Beiträge mit dem Schlagwort ‘Freikirchen’

Kehrseite der euphorischen religiösen Gefühle

Hugo Stamm am Samstag den 18. Juli 2015
Foto: Awakening Europe

Signal Gottes und Ausdruck seiner Nähe: Emotionen an einem freikirchlichen Kongress in Nürnberg. Foto: Awakening Europe

Menschen sehnen sich seit je nach starken Gefühlen, viele machen förmlich Jagd nach ihnen. Was im ersten Moment negativ klingen mag, macht aus psychologischer Sicht durchaus Sinn. Grosse Emotionen lassen uns lebendig fühlen und spenden Lebensenergie.

Unsere Vorahnen hatten ähnliche Bedürfnisse, ihre besonderen Emotionen beschränkten sich aber meist auf Liebe und Sexualität. Heute bietet uns die Erlebnisindustrie eine grosse Vielfalt von Angeboten, die eine Adrenalindusche auslösen.

Die wohl stärksten Gefühle können religiöse Rituale bewirken. Euphorie und Ekstase sind in radikalen Gemeinschaften keine Seltenheit, ausgelöst von Hoffnung, Sehnsucht und massensuggestiven Elementen. Gottesdienste in den Landeskirchen lösen hingegen keine euphorischen Gefühle aus. Die Rituale sind bedächtig und frei von Überraschungen. Es überrascht deshalb nicht, dass vorwiegend ältere Menschen in der Kirche anzutreffen sind.

Anders in vielen Sekten und radikalen Glaubensgemeinschaften, die virtuos auf der Klaviatur der starken Emotionen spielen. Bei Gottesdiensten in charismatischen Freikirchen entladen sich regelmässig emotionale Gewitter. Die intensiven Gefühle interpretieren sie gern als Signal Gottes und Ausdruck seiner Nähe. Was psychologisch und hirnphysiologisch erklärbar ist, werten sie als religiöses Phänomen.

Gläubige, die von ihren Emotionen mitgerissen werden, zahlen aber oft einen hohen Preis. Um religiöse Gefühle ungestört ekstatisch ausleben zu können, muss man den Kopf an der Garderobe der Kirche, des Tempels oder des Meditationszentrums abgeben. Vernunft und Verstand wären Spielverderber. Wer die Rituale mit einem kritischen Geist verfolgt, verfällt nicht in eine Euphorie, weil er Widersprüche wahrnimmt, wie sie in solchen Gemeinschaften immer wieder auftreten. Es braucht oft eine emotionale Regression, um sich bedingungslos der suggestiven Atmosphäre hinzugeben.

Ein Beispiel dafür ist der Kongress Awakening Europe (Europa wacht auf) vom vergangenen Wochenende in Nürnberg, an dem 25’000 freikirchlich-charismatische Christen teilnahmen. Die Berichte dazu sind geprägt von überwältigenden Emotionen. Noch nie habe es einen so grossen Hunger nach dem Evangelium gegeben, sagten die Veranstalter. Tausende von Menschen hätten ihr Leben Jesus gegeben. Die Vision, dass sich das Evangelium wie ein Feuer von Nürnberg über ganz Europa ausbreite, scheine sich zu erfüllen. Der Kongress wird als der Start für eine neue Jesusbewegung in Europa gepriesen. Das brennende Herz für Jesus dürfe nicht wieder erkalten, forderte eine Referentin. Die Christen in Europa sollen sich wach küssen lassen von Gott.

Würde ein Pfarrer einer Landeskirche solche Sätze und Bilder in seine Predigt einbauen, würden die Gläubigen den Kopf schütteln. In radikalen Glaubensgemeinschaften sind sie hingegen Teil des Systems.

Die «Stündeler» sind keine Taliban

TA Korrektorat am Samstag den 17. Januar 2015

Dieser Gastbeitrag stammt von Georg Schmid. Der 74-jährige Theologe war Titularprofessor an der Universität Zürich, leitete die Sektenberatungsstelle der evangelischen Kirche und schrieb mehrere Sachbücher.

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Komisch vielleicht, aber nicht gefährlich : Gottesdienst einer amerikanischen Freikirche. Screenshot: The Ramp/Vimeo

Freikirchen geniessen nicht immer den besten Ruf. Früher sprach man von «Stündelern» und «Frömmlern», heute eher von «Evangelikalen», «Sektierern», «Fundamentalisten», hie und da sogar von «christlichen Taliban».

