Archiv für die Kategorie ‘Esoterik’

Wissenschaftlich verbrämte Esoterik

Hugo Stamm am Samstag den 8. November 2014
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So sieht das also aus, wenn «das computergestützte Resonanz-Frequenz-Verfahren Oberon» die Zellen überprüft: Illustration im Oberon-Werbevideo. Screenshot: Youtube

Der Basler Psi-Verein ist die erste Adresse für esoterisch interessierte spirituelle Sucher. Seit 1967 veranstaltet er Seminare und Vorträge. Momentan bietet der Verein Privatsitzungen zur «Oberon-NLS-Analyse» an. Originalton: «Im Institut für angewandte Psychophysik in Moskau wurde eine Methode zur spektralen Analyse von Potenzialwirbelfeldern von biologischen Systemen entwickelt.» Oberon sei ein physikalisches Messgerät, das elektromagnetische Veränderungen über den Spin von Elektronen im menschlichen Körper messen und beeinflussen könne.

Die Esoteriker scheinen ihren Ideen selbst nicht mehr zu trauen und verpacken sie immer häufiger in ein wissenschaftliches Vokabular. Denn der esoterische Nebel gibt seine angeblichen Geheimnisse selten frei. Die permanente Jagd nach übersinnlichen Phänomenen in einer virtuellen Welt erweist sich als anstrengender Parcours, verbunden mit Enttäuschungen und hohem finanziellen Aufwand. Deshalb lassen sich viele Esoteriker von pseudowissenschaftlichen Erklärungen blenden.

Das klingt dann beim erwähnten Beispiel so: «Die Systeme der ‹nichtlinearen Analyse› (NLS) sind Informationstechnologien, die zu den erstaunlichsten und perspektivenreichsten Errungenschaften der heutigen Naturwissenschaften gezählt werden können. Erstmalig werden mit diesen Geräten alle organischen Strukturen bis in die Molekularebene durch modernste Computer- und Informationstechnologien darstellbar.» So weit, so sonderbar – für einen Verein, der sich mit Psi beschäftigt, also aussersinnlichen Wahrnehmungen wie Hellsehen. Doch wozu dient die «nichtlineare Analyse»? Die Ursachenanalyse soll Hinweise auf Störfelder, Parasiten, Bakterien, Viren, Umweltgifte und Allergene geben. Aber auch auf Mangelerscheinungen, das Darmmilieu und psychische Belastungen.

Experte darin ist Bernhard Bergbauer. Einen wissenschaftlichen Hintergrund sucht man bei ihm vergeblich. Er führt als Heilpraktiker eine Praxis für Komplementärmedizin. Aufschlussreich ist ein Hinweis auf seiner Website: «Die Oberon-Diagnose ist eine Methode der Informationsmedizin und daher dem Bereich der Komplementärmedizin zuzurechnen. Sie ist schulmedizinisch nicht anerkannt und ihre Wirkungen werden als wissenschaftlich nicht erwiesen angesehen.»

Beachtenswert sind auch die Preise für diese wissenschaftlich nicht anerkannte Wissenschaftsmethode: Ein Ersttermin (90 Min.) kostet 250 Franken, ein Folgetermine (60 Min.) 170 Franken. Bei den Sitzungen mag es feinstofflich zu und her gehen, beim Honorar wird die Sache dann handfest. Und: Spenden an den Psi-Verein können von den Steuern abgezogen werden.

«Ein schnelles, risikoloses, kostengünstiges und zuverlässiges Diagnose- und Therapiesystem»: Oberon-Werbevideo. Quelle: Youtube

Tödlicher esoterischer Wahn

Hugo Stamm am Samstag den 11. Oktober 2014

Vor 20 Jahren geriet die Schweiz weltweit in die Schlagzeilen wie noch nie zuvor. Guru Jo Di Mambro inszenierte mit seinem esoterischen Sonnentemplerorden ein beispielloses apokalyptisches Sektendrama. Es musste spektakulärer werden als frühere Ereignisse, wie er schrieb. Er sollte Recht bekommen. Die Bilanz seiner irren Aktion: 74 Tote. Ein Teil seiner Anhänger liess der Sektenchef ermorden, die restlichen Sonnentempler vollzogen mit ihm den «Transit zum Stern Sirius», also den kollektiven Suizid. Im Glauben, auf dem paradiesischen Gestirn den spirituellen Frieden zu finden.

Was geht in einem Menschen vor, der ein solches Massacker zu seinen Ehren inszeniert? Wie kamen seine Anhänger dazu, ihrem Guru in den Tod zu folgen?

Der Uhrmacher Di Mambro war schon in jungen Jahren von spirituellen Phänomenen fasziniert, wie das heute Millionen Esoteriker sind. Er glaubte, mit höheren Wesen aus der göttlichen Hierarchie kommunizieren zu können. Aus seiner angeblichen übersinnlichen Begabung leitete er den Missionsauftrag ab, die Welt in ein neues spirituelles Zeitalter zu führen. Er begründete eine Ersatzreligion und floh geistig in eine Parallelwelt.

