Archiv für die Kategorie ‘Esoterik’

Göttliche Wahrheit

Hugo Stamm am Mittwoch den 14. Februar 2007

Viele Esoteriker und spirituelle Sucher zeichnen sich durch ein stattliches Selbstwertgefühl aus. Sie sehen sich als die geistige Avantgarde, die sich auf das „höhere Bewusstsein“ konzentriert und von sich behauptet, die materielle Fixierung schon weitgehend überwunden und das höhere Bewusstsein erlangt zu haben. Für die geistig-spirituelle Elite ist das Übersinnliche die wahre Realität hinter den Dingen. Deshalb konzentrieren sie sich auf die kosmische oder feinstoffliche Sphäre. Das Grobstoffliche ist für sie lediglich der (noch) notwendige Träger der göttlichen Seele und des höheren Selbst, die es mit spirituellen Ritualen weiter zu entwickeln gilt.

Die Abkehr von der säkularen Welt führt zu Wertverschiebungen: Das Streben nach grobstofflichen Zielen ist für Esoteriker ein Vegetieren auf einer tiefen Entwicklungsstufe. Alle Lebensenergien müssen auf die Entwicklung der göttlichen Energien konzentriert werden, die bereits im Selbst angelegt sind, aber noch vor sich hin schlummern.

Wer dieses universelle Gesetz nicht verfolgt, ist in ihren Augen ein tumber Ignorant. Das führt fast immer dazu, dass Beziehungen zwischen esoterisch interessierten Personen (zu etwa 75 Prozent Frauen) und ihren „grobstofflich fixierten“ Partnern in die Binsen gehen. Das Argument der spirituellen Sucher: Deine negativen Schwingungen hindern mich daran, meine Frequenzen zu steigern und das höhere Bewusstsein zu erreichen. Und das kommt quasi dem übersinnlichen Tod gleich. Also wird der Partner zuerst aus dem Bett vertrieben und dann aus der gemeinsamen Wohnung. Damit die spirituellen Schwingungen wieder frei fliessen können.

Begleitet wird der Bruch der Beziehung vom Applaus der „Geistgeschwister“: Der geistige Aufstieg verlangt weltliche Opfer. Dass darunter der Ehepartner und die Kinder leiden, wird nicht berücksichtigt, schliesslich geht es nicht einfach um menschliche Dimensionen, sondern um kosmische. Da spielen Kindertränen eine untergeordnete Rolle. Wie ich von vielen Beispielen weiss, treiben etliche Heiler, esoterische „Therapeuten“ und Meister einen Keil selbst zwischen Paare, die gut harmoniert hatten, bevor der eine Teil in den Bann der übersinnlichen Phänomene gerutscht war.

Der Anspruch an die übersinnliche „Wahrheit“ und das Elitegebaren kontrastieren aber eklatant mit dem geistigen Niveau vieler esoterischer Theorien und Hypothesen. Und deren Verkünder und Gläubigen. Esoteriker zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass sie sich einen Deut um die Verifizierung ihrer Glaubenssätze kümmern. Sie sind überzeugt, die universellen Wahrheiten von aufgestiegenen göttlichen Meistern empfangen oder auf medialem Weg von göttlichen Instanzen eingeflüstert bekommen zu haben.

Die „Wahrheiten“ dieser göttlichen Autoritäten in Frage zu stellen, würde bedeuten, am System zu zweifeln. Und das will nun definitiv niemand. Also glaubt man, was da verkündet wird. Und ist es noch so absurd. Es könnte ja das ganze Glaubenssystem zusammenkrachen. Und der Aufprall auf der Erde würde bedeuten, dass man aus dem Paradies katapultiert worden ist. Und erkennen muss, dass man selbsternannten Göttern auf den Leim gekrochen ist. Diese Schmerzen wären kaum auszuhalten. Also glaubt man tapfer weiter, dass es Engel oder andere Helfer im Universum gibt, die momentan nachts ein Magnetgitter um die Erde spannen. Damit sollen die Frequenzen erhöht werden. Bald soll unsere Hirnanhangdrüse wachsen, die DNA-Struktur sich rasch verändern. Dann haben wir die Gnade, uns bald von kosmischem Licht ernähren zu können. Und dann herrscht Freude: Wir müssen nie mehr essen.

Die Sterne lügen nie

Hugo Stamm am Mittwoch den 15. November 2006

Einladung bei Freunden. Bankleute, Journalisten, Lehrer diskutieren angeregt über die Charaktereigenschaften ihrer Kinder. Die Gastgeberin, eine attraktive Psychologin, wirft ein, ihr Sohn sei ein typischer Widder. Willensstark, kämpferisch, energisch, kreativ (Feuerzeichen!). Betretenes Schweigen. Einige schauen sich verstohlen an. Wer will schon einer Psychologin widersprechen, die über den Charakter ihres Sohnes analysiert?

Für Skeptiker ist die Astrologie ein gesellschaftlich sanktionierter Aberglaube. Was kümmert es die unendlich weit entfernten Himmelskörper, was wir Menschen hier unten auf dem Miniplaneten Erde so alles anstellen? Was sollen die verschiedenen Gestirne, welche die 12 Sternbilder bilden, miteinander zu tun haben? Schliesslich haben sie nur aus unserer Froschperspektive eine vermeintliche Verbindung. (Dreidimensional gesehen liegen sie teilweise sehr weit auseinander.) Als wären alle Himmelskörper auf die Erde ausgerichtet.

