hugo Stamm am Samstag den 24. Oktober 2015
Keine Kommunion für «Sünder»: Der Churer Bischof Vitus Huonder mit einem unbekannten Begleiter, 2011. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Keine Kommunion für «Sünder»: Der Churer Bischof Vitus Huonder mit einem unbekannten Begleiter, 2011. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Morgen Sonntag geht die Familiensynode der Bischöfe in Rom zu Ende. Das geistliche Gremium hat unter anderem darüber debattiert, wie es die katholische Kirche in Zukunft mit den Wiederverheirateten und Homosexuellen halten will. Die Resultate sind noch nicht bekannt.

Aktuell sind Kirchenmitglieder, die homosexuell veranlagt, geschieden und wieder verheiratet sind oder die Pille schlucken in einer «irregulären Situation», wie es der Churer Bischof Vitus Huonder formulierte. Deshalb werden die «Sünder» von der Kommunion ausgeschlossen.

Die konservativen Bischöfe bemühen die Bibel, um ihre fundamentalistischen Positionen zu verteidigen. Mit Vorliebe verweisen sie auf die Bergpredigt, die für sie das moralische Kernstück des Neuen Testaments ist. In dieser Unterweisung setzte Jesus die ethischen Standards, auf die die christlichen Gemeinschaften stolz sind. So verlangte er unter anderem, der Mensch solle nicht töten und seine Feinde lieben. (Dass sein Vater dazu aufruft, die Ketzer und selbst deren Kinder zu töten, ist nur einer von vielen irritierenden Widersprüchen der Bibel.) Erstaunlich ist, dass nur der Evangelist Matthäus die Bergpredigt dokumentierte. Markus, Lukas und Johannes erwähnen sie nicht.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, was Jesus in der Bergpredigt zum Ehebruch sagt: «Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen» (Mt. 5.28). Die Aussage ist für die konservativen Bischöfe ein wichtiges Zeugnis, doch sie zeugt von wenig Menschenkenntnis. Jesus schätzte offensichtlich Kraft und Eigendynamik der Fantasie und der Sexualität falsch ein. Wie schwer diese zu kontrollieren sind, müssten gerade die katholischen Geistlichen aus eigener Erfahrung oder Anschauung wissen: Obwohl sie im Namen von Jesus geloben, zölibatär zu leben, pflegen viele von ihnen Beziehungen zu Frauen oder leben ihre Homosexualität oder ihre pädophilen Neigungen im Schoss der katholischen Kirche ziemlich hemmungslos aus.

Man kann Jesus vorwerfen, er sei weltfremd gewesen. Man muss ihm aber zubilligen, dass er die Bergpredigt vor rund 2000 Jahren hielt und trotz göttlichem Potenzial von tiefenpsychologischen oder unbewussten Phänomenen wenig Ahnung hatte. Wenn sich Geistliche aber heute noch auf den Standpunkt stellen, erotische Fantasien seien Sünde, eignen sie sich schlecht als Seelsorger. Dann haben sie noch nie ein Fachbuch gelesen oder das Eigenleben ihrer eigenen erotischen Fantasie und ihrer Regungen beobachtet.

Dabei ist es eine Binsenwahrheit: Wer seine Triebe unterdrückt, wird von ihnen eingeholt und möglicherweise übermannt. Es ist ja gerade eine kulturelle Entwicklung, dass wir lernen, verantwortungsvoll mit den Begierden umzugehen. Würden sich die Geistlichen in dieser Frage weniger an der Bibel orientieren, sondern an den psychologischen Erkenntnissen, käme es vielleicht zu weniger sexuellen oder pädophilen Übergriffen innerhalb der katholischen Kirche. Deshalb zeugt es von Doppelmoral, Homosexuelle zu stigmatisieren und Wiederverheiratete von der Kommunion auszuschliessen. Ganz zu schweigen vom Anachronismus, Frauen kirchliche Ämter zu verwehren.