Archiv für die Kategorie ‘Esoterik’

Vorwurf des sexuellen Missbrauchs

Hugo Stamm am Mittwoch den 8. März 2006

In letzter Zeit melden sich vermehrt verzweifelte TA-Leser bei mir, die fast identische Geschichten erzählen. So auch heute wieder. Ein Vater erzählte, seine 25-jährige Tochter beschuldige ihn aus heiterem Himmel des sexuellen Missbrauchs. Er habe sich an ihr vergriffen, als sie noch ein Kind gewesen sei. Der Leser war vor den Kopf gestossen. Seine Tochter will ihn bei der Polizei anzeigen, berichtete er. Sie habe den Kontakt zur Familie von einem Tag auf den andern abgebrochen. Auch zu ihrer Schwester.

Was der Leser weiter berichtet, ist beinahe klassisch, die Muster gleichen sich: Junge Frauen, die in einer Sinnkrise stecken oder psychische Probleme haben, suchen bei Geistheilern, spirituellen Meistern, esoterischen Therapeutinnen, Medien usw. Rat und Hilfe. Als Therapie bieten diese Meditationen, Seminare oder spirituelle Rituale an. Im Gegensatz zur Psychotherapie, die oft mehrere Jahre dauert, sollen die spirituellen Methoden schnelle und wirksame Erfolge bringen, wird den Klienten versprochen. In den Augen der Geistheiler und Medien sind psychische oder psychosomatische Symptome Ausdruck spiritueller Defizite.

In vielen Fällen helfen die alternativen Methoden aber nicht, weshalb die Anbieter in Argumentsnotstand kommen. Und wenn sich persönliche Probleme wie Ängste und depressive Verstimmungen nicht lösen lassen, gibt es in vielen esoterischen Kreisen eine Standardantwort: Die Verstrickungen oder traumatischen Erlebnisse seien so gravierend, dass selbst alternative Methoden nicht richtig greifen würden. Dann muss ein sexueller Übergriff vorliegen, behaupten viele Heilerinnen. Erstaunlicherweise folgt die Bestätigung der eigenartigen Diagnose auf dem Fuss. Ich sehe den Missbrauch in Deiner Aura, lautet dann die Antwort. Oder ich habe die Botschaft von den aufgestiegenen Meistern auf medialem Weg empfangen.

Der oben erwähnte TA-Leser bat seine Tochter um ein klärendes Gespräch. Dabei gab sie zu, sich nicht an die angeblichen sexuellen Übergriffe erinnern zu können. Er habe sie missbraucht, als sie geschlafen habe. Auf den Einwand des Vaters, dann wäre sie doch sicher erwacht, wusste die Tochter keine Antwort. Auch das Gespräch mit der Mutter verlief ergebnislos. Diese erklärte ihrer Tochter, dass sie es bemerkt hätte, wenn sich der Vater an ihr vergriffen hätte. Als sie realisierte, dass die Mutter ihrem Vater mehr Glauben schenkte, brach die Tochter den Kontakt abrupt ab.

„Spirituelle Diagnosen“ zu stellen und diese als reine Tatsachen darzustellen, ist eine Anmassung. Ausserdem bezichtigen die „Therapeutinnen“ wahllos Personen eines schweren Verbrechens, die sie nicht kennen. In ihrer Selbstüberschätzung und spirituellen Verblendung stellen sie reine Spekulationen als Tatsachen dar. Ich kenne viele solche Beispiele. Es gibt auch Väter, die zu Gefängnisstrafen verurteilt worden sind – wahrscheinlich zu Unrecht.

Mir ist bewusst, dass es viele sexuelle Übergriffe in Familien gibt. Ich bin sehr dafür, dass Töchter bei handfestem Verdacht ihre Väter einklagen. Es ist für mich aber ein übler Missbrauch, wenn spirituelle Meister oder weibliche Medien ihren Klientinnen den vermeintlichen Missbrauch einreden und als „Beweis“ dafür spirituelle Argumente anführen. Doch zur Rechenschaft ziehen lassen sich die „Therapeuten“ leider nicht. Verantwortlich sind nur die Personen, die sich manipulieren lassen.

Alles nur Suggestion?