Ich zähle Freikirchenmitglieder zu meinem Freundeskreis. Sie sind keine humorlosen Fundamentalisten und noch weniger bedrohliche Taliban. Darum frage ich mich: Wie kommt es zur leisen Freikirchenverachtung oder gar zur lauten Freikirchenschelte? Ich sehe fünf mögliche Antworten:

  1. Wir haben häufig das Gefühl, Freikirchler wollten uns zu ihrem Glauben bekehren. Manche sagen uns offen, dass wir verloren seien, wenn wir nicht so glaubten wie sie, und dereinst in der Hölle endeten. Dieser missionarische Anspruch weckt in manchen eine spontane Freikirchenaversion. «Ich, ein Höllenkandidat?» Es fällt schwer, darauf gelassen zu reagieren.
  2. Ex-Freikirchliche, die sich aus ihrer frommen Vergangenheit befreiten, gehören nicht selten zu den radikalsten Kritikern jeder Religion. Biografisch sind solche Bekehrungen – nicht vom Saulus zum Paulus, sondern vom Paulus zum Saulus – oft mehr als nur begreiflich. Aber sie schaden den Freikirchen.
  3. Freikirchen reagieren auf Kritik in den Medien oft seltsam ungeschickt. (Allerdings auch andere Religionsgemeinschaften.) «Skandale» werden heruntergespielt oder ganz verschwiegen. Wir wissen zwar als Christen, dass wir alle Sünder sind. Aber konkrete Fehler im eigenen Verhalten öffentlich einzugestehen, davor bewahre uns der Himmel.
  4. Vielleicht bewundern wir im Stillen Menschen, die ein schwieriges Leben mit ihrem tiefen Glauben tapfer und fröhlich bewältigen. Wir spötteln zwar über die Frommen. Aber im tiefsten Grund unserer Seele bedauern wir, dass es uns nicht oder nicht mehr gelingt, so kindlich zu glauben. «Dieses Gottvertrauen! Jesus als göttlichen Freund neben dir, der dich nie mehr verlässt! Nie mehr verzweifeln!» Weil uns das nicht mehr möglich ist, lästern wir.
  5. Seit uns der islamistische Terror aufschreckt, werden andere Religionen intensiv nach ähnlichen radikalen Fundamentalismen durchforscht. In der christlichen Vergangenheit wird man sofort fündig. Aber in der christlichen Gegenwart muss man auf die sogenannten Evangelikalen zurückgreifen. Sie werden nun zu christlichen Taliban emporstilisiert. Der Wunsch, den Islam zu entlasten, ist begreiflich. Aber das Ergebnis ist geradezu peinlich. Man mag manches gegen die Evangelikalen einwenden, aber christliche Taliban sind sie nicht.

Falscher Jesus erschlug einen Mann

Hugo Stamm am Samstag den 1. November 2014
Orthodox Christians In Jerusalem Celebrate Good Friday

Alles für den Glauben: Jesus-Darsteller bei einer Prozession in Jerusalem (Symbolbild). Foto: Getty Images

Ein aussergewöhnliches Gewaltverbrechen beschäftigt die Freikirchenszene in Deutschland. Ein 39-jähriger Gläubiger hörte eine innere Stimme, die ihm sagte, er sei Jesus. Der Mann zog sich am 6. April dieses Jahres in Herborn, Mittelhessen, nackt aus, ergriff – dieser Stimme folgend – einen Feuerlöscher und erschlug ohne erkennbares Motiv einen 67-jährigen Pförtner eines Industriebetriebes.

Der Täter ist ein Gläubiger der pfingstlichen Freikirche «Christliches Zentrum» in Herborn und hatte regen Kontakt mit dem charismatischen Verein «Heilungsgebet» in Wetzlar, der Fürbitte für Kranke leistet. Nun findet der Prozess am Limburger Landgericht statt.

Radikale Freikirchen – auch in der Schweiz werden Prophetie, Krankenheilung und teilweise Exorzismus praktiziert – verkünden, körperliche und psychische Leiden könnten durch mangelnden Glauben oder sündiges Verhalten ausgelöst werden. Die Gläubigen beten für die Fehlbaren, um sie wieder auf den richtigen Pfad zu bringen und sie von ihren Leiden zu erlösen. Diese Geisteshaltung macht deutlich, dass Freikirchler die Welt vorwiegend aus religiöser Warte betrachten. Für den Täter eine verhängnisvolle Weltsicht, wie der Prozess zeigte.

Die Richterin lud einen Leiter des christlichen Zentrums als Zeugen vor und fragte ihn, ob er nicht bemerkt habe, dass der Angeklagte unter Schizophrenie leide. Weiter wollte sie von ihm wissen, ob er sich nicht mitschuldig an der Tat fühle, weil er den Gläubigen nicht an einen Psychiater verwiesen habe. Die Antwort des Zeugen: Sie hätten in der Gemeinde für den Täter gebetet und ihm geraten, nicht auf die Stimme Satans zu hören.

Der Zeuge und Zentrumsleiter gibt damit das gängige Sittenbild vieler Freikirchen wider. Ihr Welt- und Gottesbild ist geprägt von kindlichen Zügen. Da ist der Satan eine leibhaftige Figur, die die Menschen versucht und immer wieder verführen kann, wie eben den Täter. Im Zentrum dieses Glaubens steht ein liebender, gütiger Gott, der permanent in die Welt eingreift, Kranke heilt und Wunder bewirkt. Die Gläubigen berufen sich auf die Bibel, die ja auch solche Wunderheilungen beschreibe.

Die Richterin war erschüttert über die Antwort des Zentrumsleiters. Sie konnte nicht begreifen, dass ein Seelsorger, der Verantwortung für viele Gläubige trägt, keine fachliche Hilfe holte. Der Fall zeigt, wie schmal der Grat zwischen Glaube und Aberglaube ist. Auch im christlichen Umfeld.