Archiv für die Kategorie ‘Esoterik’

Esoterische Flugstunde

Hugo Stamm am Samstag den 2. März 2013
Energieströme gesucht: Besucher an der «Lebenskraft 91», der damals dritten Esoterikmesse in Zürich. (Bild: Keystone)

Energieströme gesucht: Besucher an der «Lebenskraft 91», der damals dritten Esoterikmesse in Zürich. (Bild: Keystone)

Der Zeitgeist lässt die christlichen Kirchen links liegen. Gläubige tun sich zunehmend schwer, das Seelenheil auf die Erlösung am Jüngsten Tag auszurichten. Die Vorstellung von der Erbsünde, die lebenslange Sühne und Busse verlangt, ist speziell für die jüngeren Generationen weder sexy, cool noch geil.

Ausserdem sind viele kirchliche Institutionen angestaubt, die Gottesdienste kein Event mit Erlebnischarakter. Viele suchen die Erfüllung im Hier und Jetzt, als Rückversicherung klammern sie sich an die Idee von der Wiedergeburt. Deshalb verabschieden sie sich immer mehr von den Landeskirchen – und pilgern zur jährlichen Esoterikmesse im Zürcher Kongresshaus: Zum 25. Mal veranstaltet Angelika Meier dieses Wochenende die Show, die unter dem Titel «Lebenskraft» läuft. Die rührige Sinnsucherin bietet als Alternative zum christlichen Glauben übersinnliche Phänomene an und lockt die Messebesucher in eine glitzernde Parallelwelt, die scheinbar alle irdischen Grenzen sprengt und ein Fenster zum spirituellen Kosmos öffnet.Tatsächlich überflügelt die Esoterik die Landeskirchen in allen äusseren Belangen. Wer in die Züspa für übersinnliche Sucher eintaucht, erlebt eine Seelenmassage, bei der alle Sinne stimuliert werden. Der Jahrmarkt der spirituellen Wunder erzeugt eine wohlige Atmosphäre. Wenn sich unzählige Wahrsager, Handleser, Geistheiler und Verkäufer esoterischer «Wahrheiten» auf engem Raum versammeln, erleben die Besucher angeblich ein besonders dichtes Energiefeld und eine prickelnde Aura: Esoterik als emotionales Schaumbad.

Der Mensch findet, was er sucht

Doch was ist dran an dieser magischen Welt? Nüchtern betrachtet, findet sie nur im Kopf statt. Oder in der inneren Mitte, wie die Messebesucher sagen würden. Die Sehnsucht nach dem geheimen Wissen (Esoterik) und der Erleuchtung führt zu Projektionen, bei denen die Einbildungskraft eine wichtige Rolle spielt. Es ist eine alte Weisheit: Der Mensch findet, wonach er sucht. Wer sich lang genug einredet, er habe direkten Kontakt mit seinem Schutzengel, wird zuerst seine Energie und dann den Luftzug seines Flügelschlages spüren und ihn schliesslich leibhaftig durch das Fenster fliegen sehen. Das einstige Geheimwissen ist heute ein Milliardenmarkt, bei dem höchstens noch der Kontostand der 30 000 Heiler und der ähnlich vielen Esoterikanbieter in der Schweiz geheim ist.

Reduziert man die christliche Heilslehre und die Esoterik auf ihren Kerngehalt, nähern sich die beiden ungleichen Disziplinen aber ungewollt an. Auch wenn sie unterschiedliche Heilsvorstellungen propagieren und Rituale pflegen, so leben beide von der Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung. Entschlackt man die Lehre von den übersinnlichen Phänomenen, bleibt nichts als nackter Glaube. Denn auch in der Esoterik gibt es keine beweisbaren Grundsätze. Deshalb ist oft die Angst der Antrieb, sich spirituell zu betätigen. So gesehen ist Esoterik eine Ersatzreligion.

Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied, nämlich im Weltbild. Esoterik ist die Lehre von der Selbstbefreiung. Sie suggeriert, der Mensch könne sich durch Seminare und Rituale spirituell befreien und Teil der göttlichen Hierarchie werden. Das führt oft zur Selbstvergottung. Und so werden auch dieses Jahr Tausende Besucher auf dem Markt der Illusionen finden, was sie suchen.

Das Kreuz mit den Sternen von Monica Kissling

Hugo Stamm am Donnerstag den 24. Januar 2013
Astrologin Monica Kissling. (Foto: Standbild SF)

Lässt die Sterne sprechen: Astrologin Monica Kissling. (Foto: Standbild SF)

Monica Kissling alias Madame Etoile, die Ikone der Schweizer Sterndeutung, hat derzeit einen schweren Stand. Was sie seit 22 Jahren auf DRS 3 (seit kurzem SRF 3) verkünde, sei Scharlatanerie, monieren Freidenker und lancierten eine Petition zur Abschaffung der Sendung.

Kissling lässt allerdings nichts auf ihre Sternbilder kommen und verteidigt ihr Business vehement. Um die Fundamentalkritik abzuwenden, behauptet sie, die Gestirne hätten keinen direkten Einfluss auf uns Menschen, sie würden lediglich Situationen abbilden und Hinweise geben. Bei ihrer nächsten Radio-Sternstunde beschreibt sie dann aber die Wirkung der Venus wieder so unmittelbar, als würde das Gestirn unser Schlafzimmer direkt mit erotischer Energie aufladen.