Hugo Stamm am Dienstag den 21. Februar 2006

Religiöse Rituale können ganze Sturzbäche an Glückshormonen auslösen. Mit geschlossenen Augen und verklärtem Gesicht die erhobenen Arme im Takt eines Gospelsongs zu wiegen – was für ein emotionales Schaumbad! Überhaupt ein charismatischer Gottesdienst mit kräftigen Worten des lautstarken Predigers, der erklärt, Jesus sei gerade hier anwesend: Eine Wucht!

Oder im Kreis von erwartungsfrohen Gleichgesinnten im Schneider- oder Lotussitz eine Meditation absolvieren, die ein attraktives Medium mit sonorer Stimme leitet: Die Energien fliessen wie nie. Oder ein Hexenritual zur Sonnenwende an einem Feuer im Wald. Oder bei einer Rückführung die Entdeckung, in einem früheren Leben Kleopatra gewesen zu sein. Oder ein Tatra-Seminar, in dem wir lernen, die Sexualität in spirituelle Energie umzuwandeln. Solche religiösen oder spirituellen Gemeinschaftserlebnisse lassen uns Grenzen sprengen und in neue Dimensionen vorstossen. So jedenfalls kommt es uns vor.

Übersinnliche Erlebnisse sind spezielle Momente im Leben. Wir sehnen uns solche Situationen herbei. Und fragen uns selten, was dabei abgeht. Eine rationale Auseinandersetzung mit solchen Phänomenen könnte das emotionale Erleben stören. Doch wie bei jeder (sehr verständlichen) Sehn-Sucht wäre ein bisschen Ursachenforschung kaum fehl am Platz.

Viele spirituelle Sucher gelangen zur Überzeugung, dass das Glücksgefühl Ausdruck der spirituellen Entwicklung sei. Wenn Gläubige bei einem charismatischen Gottesdienst ausflippen, glauben sie in ihrer Euphorie, ihrem Jesus besonders nah zu sein und in seiner Gnade zu stehen. Für sie ist die Euphorie Ausdruck der richtigen Frömmigkeit und eine Belohnung von Jesus. Viele fromme Frauen gestehen denn auch freimütig, dass Jesus ihr „erster Liebhaber“ ist, also dem eigenen Ehemann den Rang abläuft.

Ähnlich verhält es sich bei spirituellen Ritualen. Die Teilnehmer interpretieren die emotionalen Highlights als Beweis der raschen spirituellen Entwicklung. Das Glücksgefühl während eines Rituals interpretieren sie als weiteren grossen Schritt zur Erleuchtung.

Solche Interpretationen können verhängnisvoll sein. Spirituelle oder religiöse Rituale sind hoch suggestiv, vor allem, wenn sie mit einer grossen Sehnsucht und hohen Erwartungen verbunden sind. Ausserdem wird die euphorische Stimmung durch das Gemeinschaftserlebnis gefördert. Gegen solche Erlebnisse ist nichts einzuwenden, ich gönne sie allen. Doch allfällige Fehlinterpretationen können sich negativ auswirken. Sie führen oft zu einer Überschätzung der eigenen spirituellen Fähigkeiten. Und – verbunden damit –in eine Scheinwelt. Deshalb ist es auch bei religiösen oder spirituellen Erfahrungen sinnvoll, gelegentlich Vernunft und Verstand als Kontrollinstanz einzusetzen. Sonst droht eine religiöse Verblendung, die zu unliebsamen psychischen Reaktionen führen kann. Schon mancher, der in spirituelle Grenzbereiche vorgestossen ist, provozierte schmerzhafte psychotische Symptome.

Wo bleibt das Wassermann-Zeitalter?

Hugo Stamm am Samstag den 11. Februar 2006

Die Esoteriker haben uns vor bald 50 Jahren das Wassermann-Zeitalter versprochen. Im Gegensatz zum auslaufenden „brutalen“ Fische-Zeitalter versprachen uns die spirituellen Sucher eine neue Epoche, in der wir Menschen das höhere Bewusstsein erlangen würden. Und so besang das Musical Hair in den 1970-er Jahren euphorisch den „acuarios“. Im neuen Zeitalter würde sich die Menschheit auf spirituelle Werte besinnen und zu sanften Wesen mutieren, verkündeten die Esoteriker.