Der Übertritt in diese virtuelle Sphäre führte zu einer Entfremdung, die auch geistige und psychische Spuren hinterliess. Da die beiden Welten nicht kompatibel sind, baute er eine zweite Identität auf. In der spirituellen Identität fühlte sich Di Mambro mit göttlichen Attributen ausgestattet. Diese Spaltung, aufgeladen mit wahnhaften esoterischen Ideen, führte zu psychischen Auffälligkeiten. Er entwickelte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und Verfolgungsängste.

Als seine Vision vom neuen spirituellen Zeitalter am mangelnden Interesse der breiten Öffentlichkeit scheiterte, vollzog er den barbarischen Fanal: Er opferte 73 Anhänger, um in die Schlagzeilen zu kommen und in die Geschichte einzugehen.

Doch was war mit den Templern passiert, dass sie dem Guru glaubten und Suizid begingen? Sie hatten sich von spektakulären Ritualen und fantastischen Heilsideen in virtuelle esoterische Sphären entführen lassen, in denen angeblich alle menschlichen Grenzen überwunden werden konnten. Der Aberglaube wurde zur tödlichen Falle. Sie glaubten in ihrer Sehnsucht nach Erlösung an die göttlichen Fähigkeiten ihres Gurus, sein Wort war für sie die unumstössliche Wahrheit. Die suggestiven religiösen Kräfte und gruppendynamischen Prozesse trübten endgültig ihre Sinne.

Der religiöse Wahn weckte zwar ihre übersinnlichen Emotionen, machte sie aber zu spirituellen Robotern und tötete ihre menschlichen Gefühle ab. Deshalb betrachteten sie den Tod als Erlösung.

Zum Tod einer Kultfigur des Yoga

Hugo Stamm am Samstag den 30. August 2014
Yoga-Guru Iyengar.

Verehrter Yoga-Meister: Der verstorbene Guru B.K.S. Iyengar. (PD)

Yoga eroberte in jüngster Zeit die westliche Welt. Zehntausende von Yogalehrern betreiben Tausende Yoga-Studios und sorgen für Umsätze in Milliardenhöhe. Allein in Europa praktizieren Schätzungen zufolge sieben Millionen Menschen Yoga.

Verantwortlich für den erfolgreichen Import des Yoga bei uns war in erster Linie der indische Yoga-Guru B.K.S. Iyengar, der am 20. August im Alter von 95 Jahren in Poona, Indien, starb. Sein Yoga-Konzept wird dafür sorgen, dass die Kultfigur über seinen Tod hinaus weiterlebt. Das  Iyengar-Yoga-Studio Zürich schrieb denn auch, Guruji Iyengar habe um 3.15 Uhr seinen Körper verlassen. Sein Geist lebt aber in den unzähligen Studios weltweit fort, seine Lehrer tragen das Erbe weiter. Vor allem an Schülerinnen, die, ähnlich der Esoterikszene, rund 80 Prozent der Kunden ausmachen. Allein in Zürich arbeiten 88 zertifizierte Iyengar-Lehrerinnen und Lehrer.

Sein Schüler Ernst Adams schrieb einst: «Es ist geradezu Mr. Iyengars Markenzeichen, streng, kommandierend, manchmal schlagend und auf jeden Fall nicht zufrieden zu sein mit dem, was seine Schüler bieten.» Disziplin war Iyengar wichtig, es durfte auch ein bisschen Askese sein. Lob gehörte nicht zum primären pädagogischen Inventar des verehrten Yoga-Meisters.

Yoga-Übungen fördern Koordination, Beweglichkeit und Geschmeidigkeit. Daran besteht kein Zweifel. Nützlich sollen sie auch bei Bandscheibenvorfällen, Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen und anderen Beschwerden sein, wie Erfahrungsberichte zeigen.

Viele selbständige Yogalehrer stilisieren Yoga aber zur Ersatzreligion empor und betten die Körperübungen in einen spirituellen Überbau ein, der sich an esoterischen Heilsvorstellungen anlehnt und sonderbare Weltbilder erschafft. Ausserdem heben manche Yoga zum Universalrezept empor, das auf sanfte Art angeblich alles kuriert, was Menschen belastet, also beinahe sämtliche körperliche und psychische Leiden. Versprochen wird nicht nur die innere Gelassenheit und Glückseligkeit, sondern manchmal auch die Heilung von schweren Krankheiten, Krebs nicht ausgeschlossen. Weiter sollen die statischen Körperübungen als Anti-Aging-Mittel dienen, das das Leben verlängert.

Für diese Auswüchse kann man B.K.S. Iyengar nicht verantwortlich machen. Er hat aber den Yoga-Mythos mitbegründet und es zugelassen, dass er von vielen Yoga-Schülerinnen wie ein Guru verehrt wird.

Botschaften aus dem Jenseits

Hugo Stamm am Samstag den 23. August 2014
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Esoteriker verstehen Gott als höhere Form von Energie. (Foto: Getty Images)

Das Gespräch mit Gott ist ein alter Menschheitstraum und ein zentraler Inhalt vieler Glaubensgemeinschaften. Die Kommunikation mit dem höchsten Wesen vermittelt die Überzeugung, dass es überhaupt einen Schöpfer gibt und wir ihn erfahren. Aus Sehnsucht, mit Gott in einen Dialog zu treten, ist das Gebet entstanden. Es weist autosuggestive Elemente auf und hilft, Glaubenszweifel zu zerstreuen. Der Glaube an Gott als eine Art Übervater vermittelt Geborgenheit.