Damit stürzt Madame Etoile SRF 3 in ein Dilemma. Der Sender kann schlecht behaupten, Astrologie erlaube seriöse Beratung. Seine Glaubwürdigkeit wäre sofort im Eimer, der Spott landesweit. So flüchtet er sich in die Behauptung, Kissling biete Unterhaltung. Nur stellt sich dann die Frage: Was genau ist am repetitiven astrologischen Vokabular von Madame Etoile unterhaltsam? Ihre Sterndeuterei ist frei von jeder Ironie. Erst recht von Selbstironie.

Madame Etoile reagiert gereizt, wenn sie in die Unterhaltungsschublade gesteckt wird. Das ist nachvollziehbar, schliesslich richtet sie sich mit ihrer astrologischen Beratung an Menschen in Krisen. Deshalb verkündet sie, sie arbeite absolut seriös. Und doppelt nach, Astrologie sei die «älteste Erfahrungswissenschaft».

Vielleicht sollten sich Programmmacher und Kissling darüber einigen, ob die Sendung erfahrungswissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln will oder in den Unterhaltungsbereich gehört. Sie könnten dabei auch gleich klären, was seriöse von unseriöser Astrologie unterscheidet. Für Monica Kissling ist die Antwort klar: Sie versteht sich als psychologisch orientierte Sterndeuterin, also als Vertreterin der astrologischen Königsdisziplin, deren Seriosität für sie ausser Frage steht.

Kritische Geister sehen den Fall anders: Für sie wird die Astrologie nicht seriöser, wenn man sie mit einer Prise Geisteswissenschaft garniert – höchstens ein bisschen aufgeblasener.

Höhepunkt der Astro-Posse war dann in der jüngsten Ausgabe der «SontagsZeitung» die Aussage von Madame Etoile, sie habe gewusst, dass Anfang Jahr Ärger auf sie zukommen werde, die Sterne hätten es ihr vorausgesagt: «Eine klassische Konfliktsituation», sagte sie. Dann vergleicht sie tatsächlich Astrologie mit der Meteorologie. Wie der Wetterbericht mache die astrologische Prognose eine Vorhersage.

Wie bitte? Vielleicht sollte Monica Kissling mal in einem Wetterstudio beobachten, wie viele konkrete Wetterfakten zusammengetragen werden und wie diese in komplexe, wissenschaftliche Modelle gepackt werden. Da stellt sich schon die Frage, ob sie einfach alle verfügbaren Argumente zusammenkratzt, um sich aus dem Dilemma zu befreien, oder ob sie tatsächlich daran glaubt, was sie erzählt.

Dann fragt die Journalistin: «Viele Menschen haben Mühe mit der Vorstellung, dass die Sterne etwas mit unserem Charakter zu tun haben sollen. Bitte erklären Sie.» Antwort: «Ich kann den Zusammenhang sehr gut erklären», sagt Kissling. Also bitte: «Ich kann es natürlich auch nicht restlos erklären, sonst könnte man es ja auch beweisen.»

In der gleichen Ausgabe der «SonntagsZeitung» findet sich das Horoskop von Monica Kissling. Unter meinem Tierzeichen (Widder) steht folgendes: «Lust auf eine spannende Bekanntschaft? Kein Problem, die Liebessterne sind in Flirtlaune. Aus einer spontanen Bekanntschaft kann sich eine leidenschaftliche Affäre entwickeln.» Nun wissen wir es: Auch Sterne flirten. Ich stelle mir dies sehr romantisch vor. Bei frostiger Kälte und riesigen Distanzen.

Doch wie wirkt sich das kosmische Balzen auf uns Menschen aus? Stieben die Liebesfunken der Venus bis zu uns in die Bars, Büros oder Schlafzimmer? Und was ist mit den Widder-Babys und –Kindern? Mit den Grippekranken? Den alten und gebrechlichen Leuten? Den Kranken in den Spitälern? Den Kriegsopfern in Syrien? Den Vertriebenen in Mali? Fallen sie liebestrunken übereinander her? Fragen, die uns vielleicht die Sterne von Madame Etoile beantworten können. Aber bitte etwas kompetenter als bisher.

Hier der Wortlaut der Petition: http://www.activism.com/de_CH/petition/srf-soll-scharlataneriepropaganda-beenden/41559

Was hat die Komplementärmedizin an der Uni zu suchen?

Hugo Stamm am Donnerstag den 8. November 2012
Eine Apothekerin potenziert auf dem sogenannten Potenzierbock ein homöopathisches Präparat mittels 10 Schlägen. (Foto: Keystone)

Eine Apothekerin potenziert auf dem sogenannten Potenzierbock ein homöopathisches Präparat mittels 10 Schlägen. (Foto: Keystone)

Ein Lehrstuhl an einer Hochschule bedeutet höchste akademische Weihen. Deshalb bewerben sich in der Regel Koryphäen ihres Fachs als Dozenten. Nicht so bei der Neubesetzung des Lehrstuhls für Komplementärmedizin an der Uni Zürich. Herausragende Kandidatinnen oder Kandidaten gibt es kaum, nicht einmal die fünf Bewerber in der engeren Auswahl erfüllen dem Vernehmen nach alle Anforderungen.

