Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Wie kann Gott so viel Leid zulassen?

Hugo Stamm am Dienstag den 19. November 2013
Nur wer glaubt wird selig? Ein Mann während seinen Gebeten. (Foto: Edgar Su/Reuters)

Nur wer glaubt wird selig? Ein Mann während seinen Gebeten. (Foto: Edgar Su/Reuters)

Kürzlich diskutierte Moderator Wieland Backes mit seinen Gästen im «Nachtcafé» (SWR) über den Sinn des Glaubens. Der Titel des Gesprächs lautete: «Nur wer glaubt wird selig?» Gläubige, Skeptiker und Atheisten kämpften um die besten Argumente. Friedhelm Hofmann, Bischof des Bistums Würzburg, versuchte das Publikum zu überzeugen, dass die Menschen auch in der heutigen Zeit noch Heimat und Sinnstiftung im Glauben suchen und finden. «Glauben zu können, ist ein Geschenk. Wenn der Glaube in der Welt fehlen würde, würde sich die Gesellschaft in einen Moloch verwandeln», glaubt der Bischof.

Wie fast immer, wenn Gläubige und Nichtgläubige verbal streiten, tauchte mehrmals die Frage der Theodizee auf. Und wie meistens gerieten die Gläubigen, diesmal vor allem Bischof Hofmann, in die Zwickmühle, wenn sie mit unbequemen Fragen konfrontiert wurden: Wie lässt sich das Leid auf der Welt angesichts eines liebenden Gottes erklären? Wie kann es der Barmherzige zulassen, dass Kinder an Krebs sterben, Frauen in Kriegen massenweise vergewaltigt werden, Zivilisten massakriert, Pilgerbusse verunfallen usw. Das Gegenargument von Bischof Hofmann: Gott hat dem Menschen den freien Willen gegeben. Er bemühte somit die Standardantwort aller Gläubiger, die das Elend aus religiöser Sicht nur schwer erklären können.

Damit bewegte sich der Bischof auf dünnem Eis, denn diese Standardverteidigung ist in sich falsch. Das Leid in der Welt wird nicht – oder nur in seltenen Fällen – durch den freien Willen von Menschen ausgelöst. Wer Leid erfährt, ist meistens Opfer von «höheren Umständen». Wenn jemand an Krebs erkrankt, hat es nichts mit dem freien Willen zu tun. Der Kranke hat sich die Krankheit sicherlich nicht mit seinem freiem Willen herbeigewünscht. Man kann einwenden, dass der Raucher damit rechnen muss, an Lungenkrebs zu erkranken. Es gibt aber Menschen, die ein Leben lang rauchen, ohne zu erkranken.

Oder: Wenn eine Frau ihren Lebenspartner oder ein Kind auf irgend eine Weise verliert, hat dies sicher nichts mit ihrem freien Willen der Frau zu tun. Das Argument sticht nicht einmal bei einem Unfall oder Gewaltverbrechen: Gläubige können argumentieren, wer auf einem Fussgängerstreifen von einem Raser umgefahren wurde, ist Opfer eines Menschen, der den freien Willen hatte zu rasen. Nur: Mit dem freien Willen des Opfers hat es nichts zu tun. Vielmehr erfährt das Opfer mehr Leid als der Täter. Aus ethisch-moralischer Sicht und auch aus religiöser Perspektive ist das Argument mit dem freien Willen widersprüchlich. In manchen Fällen ist es sogar scheinheilig, oder gar zynisch, weil es die Opfer beleidigt.

Waffenexport mit dem Segen christlicher Politiker

Hugo Stamm am Mittwoch den 6. November 2013
Exportschlager: Mannschaftstransportfahrzeug der Schweizer Firma Mowag. (Bild: Keystone)

Exportschlager: Mannschaftstransportfahrzeug der Schweizer Firma Mowag. (Bild: Keystone)

Zuerst preschte der Ständerat vor, nun zog auch noch die Sicherheitskommission (SIK) des Nationalrats nach: Sie sprach sich mit 13 zu 9 Stimmen bei 2 Enthaltungen dafür aus, die Ausfuhr von Kriegsmaterial zu lockern. Heute darf ein Land nicht mit Waffen beliefert werden, wenn es «Menschenrechte systematisch und schwerwiegend verletzt». Neu soll das Verbot nur gelten, wenn ein «hohes Risiko besteht, dass das auszuführende Kriegsmaterial für die Begehung von schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen eingesetzt wird». Die Übung verfolgt vor allem einen Zweck: Lieferungen an Saudiarabien, einen der wichtigsten Waffenbezüger weltweit, zu legalisieren.

Die linken Sicherheitspolitiker waren gegen die Vorlage, sie sind in der SIK aber eine Minderheit. Laut SIK-Präsidentin Chantal Galladé von der SP Zürich fürchtet die Kommissionsmehrheit einen Verlust an Arbeitsplätzen und technischem Wissen. Die Schweiz habe europaweit die strengsten Exportregeln, weshalb unsere Rüstungsindustrie im Nachteil sei. Mit dieser Einschätzung folgt die nationalrätliche SIK dem Ständerat, der die Motion bereits im September guthiess. Der Nationalrat muss das Geschäft noch behandeln.

