Beiträge mit dem Schlagwort ‘Exit’

Würdevoll in den Tod

Hugo Stamm am Samstag den 14. März 2015
(Keystone/Alessandro Della Bella)

Enormer Zulauf: Exit zählt derzeit 86’000 Mitglieder. (Keystone/Alessandro Della Bella)

2000 Jahre lang hatten die christlichen Kirchen die Deutungshoheit zu zentralen Fragen des Lebens. Das Credo: Gott hat es gegeben, Gott wird es nehmen. Eine biologische Sichtweise war tabu, dass nämlich das Leben von der Zeugung abhängt und wohl eher von Trieben als von Gott gesteuert wird. Man denke nur an die vielen zufälligen Aspekte, die den Geschlechtsverkehr begleiten können.

Aufklärung und Menschenrechte haben die Gewichte in der jüngeren Zeit verschoben und dem Individuum die geistige Autonomie und Selbstbestimmung zugesprochen. Damit geriet das christliche Fundament bedrohlich ins Wanken. Verfassungen und Gesetze kümmern sich nämlich nicht um die metaphysische Frage, ob Gott bei Geburt und Tod seine Finger im Spiel hat.

Für strenggläubige Christen ist dies ein Bedeutungsverlust, für manche gar eine narzisstische Kränkung. Sie interpretieren den Suizid als schwere Sünde. Die katholische Kirche verbannte Selbst«mörder» bis in die 1980er-Jahre von den Friedhöfen, weil sie angeblich Gott ins Handwerk pfuschten.

Der Zeitgeist zwang selbst die katholische Kirche, auch menschliche Aspekte eines Suizids zu berücksichtigen. Davon sind Gläubige aus dem traditionalistisch-katholischen und freikirchlichen Umfeld noch weit entfernt. In ihrer fundamentalistischen Sichtweise ist die Aufweichung von religiösen Grundsätzen und Dogmen des Teufels.

Dieser scheint in ihren Augen die christliche Welt immer mehr zu verführen, was sie als klassisches Anzeichen für die bevorstehende Apokalypse interpretieren. Dazu gehört auch der Zulauf zu den Sterbehilfeorganisationen. Dass beispielsweise Exit im letzten Jahr 13’413 Neueintritte verzeichnete, werten viele Gläubige als religiöse Dekadenz. Insgesamt zählt Exit heute 86’000 Mitglieder. In ein paar Jahren wird die Organisation voraussichtlich mehr Mitglieder haben als alle Freikirchen zusammen.

Heute wagen es strenggläubige Christen kaum mehr, religiöse Argumente gegen Sterbehilfeorganisationen vorzubringen, und schieben ethische Gründe vor: Es sei unwürdig, sich von Sterbebegleitern ins Jenseits befördern zu lassen. Ausserdem gebe es keinen Grund mehr für einen Suizid, könne doch die Palliativmedizin alle Schmerzen lindern.

Das sind Scheinargumente. Es ist wohl würdiger, im Beisein von Angehörigen den Giftbecher zu trinken, statt sich eine Kugel in den Kopf zu schiessen und möglicherweise als Krüppel weiterzuleben. Ausserdem kann die Palliativmedizin nicht alle Schmerzen lindern. Es sei denn, Krebspatienten bekommen so hohe Dosen an Morphinpräparaten, dass sie sediert «hinübergleiten». So übernehmen Ärzte zwangsläufig die Funktion von Sterbebegleitern. Auch dies ist für christliche Hardliner verwerflich, ethisch aber sinnvoll.