Es gibt weitere Fragezeichen. Weshalb spielen Ort und Zeitpunkt der Geburt eine Rolle? Wenn schon, wäre wohl der Zeitpunkt der Zeugung entscheidend. (Dieser lässt sich bekanntlich nicht bestimmen.) Bei Geburten spielen Zufälligkeiten eine Rolle, die sich schlecht mit den astrologischen „Gesetzmässigkeiten“ in Einklang bringen lassen. (Astrologen bezeichnen die Astrologie als Wissenschaft. Die –Vorzeige-Astrologin Elisabeth Teissier hat schliesslich eine Doktorarbeit über die Astrologie geschrieben.) In ihrem Dilemma sprechen viele Astrologen vom entscheidenden Faktor der Erfahrung. Deshalb nennen sie ihre Disziplin psychologische Astrologie.

Apropos Wissenschaft: Die Chinesen haben die Astrologie vor rund 3000 Jahren erfunden. Nur: Damals gab es noch keine präzisen Messgeräte und Berechnungsmethoden. Die Gestirne wurden deshalb falsch positioniert, was auch falsche Interpretationen nach sich zog. Ausserdem haben sich die Himmelskörper in den vergangenen 3000 Jahren verschoben. Trotzdem halten die Astrologen an den falschen alten Grundlagen fest. Und nun kippten die Astrologen auch noch Pluto aus der Liste der Planeten. Himmel, Herrgott…

Die Astrologie ist heute ein beträchtlicher Wirtschaftszweig. In Italien gibt es kaum einen Fernsehsender, der nicht astrologische Beratungen anbietet. In Deutschland beispielsweise machen 20 000 Astrologen einen Umsatz von rund 800 Millionen Franken. In der Schweiz dürften schätzungsweise 2000 Sterndeuter gegen 100 Millionen umsetzen. Der deutsche Soziologe Edgar Wunder hat herausgefunden, dass in den letzten zehn Jahren “96 Prozent aller Prophezeiungen falsch waren”. Und die restlichen 4 Prozent? Laut Wunder lauter Zufallstreffer.

Doch noch so viele Kuriositäten vermögen die Astrologiegläubigen nicht nachdenklich zu stimmen. Kein Astrologe hat beispielsweise den Anschlag auf die Twintowers am 11. September 2001 voraus gesehen. Sie hatten sich nämlich vom damaligen „positiven Einfluss“ des Jupiters blenden lassen. Er sorge für ein glückliches 2001, hatten sie prophezeit.

Einen astrologischen GAU hatte Teissier 1999 produziert. Die Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 hatte sie zu apokalyptischen Aussagen verleitet. «Vieles deutet für den 11. August auf eine kollektive, die gesamte Menschheit betreffende Katastrophe hin, auf Kriegshandlungen, Explosionen oder gar einen Super-GAU.» Sie flüchtete in eine angeblich sichere Gegend. Nie mehr werde sie eine weitere Vorhersage wagen, falls sie sich irren sollte, hatte die akademisch gebildete Sterndeuterin in die Welt hinausposaunt und bei leichtgläubigen Menschen apokalyptische Ängste ausgelöst. Doch nicht nur die Sterne hatten gelogen – Frau Teissier hielt sich auch nicht lange an ihr Versprechen und orakelt munter weiter.

Der faschistoide Guru

Hugo Stamm am Mittwoch den 30. August 2006

Osho, oder Bhagwan, wie er sich früher nannte, galt als der sanfte Guru. Sein liebliches Gesicht, der wallende Bart und die listigen Äuglein liessen die Herzen vieler Anhängerinnen schmelzen. Und da in den Bhagwan-Kommunen und –Ashrams lange Zeit die freie Liebe propagiert und praktiziert worden war, zog er auch männliche spirituelle Sucher an, die damals noch nicht so viel Übersinnliches oder Esoterisches am Hut hatten. Hei, wie ging es lustig her und zu bei den erleuchteten Devotees des extravaganten Gurus aus Poona.

Bhagwan war ein heller Kopf. Er hatte zwar viele spirituelle und philosophische Weisheiten aus allen Epochen zusammengeklaubt, aber seine neue Mischung aus alten fernöstlichen Weisheiten und westlich hedonistischer Denkweise liess viele Althippies durchstarten.

Der indische Guru war überdies ein schlauer Fuchs und Meister der Provokation. Seine spirituelle Bewegung eine Sekte? Ach wo! Er band, wie er vorgab, seine Anhänger nicht an sich. Er warf ihnen sogar an den Kopf: Selber blöd, wer mir glaubt, mir nachfolgt oder mir gar einen Rolls Royce schenkt. (Die Devotees taten es trotzdem. Als er starb, war er stolzer Besitzer von 99 Edelkutschen. Er hätte gern 365 gehabt. Damit er jeden Tag in einen andern Rolls hätte steigen können. Verständlich. Bei einer täglichen Fahrt von 400 Metern von seiner Residenz zur Buddha-Hall. Und zurück.) Je mehr er seine Jünger auslachte und anschwieg – in Oregon beliebte es dem Guru, jahrelang zu schweigen -, desto frenetischer jubelten sie ihm am Strassenrand zu, wenn er in seinem Rolls vorbeischwebte.

Für ihn war alles nur ein Spiel, ein netter Joke. Mindestens in seinen Lectures. Worte sind ja so geschmeidig. Sie fliessen leicht über die Lippen. Und man hört es gern, wenn einer brillant zu formulieren weiss.