Bemerkenswert an den Entscheiden der SIK und des Ständerats sind die Voten der CVP-Vertreter. Die christlichen Politiker haben die umstrittene Motion sogar lanciert. Der Grund ist einfach: Die Nähe mancher CVP-Parlamentarier zur Rüstungsindustrie. Zusammen mit den bürgerlichen Politikern bilden sie in der SIK und im Ständerat eine Mehrheit.

Man müsste den CVP-Politikern das C aus der Brust reissen. Oder Jesus aus der Bibel verbannen. Oder Tagesschau-Reporter müssten ihnen folgende Frage stellen: «Was denken Sie, wie hätte Jesus wohl abgestimmt?»

Moral hat im Bundeshaus nichts zu suchen, nur noch in der Kirche. Da diese meist leer sind, können wir sie gleich beerdigen und an ihre Stelle Geld setzen.

Macht es Sinn, das Leben mit allen Mitteln zu verlängern?

Hugo Stamm am Montag den 28. Oktober 2013
Das Schlafmittel Pentobarbital wird zuhause von Sterbewilligen eingenommen, aufgenommen bei EXIT Schweiz in Zuerich, am Freitag, 5. Dezember 2008. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Sterbewillige erhalten in der Schweiz Pentobarbital, aufgenommen bei Exit, 5. Dezember 2008. (Keystone/Alessandro Della Bella)

Blogger «ungläubiger Katechet» hat folgenden Impulstext verfasst:

Sowohl Ludwig Feuerbach als auch Friedrich Schleiermacher stellen die These auf, dass der angeblich nach Gottes Ebenbild geschaffene Mensch vielmehr das Göttliche nach seinem eignen Ebenbild geschaffen hat. Nach Feuerbach entfremdet sich der Mensch von sich selbst und schafft ein ideales Geschöpf, nämlich Gott. Dabei erkennt er nicht, dass er in Gott letztlich sein eigenes Wesen betrachtet und bewundert.

Wenn der Mensch also nur das Produkt der Evolution ist und nicht speziell von einem Gott erschaffen wurde, so ist er im Prinzip nicht mehr und nicht weniger wert als jedes andere Geschöpf auf diesem Planeten. Der Mensch zeichnet sich gegenüber wahrscheinlich allen anderen Lebewesen nur dadurch aus, dass er ein grösseres Hirn hat und damit intellektuell und bezüglich Bewusstsein allen anderen Geschöpfen überlegen ist. Seine Überlegenheit wird noch zementiert von Gottes biblischem Auftrag, alle Lebewesen untertan zu machen.

Aus all diesen Aspekten leiten die Menschen ihre Gewissheit ab, dass ihr Leben wertvoller ist als dasjenige von allen anderen Geschöpfen. Daraus ergibt sich auch, dass wir alles tun müssen, um auch die Schwächsten und im Prinzip nicht lebensfähigen Menschen mit allen Mitteln am Leben zu erhalten und entsprechend pflegen müssen, auch wenn es Milliarden kostet. Es werden sogar Menschen am Leben erhalten, deren Gehirn seit Geburt oder nach einem Unfall so stark geschädigt ist, dass sie ihre Umwelt gar nicht wahrnehmen können, sondern einfach dahin vegetieren ohne eigentliches Bewusstsein.

Es stellt sich deshalb die Frage, ob wir solche Menschen wirklich mit allen Mitteln am Leben erhalten sollen. Für einen gläubigen Menschen, der sogar eine Abtreibung für eine Todsünde hält, ist eine solche Frage ketzerisch und nicht verhandelbar. Und da der Mensch für Gläubige ein von Gott geschaffenes Wesen mit einer unsterblichen Seele ist, so haben wir die Pflicht, jeden Menschen am Leben zu erhalten, ob geistig behindert, schwer krank oder aus anderen Gründen im Prinzip nicht lebensfähig.

Wenn ein Tier, auch ein liebgewordenes Haustier, nicht oder nicht mehr lebensfähig ist, so haben wir die Möglichkeit, es einzuschläfern. Was wir meistens aus Mitleid tun. Wenn wir dies bei einem Menschen tun, auch wenn sein Zustand noch so unwürdig ist, so machen wir uns im höchsten Masse strafbar. Denn in unserem religiös-moralischen Denken ist fest verankert, dass der Mensch eben ein göttliches Wesen ist.

Darum stelle ich die Frage zur Diskussion, ob aktive Euthanasie in gewissen, klar definierten Fällen, erlaubt werden soll. Oder wäre es sinnvoll, Maschinen abzustellen, an denen quasi Hirntote angeschlossen sind? Sollten wir nicht versuchen, der Natur mehr Raum zu geben statt das Leben mit allen Mitteln künstlich zu verlängern?