Aussichtsreichste Kandidatin ist die deutsche Homöopathie-Spezialistin Claudia Witt. Obwohl sie keine klinische Erfahrung hat, ist sie die Favoriten der Berufungskommission. Für das externe Kommissionsmitglied Edzard Ernst von der britischen University of Exeter, ein prominenter Experte, ein Affront. Er quittierte sein Amt mit Getöse und sagte, er wolle seinen Namen nicht für einen solchen «Saustall» hergeben.

Der Eklat weist auf ein systemimmanentes Problem hin: Die Komplementärmedizin ist eine wissenschaftlich schwer zu fassende Disziplin und passt schlecht in einen universitären Lehr- und Forschungsbetrieb. Deshalb meiden ambitionierte Mediziner und Wissenschaftler dieses umstrittene Fachgebiet, weshalb es kaum unabhängige Experten gibt.

Diese Krux lässt sich gut am Beispiel der Homöopathie beschreiben, die in breiten Bevölkerungskreisen sehr beliebt ist. Seit 200 Jahren versuchen Homöopathen vergeblich nachzuweisen, dass ihre Globuli eine medizinische oder pharmakologische Wirkung entfalten. Ausserdem sehen sie sich mit dem schier unlösbaren Problem konfrontiert, dass die homöopathischen Theorien allen bekannten Gesetzen widersprechen.

Die Vertreter der Komplementärmedizin stochern deswegen oft im Nebel und müssen mit schwammigen Argumenten und Erklärungsversuchen ihre Thesen gegen Anfechtungen verteidigen. So bleiben fast nur Überzeugungstäter oder «Gläubige» den alternativmedizinischen Methoden treu, die zudem aus persönlicher Neigung heraus die Disziplin wählten und in der Regel an übersinnliche oder paranormale Phänomene glauben. Experte Edzart Ernst drückte es so aus: «Claudia Witt ist in ihrer Arbeit der Komplementärmedizin gegenüber gänzlich unkritisch.» Wissenschaftliches Arbeiten verlangt aber einen unverstellten Blick auf das eigene Fachgebiet, persönliche Verstrickungen sind unprofessionell, weil dann die fachliche Distanz fehlt. Dies zeigt sich bei Claudia Witt auch darin, dass bisher Verfechter der Alternativmethoden ihre Forschungsarbeit bezahlten.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Komplementärmedizin nur bedingt mit naturwissenschaftlichen Methoden erforschen lässt. Denn bei den vermuteten Heilprozessen spielen viele weiche Faktoren wie Hoffnung, Glaube und spirituelle Vorstellungen eine wichtige Rolle. Diese Aspekte lassen sich kaum erfassen und schon gar nicht messen.

Ein weiteres Beispiel aus der Homöopathie macht es deutlich: Es ist zwar unbestritten, dass homöopathische Therapien zumindest bei leichteren und chronischen Krankheiten eine positive Wirkung erzielen. Doch niemand kann wissenschaftlich erklären, weshalb. Denn die homöopathischen Tinkturen sind so stark verdünnt, dass in ihnen oft kein einziges Molekül mehr zu finden ist. Wie soll etwas wirken, wenn nichts vorhanden ist? Und die Erklärung der Homöopathen, der Wirkstoff gebe beim Verdünnen Informationen an die Tinktur ab, ist umstritten und wissenschaftlich nicht haltbar, denn das Phänomen ist in der gesamten Natur nicht bekannt und kann somit auch nicht nachgewiesen werden.

Unbestritten ist hingegen, dass der Placebo-Effekt eine grosse Rolle spielt. Vielleicht ist Placebo sogar der einzige Effekt bei alternativen Heilmethoden. Doch nicht einmal diese Frage können die Verfechter der Komplementärmedizin beantworten. Deshalb flüchten sie sich ins Argument, ihre Methoden liessen sich eben nicht mit einer evidenzbasierten Medizin, zum Beispiel randomisierte, placebokontrollierte, klinische Doppelblindstudien, überprüfen, wie sie in der Schulmedizin erfolgreich angewendet wird. Damit haben sie vermutlich sogar recht, doch sie stellen sich gleich selbst ins wissenschaftliche Abseits. Und man fragt sich, was die Komplementärmedizin an einer Hochschule vom Format einer Uni Zürich zu suchen hat. Man könnte sie allerdings in die theologische Fakultät abschieben, die bekanntlich zuständig für Glaubensfragen ist.

Fataler Glaube an Wunderheiler

Hugo Stamm am Donnerstag den 19. Juli 2012
Das Medium als Magnet: Joao Teixeira de Faria alias João de Deus im März 2012 in Abadiania, Brasilien. (Bild: Keystone)

Das Medium als Magnet: Joao Teixeira de Faria alias João de Deus im März 2012 in Abadiania, Brasilien. (Bild: Keystone)

Hunderte von Krebskranken, Gelähmten und Erblindeten aus halb Europa pilgerten vergangene Woche nach Winterthur in die Eulachhallen. Gegen 10’000 spirituelle Sucher mit Gebresten und chronischen Krankheiten wollten den Star unter den Geistheilern einmal hautnah erleben. Und alle erwarteten das Heil oder eine Wunderheilung: João de Deus, das berühmteste Volltrance-Medium (Eigenwerbung), trat erstmals in der Schweiz auf und elektrisierte die Esoterikszene.