Doch bei Bhagwan klafften die spirituellen Unterweisungen und die grobstofflichen Anforderungen tüchtig auseinander. Der liebliche Guru mit den verschmitzten Äuglein konnte ganz schön bissig werden. Dann war es vorbei mit den einlullenden übersinnlichen Schalmeien. Und wenn seine rechte Hand Sheela zur Geissel griff, rannten die Osho-Krieger zu den Maschinengewehren und sicherten das Osho-Gelände mit scharfer Munition ab.

Den wahren Geist offenbarte Bhagwan in seinem Buch “Die goldene Zukunft”. Darin entwickelt er ein neues Gesellschaftsmodell. Was er propagiert, grenzt an Diktatur. Und hat faschistoide Anleihen.

Beispiele: Wählen darf in “Osho-Land” nur, wer einen Meditationskurs nach bhagwa(h)nscher Art absolviert hat. Gläubige anderer Religionen müssen umerzogen werden, damit sie vom Aberglauben befreit werden. Wählbar ist nur, wer die Matur (Abitur) hat und durch die Osho-Schule gegangen ist. Uneingeschränkte Bürgerrechte haben also nur Osho-geeichte Individuen. Gute Nacht Demokratie, Solidarität, Gleichheit. Ganz zu schweigen von den Menschenrechten.
Zur Fortpflanzung: In Zukunft dürfen nur künstlich befruchtete Kinder zur Welt gebracht werden. Vorher werden die Gene der Samen und Eier getestet. Osho wörtlich: „Künstliche Besamung ist die einzige wissenschaftliche Methode, um das beste Kind zu finden. ‚Ich bin der Vater’ – diese alte Vorstellung müssen wir aufgeben. Wir müssen umlernen: ‚Ich habe das beste Kind ausgesucht’ – das sollte der Stolz des Mannes sein.“ So können Missbildungen vermieden werden. Familien sind laut Osho überholt, Kinder sollten in speziellen Kommunen aufwachsen.

Und jetzt kommt’s knüppeldick: Behinderte werden „in den ewigen Schlaf geschickt“, wie Bhagwan die Euthanasie verräterisch sanft umschreibt. Sprich: Umgebracht. „Und es ist gar kein Problem dabei: nur der Körper löst sich wieder in die Elemente auf, die Seele sucht sich einen andern Mutterschoss. Nichts wird zerstört.“

Da wundert es auch nicht, dass in Bhagwan-Ashrams Kinder sexuell missbraucht worden sind. Von der angeblich spirituellen Superelite.

Dabei gelten Bhagwan und seine Anhänger bei uns als pionierhafte, sanfte, originelle und kreative spirituelle Sucher. Und noch heute sind Hunderte von „Therapeuten“ tätig, die Bhagwans Methoden anwenden.

Des sexuellen Missbrauchs angeklagt

Hugo Stamm am Montag den 24. Juli 2006

In der Schweiz arbeiten mehrere tausend Heiler. Und ebenso viele Wahrsager. Viele sind sich ihrer Verantwortung bewusst und arbeiten mit der nötigen Vorsicht und Zurückhaltung. Es gibt allerdings eine beträchtliche Anzahl, die sich überschätzt. Sie akzeptieren die Grenzen ihrer Kompetenz nicht und messen sich übersinnliche Fähigkeiten zu, die sie fast unfehlbar machen. Diese Selbstüberhöhung hat oft mit dem übersinnlichen Konzept oder der Heilslehre zu tun, an die sie glauben und an die sie sich auch bei ihrer Arbeit klammern.

Dabei gibt es mehrere vermeintlich unfehlbare Systeme. Die einen behaupten, einen „Röntgenblick“ zu haben und psychische und körperliche Defizite „sehen“ zu können. Und was sie entdecken, ist für sie eine unumstössliche Wahrheit. Andere erkennen Krankheiten und psychische Probleme angeblich in der Aura ihrer Klienten. Wieder andere erklären, sie würden von aufgestiegenen Meistern (Avataren) oder Geistwesen (teilweise Engeln) Durchsagen erhalten.

Da diese Wesen göttliche Instanzen sind, wäre es eine Todsünde, ihre Botschaften kritisch zu hinterfragen. Deshalb werden sie als die reine Wahrheit empfunden. Die Heiler und Wahrsager fragen sich deshalb auch nicht, ob die Bilder oder Durchsagen, die sie erhalten, Einbildungen oder Selbsttäuschungen sind.

Dieser Glaube an die diagnostische und therapeutische Unfehlbarkeit kann vor allem für Klienten mit schweren Krankheiten verhängnisvoll sein. Aber auch für solche, die unter traumatischen Prägungen, Depressionen und psychotischen Reaktionen leiden. Denn solche Krankheiten sind in der Regel nicht mit einem kurzen Ritual, mit Naturheilmitteln oder Handauflegen heilbar.

In ihrer Ohnmacht haben Heiler, Wahrsager und Esoteriker in den letzten Jahren ein verhängnisvolles Erklärungsmuster entwickelt. Wenn sie mit ihren Heilmethoden nicht weiterkommen und die Krankheitssymptome nicht abklingen, suchen sie eine „logische“ Erklärung für ihren „Misserfolg“. Dabei greifen viele zu einer Standardantwort: Ich sehe in deiner Vergangenheit einen sexuellen Missbrauch, den du verdrängt hast. Dein Vater hat sich an die vergangen, als du ein kleines Mädchen war. Dieses Trauma ist so schwerwiegend, dass ich es nicht auflösen kann.