Esoterikern geht diese spirituelle Heimat vordergründig ab. Sie glauben nicht an einen personalen Gott. Sie verstehen Gott als höhere Form von Energie, eine Art Urkraft, die in einer hohen Frequenz schwingt.

Diese Vorstellung ist nicht sonderlich sinnlich. Wir denken dabei intuitiv an physikalische Attribute. Gott als Energiequelle wirkt auch nicht spirituell. Doch für Esoteriker besteht das ganze Universum ausschliesslich aus Energie, somit auch Gott. Immerhin sind sie damit in gewissem Sinn moderner als monotheistische Religionen. Denn die Physik erklärt die Welt ebenfalls vom Prinzip der Energie her.

Doch das Energiemodell ist der einzige zeitgemässe Aspekt der esoterischen Ideen. Die geistigen Wurzeln der Esoterik reichen bis in frühere Epochen, in denen der Aberglaube das vorherrschende Prinzip war. Ausserdem ist das Energiemodell kein attraktives Marketingkonzept, es fehlen die emotionalen Bezüge. Trotzdem hat die Esoterik einen beispiellosen Siegeszug angetreten und ist zur Ersatzreligion geworden. Der Trick: Die Esoterik hat Ersatzgötter geschaffen, die sogenannten Avatare oder aufgestiegene Meister. Diese stellen die Kommunikation mit den kosmischen göttlichen Instanzen mittels Channeling her und sorgen für ein emotionales Schaumbad.

Konkret: Erleuchtete spirituelle Meister werden nach ihrem Tod Teil der göttlichen Hierarchie und stellen sich als Vermittler in den Dienst der Menschen. So können medial begabte Personen, also Medien, einen geistigen Kanal zu den aufgestiegenen Meistern herstellen und angeblich authentische Botschaften aus dem Jenseits empfangen. Quasi ein aktuelles Evangelium.

Diese Botschaften der verschiedenen esoterischen Medien erinnern oft an eine Märchenstunde von Trudi Gerster. Und sie widersprechen sich nicht selten diametral. Das kümmert Esoteriker aber wenig, denn das kritische Hinterfragen ist nicht erwünscht. Es ist auch kein Zufall, dass das Channeling an Uriella erinnert, die sich ebenfalls als Sprachrohr Gottes versteht und auch Botschaften aus dem Jenseits empfängt. Ihre Trefferquote ist etwa gleich tief wie diejenige der Avatare, die auch gern Zukunftsprognosen machen. Würde das Channeling funktionieren, wäre die Welt schon hundertfach untergegangen.

Jenseitsbotschaft vom Entdecker des LSD

Hugo Stamm am Samstag den 12. Juli 2014
Gruss aus dem Fingerhut: Albert Hofmann 2006 im Kongresszentrum in Basel, zwei Tage nach seinem 100. Geburtstag. Foto: Patrick Straub (Keystone)

Gruss aus dem Fingerhut: Der 100-jährige Albert Hofmann 2006 im Kongresszentrum in Basel. Foto: Patrick Straub (Keystone)

Der Basler Psi-Verein ist der Wegbereiter des Esoterikbooms in der Schweiz. Der rührende Förderer der paranormalen Parallelwelt organisiert seit 1967 wöchentlich Veranstaltungen mit Sehern, Medien, Geistheilern und spirituellen Meistern. Internationalen Ruf genossen früher auch die jährlichen Psi-Tage, ein Jahrmarkt des Übersinnlichen und der spirituellen Wunder.

Die Welt des Psi-Vereins ist ein Mysterium, das sich nur Eingeweihten erschliesst. Dies veranschaulicht das Medium Kai Mügge, regelmässiger Gast beim Psi-Verein. Angekündigt werden seine regelmässigen magischen Sitzungen mit wissenschaftlichem Vokabular: «Kai betreibt den klassischen Physikalischen Mediumismus europäischer Prägung: Ein geistiges Wissenschaftler-Team, das er channelt, demonstriert, wie autonome Geist-Persönlichkeiten physikalisch in unseren dreidimensionalen Raum eingreifen und ihn manipulieren können. Höhepunkt ist meist die Exposition von grossen Mengen Ektoplasma, wobei sich Materialisationen von Händen, Gesichtern und Gegenständen im Rotlicht zeigen können.» Alles klar?

Es handelt sich um Séancen, bei denen Tische wackeln und wandern (Levitation), Geistwesen oder Ahnen erscheinen und Gegenstände auf wundersame Weise herabregnen.

Ein Beispiel: Bei einer solchen Séance gab sich ein berühmter Wissenschaftler die Ehre. Dem Teilnehmer Lucius Werthmüller, Präsident des Psi-Vereins, «regnete» es eine rund fünf Zentimeter grosse Halbkugel aus Wachs in die Hand. Darin entdeckte der Beschenkte einen Fingerhut, der einen handschriftlichen Zettel mit der Botschaft enthielt: «Lucius schau diese wundervolle Natur, sie lebt. Ich lebe Albert.»