Der Heiler machte Hoffnung auf Heilung selbst tödlicher Krankheiten. Das Internet ist voll von Lobeshymnen auf den 70-jährigen Brasilianer und seine Heilkräfte. Ihm eilt der Ruf voraus, unzählige Kranke von ihrem Leiden befreit und vor dem Tod gerettet zu haben. Millionen suchten ihn in den vergangenen 50 Jahren in seinem Zentrum Casa Dom Inacio in Abadiania, Brasilien, auf, ähnlich viele besuchten ihn bei seinen Heilungstourneen rund um die Welt. João de Deus ist der Kopf eines grossen Unternehmens, das Millionen umsetzt. Allein in Winterthur dürfte ein Umsatz von 1 bis 2 Millionen Franken erwirtschaftet worden sein. Ein lukratives Geschäft mit der Angst und Sehnsucht von Kranken und spirituellen Suchern.

Ritual in Weiss

Die Tourneen des Geistheilers sind durchstrukturierte und minutiös geplante Spektakel. Einlass erhält nur, wer ganz in Weiss erscheint. So fordern es die 36 Wesen der geistigen Welt, auf die sich João de Deus, auf Englisch John of God genannt, beruft. «Weiss als Farbe des Lichts steht für die Reinheit», wird den Besuchern erklärt.

Die Besucher des zwölfstündigen Heilungsmarathons brauchen in erster Linie Geduld, um John of God zu Gesicht zu bekommen. Deshalb werden sie mit musikalischen Darbietungen, Meditationen und Vorträgen durch den Tag begleitet. Bei der Ankunft müssen sie sich diszipliniert in eine von vier Warteschlangen einreihen: Eine Reihe ist für Erstbesucher, eine weitere für Wiederholer, die Operationslinie ist für Besucher reserviert, die einen «spirituellen Eingriff» wünschen, und die Revisionslinie für Leute, die bereits früher einen operativen Eingriff über sich ergehen liessen und nun ihren Zustand überprüfen lassen wollen. Die Besucher verbringen Stunden mit Warten und Meditieren.

Im Schritttempo geht es in den Meditationsraum. Beine und Arme dürfen nicht gekreuzt werden, weil sonst der Energiefluss gestört werde. Danach werden die spirituellen Sucher in den Raum der Wesenheiten geführt, wo der Moment der Offenbarung naht: Die Heilsuchenden pilgern an João de Deus vorbei und erhalten vom Geistwesen, das aktuell durch John of God spricht, eine Diagnose oder Botschaft. «Der Moment der eigentlichen Begegnung wird sehr schnell gehen», werden die Teilnehmer gewarnt. Kein Wunder, schliesslich ist der Andrang riesig.

Operation mit Schere

Nächste Station auf dem Pilgerweg durch die Eulachhallen ist der Gebetsraum, der der spirituellen Reinigung dient. Ein Teil der Besucher wird – je nach Diagnose – zur Kristallbett-Sitzung geführt. Sieben verschiedene Farblichter strahlen über sieben Kristalle in die sieben Chakren (Energiepunkte im Körper) ein. Manche Teilnehmer erhalten eine Einladung zur spirituellen Operation. Wieder andere werden ins Zentrum nach Brasilien eingeladen, wo João de Deus auch veritable Eingriffe vornimmt: Er «operiert» mit primitiven Mitteln angeblich krankhaftes Gewebe und Tumore heraus. So dringt er beispielsweise mit einer Schere oder Klemme durch die Nase tief in den Schädel, vermutlich ins Hirn, und zaubert blutige Gewebefetzen hervor. Er öffnet manchmal auch mit einem Skalpell vermeintlich den Bauchraum. In Winterthur muss der Heiler auf dieses Ritual allerdings verzichten, weil in der Schweiz nur Ärzte körperliche Eingriffe vornehmen dürfen.

Nichts als Taschenspielertricks

Kann der Heiler tatsächlich ohne Narkose operieren? Für den Sektenexperten Georg Otto Schmid von der Beratungsstelle Relinfo sind solche physischen Eingriffe nichts als Taschenspielertricks. Würde João de Deus dies eingestehen, könnte er die Operationen auch in Winterthur durchführen. «Doch er weiss natürlich, dass er trickst, kann es aber nicht zugeben, sonst wäre seine Glaubwürdigkeit dahin», erklärt Schmid. Solche «Operationen» sind auch von philippinischen Geistheilern bekannt. Bei ihnen konnte nachgewiesen werden, dass sie tierisches Blut und Gewebe verwenden, um die Kranken zu täuschen.

Die Anhänger von João de Deus lassen sich von solchen Einwänden nicht beirren und verweisen auf die unzähligen Referenzschreiben von «Geheilten». Danach hat John of God angeblich viele Patienten von tödlichen Krankheiten befreit. Schmid hat aber Zweifel. «Hoffnungen und Erwartungen der Besucher sind sehr gross. Für viele ist João de Deus der letzte Strohhalm. Deshalb spüren sie eine momentane Linderung der Symptome. Dass später viele enttäuscht werden, kann leicht vorausgesagt werden.» Laut Schmid besuchen aber auch viele den Event, weil er ein esoterisches Spektakel verspricht. «Sie wollen den berühmten Meister, der angeblich über göttliche Energie verfügt, einmal live erleben.»

Teures Heilungsspektakel

Das Heilungsspektakel ist nicht ganz billig. Pro Tag kostete der Eintritt 167 Franken, gesegnete Suppe inklusive. Um nicht mit dem Gesundheitsgesetz in Konflikt zu kommen, beansprucht João de Deus die wundersamen Heilungen nicht für sich. So würden sie zu 25 Prozent auf die Wesenheiten, zu 25 Prozent auf Gott und zu 50 Prozent auf die Besucher selbst zurückgehen, sagt der Heiler. Gleichzeitig behauptet er: «Ich habe noch nie einen Menschen geheilt, es ist Gott, der heilt.» Fragt sich dann nur, weshalb er selbst als grosser Heiler verehrt wird.