Da auch diese „Erkenntnis“ angeblich von den Geistwesen bestätigt wird oder in der Aura erkannt worden ist, gilt die Diagnose als gesichert. Den Rest der Geschichte kann man erahnen. Die Klientin reagiert zuerst mit Erstaunen, dann taucht sie in die Vergangenheit ein, und plötzlich erkennt sie schwache Anzeichen, die auf einen Missbrauch hindeuten könnten. Jedes unerklärliche Verhalten des Vaters wird in diese Richtung interpretiert. Selbst Strafen und Schläge. („Der Vater wollte mich unterdrücken, damit ich das „Geheimnis“ nicht verrate.“)

Die Schilderungen werden immer plastischer und werden vom Heiler oder Wahrsager bestätigt. Und je mehr die Klientin die ihr zufliegenden Bilder Revue passieren lässt, desto plausibler erscheinen sie ihr. Kommt hinzu, dass sie bei den esoterischen Seminaren viele ähnliche Geschichten von spirituellen Sucherinnen gehört hat. (Es ist in esoterischen Kreisen schon fast verdächtig, wenn eine Frau keinen Missbrauch erlebt hat.) So verdichten sich „übersinnliche Wahrnehmungen“ und vage Erinnerungsfetzen rasch zur Realität. Das hat auch den Vorteil, dass das seelische Leiden plötzlich ein Gesicht bekommt: Jetzt wird mir endlich klar, weshalb ich so oft depressiv verstimmt bin. Der Grund des Leidens liegt nicht mehr bei ihr, sondern beim angeblich bösen Vater.

Die Frauen konfrontieren in der Regel ihren Vater und die Familie mit ihrer neuen Erkenntnis. Der Schock sitzt tief. Der Vater streitet kategorisch jede sexuelle Handlung ab. Nun wird die angeblich geschändete Tochter wütend und zeigt ihn bei der Polizei an. Es kommt zum Prozess. Seine Möglichkeiten der Verteidigung sind gering, entlastende Beweismittel kann er keine anführen. Die Karten der Klägerin sind besser. Sie hat zwar keine genauen Erinnerungen, aber das Opfer ist meist glaubwürdiger, weil zum vornherein klar ist, dass der Täter seine (vermeintliche) Tat abstreitet.

Ich habe viele solche Fälle miterlebt. Meistens hält die Mutter zum angeblichen Täter. Sie beteuert, sie hätte wohl mitbekommen, wenn sich der Vater an der Tochter vergriffen hätte. Ich kenne aber auch Fälle, bei denen sich die Mutter mit der Tochter solidarisierte. Das führt fast immer zur Scheidung. Oft halten die Schwestern zur angeblich Missbrauchten. In jedem Fall aber ist der familiäre Friede zerstört, oft bricht der Kontakt ab. Wohnen die Betroffenen in einem ländlichen Gebiet, lässt sich der „Skandal“ oft nicht unter dem Deckel halten. Der Ruf des Vaters und meist der ganzen Familie leidet massiv, die Mitglieder werden geächtet.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich verurteile sämtliche sexuellen Übergriffe aufs Schärfste. Ich bin mir auch bewusst, dass das Problem oft verharmlost wird und viele Übergriffe nicht geahndet werden. Ich engagiere mich auch in einer Organisation, die sexuell missbrauchten Kindern und Frauen hilft. Es ist aber auch ein Missbrauch, anhand von „spirituellen Eingaben“ Väter des Missbrauchs zu bezichtigen, zumal diese übersinnlichen „Erinnerungen“ nicht einmal vom angeblichen Opfer stammen, sondern von einer unbeteiligten Heilerin oder einem Wahrsager, der weder den Vater noch die familiären Verhältnisse kennt. Solche Missbrauchsdiagnosen zeugen von einer religiösen Verblendung, die verheerende Auswirkungen haben können.

Tod durch Lichtessen

Hugo Stamm am Sonntag den 18. Juni 2006

Am vorletzten Donnerstag hatte der Anthroposoph Michael Werner einen grossen Auftritt bei der Talk-Show von Kurt Aeschbacher. Er erzählte dem Talkmaster und einem grossen Publikum, er ernähre sich von Licht – anstelle von festen Nahrungsmitteln. Seit vollen fünf Jahren. Er gönne sich höchstens einmal ein Stückchen Schokolade. Was Werner verschwieg – und Aeschbacher nicht thematisierte: Der Anthroposoph ist nicht etwa ein einsamer Lichtesser, sondern der Jünger eines umstrittenen Mediums, der Australierin Ellen Greve alias Jasmuheen (“Duft der Ewigkeit”). Und somit einer von vielen tausend angeblichen Dauerfastern weltweit. Teil einer esoterischen Bewegung.

Die spirituellen Sucher träumen davon, das kosmische Licht – was immer dies sein soll – in “Prana”, in göttliche Energie, umzuwandeln und die Transmutation zum höheren Wesen zu vollziehen. Und sie glauben, in Zukunft ohne Nahrungsmittel auszukommen.