Albert war schnell identifiziert: Lucius Werthmüller wusste sofort, dass die Jenseitsbotschaft von Albert Hofmann, dem verstorbenen Erfinder des LSD, stammte. «Albert Hofmann hat mir zu Lebzeiten mehrmals Briefe oder Widmungen in exakt dieser Form der Anrede ohne nachfolgendes Komma geschrieben», berichtete der Präsident des Psi-Vereins hocherfreut.

Bei der lapidaren Botschaft stellt sich die Frage, ob Tote uns nicht mehr über das Leben zu sagen haben. Oder hatte Hofmann am psychedelischen Stoff gebastelt, der ihn schon zu Lebzeiten berühmt gemacht hatte? Vielleicht hatte er vorgängig den Teilnehmern der Séance das berauschende Mittel «regnen» und ihre Wahrnehmung trüben lassen.

Unbestritten ist aber, dass die drei Abendséancen von Kai Mügge im August bereits ausgebucht sind und ihm Eintrittsgelder in der Höhe von fast 10’000 Franken einbringen. Es ist beruhigend, dass es in der Welt des Psi-Vereins auch handfeste Aspekte gibt.

Esoterik als Ersatzdroge

Hugo Stamm am Samstag den 24. Mai 2014
Hugo Stamm

Kennen Sie auch eine wiedergeborene Kleopatra? Hier legendär gespielt von Elizabeth Taylor 1963. (Foto: Keystone)

Der Siegeszug der Esoterik durch alle westlichen Länder ist beispiellos. Der neo-spirituelle Virus griff in den letzten 50 Jahren breitflächig um sich, vor allem bei Frauen.

Wie ist das Phänomen zu erklären? Die Idee von der Selbsterlösung und der spirituellen Wunder macht einen grossen Teil der Faszination aus. Das christliche Hoffen auf die Gnade Gottes war gestern. Wir wollen die Hoheit über die Zukunft. Die Idee von der Wiedergeburt soll es richten.

Die moderne Esoterik ist wie das zivile Leben geprägt von der Globalisierung und Individualisierung. Und von einer gesteigerten Anspruchshaltung. Deshalb unterliegt auch die spirituelle Welt Modetrends und ökonomischen Zwängen. Längst ist der Esoterikmarkt ein globales Imperium, das Milliarden umsetzt. Um die Kunden anzufixen und auf Trab zu halten, werden immer neue Dienstleistungen und Produkte auf den Markt geworfen. Dabei ist die Esoterik eigentlich ein geheimes Wissen für Eingeweihte.

Einst waren Rückführungen der grosse Schlager. Die Reise zurück in angebliche frühere Leben war aufregend. Viele Frauen erfuhren auf ihrer Zeitreise, dass sie eine Reinkarnation von Kleopatra sind. (Dass aktuell Tausende wiedergeborene Kleopatras leben, gehört zu den biologischen Wundern der Esoterik.) Als jedoch die Umgebung den «neuen Kleopatras» die erhoffte Referenz nicht erwies, verlor die Rückführung an Glanz. Also zog die spirituelle Karawane weiter.

Es folgten Reisen zu spirituellen Kraftorten, um in hoch suggestiven Seminaren die kosmischen Kräfte und Geistwesen heraufzubeschwören. In weiteren Workshops gings später um Reiki, das Pendeln, die Kontaktnahme mit seinem Engel und Geistführer. Das Karussell drehte sich immer schneller, man übte das Familienstellen nach Bert Hellinger, die Geistheilung, den Lichtnahrungsprozess, das Channeling und vieles mehr.

Die Seminarleiter und spirituellen Meister versprachen bei jedem neuen Kurs den grossen Durchbruch oder die Erleuchtung. Es knisterte in den Workshops, Massensuggestion, Sehnsucht und Vorfreude heizten die Atmosphäre an. Die Euphorie wurde als Zeichen des geistigen Aufstieges interpretiert. Endlich war die spirituelle Erlösung greifbar, hofften die Sucher.

Doch wie bei allen Rauschmitteln versiegte der Strom der Glückshormone spätestens am Montag im Büro. Die Sehnsucht auf den nächsten Kick wuchs rasch an. Doch nach der zehnten Rückführung oder Umarmung der Bäume war die Kraft des euphorisierenden Rituals verpufft. Da es inzwischen mehrere Hundert esoterische Disziplinen gibt, ist die Jagd nach der Erleuchtung eine lebenslange Aufgabe geworden. Allerdings steigen viele mit der Zeit aus, weil ihnen das Geld ausgeht oder sich der erwartete Durchbruch als Fata Morgana erweist. Von der Sehnsucht blieb nur die Sucht.

 

Meister im Verdrängen

Hugo Stamm am Samstag den 17. Mai 2014
Hugo Stamm

Der Tod ist ihr Kerngeschäft: Bestatterfamilie Fisher aus der Erfolgsserie «Six Feet Under» bei der Beerdigung ihres Vaters. (Foto: HBO)

Der Tod ist vorbestimmt, sagte mir kürzlich ein Esoteriker. Dies habe vermutlich mit der karmischen Belastung zu tun, fügte er an.