Nach drei Tagen in Weiss ist die Ernüchterung bei vielen Besuchern gross. Zwölf Stunden pro Tag verbrachten sie in den heiligen Hallen, dem grossen Heiler begegneten sie nach stundenlangem Warten nur ein paar Sekunden. Ausserdem sei das Rahmenprogramm langweilig gewesen, monierten manche nach einem langen Tag. Deshalb reisten etliche vorzeitig ab. Die grösste Enttäuschung war für viele, dass sie die Veranstaltung mit den gleichen Schmerzen verliessen, mit denen sie angereist waren. Und noch etwas: Journalisten wurden nicht zugelassen. Sie durften nicht einmal das Gelände der Eulachhallen betreten.

Die Veranstaltung beweist, wie gross Hoffnung und Sehnsucht sind, auf wundersame und sanfte Art selbst von tödlichen Krankheiten geheilt zu werden. Sie zeigte aber auch die grenzenlose Naivität esotertischer Kreise. Wenn Geistheiler tatsächlich Krebs, MS, Lähmungen und andere schwere Krankheiten heilen könnten, gäbe es Hunderttausende von dukumentierten Zeugnissen, und die Spitäler wären über Nacht leer. Es ist zu vermuten, dass die gleichen Kranken, die enttäuscht abgereist sind, bald zum nächsten Heiler pilgern werden. Ein allfälliger Placebo-Effekt wird durch die grossen Enttäuschungen ohnehin zunichte gemacht.

Blutleerer Buddhismus

Hugo Stamm am Freitag den 8. Juni 2012
Ein freundliches Gesicht, aber nicht ganz von dieser Welt: Der Dalai Lama. (Bild: AFP)

Ein freundliches Gesicht, aber nicht ganz von dieser Welt: Der Dalai Lama. (Bild: AFP)

Die Krise der christlichen Kirchen in den westlichen Ländern manifestiert sich in den aktuellen Skandalen. Imageprobleme und bröckelnde Glaubwürdigkeit führen zu vermehrten Austritten. Die Zahlen aus Zürich demonstrieren die Tendenz eindrücklich: Waren 1970 noch 94 Prozent Mitglied einer Landeskirche, sind es heute nur noch 62 Prozent.

Werden die Abtrünnigen Agnostiker oder Atheisten? Wohl nur eine kleine Minderheit. Denn die Summe der religiösen Bedürfnisse nimmt kaum ab. Vielmehr basteln viele ihre eigene Heilslehre aus übersinnlichen Versatzstücken, in erster Linie esoterischen. Oder sie werden bekennende Buddhisten. Der Hype um den Dalai Lama, der bei Auftritten im Westen als Gott-König verehrt wird und von hohen Politkern empfangen, macht die Faszination gegenüber dem Buddhismus deutlich.

Der Buddhismus hat zweifellos ein freundliches Gesicht. Er ist keine eigentliche Religion, sondern eher eine spirituelle Weltanschauung oder ein Lebensweg. Sympathisch ist auch, dass die Buddhisten ohne Gott auskommen. Der historische Buddha hat richtig erkannt, dass Gier, Hass und Verblendung die Menschen antreibt. Und dass diese drei Attribute viel Leid in die Welt bringen. Heute müsste die Liste noch durch die Macht ergänzt werden.

Um dieses Leiden zu überwinden, hat Buddha radikale Verhaltensregeln aufgestellt. So soll man keine Lebewesen töten, nichts annehmen, was einem nicht gegeben wird (die Bettelmönche setzen das Gebot um), keine ausschweifenden sinnlichen Handlungen ausüben, nicht lügen, keine berauschenden Substanzen konsumieren.

Diese edlen Fähigkeiten soll Buddhisten durch Meditation erlangen. Sie sollen sich frei machen von allen äusseren Bindungen und Bedürfnissen und die innere Leere anstreben. Letztlich geht es um die Überwindung des Ich, von dem die Gier ausgeht. Konsequent ausgeführt, endet dies in der restlosen Entsagung gegenüber der grobstofflichen Welt. Ziel ist das bedingungslose Eintauchen in die geistige Welt.

Was in der Theorie als sehr ehrenwert und erstrebenswert erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als lebensfremd und unrealistisch. Das alltägliche Leben wird abgewertet, als schlecht dargestellt. Da der Mensch voll Gier und Hass ist, muss er sich kasteien. Statt zu lernen, mit den Trieben und hedonistischen Bedürfnissen umzugehen, muss er sie verdrängen und durch Meditation überwinden. Im Grunde genommen ist es eine Art Gehirnwäsche, wenn auch eine sympathische, weil sie das Böse aus der Welt verbannen will. Doch es bleibt eine Autosuggestion, die etwas Manipulatives hat.

Noch wichtiger ist aber die Frage: Will ich mich einseitig auf die geistige Welt konzentrieren? Will ich die grobstoffliche Realität als Herd allen Übels, als Quelle des Bösen definieren? Ist es sinnvoll, diese Wertzuteilung vorzunehmen, diese Spaltung bewusst voranzutreiben? Will ich so konsequent die innere Leere suchen, das Bewusstsein ruhig stellen und letztlich mein Ich aufgeben?

