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Religionen sind keine Friedensstifter

Hugo Stamm am Samstag den 16. Mai 2015
Ein shiitischer Kämpfer betet nördlich von Bagdad. Foto: Thaier Al-Sudani (Reuters)

Der Glaube an die einzig wahre Lehre verhindert viel: Ein schiitischer Kämpfer betet nördlich von Bagdad. Foto: Thaier Al-Sudani (Reuters)

Die religiösen Spannungen und Konflikte haben in den letzten Jahren einen neuen Höhepunkt erreicht. In vielen arabischen und muslimischen Ländern hat die Christenverfolgung stark zugenommen, und die Scharfmacher des IS wollen mit bisher unbekannter Brutalität Gottesstaaten oder ein Kalifat erzwingen. In manchen Ländern Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens werden religiöse Minderheiten verfolgt. Ganz zu schweigen vom unlösbaren Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

Meist steht zwar ein politischer Machtpoker im Zentrum der Auseinandersetzungen, doch Religion und Glauben liefern oft die Argumente und Emotionen, die den Fanatismus anheizen und Männer zu Gotteskriegern machen.

Das Konfliktpotenzial der Religionen erkannte der kämpferische Theologe Hans Küng schon vor über 20 Jahren und arbeitete mit der Stiftung Weltethos globale ethische Standards aus. 1993 verabschiedete das Weltparlament der Religionen in Chicago eine Erklärung von Küngs Stiftung. Die Leitideen: «Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen, und kein Friede unter den Religionen ohne einen Dialog zwischen den Religionen ohne gemeinsame ethische Werte und Standards.»

Hans Küng und seine Mitstreiter haben Grundwerte, moralische Haltungen und Verhaltensweisen aus vielen Religionen und Heilslehren analysiert und vier Grundregeln herausgefiltert: Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit, Gegenseitigkeit, Wahrhaftigkeit und Partnerschaft von Mann und Frau.

Weltethos hoffte, dass die Religionen als Hüter von Ethik und Moral den Staaten und Gesellschaften universale Werte vermitteln und zur Befriedung der Welt beitragen würden. Der Ansatz war richtig, doch das Projekt ist weitgehend gescheitert. Denn manchen Religionen fehlt die Kompromissbereitschaft, um für gemeinsame Werte zu kämpfen. Denn jede Heilslehre erhebt den Anspruch, die einzig wahre Lehre zu vertreten. Der Absolutheitsanspruch verhindert eine wirkliche Ökumene, die über gemeinsame Gottesdienste hinausgeht.

Eines der Haupthindernisse: Weltethos vertritt vor allem westliche Werte, die radikale islamische Staaten und Gesellschaften nur bedingt teilen. Ausserdem sind Glaubensgemeinschaften Konkurrenten in einem religiösen Verdrängungswettbewerb. Christen – vor allem Katholiken und Freikirchen – missionieren selbst in radikalen islamischen Staaten und in China. Auf der anderen Seite expandiert der Islam im Westen. Respekt vor anderen Religionen sieht anders aus. Weltethos hat die richtige Vision, diese bleibt aber ein frommer Wunsch. Denn auch Religionen sind Machtgebilde, die Eigeninteressen verfolgen.