Der Lichtnahrungsprozess hat einen ideologischen Hintergrund. Esoteriker glauben, das Wassermannzeitalter sei angebrochen und der spirituelle Mensch mutiere nun rasch zu einem höheren Wesen. Das sei auch mit körperlichen Veränderungen verbunden (Hirnanhangsdrüse wächst, DNA-Struktur wird von zwei auf 12 Stränge vergrössert [genetische Veränderung!]) usw. Diese Transformation müsse mit dem Lichtnahrungsprozess initiiert werden. Dann werde der Mensch zum übersinnlichen, ja göttlichen Wesen, das sich vom heiligen kosmischen Licht ernähren und dieses in Kalorien umwandeln kann. Und schon haben wir wieder Übermenschen – wie sie uns schon bei den Scientologen begegnet sind.

Jasmuheen propagiert das gefährliche Ritual in ihrem Buch „Lichtnahrung“. Kernstück ist der 21-Tage-Prozess. In der ersten Woche der Fastenkur dürfen die Absolventen nichts essen und keinen Tropfen Flüssigkeit zu sich nehmen. Nicht einmal den Speichel dürfen sie schlucken. In den Wochen zwei und drei dürfen sie zwar wieder triken, aber weiterhin keine feste Nahrung zu sich nehmen – ausser eben Licht…

Das Ritual ist eine Gratwanderung mit Todesgefahr, warnen Ärzte. Für Jasmuheen ist das kosmische Licht jedoch “die Nahrungsquelle für das kommende Jahrtausend”, wie der Untertitel ihres Bestsellers verkündet. Es sind denn auch verschiedene Todesfälle dokumentiert. Jasmuheen sagte dazu, der Tod eines Menschen sei ohnehin vorbestimmt. Der eine stirbt bei einem Unfall, der andere beim Lichtnahrungsprozess und der dritte an Altersschwäche – also dann, wenn es die „innere Uhr“ vorsieht.

Doch nicht genug. Jasmuheen hat ein weiteres (er)schlagendes Argument. Angesichts der Chance, den Welthunger zu überwinden müsse man solche Vorfälle in Kauf nehmen.

So ist es halt in der Welt der Lichtesser: Millionen Arme hungern, und wir Übersättigten bringen uns in Gefahr, indem wir nicht trinken und nicht essen.

Natürlich überleben (zum Glück) die allermeisten Absolventen des Lichtnahrungsprozesses. Doch Langzeitschäden erleiden vermutlich alle. Eine Woche ohne Flüssigkeit dahinzuvegetieren, ist schädlich. Die meisten Erdbebenverschütteten sterben nach fünf Tagen an Dehydrierung. Für die Leber und teilweise auch andere Organe ist die Dehydrierung ein extremer Stress, der die Funktion beeinträchtigen kann.

Auch mehrere hundert Schweizer haben bereits versucht, ihren Körper auf Lichtnahrung umzuprogrammieren. Auch bei uns bieten Esoteriker Lichtnahrungskurse an, Dutzende von “Lichtessern” haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, um Absolventen beim 21-Tage-Prozess zu unterstützen. Jasmuheen bezeichnet sie als spirituelle Krieger. Den Krieg gegen den Tod ficht aber die Leber aus. Und sie wird nicht gefragt, ob sie die Tortur über sich ergehen lassen will.

Wozu die Wiedergeburt?

Hugo Stamm am Donnerstag den 8. Juni 2006

Das Drama des Menschen liegt darin, dass er Gott und seine Seele nicht kennt. Hinter diesen beiden Instanzen verstecken sich die Geheimnisse des Lebens. Optimale Voraussetzungen für Analysen, Spekulationen, Legenden und Mythen. (Da hätten wir sie schon wieder.) Was muss das für ein Schock gewesen sein, als Ärzte den ersten Menschen sezierten und keine Seele gefunden haben. Somit erlangte sie erst recht eine religiöse Dimension. Und heute kümmern sich Psychologie (seelische Störungen) und Glaubensgemeinschaften gleichermassen um dieses schwer definierbare Etwas, das irgendwo zwischen Hirn und Herz angesiedelt ist.