Doch seit das Wassermann-Zeitalter angebrochen ist, dreht sich die Spirale der Gewalt und Konflikte immer schneller. Die Zahl der Krieg steigt laufend, der Terrorismus bedroht die westliche Welt, der Nahost-Konflikt eskaliert, Irak und Iran sind brandheisse Herde, und der Karikaturenstreit zeigt, wie feindlich sich die arabische und westliche Welt gegenüberstehen. Man stelle sich vor: Die Ressentiments und Vorurteile in den beiden Kulturen sind so gross, dass ein paar (schlechte) Zeichnungen reichen, um die politische Weltbühne zu erschüttern. Wie wünschte man sich in diesen gefährlichen Tagen einen „Wassermann“, der die hasserfüllten Gemüter auf ihre spirituellen Werte verpflichten und ihre Gemüter besänftigen würde. Doch das Wassermann-Zeitalter ist ebenso eine Illusion wie viele andere esoterische Heilsvorstellungen.

Der „Wassermann“ bescherte uns nicht ein sanftes Bewusstsein, sondern einen See voller Aberglauben. Trotz Aufklärung, wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Fortschritten greift der Aberglaube rasend schnell um sich. Tatsächlich neigt der Mensch in Krisenzeiten dazu, sich eine Scheinwelt zu bauen, in die er flüchten kann, wenn die Ängste und Schmerzen zu gross werden. Dann vergisst er, was ihm geholfen hat, ein kulturelles Wesen zu werden.

Ein gerüttelt Mass an Aberglauben tragen in unsicheren Zeiten auch radikale Esoteriker bei, die eben glauben, das Schicksal der Menschheit hange von der Konstellationen der Gestirne ab. Dabei müssten wir uns gerade in heiklen Situationen auf unsere Vernunft stützen und nicht auf einen „Wassermann“ hoffen.

Zensur eines Gläubigen?

Hugo Stamm am Dienstag den 7. Februar 2006

Lukas Schmid zweifelt in seinem Beitrag meine religiöse Unabhängigkeit an. Er schreibt:

„Wenn Du wirklich ein Unparteiischer wärst, dann wärst Du sicher ein guter ‚Konsumentenschützer in Religionsfragen’. Aber Du hast ja auch eine Glaubensüberzeugung, wie ich mal in einem Fernseh-Interview erfahren habe.“

Ich möchte in diesem Blog eigentlich nicht über mich schreiben, sondern die Diskussion zu Sachfragen anstossen. Da aber die wildesten Gerüchte über mich kursieren, scheint es mir sinnvoll, Missverständnisse auszuräumen, welche den Dialog behindern könnten.

Zuerst vielleicht zu einem – eher lustigen – Gerücht: Ich sei früher einmal Scientologe gewesen, wollen gewisse Kreise wissen. Meine Intelligenz habe aber nicht ausgereicht, um die komplexe Materie von Scientology-Gründer Ron Hubbard zu verstehen. Aus Frustration und Rache würde ich nun Scientology bekämpfen …

Erstens war ich nie Scientologe, zweitens waren weder ich noch Bekannte oder Verwandte von mir in einer vereinnahmenden Bewegung und drittens kämpfe ich nicht, sondern versuche, mit Hilfe des Wortes aufzuklären.

Weiter kann ich Lukas Schmid beruhigen: Ich gehöre keiner religiösen Gemeinschaft (auch keiner Landeskirche) an, besuche keine Gottesdienste, keine spirituellen Rituale, keine Workshops (ausser zu Recherchezwecken), praktiziere keinen bestimmten Glauben. Ich darf mich deshalb als unabhängig bezeichnen. Ich werde oft gefragt, ob ich denn den Lesern nicht eine sinnvolle Glaubensgemeinschaft empfehlen könne. Das tu ich nie. Oft wirft man mir auch vor, ich sei ein „Sektenguru“. Gurus haben eine klare spirituelle Botschaft, ich nicht. Ich predige höchstens die individuelle Freiheit, die jeder für sich selbst suchen muss.

Bei Fernsehdiskussionen werde ich oft gefragt, an was ich denn glaube. Wenn ich erkläre, es gehe nicht um meinen Glauben, wirkt es so, als habe ich etwas zu verbergen oder weiche einer wichtigen Frage aus. So sage ich manchmal widerwillig, dass wir Menschen spirituelle oder religiöse Wesen seien und dass ich mich auch mit der Frage nach Gott auseinandersetze. Dies wird dann oft so ausgelegt, dass ich im engeren Sinn gläubig sei.

