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Der Psychiater als Geistheiler

Hugo Stamm am Samstag den 21. November 2015
Werde mit Jesus verglichen: Der umstrittene Samuel Widmer. (Alessandro Della Bella)

Werde mit Jesus verglichen: Der umstrittene Samuel Widmer. (Alessandro Della Bella)

Das Leben des Lüsslinger Psychiaters Samuel Widmer hing kürzlich an einem dünnen Faden, wie er sich ausdrückte. Als «Guru» der tantrischen Kirschblüten-Gemeinschaft unweit von Solothurn hatte er schwere Stunden hinter sich. Eine Razzia in seinen Privaträumen war der Höhepunkt einer langen Kontroverse um seine Psycholyse, eine Therapie unter Einsatz von Drogen wie LSD und Ecstasy. Die Polizei führte Razzien durch, nahm ihn in die Zange und setzte seinen Sohn vorübergehend in U-Haft. Ein eingeschleuster Reporter des Senders ARD wies nach, dass an den Sitzungen der Kirschblütler Drogen verwendet wurden.

Gegen Widmer und drei Familienangehörige läuft eine Strafuntersuchung. Der «Tages-Anzeiger» hatte aufgedeckt, dass die Gemeinschaft offensichtlich seit vielen Jahren verbotene Psychotherapien mit Drogen durchgeführt und Hunderte Drogentherapeuten ausbildet hatte, die teilweise ihrerseits LSD-Sessions in der Schweiz und Deutschland mit Klienten organisieren. Dabei kam es auch schon zu einem tödlichen Zwischenfall.

Die Razzien und Strafanzeigen setzten Widmer offensichtlich zu. Salven von lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen hätten an seinem Herz gerüttelt und zu einem Herzinfarkt geführt, sagte er. Die Grenzerfahrung löste beim Psychiater aber auch eine übersinnliche Erscheinung aus. Im Spitalbett hörte er eine innere Stimme, die ihm den Auftrag gab, «sich den Menschen künftig auch als Medium für Geistheilung beziehungsweise Heilung durch Liebe für die Behandlung ihrer körperlichen Leiden zur Verfügung zu stellen».

Der 66-jährige Samuel Widmer sah sich immer schon als spiritueller Weltenlehrer, wenn auch als ein verkannter. In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagte er, er sei überzeugt, dass seine Arbeit in 200 Jahren ganz anders beurteilt werde als heute. Aussteiger berichten denn auch, seine Anhänger würden ihn als neuen Messias verehren und mit Jesus vergleichen. Nun hat der Herzinfarkt aus dem spirituellen Meister einen Esoteriker gemacht, der Psychiater bezeichnet sich neu als Medium und legt seinen Klienten die Hände auf.

Die Schilderung seiner spirituellen Metamorphose erinnert an die 86-jährige Uriella. Das «Sprachrohr Gottes» stürzte einst vom Pferd, erlitt Kopfverletzungen und hörte während ihrer Nahtod-Erfahrung eine Stimme, die ihr einen Auftrag gab. Das Resultat ist bekannt: Uriella gründete Fiat Lux, empfing Endzeitbotschaften von Jesus und betätigte sich als Heilerin.

Psychiater Widmer empfängt seit kurzem Patienten, die sich von ihm in ein paar Minuten heilen lassen möchten. Regelmässig führt er zweistündige Heilungssitzungen durch.

Bisher hatte Widmer das Heil in der Drogentherapie, der Inzestfrage und in Tantrakursen gesucht. Der Psychiater sieht nämlich in den Drogen den Schlüssel zur Seele. LSD und Ecstasy sind für ihn Katalysatoren, die die psychische Genesung fördern. Im Angesicht des Todes tritt er nun als Geistheiler auf, um die Menschen körperlich zu kurieren. Er legt zwar immer noch viel Wert auf seinen Status als Psychiater, das wissenschaftliche Territorium hat er aber längst verlassen.

 

Jenseitsbotschaft vom Entdecker des LSD

Hugo Stamm am Samstag den 12. Juli 2014
Gruss aus dem Fingerhut: Albert Hofmann 2006 im Kongresszentrum in Basel, zwei Tage nach seinem 100. Geburtstag. Foto: Patrick Straub (Keystone)

Gruss aus dem Fingerhut: Der 100-jährige Albert Hofmann 2006 im Kongresszentrum in Basel. Foto: Patrick Straub (Keystone)

Der Basler Psi-Verein ist der Wegbereiter des Esoterikbooms in der Schweiz. Der rührende Förderer der paranormalen Parallelwelt organisiert seit 1967 wöchentlich Veranstaltungen mit Sehern, Medien, Geistheilern und spirituellen Meistern. Internationalen Ruf genossen früher auch die jährlichen Psi-Tage, ein Jahrmarkt des Übersinnlichen und der spirituellen Wunder.

Die Welt des Psi-Vereins ist ein Mysterium, das sich nur Eingeweihten erschliesst. Dies veranschaulicht das Medium Kai Mügge, regelmässiger Gast beim Psi-Verein. Angekündigt werden seine regelmässigen magischen Sitzungen mit wissenschaftlichem Vokabular: «Kai betreibt den klassischen Physikalischen Mediumismus europäischer Prägung: Ein geistiges Wissenschaftler-Team, das er channelt, demonstriert, wie autonome Geist-Persönlichkeiten physikalisch in unseren dreidimensionalen Raum eingreifen und ihn manipulieren können. Höhepunkt ist meist die Exposition von grossen Mengen Ektoplasma, wobei sich Materialisationen von Händen, Gesichtern und Gegenständen im Rotlicht zeigen können.» Alles klar?

Es handelt sich um Séancen, bei denen Tische wackeln und wandern (Levitation), Geistwesen oder Ahnen erscheinen und Gegenstände auf wundersame Weise herabregnen.

Ein Beispiel: Bei einer solchen Séance gab sich ein berühmter Wissenschaftler die Ehre. Dem Teilnehmer Lucius Werthmüller, Präsident des Psi-Vereins, «regnete» es eine rund fünf Zentimeter grosse Halbkugel aus Wachs in die Hand. Darin entdeckte der Beschenkte einen Fingerhut, der einen handschriftlichen Zettel mit der Botschaft enthielt: «Lucius schau diese wundervolle Natur, sie lebt. Ich lebe Albert.»

Albert war schnell identifiziert: Lucius Werthmüller wusste sofort, dass die Jenseitsbotschaft von Albert Hofmann, dem verstorbenen Erfinder des LSD, stammte. «Albert Hofmann hat mir zu Lebzeiten mehrmals Briefe oder Widmungen in exakt dieser Form der Anrede ohne nachfolgendes Komma geschrieben», berichtete der Präsident des Psi-Vereins hocherfreut.

Bei der lapidaren Botschaft stellt sich die Frage, ob Tote uns nicht mehr über das Leben zu sagen haben. Oder hatte Hofmann am psychedelischen Stoff gebastelt, der ihn schon zu Lebzeiten berühmt gemacht hatte? Vielleicht hatte er vorgängig den Teilnehmern der Séance das berauschende Mittel «regnen» und ihre Wahrnehmung trüben lassen.

Unbestritten ist aber, dass die drei Abendséancen von Kai Mügge im August bereits ausgebucht sind und ihm Eintrittsgelder in der Höhe von fast 10’000 Franken einbringen. Es ist beruhigend, dass es in der Welt des Psi-Vereins auch handfeste Aspekte gibt.