PS: Sogar der bekannte Theologe Hans Küng plädiert in seiner letzten Schrift «Erlebte Menschlichkeit» für einen selbstbestimmten Tod und hat sich dafür bei der Sterbehilfeorganisation Exit angemeldet.

Ein Bischof schwelgt im Luxus

Hugo Stamm am Freitag den 18. Oktober 2013
Der Bischof des Bistums Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst .

Der Bischof des Bistums Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst. (Keystone/Thomas Lohnes)

Mein Redaktionskollege Michael Meier hat eine Analyse geschrieben, die ich hier gern zur Diskussion stelle:

Der Oberhirte von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, hängt an seinem Amt. Doch seine Tage als Bischof der grossen Diözese in Hessen dürften gezählt sein. Medien und Gläubige werfen dem 53-jährigen Kirchenmann seit längerem autoritäres Gehabe, Selbstherrlichkeit und Verschwendungssucht vor. Ein Strafbefehl aus Hamburg und die Offenlegung, wie viel seine Residenz gekostet hat, scheinen die Vorwürfe zu bestätigen. Nun gerät der Bischof in Bedrängnis.

Grund für den Ärger ist der neue Wohn- und Amtssitz des Bischofs samt tiefschwarzer Privatkapelle am Limburger Domberg. Bei Baubeginn 2010 waren dafür 5,5 Millionen Euro veranschlagt. Vor einem Monat noch tat Bistumssprecher Berichte, wonach die Baukosten 20 Millionen betrügen, als aus der Luft gegriffen ab. Die Schätzung stimmte tatsächlich nicht: Diese Woche musste das Bistum bekannt geben, dass der Neubau rund 31 Millionen Euro gekostet hat.

Nun steht der Bischof im Fegefeuer der Kritik: Während die Pfarrgemeinden des Bistums eisern sparen müssten, werfe er das Geld zum Fenster hinaus. Papst Franziskus rufe zur Bescheidenheit auf, er aber führe sich wie ein Fürstbischof auf. Die Bistumsgremien werfen Tebartz-van Elst «bewusste Fälschung» und einen «beängstigenden Umgang mit der Wahrheit» vor. Jochen Riebel vom Vermögensverwaltungsrat erklärte der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: Er könne sich die Kostensteigerung nur so erklären, «dass der Bischof von Limburg entweder ein raffinierter Betrüger oder krank ist».

Es hagelt Rücktrittsforderungen – selbst von engen Mitarbeitern und vom Priesterrat. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller fordert Papst Franziskus auf, die Amtsenthebung des Bischofs einzuleiten. Im September hatte der Papst bereits Kardinal Giovanni Lajolo nach Limburg geschickt, um sich dort ein Bild der Situation zu machen. Der befand, die Abrechnung für den Bau sei einer Sonderkommission der Deutschen Bischofskonferenz vorzulegen. Diese ist jetzt dabei, die Baukosten zu durchleuchten. An deren Höhe aber dürfte sich kaum etwas ändern.

Der Bischof selber hat alle öffentlichen Termine diese Woche abgesagt. Am Wochenende will er sich «in einem Brief an die Gläubigen des Bistums wenden und manches klarstellen». Gegenüber der «Bild» verteidigte er gestern die Kosten seiner Residenz mit den Auflagen des Denkmalschutzes und schob die Verantwortung dem Vermögensverwaltungsrat des Bistums zu. «Wer mich kennt, weiss, dass ich keinen pompösen Lebensstil brauche.»

Doch ebenfalls am Donnerstag erhielt der Bischof unangenehme Post wegen eines First-Class-Flugs. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat gegen ihn Strafbefehl wegen falscher eidesstattlicher Erklärung in zwei Fällen beantragt. In einem Rechtsstreit mit dem «Spiegel» habe der Bischof unter Eid falsche Aussagen vor dem Landgericht Hamburg abgegeben. Der Hintergrund ist ein «Spiegel»-Bericht über seine Indienreise: Der Bischof von Limburg soll «Business» gebucht und mit Bonusmeilen ein Upgrade erreicht haben zu einem First-Class-Flug in die Slums. Sollte Tebartz-van Elst zu einer Geldstrafe verurteilt und von der bischöflichen Prüfungskommission wegen seines Prunkbaus gerügt werden, müsste er eigentlich zurücktreten. Dazu gezwungen werden kann er nicht.

Wer hat Angst vor der Burka?

Hugo Stamm am Dienstag den 1. Oktober 2013
Burkaträgerin Nora Illi, 19. Mai 2010. (Keystone/Alessandro Della Bella)

Aufklärung bringt viel mehr als ein intolerantes Burka-Verbot: Burkaträgerin Nora Illi, 19. Mai 2010. (Keystone/Alessandro Della Bella)

Im letzten Impulstext schrieb ein Kommentator zum Thema Islam und Burka: «Furcht herrscht». Furcht ist immer ein schlechtes Mittel, einem Problem zu begegnen. Natürlich finde ich es auch sehr bedenklich, dass Frauen eine Burka tragen – vor allem in der westlichen Welt. Wenn sich Menschen verstecken (müssen), ist die individuelle Freiheit in Gefahr. Und wer mich kennt und hier gelegentlich liest, der weiss, wie wichtig mir der Freiheitsgedanke ist. Es tut mir auch weh, wenn Mädchen ihre Haare mit einem Kopftuch bedecken (müssen).

