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Der Kreuzzug der Impfkritiker

Hugo Stamm am Samstag den 17. Oktober 2015
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Wird von Verschwörungstheoretikern und Esoterikern kritisiert: Das Impfen. Foto: Gaëtan Bally/Keystone

Im Herbst stellen sich viele die Frage, ob sie sich gegen Grippe impfen lassen sollen. Statistiken zeigen, dass die Impfmüdigkeit wächst. So liess sich zuletzt nur jede sechste Pflegefachperson impfen. Über 80 Prozent nahmen also das Risiko in Kauf, ohnehin geschwächte Patienten anzustecken und allenfalls einer Todesgefahr auszusetzen. Mit einer Kampagne will der Kanton Zürich die Rate verbessern.

Die Gründe für die Impfverweigerung sind vielfältig. Eine wichtige Rolle spielen aber die radikalen Impfgegner, die mit ihren fragwürdigen Aktionen Verunsicherung und Ängste verbreiten. Sie sind gut vernetzt, viele stammen aus der Esoterikszene, bevorzugen Alternativmedizin oder gehören zu den Verschwörungstheoretikern. Sie verteufeln die Impfungen und verharmlosen Krankheiten. Ihre Argumente sind offensichtlich ansteckend.

Das gesellschaftliche und weltanschauliche Phänomen zeigt sich exemplarisch an einem aktuellen Fall in Deutschland. Der promovierte Biologe Stefan Lanka tingelt seit Jahren als Missionar wider das Impfen durch die Lande und hat mehrere Publikationen zum Thema verfasst. Er bestreitet in verschwörungstheoretischer Manier die Existenz von Viren, die Krankheiten erregen. Es gebe das Aids-Virus nicht, behauptet er, er leugnete auch die Vogelgrippe, und hinter der Schweinegrippe vermutete er eine Verschwörung der USA und der Weltgesundheitsorganisation. Radikale Impfkritiker und Esoteriker verehren ihn als mutigen Kämpfer gegen die Pharmaindustrie, die Schulmedizin und gegen die Mächtigen der Welt überhaupt, die die Menschheit für dumm verkaufen und manipulieren wollen.

So kam Stefan Lanka eines Tages auf die Idee, den Impfbefürwortern den Spiegel vor die Nase zu halten. 100’000 Euro bekomme, wer ihm die Existenz von Masernviren nachweisen könne. Als Biologe mit Doktortitel, der zum Thema molekularbiologische Untersuchung der Virus-Infektion bei Braunalgen promoviert hatte, fühlte er sich fachlich sattelfest.

Die Aktion ärgerte den deutschen Medizinstudenten David Bardens. Er stellte wissenschaftliche Studien zusammen und schickte sie Lanka. Bei den Abbildungen in den von Bardens zugesandten Masernstudien handle es sich keinesfalls um Viren, konterte der Biologe, sondern um künstlich hergestellte Bläschen. Triumphierend stellte er fest: «Die Tatsache, dass es wieder nicht gelungen ist, die Existenz der Viren zu belegen, zeigt, dass der Mainstream einem Irrtum aufsitzt.»

Konsequenterweise weigerte sich Lanka, das Preisgeld herauszurücken. Das liess sich Bardens nicht gefallen und klagte ihn ein. Im März dieses Jahres fand vor dem Landesgericht Ravensburg die Verhandlung statt. Lanka argumentierte, Masern sei eine psychosomatische Erkrankung. Menschen mit traumatischen Trennungen würden daran erkranken. Ähnlich abstruse Theorien vertreten auch die Anhänger der Neuen Germanischen Medizin.

Der Experte Andreas Podbielski vom Rostocker Institut für medizinische Mikrobiologie erklärte dem Gericht, die sechs von Bardens vorgelegten Studien würden sowohl die Existenz des Virus als auch seine Erreger-Eigenschaften beweisen. Es gebe insgesamt über 10’000 Fachartikel zum Thema, ergänzte der Experte.

Lanka legte Berufung ein. Trotzdem hätte er sofort das Streitgeld hinterlegen sollen. Da er dies nicht rechtzeitig tat, erliess das Amtsgericht kürzlich einen Haftbefehl. Ins Gefängnis musste er aber nicht, der Biologe überwies den Betrag vor der Verhaftung.

Es ist davon auszugehen, dass Lanka auch in zweiter Instanz verurteilt wird. Das dürfte ihn aber kaum daran hindern, an seiner Virus-Theorie festzuhalten. Denn sonst würde sein ganzes Weltbild in sich zusammenfallen, und seine Mission, die seinen Lebensinhalt bildet, ginge bachab.​