Die Idee vom vorbestimmten Tod ist weitverbreitet. Bei vielen hat er nicht primär eine religiöse Seite, sondern ist psychologisch begründet. Der Glaube daran entbindet uns ein Stück weit von der Verantwortung. Ganz nach dem Motto: Es hat keinen Sinn, sich allzu viele Gedanken über das Altern und den allfälligen Todeszeitpunkt zu machen, denn im Buch des Todes ist das Datum seit der Geburt vermerkt. Das hilft über quälende Fragen hinweg.

Diese Idee nimmt auch der Angst vor dem Tod einen Teil des Schreckens. Wenn das Todesdatum feststeht, macht es auch wenig Sinn, seriös zu leben oder Vorsorge zu betreiben. Deshalb flüchten wir uns gern in die Aussage: Es kommt, wie es kommt.

Wirklich? Was ist, wenn ich rauche und an Lungenkrebs sterbe? Ist es vorbestimmt, dass ich Raucher werde? Oder hätte ich, wenn ich nicht rauchen würde, am vermeintlichen Todestag einen tödlichen Autounfall?

Wir Menschen sind Meister im Verdrängen. Denn die Idee vom Todesdatum ist voll von Widersprüchen. Vor rund 200 Jahren wurden die Menschen halb so alt wie wir. Weshalb? Hat Gott in einer lichten Stunde entschieden, das Durchschnittsalter anzuheben? Als Belohnung für kollektives Wohlverhalten?

Wohl kaum. Ursache der grösseren Lebenserwartung ist unser Erfindergeist. Technik und Wissenschaft haben unser Leben erleichtert und sicherer gemacht. Vor allem die medizinischen Fortschritte lassen uns älter werden. Zum Beispiel stieg das Durchschnittsalter schlagartig, als die Impfungen erfunden wurden.

Begründet man den Todeszeitpunkt mit der Karmatheorie, stecken wir noch tiefer im Aberglauben. Die Idee besagt, dass wir im aktuellen Dasein dafür büssen, was wir im vergangenen Leben verbockt haben. Das würde bedeuten, dass die Schönen, Reichen und Intelligenten karmisch rein sind und uralt werden, die Hässlichen, Armen und Dummen jedoch früh abberufen werden.

Die Statistik widerlegt diese Denkweise. Und somit die Karmatheorie, wenn sie in Verbindung mit dem Todesdatum gebracht wird. Denn in reichen Ländern leben Arme oft länger als Reiche, weil sie gezwungenermassen ein gesünderes Leben führen und nicht an Zivilisationskrankheiten leiden. Das Leben ist meist komplizierter, als uns Binsenwahrheiten weismachen wollen.

Gott ist nicht tot, er verliert nur das christliche Gesicht

Hugo Stamm am Dienstag den 17. Dezember 2013
Ist Glaube genetisch vorprogrammiert? Bild oben: Illustration eines DNS-Strangs. (Reuters)

Ist Glaube genetisch vorprogrammiert? Bild oben: Illustration eines DNS-Strangs. (Reuters)

Die christlichen Kirchen stecken in einer Identitätskrise. Keine zehn Prozent der Bevölkerung besuchen mehr regelmässig einen Gottesdienst, nicht einmal mehr die Hälfte der Schweizer glaubt an einen personalen Gott, wie ihn der christliche Glaube darstellt. Die Religionsforscher sind sich weitgehend einig, dass die Verweltlichung ungebremst fortschreitet. David Voas, einer der bekanntesten Religionssoziologen, geht davon aus, dass institutionelle Religiosität zunächst von einer «unscharfen Religiosität» abgelöst wird und schliesslich in die Religionslosigkeit mündet.

Die modernen Kirchen sind die Konsumtempel der kapitalistischen Warenwelt, die schon fast spirituellen Charakter hat. Das Internet bietet Heimat, auch eine geistige. Man kann es auf den Nenner bringen: Der christliche Glaube will nicht mehr zum modernen Leben passen, das geprägt ist von Wissenschaft, Technik und Materialismus.

Einen ähnlichen Bedeutungsverlust erlitt in den letzten Jahren die Bibel – und somit auch die christliche Heilslehre. Sie strahlt für durchschnittliche Gläubige die Atmosphäre der Zeit vor 2000 Jahren aus. Mit den Grundthemen Schuld, Strafe und Sühne können sie nichts anfangen. Selbst der Himmel hat an Glanz verloren. Die Hölle brauchen wir schon gar nicht, die Klimaerwärmung erleben wir bereits auf der Erde. Das Leben im Diesseits ist schwer genug, da kann ihnen die Erbsünde gestohlen bleiben.

Eine Trendwende ist im 21. Jahrhundert nicht zu erwarten. Dies vor allem aus zwei Gründen: Erstens basieren moderne Gesellschaften nicht mehr auf dem Fundament kirchlicher Traditionen und religiöser Werte. Die aufgeklärte Welt gibt sich lieber den Anschein, sich an der Idee der Menschenrechte und allgemeinen politischen Entwicklungen zu orientieren.

