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Mörder werden im Heiligen Jahr begnadigt

Hugo Stamm am Samstag den 2. Januar 2016
Der Papst bei der Weihnachtsmesse am 25. Dezember 2015. Foto: L'Osservatore Romano/AP

Wird sein Ablassversprechen dereinst als Anmassung und Sünde bewertet? Der Papst bei der Weihnachtsmesse am 25. Dezember 2015. Foto: L’Osservatore Romano/AP

Die katholische Kirche kämpft seit Jahren mit Imageproblemen. Die negativen Schlagzeilen überwiegen die erfreulichen Meldungen bei weitem: Sexueller Missbrauch, Verschwendungssucht, Skandale bei der Vatikan-Bank, magere Ergebnisse bei der Bischofssynode usw.

Da kommt die Ausrufung des Heiligen Jahres, wie es der Papst an Weihnachten getan hat, zur rechten Zeit. Es gibt der Kurie etwas Luft und ist ein Fest für die Gläubigen. Diese werden Rom 2016 stürmen – es werden 30 Millionen erwartet –, die Stadt wird sich in einen Rummelplatz verwandeln.

Der grösste Anreiz für eine Pilgerreise im Heiligen Jahr, auch Jubeljahr genannt, liegt im versprochenen Ablass. Wer das Ritual erfolgreich absolviert, fährt frei von Sünden heim, wie der Papst verspricht. Egal, ob er ein Kriegsverbrecher, Mörder oder Betrüger ist. Also auch Todsünden werden angeblich getilgt, das Tor zum Himmel öffnet sich nach dem Jüngsten Gericht auch den Verbrechern, wenn sie denn das Ablassritual absolviert haben.

Die Befreiung von den Sünden im Heiligen Jahr ist keine Hexerei. Es braucht keine Wiedergutmachung, keine Fronarbeit für das Reich Gottes, keine Kasteiung mit einer Dornenkrone oder einer Geissel. Die Gläubigen müssen für die grosse Reinigung lediglich die Beichte ablegen, die Kommunion empfangen, das Glaubensbekenntnis ablegen, ein Gebet für den Papst sprechen – hat er das nötig? – und eine heilige Pforte durchschreiten. Die beliebteste befindet sich in der Vorhalle der päpstlichen Basilika von San Giovanni in Laterano in Rom, die normalerweise zugemauert ist, in den Jubeljahren jedoch vom Papst feierlich geöffnet wird.

Heilige Jahre haben in der katholischen Kirche Tradition. Papst Bonifatius VIII. rief im Jahr 1300 zum ersten Mal ein Jubeljahr aus. Meistens fanden diese nach jeweils 25 Jahren statt, diesmal schon nach 15 Jahren. Die Kurie braucht offenbar dringend einen Befreiungsschlag.

Es ist eine der verstörenden religiösen Besonderheiten, dass ein Mensch einen Sündenablass verfügen kann. Pfuscht der Papst damit Gott nicht ins Handwerk? Das Ritual widerspricht dem Gerechtigkeitssinn. Ein Beispiel: Ein Mann, der Ehebruch begangen, den Ablass aber nicht geleistet hat, wird dereinst aus dem Himmel verbannt. Ein Mörder hingegen, der im Jubeljahr rasch durch die Heilige Pforte schlüpfte, findet beim Jüngsten Gericht Gnade.

Ob Gott da mitspielt? Und was ist, wenn sich die Päpste mit dem Ausrufen der Heiligen Jahre verspekuliert haben? Wird vielleicht ihr Ablassversprechen dereinst als Anmassung und Sünde bewertet?

Nimmt man die Bibel als Massstab, könnte dies durchaus passieren. So lesen wir beispielsweise bei Matthäus:

«Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?» (Mt 23,33)

In einem Korintherbrief heisst es:

«Wisst ihr denn nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben.» (1. Kor 6,9–10)

An anderer Stelle schreibt der Evangelist Matthäus:

«Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.» (Mt 13,40–42)

Bei solchen Worten kommen Zweifel auf, ob Gott den billigen Ablass der katholischen Kirche akzeptiert und Betrüger und Mörder begnadigt, die das Ablassritual absolvierten. Denn dieses garantiert ja nicht einmal, dass die Sünder ihre Taten bereuen.

Die Hölle ist überall

Hugo Stamm am Samstag den 29. November 2014
Als ob das Diesseits nicht schon genug Ängste auf Lager hätte: Höllischer Kürbis. Foto:  Logan Ingalls (Flickr)

Das Diesseits hat genug Ängste auf Lager: Höllischer Kürbis. Foto: Logan Ingalls (Flickr)

Eine der wenigen Konstanten im Leben ist die Angst. Wir können sie verdrängen, aber nicht abschütteln. Wir haben Angst vor Krankheiten, Unfällen, Verlusten, Schmerzen. Vor allem aber vor dem Tod. Die Angst ist sinnbildlich die Hölle des Diesseits. Oder eine Strafe der Götter, auf dass der Mensch nicht übermütig werde und ihnen die Position streitig mache. Die Angst vor dem Tod reduziert uns auf menschliche Dimensionen und ist quasi das Rezept gegen die Selbstvergottung.

Paradox erscheint, dass die Angst gleichzeitig eine Lebensversicherung ist. Sie hindert uns daran, allzu unvernünftig zu sein, und zwingt uns, das Risiko zu minimieren. Als angstfreie Wesen würden wir dauernd versuchen, die Schwerkraft zu überwinden und Unfälle zu produzieren.

Der Angst kommt also eine wichtige Funktion bei der Überlebensstrategie zu. Aus religiöser Sicht stellt sich aber die Frage, warum die Götter die Welt so unvollkommen erschaffen haben, dass es die Angst zum Überleben braucht? Erlagen sie einer sadistischen Laune, oder verstehen sie sie als Strafe? Aus christlicher Sicht handelt es sich um eine Kollektivstrafe. Doch wofür?

Alle Glaubensgemeinschaften instrumentalisieren die Angst der Menschen für ihre Zwecke. Das Sinnbild der Angst verkörpert die Unterwelt. Aus psychologischer Sicht ist die Drohung mit der Hölle ein Disziplinierungsinstrument, das bei Kindern traumatische Reaktionen auslösen kann. Als ob das Diesseits nicht schon genug Ängste auf Lager hätte, bauen praktisch alle grossen Religionen seit Tausenden von Jahren eine Drohkulisse für das Leben nach dem Tod auf. Wie viele zentrale Versatzstücke haben die Autoren der Bibel auch die Idee von der brennenden Unterwelt bei älteren Religionen abgekupfert.

Die meisten Lehren sehen die Hölle als Ort der Läuterung, während das Christentum die ewige Verdammnis der Sünder androht. Das Bild unseres Gottes ist deshalb besonders angstbesetzt: Er kann uns beim Jüngsten Gericht in die Hölle verbannen. Überraschend ist, dass selbst Hinduismus und Buddhismus, die bekanntlich die Reinkarnation lehren, von einer Unterwelt sprechen. Im Vergleich zur christlichen Hölle scheinen dort aber geradezu paradiesische Zustände zu herrschen.

Glaubensgemeinschaften, die Gläubigen mit der Hölle drohen, bräuchten dringend eine Aufklärung. Wir haben in der Zivilgesellschaft die schwarze Pädagogik dank den Menschenrechten überwunden und die Welt menschlicher gemacht. Auf diese Erkenntnis sollten die Weltreligionen verpflichtet werden können.