Noch etwas zum Blog: Ein Diskussionsteilnehmer schreibt, die Beiträge würden zensuriert. Ich möchte betonen, dass dies nicht der Fall ist. Wir behalten uns einzig vor, Beiträge nicht ins Netz zu stellen, die ehrverletzende Äusserungen über Glaubensgemeinschaften oder Personen enthalten.

Sind die Opfer selbst schuld?

Hugo Stamm am Montag den 6. Februar 2006

In der Diskussion um meine letzte Kolumne greift Martin Schmid in seinem hochintelligenten und spannenden Beitrag im letzten Abschnitt ein wichtiges Thema auf: Die Selbstverantwortung der Klienten. „Es sind nicht einfach die bösen Meister, die ihre Schüler missbrauchen. Das können sie nur, weil sich die Schüler und Klienten zum Missbrauch anbieten“, schreibt Schmid.

Bei Vorträgen und Diskussionen schütteln oft viele Leute den Kopf, weil sie nicht verstehen können, dass jemand einem Scharlatan auf den Leim kriechen kann. Ich gebe zu, dass es für Aussenstehende schwer nachvollziehbar ist. Diese sehen nur das schreckliche Endresultat und vergessen, dass Verführer Meister ihres Faches sind und ihre Opfer nach allen Regeln der Kunst einseifen oder einlullen. Die suggestiven, teilweise hypnotischen Methoden verfehlen ihre Wirkung nicht. Dabei bewirtschaften die Täter geschickt die Sehnsucht und Angst der Klienten. Wer Hilfe sucht und sich einem solchen Setting aussetzt, müsste sehr stark und mit einer riesigen Portion Selbstbewusstsein gesegnet sein, um sich der Bewusstseinkontrolle entziehen zu können. Das Hauptproblem der Klienten liegt ja gerade darin, dass sie in einer Krise stecken und sich Hilfe ersehnen. Somit konzentrieren sie sich nicht auf einen möglichen Missbrauch, sondern ausschliesslich auf die hilfreichen Signale.

Meine Erfahrung mit Hunderten von Opfern zeigt, dass sich unter ihnen recht viele Persönlichkeiten mit einem gesunden Selbstwertgefühl befinden. Kritische Personen, die konfliktfähig sind und sich im privaten Umfeld gut behaupten und wehren können. (Dies trifft auch auf die TA-Leserin zu, die ich in der Kolumne beschreibe.) Wir vergessen dabei gern, dass wir gelernt haben, helfenden Personen gegenüber Vertrauen zu entwickeln (den Eltern, Lehrern, Geistlichen, Therapeuten usw.) Ohne Vertrauen ist seelische Heilung kaum möglich. Viele Klienten fallen deshalb bei Heilern reflexartig in ein Autoritätsverhalten. Die Idee, sie könnten ausgenützt oder gar missbraucht werden, käme ihnen nicht im Traum. Somit sind sie offen für suggestive Manipulationen. Und diese wirken bei einem Klima der Vertrautheit verdammt gut. Wir Menschen sind leichter zu beeinflussen, als uns lieb ist. Nur wer das weiss und damit rechnet, kann sich optimal schützen.

Konsumentenschutz in spirituellen Fragen

Hugo Stamm am Freitag den 3. Februar 2006

Ich bin überrascht und erfreut über die Qualität der Diskussion im neuen Blog. Vielen Dank für die Diskussionsbeiträge. Ich habe viel mehr Häme und Schelte erwartet und mich entsprechend warm angezogen. Trotz der Kälte lege ich den Wintermantel gern wieder ab. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ich mit meinen Beiträgen viele Leser brüskiere. Manche fühlen sich gar angegriffen. Das ist aber nicht mein Ziel. Mich treibt der Drang nach Freiheit an. Dazu braucht es Aufklärung und Bewusstseinsbildung. Denn Fragen der Spiritualität und des Glaubens sind sehr sensible Themen, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. In keinem andern Lebensbereich sind Missbrauch und Manipulation so leicht zu bewerkstelligen. Und in keinem andern Geistesgebiet sind Menschen so leicht beeinflussbar. Deshalb sollten wir besonders wachsam sein.