Zweitens schreitet die Individualisierung religiöser Bedürfnisse voran und entfremdet die Menschen weiter von den Kirchen. Gottesdienste mit ihren starren Abläufen wirken für viele verstaubt und langweilig, weshalb der säkularisierte Glaube zunehmend erlebnis- und eventorientierte Formen annimmt. Diese basieren vornehmlich auf eigenen Erfahrungen. Konzerte, Vereins- und Sportanlässe vermitteln nicht nur ein Gemeinschaftsgefühl, sie lassen sich auch als verweltlichte spirituelle Rituale begreifen. So macht der religiöse Pluralismus den christlichen Grosskirchen das spirituelle Monopol streitig, und die Kirchen stehen vor der Situation, sich mit einem Bedeutungsverlust historischen Ausmasses abfinden zu müssen.

Komische Fragen

Für Katholiken wie Protestanten ist besonders schmerzhaft, dass sie vor allem die Jugend aus dem Gesichtsfeld verlieren. Heute erheben grosse Teile der Jungen Anspruch auf persönliches und meist schnelles Glück. In ihrer Konsummentalität wollen sie nicht fürs Jenseits investieren. Hoffen und Glauben, wie es die christliche Heilslehre verlangt, entsprechen nicht ihrer Mentalität. Sie haben genug mit der Gegenwart zu kämpfen und suchen ihre Lebensperspektiven in der Individualität und Selbstverwirklichung. Da bleibt wenig Raum für Transzendentales oder Übersinnliches.

Die erfolgreiche Schweizer Snowboarderin Patrizia Kummer brachte es in einem Zeitungsinterview auf den Punkt. Als sie gefragt wurde, wie sie es mit dem Glauben halte, antwortete sie: «Sie stellen aber komische Fragen.»

Die jungen Generationen entscheiden aber weitgehend über das Schicksal der Kirchen. Wollen diese bei den jungen Leuten wieder punkten, müssen sie sich ihren Bedürfnissen anpassen und in PR- und Marketing-Kategorien denken. Religion müsste eine Marke werden, bei der die jungen Leute auf Facebook ein «like it» setzen könnten. Doch wie wird eine Kirche cool und sexy? Das ist ein Widerspruch in sich. Kirchen können nicht zur Eventagentur mutieren. Dazu steht ihnen die Bibel im Weg. Und das Personal. Geistliche sind oft vergeistigte Personen, die in der Kirche nicht den jovialen Animator geben können. Und wohl auch nicht wollen. Selbst wenn: Sie können aus dem biblischen Adam keinen Justin Bieber oder DJ machen und Eva nicht als Britney Spears oder Miley Cyrus auftreten lassen.

Die kollektive Abkehr von den Kirchen heisst allerdings nicht, dass die religiösen Bedürfnisse verschwunden sind. Vielmehr bewirken Säkularisierung und Individualisierung in den westlichen Ländern ein religiöses Vakuum. Für viele Abtrünnige der Kirchen war Gott nie tot, er hatte nur das christliche Gesicht verloren. Sie flüchteten in eine fernöstliche Spiritualität oder in die Esoterik, die sich als Ersatzreligion anerbot. Laut der Studie «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» glauben immerhin schon zehn Prozent der Schweizer an alternative Formen der Spiritualität, also an esoterische Phänomene. Zwei- bis dreimal so viele sind von esoterischem Gedankengut infiziert. Somit überflügelt die heterogene Gruppe Esoterikgläubiger zahlenmässig die aktiven gläubigen Katholiken bei weitem.

Der Trend zur Esoterik entspricht auch einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, weil sie Spiritualität der wirtschaftlichen Dynamik von Angebot und Nachfrage unterwirft. Spiritualität wird so zum Konsumgut transformiert und tritt als Geflecht aus übersinnlichen Versatzstücken in Erscheinung, aus dem sich jeder seinen Glauben nach eigenen Sehnsüchten und Wünschen konstruieren kann. Esoterik ist also keine Religion im Sinn einer Rückbindung, sondern eine spirituelle Plastikwelt. Wer sich vom persönlichen Gott verabschiedet, kann den eigenen Himmel mit beliebig vielen Göttern füllen. Götter, die nicht fordern, sondern als himmlische Dienstboten auftreten.

Esoterik entspricht dem Trend nach Privatisierung des Religiösen, ihre Flexibilität erweist sich als wirtschaftlicher Vorteil. Dieser Markt setzt in Europa denn auch mehrere Milliarden Euro um und wächst aufgrund seiner schieren Grösse und Wendigkeit freudig weiter. Doch die Pseudoreligion vollführt ein riskantes geistiges Experiment: Übersinnliche Heilsvorstellungen fördern den Aberglauben und das magische Denken. Wer überfordert ist, fordert einfache Antworten. Und gegen die Macht des Marktes sind rationale Argumente eine schwache Kraft.

Dennoch wäre es falsch, das Ende des religiösen Zeitalters auszurufen. Die Sehnsucht nach spirituellen und übersinnlichen Phänomenen ist tief in unserem Bewusstsein verankert und scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Carl Gustav Jung war überzeugt, dass das menschliche Wesen von Natur aus religiös ist. Der Schweizer Bischof Felix Gmür sagte sogar in einem Interview, der Mensch müsse glauben, um zu leben. Damit hat er zweifellos recht. Wenn er aber denkt, dass wir im christlichen Sinn glauben müssen, hat er die Austrittsstatistiken nicht studiert.