Aber ein Verbot? Wann je hat ein Verbot viel gebracht? Und ein Verbot, das vielleicht 0,00001 Prozent der Bevölkerung betrifft? Das ist der Inbegriff der Furcht. Und reine Symbolpolitik. Die Gefahr besteht, dass wir all unsere Fremdenängste auf einen Fetzen Tuch konzentrieren. Und sie damit kultivieren.

Ein Verbot, das nichts bewirkt, zeugt auch von Fantasielosigkeit. So geben wir unsere Ohnmacht zu. Und dokumentieren in Verfassung und Gesetzen unsere Schwäche. Das muss die Islamisten und dogmatischen Muslime geradezu ermuntern, uns weiter zu demütigen.

Es wäre besser, auf die Kraft der Aufklärung zu bauen. Integrieren wir die eingewanderten Muslime. Zeigen wir ihnen die Chancen der individuellen Freiheit auf. Machen wir ihnen klar, dass Intoleranz eine Gesellschaft vergiftet. Dass eine Burka Menschen isoliert, vielleicht unglücklich macht, ihnen die Chancen zur Kommunikation nimmt. Gehen wir auf sie zu und leben wir ihnen vor, was individuelle Freiheit an Lebensqualität bringt.

Wenn wir radikale Muslime bei uns mit Verboten stigmatisieren, sehen sie sich in ihren Vorurteilen über die Dekadenz der westlichen Gesellschaft bestätigt. Damit radikalisieren wir sie und heizen den Konflikt an.

Die Zeit arbeitet für uns. Die muslimischen Frauen und Mädchen, die in westlichen Gesellschaften aufwachsen und unsere Schulen besuchen, adaptieren unbewusst einen Teil unserer Kultur und Lebenshaltung. Sie werden ihre Kinder automatisch offener erziehen. Und ein Grossteil der 2. Generation wird sich die Freiheit nehmen, Nicht-Muslime zu heiraten. Dann ist selbst die Frage nach dem Kopftuch vom Tisch.

Auch in muslimischen Ländern wird die Idee der individuellen Freiheit bald nicht mehr aus den Köpfen zu bringen sein. Die Kinder wachsen mit dem Internet auf und werden mit den problematischen Seiten des radikalen Islams konfrontiert. Viele Frauen tragen heute schon nur widerwillig Kopftuch oder Burka. Viele muslimische Frauen sind wesentlich flexibler im Denken als ihre Männer. Sie erziehen ihre Töchtern mit mehr Toleranz. Auch in muslimischen Ländern finden Säkularisierungstendenzen statt. Wir wissen nur noch wenig davon, weil sie vom Staat unterdrückt werden. Ausserdem begünstigen wirtschaftliche Entwicklungen die Verweltlichung. Immer mehr Frauen arbeiten in Betrieben, was die Autonomie fördert.

Deshalb ist Furcht die dümmste Strategie. Angst führt zur Repression. So werden wir zu dem, was wir bekämpfen: eine intolerante Gesellschaft. Oder kann mir jemand erklären, was das Minarettverbot gebracht hat?

 

Revolutioniert Papst Franziskus die Kirche?

Hugo Stamm am Sonntag den 22. September 2013
Papst Franziskus spricht auf Lampedusa mit Flüchtlingen. (Keystone/Alessandra Tarantino)

Papst Franziskus spricht auf Lampedusa mit Flüchtlingen. (Keystone/Alessandra Tarantino)

Papst Franziskus bringt neuen Wind in den Vatikan. Als er sich anfänglich in seinen Reden an die Armen wendete, blieb eine gewisse Skepsis zurück, denn in Fragen der Lehrmeinung und der Grundhaltung der katholischen Kirche blieb er konservativ. Es stellte sich die Frage, ob er glaubwürdig ist, wenn er sich in sozialen Fragen fortschrittlich, in religiösen aber bieder gibt. Worte kosten schliesslich nichts.

Im jüngsten Interview macht Franziskus aber klar, dass er die Blase Vatikan aufstechen will. «Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit Verhütungsmethoden. Das geht nicht. Die Lehren der Kirche sind nicht alle gleichwertig», sagte er. Es dürfe keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben der Gläubigen geben. Somit will er sich von der Rolle der Kirche als Sittenwächter distanzieren. Die Kirche sei das Haus aller, also auch der Schwulen, Geschiedenen und Frauen.