Nein, das will ich nicht. Mein Ich macht mich aus. Und dieses Ich muss sich auch in der Welt behaupten, die voll von Gier, Hass und Macht ist. Denn die innere Leere haust schliesslich auch irgendwo, nämlich in meinem Bewusstsein, in meinem Körper. Und dieser will gefüttert werden, gepflegt, sonst zerfällt er und liefert nicht mehr die Grundlage, die es für die Meditation braucht. Ein Buddhist mit höllischen Zahnschmerzen schafft es kaum mehr, sich auf sein Inneres zu konzentrieren.

Die Natur ist ein Wunder, ich will mich nicht von ihr abkehren oder sie gar als Quelle gefährlicher Begierden verteufeln. Sinne und Gefühle sind die stärksten Quellen des Lebens, diese will ich nicht durch permanente Meditation zähmen oder gar ruhig stellen. Ich will mich nicht in mir verkriechen, ich will auch mit der Welt kommunizieren, in sie hinaus wirken. Das Innere und das Äussere bedingen einander, das eine kommt ohne das andere nicht aus. Beide können sich wunderbar ergänzen, wenn sie in einem gesunden Gleichgewicht sind. Diese Aspekte vernachlässigt der Buddhismus sträflich. Wer nur die innere Leere sucht, wird blutleer.

Ich zweifle auch den Sinn des Gleichmutes an, den Buddhisten anstreben. Natürlich ist es wunderbar, wenn ich selbst einen Schicksalsschlag stoisch hinnehme und als unbedeutendes Phänomen der äusseren Welt betrachte. Doch es besteht die Gefahr, dass mich das gleiche Schicksal erneut ereilt, wenn ich mich nicht dagegen wehre und Vorkehrungen treffe.

Ich will mit der äusseren Welt kommunizieren, ich will mich einmischen. Wenn Ungerechtigkeiten passieren, will ich aufbegehren, den Missbrauch anprangern. Und diese passieren, auch wenn die ganze Welt meditiert oder buddhistisch geworden ist.

Yogi-Flieger mischen tüchtig mit

Hugo Stamm am Mittwoch den 27. Juli 2011

Die fernöstliche Bewegung Transzendentale Meditation (TM) des kürzlich verstorbenen Gurus Maharishi Mahesh Yogi verbreitet seit über 50 Jahren abenteuerliche Heilstheorien. Die Sekte behauptet, mit ihrer Meditationstechnik lasse sich die Gravitation überwinden. Würden genügend yogische Flieger meditieren, wäre die Schweiz unbesiegbar. Noch absurder ist die Forderung von TM, Städte niederzuwalzen.

Zu den einflussreichsten TM-Exponenten gehört Franz Rutz. Der Yogi-Flieger spielt seit Jahren ein Doppelspiel und bekleidet Ämter in der Schulberatung und der Politik: Er arbeitet als Ombudsmann für die Schule und ist Schwyzer Kantonsrat. Noch gravierender: Der TM-Lehrer sitzt im Vorstand der Organisation, die zusammen mit einem Bundesamt die Berufsbildung für die nicht ärztliche Alternativmedizin entwickelt.

Es ist zwar löblich, dass das Amt breite Kreise der Alternativmedizin in die Projektarbeit integriert. Dass aber ein TM-Anhänger im Vorstand der entscheidenden Kommission sitzt, ist fahrlässig. Hier müssen die Behörden eingreifen. Sonst wird die verbreitete Meinung zementiert, die Vertreter der Alternativmedizin seien esoterisch verblendet und weltfremd. Und die Behörden tanzten nach dem Diktat der Alternativ-Lobby.

Die Naivität von Schulbehörden, CVP und Politikern wie FDP-Ständerat Hans Altherr von der Arbeitswelt Alternativmedizin ist unverständlich. Sie geben sich ahnungslos und nehmen ihre Verantwortung nicht wahr. So machen sie sich zu Komplizen einer sektenhaften Organisation und erteilen dieser indirekt die Absolution.
Bei der Ausarbeitung des Berufsbildes in der Alternativmedizin wirkt auch der Verband für Maharishi Ayurveda mit. Diese Organisation gehört zur TM-Bewegung. Somit sind indirekt eine Sekte und einer ihrer Exponenten an wichtigen politischen Entscheiden beteiligt. Und niemand stört sich daran. Ein Beispiel mehr, weshalb Sekten die Schweiz besonders lieben.

Scharlatanerie an der Esoterikmesse

Hugo Stamm am Samstag den 9. April 2011
SCHWEIZ PSI TAGE GEISTHEILUNG

Kann geistiges Heilen schaden? Handaufleger am Werk.

Regina Buol hat für das Schweizer Fernsehen einen Beitrag über die Esoterikmesse «Lebenskraft 2011» gedreht. Er zeigt exemplarisch, dass die Welt der Esoterik eine Szene des Aberglaubens ist. In mindestens zwei Fällen deckt die Sendung auf, dass Scharlatane am Werk sind. Pikanterweise dokumentiert die Messe-Organisatorin Angelika Meier persönlich einen Missbrauchsfall. Sie lässt sich von der russischen Heilerin Tatjana Lackmann die Gallensteine operativ entfernen. Diese nennt ihre Methode «psychische Operation». Lackmann gibt sich als Ärztin aus und trägt die Titel «Prof. Dr. med.» Es würde mich sehr erstaunen, wenn die «Chirurgin» wirklich Medizin studiert hätte.