Der Glaube scheint evolutionär bedingt zu sein. Er entstand in der Vorzeit, weil er Vorteile bei der Bewältigung des Lebens brachte. Manche Neurologen verorten den Glauben im Hirn und weisen religiöse Aktivitäten mit Tomografen im Schläfenlappen nach. Glaube ist also Physiologie, ein biochemisch erklärbarer und nachvollziehbarer Vorgang im Hirn. Genetiker entdeckten weiter, dass Gläubige häufig eine bestimmte Variante des VMAT2-Gens auf Chromosom 10 aufweisen. Dieses Gen ist für die Regulierung von Stimmungen und Emotionen zuständig.

Manche Forscher sprechen deshalb von einem «Gottes-Modul» im Hirn und einem «Gottes-Gen» in der menschlichen DNA. Die Fähigkeit, religiös zu glauben, ist also ein menschliches Merkmal schlechthin.

Das Gottes-Gen

Der evolutionäre Vorteil lag früher also darin, dass der gemeinsame Glaube an eine höhere Macht den inneren Zusammenhalt einer Gemeinschaft stärkte. Dies begünstigte die Entwicklung in allen Lebensbereichen bis hin zum Aufbau gesellschaftlicher Strukturen und zur Herstellung von Waffen.

Solche Prägungen lassen sich nicht über Nacht auslöschen. Deshalb lösen sich die spirituellen Bedürfnisse nicht einfach auf. Wer sich von der Kirche abwendet, wird nicht automatisch areligiös. Gott ist nicht tot, er wird nur entmystifiziert. Spirituelle Bedürfnisse werden sich aber von metaphysischen und transzendentalen Inhalten abkoppeln. Menschen mit dem Gottes-Gen brauchen jedoch immer etwas, das über das diesseitige Leben hinausweist.

Die christlichen Kirchen werden in Zukunft vor allem wegen ihrer Präsenz im öffentlichen Raum im Bewusstsein breiter Kreise bleiben. Kirchen prägen in vielen Dörfern und Städten das Ortsbild und rufen uns das religiöse Erbe in Erinnerung. Geburt, Heirat und Tod verbinden wir auch in Zukunft mit religiösen Attributen. Öffentliche Trauer nach Katastrophen wird weiterhin in Kirchen zelebriert. Die christlichen Symbole und Gleichnisse, die eine starke suggestive Kraft entwickeln, sind allgegenwärtig und prägen unser Denken – losgelöst vom spirituellen Ursprung.

Das beste Medium der Kirchen werden aber in Zukunft Ostern und Weihnachten sein. Die Kommerzialisierung der christlichen Feste wird dafür sorgen, dass die Kinder noch lange die Geschichte von der Geburt Jesu im Stall erzählt bekommen und Geschenke einfordern. Kommerzialisierte Spiritualität ist kaum im Sinne von Jesus, aber eine Überlebenschance für die Kirchen.

Der christliche Glaube hat unsere Geschichte geprägt und ist Teil der Menschheitskultur. Das wird so bleiben, weil trotz der Globalisierung keine neue Weltreligion mehr entsteht. Für die christlichen Kirchen bedeutet dies, dass sie die Repräsentanten der kulturhistorisch wichtigsten Glaubenslehre bleiben werden. Museen, die dereinst in historisch wertvollen Kirchen eingerichtet werden, zeugen dann von den mehr oder weniger glanzvollen Epochen der christlichen Kirchen.

Die Selbstliebe der Esoteriker

Hugo Stamm am Samstag den 3. August 2013
Demütig sind viele Esoteriker vor allem sich selbst gegenüber: Uriella und Mike Shiva bei einem Esoterik-Anlass. (Keystone/Michaela Rehle)

Demut gegenüber sich selbst: Uriella und Mike Shiva bei einem Esoterik-Anlass. (Keystone/Michaela Rehle)

Demut, Achtsamkeit, Harmonie und Liebe sind die zentralen Attribute der esoterischen Heilsvorstellungen. Die Frage stellt sich aber, ob die weltweit Millionen von Anhängern dieser Ersatzreligion ihren Ansprüchen gerecht werden.

Von Demut ist wenig zu spüren. Demütig sind viele Esoteriker vor allem sich selbst gegenüber. Sie glauben, die geistige Elite zu sein, die den Aufstieg in die höheren kosmischen Sphären schafft und das neue Zeitalter begründet. Sie sehen sich als Lichtarbeiter, spirituelle Krieger, Beherrscher der übersinnlichen Energie und Vertreter der Aufgestiegenen Meister und Avatare.

Bei der Achtsamkeit schneiden Esoteriker etwas besser ab, allzu viel können sie sich aber auch in diesem Bereich nicht einbilden. Achtsam sind sie vor allem sich selbst gegenüber. Sie nehmen für sich in Anspruch, alles holen und nehmen zu dürfen, das ihrer Selbstverwirklichung dient. Als spirituelle Elite, die die Menschheit aus der geistigen Dunkelheit führen muss, gebärden sie sich recht narzisstisch und egoistisch. Ihre Achtsamkeit beschränkt sich oft auf ihre eigene geistige Entwicklung.