Ein Tabubruch ist auch, dass er nicht im päpstlichen Appartement des Palastes wohnt, sondern in einem Zimmer im Gästehaus des Vatikans. Das vorgesehene Appartement gleiche einem umgekehrten Trichter, der Eingang sei wirklich schmal, sagte er. «Man tritt tropfenweise ein. Das ist nichts für mich. Ohne Menschen kann ich nicht leben. Ich muss mein Leben zusammen mit anderen leben.»

In einem Brief schrieb Franziskus ausserdem, er suche den Dialog mit jenen Nichtgläubigen, die genau wie die Christen an einer friedlicheren, gerechteren Welt interessiert seien. Erfrischende Töne schlägt er auch zur Frage der Homosexualität an: «Wenn ein Homosexueller Gott sucht – wie sollte ich ihn verurteilen?» Jedes Geschöpf, auch ein homosexueller Mensch, werde vom Schöpfer «mit Liebe angeschaut». Homosexuelle müssten integriert werden.

Der neue Papst wagte es auch, «La Strada» von Federico Fellini als seinen Lieblingsfilm zu bezeichnen. Obwohl der Vatikan Fellini damals zensiert hatte.

Letztlich sind auch dies nur Worte. Aber es sind kräftige, die den konservativen Strippenziehern im Vatikan nicht gefallen werden. Denn sind Ideen einmal öffentlich formuliert, entwickeln sie oft eine Eigendynamik. Man muss das Unmögliche zuerst denken, um sich an den Inhalt zu gewöhnen. Dann realisieren manchmal auch Betonköpfe, dass die Welt nicht untergeht, wenn sich etwas bewegt.

Man wird auch Franziskus dereinst an seinen Taten messen. Er selbst weiss auch, dass sich Veränderungen im Vatikan nur schwer umsetzen lassen und viel Zeit brauchen. Seine Entourage wird ihm Berge von Steinen in den Weg legen. Aber die persönlichen Bekenntnisse von Franziskus lassen darauf schliessen, dass er vieles versuchen wird, den starren Apparat Vatikan anzustossen. Das ist mehr, als man erwarten konnte.

Wie kam Jona aus dem Bauch des Wals?

Hugo Stamm am Donnerstag den 12. September 2013
Pieter Lastman (1583–1633): Jonas und der Wal (1621).

Pieter Lastman: Jonas und der Wal (1621).

Das Buch Jona im Alten Testament ist für Christen eine Knacknuss. Es erzählt die sonderbare Geschichte von Jona, der von Gott in die Stadt Ninive entsandt wurde, die im heutigen Irak liegt. Der Prophet sollte den Bewohnern eine Strafe Gottes ankündigen und sie zur Umkehr bewegen. Doch Jona nahm ein Schiff nach Spanien, segelte also in die falsche Richtung. Da schickte Gott einen Sturm über das Meer, der das Schiff zu kentern drohte. Jona wurde für die Bedrohung verantwortlich gemacht und über Bord geworfen. Ein grosser Fisch verschluckte den Propheten und spuckte ihn nach drei Tagen unverletzt unweit von Ninive wieder aus.

Kaum eine andere Geschichte der Bibel wird kontroverser diskutiert. Es ist offensichtlich, dass man bei der Interpretation der Episode in Teufels Küche kommt. Nimmt man sie wörtlich, springen einem die Widersprüche förmlich an. Interpretiert man sie metaphorisch, wird es nicht viel einfacher.

An Jona beissen sich Gläubige wie Bibelforscher die Zähne aus. Sicher ist nur eines: Plausible Antworten werden die einen wie die anderen nicht finden. Für viele Kritiker ist das Jona-Buch gar das Paradebeispiel dafür, dass die Bibel nicht von Gott inspiriert sein kann.

Die meisten Bibelforscher sind sich einig, dass die Geschichte falsch datiert ist. Bei der historischen Einordnung kann etwas nicht stimmen. Die Bibel beschreibt Ninive als Königssitz. Ninive wurde aber erst etwa um 700 v. Chr. Residenzstadt, also viele Jahre nach der Zeit von Jona. Somit fällt die biblische Geschichte bereits in sich zusammen.

Liberale Christen nehmen das Buch von Jona als Gleichnis. Gott hat den Propheten, der in die falsche Richtung segelte, auf den richtigen Weg zurückgebracht, argumentieren sie. Eigenartig ist allerdings, dass die Bibel die Frage offen lässt, weshalb Jona Richtung Spanien gesegelt ist. Im Schiff geirrt hat er sich wohl kaum. Manche Bibelforscher glauben, dass er sich um den Auftrag drücken wollte, weil er nicht verstanden hatte, dass Gott eine «sündige Stadt» zur Umkehr bewegen wollte, deren Bewohner ja nicht zu den auserwählten Israeliten gehörten. Zu diesem Schluss kann man gelangen, weil sich Jona später in Ninive sehr seltsam verhielt und sich sogar umbringen wollte.