Der Film zeigt die Leichtgläubigkeit der Esoteriker eindrücklich auf. Diese hinterfragen nicht einmal die Scharlatane. Und die Messeleiterin, die am eigenen Leib erlebt hat, was unseriöse Angebote bedeuten, gibt diesen Personen eine Plattform.

Entlarvend ist auch der «Wasserschmecker». Er schaut in die immer gleiche Schale mit dem immer gleichen Wasser und erkennt daraus das Schicksal verschiedener Personen. Und das erst noch miserabel, wie der Beitrag zeigt – was aber nicht wirklich überrascht. Ausser die Esoteriker.

Es fragt sich, weshalb hier die Behörden nicht einschreiten. Jeder darf sich als Heiler aufspielen und Patienten behandeln. Sogar «operieren». Im medizinischen Bereich herrschen – zum Glück – rigorose Kontrollen. Als ob man mit «geistigem Heilen» oder beim «Diagnosestellen» nicht auch Schaden anrichten könnte.

Aufschlussreich sind auch die Endzeitvisionen von Bruno Würtenberg.

Doch seht und hört selbst.

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=284ce7f7-ba43-4ca0-8c7f-3a933790e7ee

Unser Körper ist der beste Arzt

Hugo Stamm am Dienstag den 11. Januar 2011
Doppelter Nutzen? Eine Methode der traditionellen chinesischen Medizin verbindet Akupunktur mit dem Verbrennen von Kräutern.

Auf dem Schragen eines Heilers das Hirn abschalten: Akupunktur mit dem Verbrennen von Kräutern kombiniert.

Der Markt in der Alternativmedizin ist in den letzten Jahren explodiert. Vor 20 Jahren gab es ein paar Hundert Therapeuten, heute rund 20’000. Wie lässt sich das Phänomen erklären?

Den Boom ausgelöst hat die Esoterikwelle. Ein Heer von Heilern predigt uns, Krankheiten seien Ausdruck spiritueller Blockaden und liessen sich nur mit alternativen Methoden nachhaltig beseitigen. Alles unter gütiger Mithilfe vieler Medien, die das Thema unkritisch breitwalzen. Den Trend begünstigen auch Wellnesskultur und Konsumhaltung. Am liebsten legen wir uns auf den Schragen eines Heilers und schalten das Hirn ab. Und weil wir nicht wissen, was da genau passiert, können wir unsere Sehnsüchte ungehemmt in die spirituellen Meister projizieren.

Dabei produzieren wir Sturzbäche von Glückshormonen. Die Endorphine schwemmen tatsächlich depressive Verstimmungen und Schmerzen weg. Pech nur, dass der Bach bald versiegt und die Migräne so schnell zurückkommt, wie sie verschwunden ist.

Mit der Konsumhaltung verlernen wir, auf Körper und Psyche zu horchen. Wir verlieren die Sensibilität – obwohl genau diese von den Heilern reklamiert wird – und die Eigenverantwortung. Es gibt bessere Möglichkeiten: eine verrückte Aktion planen, einen 30-Kilometer-Marsch machen oder eine Riesen-Fete organisieren. Wir müssen die Lebendigkeit fördern und das Selbstwertgefühl stärken. Leben ist Bewegung. Wer sich phlegmatisch auf den Schragen der Heiler wirft, gibt die Verantwortung ab und erwartet magische Wunder. Dabei bringt man sich um die Chance, eine Krankheit bewusst wahrzunehmen und zu lernen, das Leiden zu verstehen und mit ihm umzugehen.

Vor lauter Alternativmethoden vergessen wir, dass Körper, Psyche und Bewusstsein unsere besten Ärzte sind. Wenn wir sie durch ein ausbalanciertes Leben unterstützen, heilen sie die meisten Krankheiten ohne homöopathische Kügelchen oder (vermeintlich) heilende Hände. Und wir lernen uns besser kennen. Das ist vielleicht die beste Prävention und macht uns zu mündigen Patienten, die sich weder von Ärzten noch von alternativen Therapeuten fragwürdige Behandlungen aufschwatzen lassen.

Engel sind auch himmlische Rächer

Hugo Stamm am Donnerstag den 6. Januar 2011
Engelsfanfaren verkünden nicht nur frohe Botschaften.

Der Klang von Engelsfanfaren verheisst nicht nur Gutes.

Engel oder engelartige Wesen bevölkern viele religiöse Bühnen oder himmlische Gefilde und sind keine Exklusivität des christlichen Glaubens. Die gefiederten Boten des Himmels haben durch die Esoterikwelle einen neuen Aufmerksamkeitsschub erfahren. Dabei reibt man sich die Augen: Was haben die biblischen Engel bei den spirituellen Suchern verloren? Denn manche ihrer Engel tragen biblische Namen.

Esoteriker scheuen sich also nicht, die geflügelten Wesen zu vereinnahmen. Dabei beissen sich Esoterik und christlicher Glaube: Die einen glauben an Wiedergeburt und Karma, die andern an einen persönlichen Gott und ein einziges irdisches Leben.

Engel treffen den aktuellen Zeitgeist: Wellness, Kitsch und Aberglaube begünstigen ihre Popularität. Es ist deshalb kein Zufall, dass sie jeweils zur Weihnachtszeit aus der Mottenkiste geholt werden: Als Accessoire in Katalogen oder glitzernde Schaufensterpuppen.