Die Sterne sind entlarvt

Hugo Stamm am Sonntag den 14. Mai 2006

Passen nun Widder besser zu Steinböcken oder zu Jungfrauen? Oder hat eine Beziehung mit einer Waage vielleicht doch bessere Zukunftschancen? Doch was macht der Widder, wenn er einer intelligenten, fröhlichen und hübschen Fisch-Frau begegnet und sich Hals über Kopf verliebt? Soll er dann die Sterne fragen? Soll er ihnen glauben, wenn sie ihm ins Ohr flüstern: „Widder mit Fisch? Behüte Gott. Da kannst Du die Scheidung eingeben, bevor Du ihr den Ring an den Finger gesteckt hast.“
Ein Forschungsteam aus Deutschland und Dänemark wollte es wissen, wie es sich wirklich mit den Sternen und Sternzeichen verhält. Gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Geburtsmonat, dem Sternzeichen und den Charakterzügen?
Professor Peter Hartmann von der Universität Arhus und seine Kollegen sammelten Daten und Informationen von über 15’000 Menschen, die sie aus verschiedenen Datenbanken bezogen. Ihre Resultate sind ernüchternd. Persönlichkeitsmerkmale seien nicht abhängig von Sternzeichen, erklären sie ohne Wenn und Aber. Die Zeit der Geburt sage nichts über die Charaktereigenschaften aus.
Das Resultat erstaunt zwar nicht wirklich, ist aber für einen Grossteil der Bevölkerung ein herber Dämpfer. Denn fast die Hälfte glaubt an die Macht der Sterne oder an die Sternzeichen. Tendenz steigend. Ich zweifle allerdings, dass sich diese von der wissenschaftlichen Studie verunsichern lässt. Gegen den Glauben an die Kraft der Gestirne ist kein (Vernunfts-)Kraut gewachsen. Warum? Weil es eben ein Glaube ist. Und der lässt sich nicht erschüttern. Auch nicht von den ausgewerteten Daten von 15’000 Personen. Und schon gar nicht von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Schliesslich würde ihr Weltbild zusammenkrachen, wenn sie die Hoffnung auf die Sterne verlieren würden. Schliesslich würde sich auch der Glaube an die Horoskope verflüchtigen. Somit wären viele Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchte vergeblich gewesen. Und das Geld für die „Analysen“ aus dem Fenster geworfen. Und man müsste sich eingestehen, einem Aberglauben gehuldigt zu haben. Das wären schmerzliche Erkenntnisse. Deshalb glaubt man lieber, dass sich astrologische Erkenntnisse eben nicht mit wissenschaftlichen Methoden verifizieren lassen. Und so bleibt die Kirche im Dorf – oder eben im Sternenhimmel.
Gebildete Astrologen gehen sofort zum Gegenangriff über. Sie erklären, frühere Untersuchungen hätten gezeigt, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen den Charaktereigenschaften und dem Sternzeichen gebe. Was sagen die Wissenschafter um Peter Hartmann dazu? Die früheren Studien hätten nur kleine Probandengruppen untersucht und deshalb keine statistisch relevanten Resultate hervorbringen können.
Warum soll man nicht an die Sterne oder den Einfluss der Sternzeichen glauben? Das ist doch harmlos, sagen viele, auch nicht Sternen-Gläubige. So einfach ist es leider nicht. Die Gefahr besteht, dass die Sterndeuter sich von Horoskopen abhängig machen, ihr Verhalten auf die Aussagen der Astrologen ausrichten und die Verantwortung an eine „höhere Macht“ abgeben. Viele befragen vor schwierigen Entscheiden die Sterne. Statt auf ihre Gefühle zu hören und die Lebenserfahrungen beizuziehen, überlassen sie die Entscheide den Astrologen oder den Sternen. Wobei wir bei meinem Lieblingsthema wären: Die geistige Freiheit ist vielleicht das wichtigste Gut, das es zu kultivieren und zu schützen gilt.
Wie sagen doch die Astrologen? Sterne lügen nicht. Kunststück: Sie können ja gar nicht reden.

Die Kraft des positiven Denkens

Hugo Stamm am Donnerstag den 27. April 2006

Die esoterische Weltsicht basiert über weite Teile auf den Vorstellungen des „positiven Denkens“. Was die wenigsten wissen, die den Begriff in harmloser Weise als durchaus sinnvolle Aufmunterung brauchen: Hinter dem unscheinbaren Allerweltsbegriff versteckt sich ein komplettes spirituelles Konzept, das sich optimal an die wirtschaftlichen und sozialen Ziele unserer Gesellschaft anpasst: Wie in unserem Alltag sind auch beim positiven Denken Effizienz, Erfolg und Egozentrik die zentralen Werte. Die Suggestivmethode erweist sich als angeblicher Zauberstab, mit dem sich auf „geistigem Weg“ und ohne Anstrengung angeblich alles auf der spirituellen und vor allem materiellen Ebene erreichen lässt. Es geht also beim eigentlichen positiven Denken nicht darum, mit Optimismus den Alltag zu bewältigen, sondern es beinhaltet ein Heilsystem, mit dem sich utopische Wunschvorstellungen vermeintlich mühelos realisieren lassen.
Beim positiven Denken geht es darum, unser Bewusstsein mit suggestiven Kräften zu programmieren. Das Credo: Wir sind, was wir denken, und die Welt lässt sich mit der geistigen Kraft des positiven Denkens beliebig bewegen. Wenn ich im Geist eine positive Welt kreiere, dann wird sich mir diese genau so manifestieren.
Für positive Denker funktioniert die Psyche wie ein Computer, den man programmieren kann. Doch das Unbewusste löscht keine Eindrücke, auch wenn man tausendmal die Delete-Taste drückt.
Vater des positiven Denkens ist der Amerikaner Joseph Murphy. Er hat unzählige Bücher dazu geschrieben. Er behauptet, die suggestive Methode garantiere Reichtum und Wohlstand. Alles, was wir in Gedanken visualisierten, verwirkliche sich in der materiellen Welt. Autos, Häuser und Wolkenkratzer waren laut Murphy einst lediglich Ideen oder Gedankenimpressionen im Geist eines Menschen, die ins Unterbewusstsein gesickert und später realisiert worden seien. Für ihn ist „Wohlstand eine Geisteshaltung“. Beim positiven Denken werde das Wachbewusstsein des Menschen von seinem Unterbewusstsein aktiviert, und „das Gesetz der Anziehung setzt Reichtümer zu ihm in Bewegung – aussersinnlich, geistig und materiell“, behauptet Murphy, ohne das Phänomen näher zu erklären.
Um reich zu werden, muss man sich laut Murphy nicht anstrengen, alles lässt sich im Schlaf erreichen. Beim Hinübergleiten soll ein Wort „festgehalten“ und wiederholt werden, nämlich der Begriff „Wohlstand“. „Reichtum ist eine gute Gewohnheit, Armut dagegen eine schlechte – das ist der ganze Unterschied zwischen Reichtum und Armut“, schreibt der Millionär Murphy in einem Anfall von Zynismus. Und er erklärt die Armut für eine geistige Krankheit.
Der Vater des positiven Denkens übergiesst alle Menschen mit Hohn und Verachtung, die ihren Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdienen. Der Guru des positiven Denkens behauptet, im Schweisse des Angesichts zu Reichtum zu kommen sei lediglich eine zuverlässige Methode, früh auf dem Friedhof zu landen. Es sei völlig unnötig, seine Kräfte auf diese Weise zu verschwenden. “Wer sich reich fühlt, wird reich.”
Das positive Denken ist eine geistige Zwangsmethode. Die propagierten Effekte wie ein vollkommen angstfreies Leben, ewige Harmonie, absolute Gesundheit und Reichtum sind unreife Ziele und widersprechen allen Lebenserfahrungen. Hier werden kindliche Paradiesvisionen gezüchtet. Positive Denker können eine emotionale Regression erleiden. Es führt letztlich zu Narzissmus, Egoismus und zu einer Selbstvergottung.
Der Schweizer René Egli bringt es in seinem Buch „Das Lola-Prinzip“ auf den Punkt. Er schreibt: “Wir sind eins mit Gott. (…) Also: wir werden nicht sein wie Gott, wir sind Gott! (…) Entweder wir sind hier und jetzt Gott – oder wir werden es niemals sein. Wir sind Gott. Jetzt. Wir haben lediglich vergessen, dass wir Gott sind.” Die Geschichte lehrt uns aber, dass Menschen, die sich göttliche Fähigkeiten zugemessen haben, kein Segen für die Menschheit waren.