Man könnte das Buch Jona auch als Randnotiz abtun, die alle Elemente eines Märchens enthält. Quasi als Sage in der Bibel. Das ist aber nicht zulässig, denn Jesus selbst kommt auf Jona zu sprechen und gibt ihm eine besondere Bedeutung. Jesus vergleicht die dreitägige Reise Jonas im Bauch des Wals mit seiner eigenen Wiederauferstehung nach drei Tagen. Somit kommt Jona eine grosse Symbolkraft zu.

In noch grössere Erklärungsnot stürzt die biblische Geschichte jene Christen, für die die Bibel das authentische Wort Gottes ist. Zu ihnen gehören radikal-konservative Katholiken und Mitglieder von Freikirchen. Sie suchen krampfhaft nach plausiblen Erklärungen für Jonas Reise im Bauch des grossen Fisches, der eigentlich nur ein Wal sein kann. (Dass ein Wal kein Fisch ist, konnten die Verfasser des Alten Testaments nicht wissen, Gott aber schon.)

Gewisse Freikirchen erklären tatsächlich, dass es möglich sei, drei Tage im Bauch eines Wals zu überleben. Die freikirchliche Website Jesus.ch schreibt dazu: «Es ist bekannt, dass ein Mann namens James Bartley einen und einen halben Tag im Bauch eines Wals überlebte, bevor er gerettet wurde. Die Anatomie dieser Säugetiere bietet ausreichend Sauerstoff, um ein Überleben zu ermöglichen.» Sauerstoff im Bauch eines Wals? Das wäre dann wohl doch ein anatomisches Wunder.

Doch wer ist James Bartley, der angeblich die Walattacke überlebt hat? Der amerikanische Fischer soll 1892 bei den Falklandinseln von einem Potwal verschluckt worden sein. Seine Kameraden hätten den Wal erlegt und Bartley befreit, wird berichtet. Belege dafür gibt es nicht, die Geschichte klingt eher wie eine Fischerlegende. Unwahrscheinlich ist ausserdem, dass ein Wal die lange Strecke nach Ninive in drei Tagen schaffen würde. Und: Woher sollte der Wal wissen, dass Jona nach Ninive reisen wollte? Und: Wie sollte er wissen, wo Ninive liegt? Fragen über Fragen.

Zweifel an dieser Interpretation kamen auch den Verfassern des Artikels auf der Seite Jesus.ch. Sie bieten eine alternative Möglichkeit an: «Es könnte auch sein, dass Jona im Bauch des Fisches starb und dass Gott ihn nach drei Tagen zum Leben zurückbrachte. Das wäre mit den Lehren der Schrift nicht unvereinbar, da von mindestens acht weiteren Auferstehungen berichtet wird. Doch das wird in der Erzählung nicht angedeutet und Jona könnte überlebt haben.» Hätte Gott an Jona ein Wunder der Auferstehung vollbracht, so fragt sich, weshalb es dann nicht erwähnt wird. Es wäre ein entscheidendes Element in der Geschichte des Propheten.

Zweifel hegen die Freikirchler auch bei dieser Erklärung. Selbst wenn es keine physikalischen Erklärungen geben sollte, schreiben sie, sei «das noch kein Grund, die Geschichte abzulehnen.» Ihre Begründung: «Auch hier geht es letztlich nicht um die Frage, ob diese Geschichte wahr sein könnte oder nicht, sondern es geht um Gott selbst. Wenn es einen Schöpfer gibt, der Erde, Menschen und Universum geschaffen hat, ist es für ihn ein Leichtes, eines seiner Geschöpfe in einem Wal überleben zu lassen. Selbst ein Fass mit Salzsäure wäre für ihn kein Problem. Gott ist grösser, als die von ihm erschaffenen Naturgesetze.» Bei dieser Antwort stellt sich die Frage, warum es Gott nicht gelungen ist, eine befriedigende Antwort auf die unlogische Geschichte zu geben.

Mit dem Universalargument der Freikirchler lassen sich alle Widersprüche mit einem Strich aufheben. Bei der radikalen Form des Glaubens ist das Denken nur erlaubt, bis es auf Widersprüche stösst. Ab einem gewissen Punkt werden Fragen gefährlich und gern verdrängt. Damit wird der menschliche Geist eingeschränkt, die Freiheit beschnitten.

Exorzisten im Kampf mit dem Satan

Hugo Stamm am Freitag den 30. August 2013
Teufelsaustreibung in Portugal, 19. Dezember 2008. (Reuters/José Manuel Ribeiro)

Wer psychische Probleme mit Teufelsaustreibungen behandelt, ist fahrlässig: Exorzismus in Portugal, 19. Dezember 2008. (Reuters/José Manuel Ribeiro)

Das Böse hatte in grauer Vorzeit einen eindeutigen Namen und ein klares Gesicht: Satan. Je nach Kontext hiess er auch Teufel, Dämon oder Antichrist. Mit dem Gehörnten liessen sich vor allem Kinder bestens zähmen. Die Angst vor der schrecklichen Gestalt machte aus sensiblen oder ängstlichen Kindern gefügige – manchmal auch gebrochene – Wesen.