Auch bei der Harmonie denken sie vor allem an sich. Harmonisch soll vor allem ihr exoterisches und esoterisches Leben sein. Ihre Energien sollen harmonisch schwingen, sie wollen nicht gestört werden von negativen Kräften der Aussenwelt. Nachrichten von politischen Unruhen, Katastrophen, Epidemien stören ihre Harmonie und bringen sie vom Pfad der Erleuchtung ab. Um soziale oder politische Harmonie kümmern sich viele Esoteriker nicht. Das könnte ihre innere Balance stören.

Bei der Liebe ist es ähnlich. Esoterik erzieht ihre Anhänger dazu, sich selbst zu lieben. Wer sich vorwiegend um die eigene Selbstverwirklichung und die spirituelle Entwicklung kümmert, bringt wenig Energie auf, sich liebevoll um seine spirituell angeblich unterbelichtete Umgebung zu kümmern.

Es ist also bei der Esoterik ähnlich wie bei manchen Glaubensgemeinschaften: Anspruch und Realität klaffen weit auseinander.


Der Mann mit den zwei Gesichtern

Hugo Stamm am Freitag den 8. März 2013

«Er erinnert mich an Rasputin», sagt ein Informant, der den Berner Musiklehrer und Heiler kennt. Der gebürtige Italiener mit dem leichten Akzent ist untersetzt, hat lange schwarze Haare und einen stechenden Blick. Nochmals der Informant: «Ihm haftet etwas Unheimliches an, auch etwas Schmuddliges, doch auf manche Frauen wirkt er charismatisch.»

Der sogenannte Heiler wäre gern als Musiker berühmt geworden, doch nun gerät er als Angeklagter in einem der spannendsten Kriminalfälle der letzten Jahre in die Schlagzeilen. Der 53-jährige Multiinstrumentalist, der nach eigenen Aussagen am Montreux Jazz Festival aufgetreten ist, behandelte seine Musikschüler und Patienten mit alternativen und esoterischen Methoden. Dabei soll er zwischen 2001 und 2005 insgesamt 16 von ihnen mit Spritzen und Akupunkturnadeln bewusst mit Aids- und 13 zusätzlich mit Hepatitis-C-Viren angesteckt haben. So jedenfalls steht es in der Anklage.

«Liebe und Motivation»

Das sei eine üble Verschwörung gegen ihn, sagt der Beschuldigte. «Ich benütze nie die Peitsche beim Unterricht, sondern Liebe und Motivation», verkündet er in einer Videobotschaft. Am Mittwoch reiste er mit dem Taxi zum ersten Prozesstag an. Auffällige Ringe zierten drei seiner Finger, ein kurzer Bart sein Gesicht. Auf Wunsch seiner schwer kranken Ex-Patienten muss er den Prozess von einem Nebenzimmer aus verfolgen; am Montag wird er voraussichtlich erstmals befragt.

Keine Frage: Der Heiler, der 1972 in die Schweiz kam und 1999 eingebürgert wurde, hat zwei Gesichter. Er kann sich charmant und einnehmend geben. Diese Rolle spielte er so überzeugend, dass sich beispielsweise eine attraktive Musikschülerin in ihn verliebte. Als er sie in seinen Bann gezogen hatte, lernte sie sein vermutlich wahres Gesicht kennen. In seiner krankhaften Eifersucht soll er sie abhängig gemacht, isoliert und mental gefangen haben. Bei einem Streit verletzte er sie mit einem schweren Kerzenständer, was eine Spitaleinweisung nötig machte. Ein Indiz für seine Neigung zur Gewalt ist auch der Umstand, dass der Heiler auf Anordnung des Gerichts nicht mehr den Kanton betreten darf, in dem seine Ex-Partnerin wohnt, weil er sie mit dem Tod bedroht haben soll.

Psychopathische Züge

Das psychiatrische Gutachten belastet den Heiler ebenfalls. Er leide unter einer Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen, schreibt der Experte, die nur schwer therapierbar sei. Ausserdem lasse er jegliches Mitgefühl vermissen und sei weitgehend immun gegen Schuldgefühle. Der Heiler ficht das Gutachten vor Gericht an und verlangt ein zweites. Doch erklärt das Gutachten die schwer nachvollziehbaren Taten? Nur bedingt. Geistheiler, die sich beinahe unbegrenzte spirituelle und heilerische Fähigkeiten zuschreiben, rutschen oft in eine Scheinwelt ab und verlieren jeden Realitätsbezug. Leiden sie zusätzlich unter psychotischen Störungen, ist die Grenze zum Wahn schmal und die Selbstkontrolle ausser Kraft. Das würde erklären, weshalb der Heiler irrational handelte, die Taten aber nach einem Muster ausübte.

Erdrückende Indizienkette

Obwohl es keine klaren Beweise gibt, ist die Indizienkette erdrückend. Die Zeugen sind glaubwürdig, eine Anlayse hat ergeben, dass die Infizierten Viren von ähnlichen und seltenen Stämmen in sich tragen. Ähnlich ist das Bild bei den Hepatitis-Viren. Ihre Krankheiten werden die Kläger aber auch bei einer Verurteilung des Heilers nicht los.