Heiler gegen Ärzte

Hugo Stamm am Montag den 10. April 2006

Der Beitrag über die Homöopathie hat gezeigt, dass alternative Heilmethoden die Leser in zwei Lager teilt. Diese Erfahrung mache ich seit vielen Jahren. Was mir besonders auffällt: Die Diskussion nimmt oft die Qualität eines Glaubenskrieges an. Deshalb interessiert und beschäftigt mich das Phänomen mit wachsender Aufmerksamkeit.
Auffallend ist die Vehemenz, mit der viele Vertreter alternativer Disziplinen ihr Interessengebiet verteidigen. Dafür habe ich durchaus Verständnis. Wenn sie aber mit einem Kriegsvokabular pauschal auf die Schulmedizin und Pharmaindustrie eindreschen, offenbaren sie einen missionarischen Eifer. Um nicht sogleich einen Sturm der Entrüstung auszulösen, stelle ich meine Haltung vorweg: Es gibt in allen erwähnten Bereichen unseriöse Anbieter und Exponenten, Missbrauch findet sich bei allen Disziplinen, auch der Schulmedizin und der Pharmaindustrie. Eine pauschale Verteufelung zeigt nur, dass die Kritiker Feindbilder kultivieren, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden.
Traditionelle Medizin und die Alternativen Methoden gegeneinander auszuspielen, macht keinen Sinn. Ich kenne viele Beispiele, bei denen Heiler den Tod ihrer Patienten verschuldeten, weil sie diese nicht an die Schulmedizin „ausliefern“ wollten. Ein Beispiel: Eine 23-jährige Frau mit starken Ohrenschmerzen suchte einen Heiler auf. Dieser gab ihr Tinkturen aus Naturheilkräutern. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher und weiteten sich auf den ganzen Kopf auf. Die junge Frau wagte es nicht, Schmerzmittel zu schlucken. Das sei Chemie, sagte der Heiler. Chemie störe die Energieflüsse und schwäche die Selbstheilkräfte. Nach zehn Tagen hielten die Eltern die Schmerzensschreie ihrer Tochter nicht mehr aus und riefen gegen ihren Willen den Notfallarzt. Dieser wies sie sofort in ein Krankenhaus ein. Doch es war zu spät, die junge Frau starb nach wenigen Stunden.
Die Obduktion ergab, dass die Patientin eine Mittelohrenentzündung hatte, die sich zur Hirnhautentzündung auswuchs. Hätte sie rechtzeitig Antibiotika geschluckt, würde sie heute noch leben. (Es gibt aber auch Vertreter der Naturheilkunde, die dies allen Ernstes bestreiten.)
Ich selbst benutze Medikamente nur im äussersten Notfall. Zum Beispiel bei gefährlichen Infektionen oder mörderischen Schmerzen. (Was zum Glück selten vorkommt.) Und in diesen akuten Situationen helfen Naturheilmittel eben nicht gut genug. Nebenbei gesagt: Es gibt verschiedene Krankheiten, bei denen herkömmliche Medikamente lebensrettend wirken können.
Ich wage die These, dass bei leichteren chronischen Krankheiten der Körper der beste Arzt ist und Medikamente nicht braucht – auch keine Naturheilmittel. Bei gravierenden akuten Krankheiten geht es (leider) oft nicht ohne chemischen Einsatz.
Ich erwarte von den Verfechtern der Naturheilkunde mehr Wille zur „ganzheitlichen“ Betrachtungsweise. Sie monieren, dass die Medikamente Nebenwirkungen hervorrufen würden. Das trifft durchaus zu und ist bedauernswert. Doch wenn die Alternative der Tod ist, dann sind die Nebenwirkungen der Medikamente wohl immer das kleinere Übel. Ganz abgesehen davon, dass auch Naturheilmittel Nebenwirkungen zeigen. Alles, was wir einnehmen, hat Nebenwirkungen. (Wenn auch oft nur in sehr geringem Mass.) Die Natur einseitig zu verklären, zeugt nicht von geistiger Unabhängigkeit. Wenn ich Tollkirschen oder Fliegenpilze esse, können die „Nebenwirkungen“ tödlich sein. Aber selbstverständlich nehme ich bei leichten Krankheiten auch lieber Naturheilprodukte als herkömmliche Medikamente.
Die pauschale Verteufelung der traditionellen Medizin ist auch aus einem andern Grund kurzsichtig. Jährlich flicken die Chirurgen in der Schweiz Tausende von Unfallopfern (Verkehr, Arbeit, Sport) auf wunderbare Weise zusammen. Oder: Wer geht schon bei einem akuten Blinddarm zu einem Heiler? Viele Esoteriker fluchen zwar jahrein und jahraus über die „verbrecherischen Götter in Weiss“, sind aber sehr froh, wenn ihnen der Neurologe bei einer Hirnblutung die Kalotte öffnet und damit womöglich das Leben rettet.