Der Satan wirkt aber auch bei vielen frommen Erwachsenen als Disziplinierungsinstrument. Wer sündig ist, hat Angst, den Schutz Gottes zu verlieren und dem Höllenfürst anheim zu fallen. Die katholische Kirche verstand es bis tief ins letzte Jahrhundert hinein vortrefflich, den Satan für ihre Zwecke zu nutzen.

Die Sozial- und Geisteswissenschaften machten dann dem Teufel den Garaus. Sie wiesen nach, dass das Böse primär soziale und psychologische Ursachen hat. Gesellschaftliche, politische und psychische Zwänge führen zu struktureller Gewalt und Ohnmacht. Das Böse entsteht also in unserer Mitte und fällt weder von oben auf uns herab noch steigt es aus dem Hades hoch. Psychologisch gesehen ist der Teufel eine Projektion.

Nicht so für weite Teile der katholischen Kirche, die auch heute noch Exorzisten ausbildet. Musterland ist Italien, das viele Teufelsaustreiber beschäftigt. Laut Schätzungen der katholischen Psychologen von Italien suchen jedes Jahr 500’000 Menschen Exorzisten auf. Allein der Jesuitenpater Pasquale Puca will in Neapel innerhalb dreier Jahre 5000 Fälle behandelt haben. Und der Oberexorzist Pater Gabriele Amorth von der Diözese Rom behauptet, in 21 Jahren 70’000 Dämonen nach katholischem Ritus vertrieben zu haben.

Der 88-jährige Ehrenpräsident der internationalem Vereinigung der Exorzisten hat nun ein Buch über sein Leben herausgegeben, das den Titel «Memoiren eines Exorzisten – Mein Kampf gegen den Satan» trägt. Darin äussert er die Überzeugung, der Satan sei heute aktiver denn je und versuche, die grösstmögliche Zahl von Seelen in den ewigen Tod zu treiben. Der Auftrag von Jesu Christi, Menschen von Dämonen zu befreien, sei so aktuell wie je. In der Schweiz gebe es so wenige Exorzisten und Besessene, weil die Kirche über den Satan schweige und nicht wisse, wie man den Teufel austreibe.

Bis heute sind Exorzismen mit der Lehrmeinung in der katholischen Kirche vereinbar und sogar gewünscht. In Rom gibt es Schnellkurse für Teufelsaustreiber. Kurz nach seiner Amtseinführung 2005 ermutigte Papst Benedikt XVI. die italienischen Exorzisten, mit ihrem «wertvollen Dienst an der Kirche» fortzufahren.

Es ist fatal, psychische Probleme auf den Dämon zurückzuführen. Exorzismen sind in solchen Fällen nicht nur wirkungslos, sie können Ängste sogar verstärken und psychische Belastungen verschärfen. Bei Psychosen, vor allem bei Schizophrenie und Paranoia, besteht die Gefahr, dass Teufelsaustreibungen zu Traumen führen. Opfer müssten die katholische Kirche dafür wegen seelischer Grausamkeit verantwortlich machen und belangen können.

Wenn der Staat Sektenmitglieder auffangen muss

Hugo Stamm am Freitag den 16. August 2013
Werke des Sektengründers L. Ron. Hubbard. (Keystone)

Werke des Sektengründers L. Ron. Hubbard. (Keystone)

Problematische oder radikale Glaubensgemeinschaften oder neureligiöse Bewegungen empfinden sich als ideale Gemeinschaften, die auserwählt sind und für ihre Mitglieder einstehen. In der Realität sind aber Anhänger oft nur so lang willkommen, als sie sich nützlich machen. Sind sie nicht mehr finanzkräftig oder für die Mission einsetzbar, verlieren sie für die Gruppe rasch an Bedeutung oder Wert. Wer Unterstützung braucht, wird nicht selten gefallen gelassen. Dann muss der Staat die Opfer auffangen, die oft keine oder höchstens eine dürfte Altersvorsorge haben. Die Geschichte von Ronald Meier (Name geändert) zeigt das Phänomen drastisch auf.

«Ich war halt etwas weich.» Ronald Meier schaut leicht verlegen zu Boden. Seine weiche Seite wurde ihm zum Verhängnis. Die Zürcher Scientologen erkannten den Charakterzug des Metzgers instinktiv und liessen ihn systematisch ausbluten. Am Schluss war er um rund 800’000 Franken leichter und verarmt. Heute lebt er von Ergänzungsleistungen. Ronald Meier ist kein Einzelfall: Immer wieder beuten Sekten ihre Anhänger aus. Sind diese psychisch oder finanziell ruiniert, muss die Allgemeinheit die Zeche bezahlen.