Mir ist es egal, was jemand glaubt. Spiritualität und Glauben sind etwas sehr Intimes, Privates. Da aber Gläubige stets den Drang haben, ihre „Wahrheit“ zu verbreiten, spielt die Missionstätigkeit eine wichtige Rolle. Dies trifft auch auf viele esoterische Anbieter zu. (Man beachte nur die esoterische Abteilungen in den Buchhandlungen und ihre hohen Umsätze.) Deshalb ist Aufklärung wichtig. In allen andern Lebensbereichen gibt es viele Kontrollinstanzen oder fachliche Auseinandersetzungen. Nicht so in spirituellen Belangen. Deshalb sollte es doch eine kritische Stimme ertragen. (Was mich nicht davon abhält, die Glaubens- und Kultusfreiheit zu verteidigen.)

Wenn es mir gelingt, mit meiner Arbeit unbequeme Fragen aufzuwerfen und Diskussionen anzustossen, dann lohnt es sich, den Kopf hinzuhalten. In vielen andern Gebieten kennen wir Leitplanken und Verordnungen. Deshalb kann – angesichts der vielen Fehlentwicklungen und Missbräuche – ein bisschen Konsumentenschutz in spirituellen Fragen nicht schaden. Da es einen solchen Schutz nicht gibt, kann doch ein bisschen „mediale Kontrolle“ (Journalismus) nicht schaden. Oder?

Esoterik – Wahn oder Wirklichkeit?

Hugo Stamm am Donnerstag den 2. Februar 2006

Bei meiner Beratungstätigkeit häufen sich in jüngster Zeit Anfragen, die – im weitesten Sinn – mit Esoterik zu tun haben. Das Angebot an esoterischen und spirituellen Dienstleistungen ist enorm und unübersichtlich. Rechnet man die spirituellen Medien, Geistheiler und alternativen Therapeuten dazu, die sich auf übersinnliche Heilsvorstellungen stützen, ergibt sich allein in der Schweiz ein Milliardenmarkt. Der starke Konkurrenzkampf unter den Zehntausenden von Anbietern (inklusiv alternativer Gesundheitsmarkt) führt zu gefährlichen Entwicklungen. Wie in der Werbung greifen viele Esoteriker und Heiler zu immer kräftigeren Werbeslogans und Versprechen. Teilweise bieten sie wahre Wunder an, etliche massen sich sogar göttliche Kräfte zu.

Wie fatal sich die Überschätzung auf die ahnungslosen Klienten und spirituellen Sucher auswirken, zeigt meine neuste Kolumne. So prophezeit die deutsche Heilerin Gudrun Hiegel einer TA-Leserin den baldigen Tod. Durch den kinesiologischen Muskeltest wird das angebliche Todesdatum bestätigt. Die Hilfe suchende Frau erlebt Todesängste.

Wenn ich solche Fälle aufgreife, werfen mir Esoteriker oft vor, ich würde Einzelfälle aufbauschen. Und Scharlatane gebe es halt überall. Nur: Bei mir türmen sich so viele „Einzelfälle“, dass ich nicht mehr daran glauben kann, es handle sich um Ausnahmen. Wer nur schon ein wenig im Internet surft und sich die Werbesprüche der Anbieter anschaut, muss feststellen: Fast überall finden sich spekulative, übermenschliche Versprechen, die nie und nimmer eingehalten werden können. Und die all unseren Erfahrungen aus der realen Welt widersprechen. Mir ist auch noch nie aufgefallen, dass spirituelle Sucher durch besondere körperliche Robustheit oder besondere geistige Fitness auffallen. Wenn sie nur einen Bruchteil dessen erreicht hätten, was ihnen bei den vielen Workshops, Seminaren, Ritualen und Heilungen versprochen worden ist, dürften sie nie mehr krank werden und würden zur geistigen Elite gehören.

Deshalb frage ich mich: Ist nicht am System etwas falsch, wenn es so viele Missbräuche und Flops produziert? Sind Phänomene wie Erleuchtung, spiritueller Aufstieg ins höhere Licht oder mediale Fähikeiten nichts als Einbildung?