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Sexueller Missbrauch in buddhistischen Klöstern

Hugo Stamm am Samstag den 12. Dezember 2015
Buddhist nuns pray at a religious event leading to the festival of lights at Shwedagon pagoda in Yangon, Myanmar on Sunday, Nov. 22, 2015. The festival marks the end of the rainy season and is an occasion for Burmese people to pay their respects in the predominantly Buddhist country. (AP Photo/Hau Dinh)

Buddhistische Nonnen in Yangon, Myanmar. Foto: Hau Dinh (Keystone)

Myanmar, früher Burma, gehört zu den packendsten touristischen Zielen in Asien. Durch die jahrzehntelange Abschottung und den wirtschaftlichen Boykott blieb es bis heute recht ursprünglich. Aber leider auch arm.

Ein grosser Teil der Faszination macht die tief verwurzelte Volksfrömmigkeit aus, die vielleicht nur noch in Bali so ausgeprägt ist. Die immense Zahl der Pagoden und Klöster wird nur noch durch das Heer der buddhistischen Mönche übertroffen. In Myanmar ist die sakrale oder spirituelle Atmosphäre spürbar, wie ich aktuell auf meiner Reise durch das sich seit ein paar Jahren rasch öffnende Land erlebe. Tempel, Klöster und Buddha-Statuen gehören zu den bevorzugten Zielen. Buddhismus sei Dank.

Auf der Reise zeigen sich aber auch Kehrseiten dieser religiösen Philosophie. Auf Schritt und Tritt stolpert der Besucher über Spendenboxen, meist in Form von riesigen Vitrinen. Auf dem Weg hinauf zum Mount Popa zum Beispiel stehen die sperrigen Behälter fast neben jeder Buddha-Statue, in jeder Gebetsnische, in jedem Tempel und hinter jedem Tor.

In einem Tempel auf dem steilen Hügel amtet ein Priester und schlägt mehrere Male sanft einen Geldschein auf den Kopf der Gläubigen. Dazu gibt er einen Singsang von sich. Das Ritual dient dazu, pekuniären Segen zu erlangen. Dazu braucht es aber vorerst eine Investition – in Form einer Spende an den Priester. Und in der Shwezigon-Pagoda in Monywa zähle ich in einem einzigen Raum 27 Spendenboxen, auf dem ganzen Gelände dürften es über 100 sein.

Den grössten Spendentopf – eine riesige Halbkugel – finde ich im Manuha-Tempel in Bagan, dem heiligen Gebiet mit den 4000 antiken Pagoden. Wer seinen Obolus entrichten will, muss das sperrige Teil über eine kleine Leiter erklimmen. Er kann zusehen, wie die Geldscheine auf den Grund der Kugel flattern. Daneben stehen noch mehrere Glasvitrinen, die ebenfalls gut gefüllt sind.

Immerhin profitieren die Mönche vom reichen Segen. Ein Lastwagen voll rotgewandeter Knaben und Männer kommt angebraust. Die Mönche lassen sich ihre Bettelschalen mit Reis füllen. Die malerische Szene wirft aber auch kritische Fragen auf. Warum tragen die Mönche nichts zu ihrer Existenzsicherung bei? Warum wird ihre Identität durch das radikale Schneiden der Haare beschnitten?

So sanft, wie der Buddhismus im Westen dargestellt wird, ist er beileibe nicht. Er kennt eine Reihe böser Dämonen, die Menschen gern foltern. Im Tempel Ananda in Bagan finden sich Bilder mit schaurigen Szenen: Menschen werden in riesigen Töpfen gekocht oder mit dem Schwert gevierteilt.

Das traurigste Kapitel im Buddhismus füllen aber die Geschichten vieler Kindermönche. Burmesische Familien geben oft einen Sohn oder eine Tochter schon als Kind in ein Kloster. Ihr Lebensweg ist meist vorgezeichnet. Somit verlieren sie ihr Selbstbestimmungsrecht. Niemand fragte sie, ob sie ihr Leben mit Betteln verbringen, auf eine Berufskarriere und Familie verzichten und zölibatär leben möchten. Die Praxis verletzt Menschenrechte.

Ausserdem ist es aus pädagogischer Sicht problematisch, Kinder ohne Familie in einer reinen Männergesellschaft aufwachsen zu lassen. Viele kommen fast um vor Heimweh. Ein späterer Austritt aus dem Kloster ist für viele keine Option, denn er wäre mit einer Schmach verbunden.

Und wie überall in geschlossenen Gemeinschaften leiden etliche Kindermönche, seltener auch Mädchen, unter sexuellen Übergriffen. Entsprechende Berichte von ausgestiegenen Mönchen und Nonnen sind erschütternd. Dokumentiert sind auch Razzien in Klöstern – es wurden Porno-Videos gefunden – und Gerichtsberichte über den sexuellen Missbrauch. Die Jugendministerin von Sri Lanka geisselte die pädophilen Übergriffe in manchen Klöstern schon vor ein paar Jahren mit deutlichen Worten. Es gibt auch Berichte, wonach sich Pädophilenringe in Klöster eingeschlichen haben sollen.

Die Verfolgung der Täter ist jedoch schwierig, weil es an Sensibilität und Problembewusstsein fehlt. Bevölkerung und Regierungen schauen lieber weg, weil sie Angst haben vor der Wahrheit und dem Imageschaden, denn die Klöster sind in buddhistischen Ländern heilige Institutionen. Zum Schutz der Kinder braucht es noch viel Aufklärungsarbeit.