Der Engelkult zeigt, wie fahrlässig und beliebig wir mit religiösen Symbolen umgehen. Wir benutzen sie, wie sie uns am besten dienen. Wir projizieren unsere Sehnsüchte in die Boten Gottes und hoffen auf kindlich-naive Weise, dass sie uns in gefährlichen Situationen schützen und uns vor Krankheiten bewahren.

Sucht man die Engel in der Bibel, erlebt man eine Überraschung. Das sind bei weitem nicht nur die lieblichen Wesen, die sich in den Dienst der gebeutelten Menschen stellen. Sie sind auch gnadenlose Rächer und Helfershelfer in den apokalyptischen Stürmen. Sie bringen den Menschen die sieben schrecklichen Plagen. Oft erscheinen sie in menschlicher Gestalt, nicht als gefiederte Wesen. Und Paulus warnt ausdrücklich davor, Engeln eine besondere Bedeutung zuzumessen.

Geistheilung ist bloss ein Mythos

Hugo Stamm am Montag den 11. Januar 2010

Es gibt heute in der Schweiz mehr Geistheiler, Handaufleger, Reikimeister und esoterisch ausgerichtete Therapeuten als Geistliche. Das Feld solcher Anbieter auf dem alternativen Heilmarkt ist in den letzten 40 Jahren exponentiell gewachsen. Gab es früher ein paar naturverbundene Sonderlinge, die Heilkräfte für sich reklamierten, hat uns die Esoterikwelle rund 15’000 hellsichtige oder hellfühlige Heiler beschert, die sich den Markt der alternativen Therapien streitig machen. Ein Markt, in dem Heil-Schulen eine zentrale Rolle spielen. Diese bieten Kurse und Lehrgänge an, in denen man angeblich seine übersinnlichen und heilerischen Kräfte entwickeln kann. Für 10’000 Franken kann jeder seine Heilkräfte zu Tage fördern, Diplome erlangen und Patienten rekrutieren.

Der Ruf der Zunft der Geistheiler ist nicht mehr der beste. Viele Missbräuche und unseriöse Arbeitsweisen mancher Heiler haben der Gilde geschadet. So sterben immer wieder Krebspatienten, weil der Heiler ihnen verbietet, schulmedizinische Hilfe anzunehmen. Das Argument: Chemische Medikamente und Bestrahlungen würden das spirituelle Gleichgewicht stören und die Selbstheilungskräfte blockieren.

Um den Ruf zu retten, distanzieren sich heute viele spirituelle Sucher und Heiler von der Esoterik. Diese ist plötzlich ein Schimpfwort geworden, weil unter dem Begriff viel Schindluderei betrieben worden ist. Heute sprechen viele nur noch von Spiritualität. Doch das ist ein Etikettenschwindel. Die meisten betreiben nach wie vor esoterische Rituale und vertreten ein esoterisches Gedankengut.

Aus dem gleichen Motiv heraus behaupten heute auch viele Geistheiler, sie würden ihren Klienten keine konkreten Heilsversprechen mehr abgeben. Auch das ist eine Beschönigung. In der Praxis erklären sie den Klienten dann durchaus, dass sie Krankheiten heilen können. Sonst gäbe es ja keinen Grund, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sie wären bald arbeitslos. Niemand zahlt für eine Dienstleistung, die nutzlos ist und keine Wirkung erzielt.

Wenden wir das Beispiel auf die Schulmedizin an. Angenommen, die Ärzte würden ihren Patienten sagen: Ich kann ihnen zwar Blut nehmen, ich kann ein Computertomogramm machen, ich kann ihnen Medikamente verschreiben, aber ich habe keine Ahnung, ob ich ihre Krankheit heilen oder die Symptome lindern kann. Wer würde da noch zum Arzt gehen?

Ganz freiwillig geben die Heiler natürlich nicht zu, dass sie in Wirklichkeit nicht kontrolliert heilen können. Einerseits haben sie Angst, weiter in Verruf zu geraten. Andererseits laufen sie Gefahr, mit dem Gesundheitsgesetz in Konflikt zu kommen.

Ausserdem: Es gibt keine Untersuchungen oder Studien, die auch nur halbwegs belegen, dass Geistheilung wirkt. (Bei der Geistheilung geht es ihn erster Linie darum, den Patienten Heilkräfte zuzuführen.) Hingegen existieren mehrere Studien, die klar belegen, dass Geistheilen nicht funktioniert. Trotzdem wächst der Markt der Heiler weiter. Der Aberglaube ist halt so weit verbreitet, dass es immer noch genug Kunden gibt, die ihre Dienste in Anspruch nehmen.

Das Bundesamt für Gesundheit müsste endlich griffige Regeln erlassen, um den Wildwuchs bei den Geistheilern und alternativen Therapeuten einzuschränken. Er müsste im Sinn des Konsumentenschutzes die leichtgläubigen Patienten schützen. Zum Beispiel mit einem Vertrag. Die Heiler müssten schriftlich festhalten, was sie diagnostizieren, welche Behandlung sie anwenden, wie lang die „Therapie“ dauern wird und welche Wirkung oder Heilung sie erwarten. Allein eine solche Massnahme würde viele Heiler vorsichtiger operieren lassen. Denn im Fall von schwerwiegenden Komplikationen könnten sie zur Rechenschaft gezogen und rechtlich belangt werden.