Die Krux mit der Homöopathie

Hugo Stamm am Sonntag den 2. April 2006

Wir organisieren unseren Alltag streng nach wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen. Die von Esoterikern als besonders spirituell gepriesene Natur funktioniert zumindest auf der “grobstofflichen Ebene” bedingungslos nach den “Naturgesetzen”. Ein Stein fällt immer in der gleichen Geschwindigkeit und immer zu Boden. Auch ein energetisch aufgeladener Heilstein macht da keine Ausnahme.
Würde die Natur in der äusseren Erscheinung nicht ausnahmslos streng wissenschaftlich funktionieren, wären unsere Tage gezählt. Flugzeuge kämen reihenweise vom Himmel, wir würden mit unseren Autos überraschend Bekanntschaft mit Bäumen und Mauern machen, und die Fernsehgeräte würden gelegentlich explodieren und unsere Wohnungen in Brand setzen.
Die Homöopathie versteht sich als medizinische Disziplin und will als wissenschaftlich fundiert anerkannt werden. Schaut man sich die Theorie der Tinkturen und Globuli etwas näher an, kommt allerdings Skepsis auf. So behaupten Homöopathen etwa, je mehr sie ihre Mittel verdünnen würden, desto grösser sei die Wirkung. Sie sprechen von Potentzierung durch Verdünnen. Ein solches Gesetz kennt die Natur aber nicht. Wenn wir gern süssen Sirup haben, erhöhen wir die Konzentration. Und wenn die Kopfschmerzen nach einer Tablette nicht nachlassen, schlucken wir eine zweite. Unser Leben funktioniert nach dem Prinzip: Wo nichts drin ist, kommt nichts raus.
Die Homöopathie hingegen verdünnt ihre Mittel endlos. Oft so lang, bis kein Molekül mehr in einem Fläschchen zu finden ist. Bei einer Potenzierung D 19 enthält ein ganzer See voll homöopathisches Mittel kein einziges Elementarteilchen der Ausgangslösung mehr.
Die Homöopathen belehren uns, dass ihre Tinkturen durch die Verdünnung die Informationen der heilenden Substanzen übernehmen würden. Auch für diese Erklärung findet sich in der Natur kein entsprechendes Gesetz. Dieses Phänomen konnte bisher nirgends beobachtet oder nachgewiesen werden. Das wäre nämlich fatal, denn wir könnten unser Wasser vermutlich nicht mehr trinken. Dieses ist in den letzten Hunderttausenden von Jahren immer wieder mit giftigen Stoffen in Berührung gekommen und wäre wohl nicht mehr geniessbar, wenn es fremde Informationen aufgenommen hätte.
Trotz meiner Skepsis weiss ich, dass Globuli wirken. Empirische Studien haben den Beweis eindeutig erbracht. Ich vermute, dass wir die Erklärung nicht auf der wissenschaftlichen Ebene suchen müssen, sondern auf der psychosomatischen: Der Placeboeffekt ist bei homöopathischen Produkten offenbar besonders gross.
Homöopathen wehren sich aber vehement gegen die Placebotheorie. Sie verweisen darauf, dass homöopathische Mittel auch bei Tieren wirken würden. Dagegen lässt sich einwenden, dass Untersuchungen über die Wirkung von Medikamenten bei Tieren sehr schwer und meist nur über Labortests zu bewerkstelligen sind. Ausserdem heilen die allermeisten Krankheiten von selbst. Wer will da urteilen, ob eine Spontanheilung vorliegt oder die Globuli gewirkt haben?
Homöopathen erklären die Wirkung ihrer Tinkturen nach wie vor mit wissenschaftlichen Argumenten. Das scheint mir angesichts der Tatsache, dass ihre Begründungen allen bekannten Erkenntnissen widersprechen, wissenschaftlich unredlich. Die Homöopathen sollten dazu stehen, dass es keine befriedigende wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen Homöopathie gibt.
Wie lässt sich die grosse Akzeptanz der Homöopathie in der Öffentlichkeit erklären? Würde man eine Strassenumfrage machen, wäre das Resultat ernüchternd. Wohl die wenigsten Anwender kennen das Prinzip näher. Ausserdem faszinieren uns oft die unerklärbaren und spektakulären Phänomene mehr als die bekannten.