Das umfangreiche Scientology-Dossier von Ronald Meier enthält die Geschichte eines Mannes, der nicht entschieden genug Nein sagen konnte. Er weigerte sich zwar anfänglich, immer neue Kurse und Materialien zu kaufen, knickte aber unter dem rhetorischen und moralischen Druck der Profi-Scientologen immer wieder ein. Bis sein Vermögen und seine Altersvorsorge aufgebraucht waren. Als nichts mehr zu holen war, liess man ihn gehen. Heute ist er 74 Jahre alt und lebt am Existenzminimum. Dabei hätten ihn die scientologischen Kurse befähigen sollen, das Leben besser zu meistern.

Bürgschaft für den Therapeuten

Die lange Geschichte begann 1988. Ronald Meier steckte in einer Sinnkrise. Ein Flugblatt lockte ihn ins Zürcher Zentrum. Nach einem intensiven Gespräch unterschrieb er sofort den ersten Kursvertrag. Dann ging es Schlag auf Schlag, er kaufte immer mehr Kurse und Auditings (eine Art Therapiesitzung). «Ich fand vieles eigenartig und blieb skeptisch, doch ich wagte nicht, mich zu wehren oder zu lösen», sagt Ronald Meier heute. Es sprach sich schnell herum, dass Meier ziemlich flüssig war. Neben Scientology zapften auch einzelne Sektenmitglieder die Quelle an. Ein angesehener Scientologe, der ein eigenes Geschäft hatte, luchste ihm 80’000 Franken in Form eines Darlehens ab.

In der Klemme war auch der Auditor, der Meier betreute. Dieser übernahm eine Bürgschaft in der Höhe von 180’000 Franken für seinen «Therapeuten». Meier dachte, das Geld sei sicher, und gewährte noch weitere kleine Darlehen.

Meier besuchte fleissig Kurse, doch die grosse Erleuchtung kam nicht über ihn. «Ich verspürte die grossartigen Gewinne nicht, die mir Scientology versprochen hatte», erzählt er. Doch nun sass er in der Falle. Er wollte nicht wahrhaben, dass alles für die Katz gewesen sein könnte. Deshalb kniete er sich noch intensiver rein und liess sich überreden, im Hauptquartier in den USA Kurse zu besuchen. Kostenpunkt: rund 250’000 Franken. An den Überredungskünsten beteiligt war auch eine junge, hübsche Amerikanerin. Für angebliche Wohltätigkeitsveranstaltungen und für prestigeträchtige Einträge in einer Spenderliste zahlte er weitere 100’000 Dollar.

Meier liess sich auch mehrere Hubbard-Elektro-Meter für mehrere Zehntausend Franken aufschwatzen. Dabei handelt es sich um simple Geräte zur Messung des Hautwiderstandes, die bei der umstrittenen Therapie eingesetzt werden und ähnlich wie ein Lügendetektor reagieren. «Im Lauf weniger Jahre gab ich für Scientology-Kurse und -Materialien 606’000 Franken aus, Darlehen nicht einberechnet», sagt Meier.

Der Mutter Geld abgeschwatzt

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Meier seine Finanzen noch halbwegs im Griff. Doch dann zeichnete sich ab, dass die beiden Hauptschuldner ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten. Die Bank forderte die 180’000 Franken aus der Bürgschaft von Meier, weil sein Auditor in die Drogen abgerutscht war. Der scientologische Geschäftsmann ging in Konkurs und konnte den Kredit von 80’000 Franken nicht abzahlen.

Meier suchte Hilfe beim Scientology-Kader, auch bei Jürg Stettler, der heute noch Chef der Schweizer Scientologen ist. Doch Meier fand keine Gnade. Da er inzwischen blank war, sah er sich gezwungen, seiner Mutter 40’000 Franken abzuschwatzen und sein Erbe vorzubeziehen.

Nach ein paar Jahren löste sich Meier von der Sekte und versuchte, wenigstens die Spendengelder von der milliardenschweren Mutterorganisation in den USA zurückzubekommen. Doch selbst einer der ranghöchsten Scientologen liess ihn hängen. Sein Briefpapier enthielt den Aufdruck: «Ein Mensch ist nur so wertvoll, wie er andern dient.» Nicht einmal die rund 40’000 Franken, die noch auf einem Scientology-Konto lagen, wurden ihm zurückbezahlt. Vielmehr drehten sie ihm zwei von Sektengründer Hubbard signierte Videokassetten im angeblichen Wert von 40’000 Franken an. Damit war auch dieses Scientology-Konto geplündert.

Teure Geräte plötzlich wertlos

Schliesslich hätte Meier gern ein paar Gegenstände verkauft, um seine Schulden zu tilgen. So ein Gold-E-Meter, für das er 42’000 Franken bezahlt hatte, die beiden Kassetten (40’000 Franken) und andere Materialien (25’000 Franken), doch er fand keine Abnehmer für die überteuerten Utensilien. Schliesslich packte er alles in eine Schachtel und brachte sie ins Zürcher Zentrum. Geld bekam er dafür nicht.

Das letzte Kapitel der Geschichte von Meier wurde in diesen Tagen abgeschlossen. Mit einem Happy End – wenn auch einem kleinen. Scientology Zürich überwies ihm rund 3400 Franken. Das Geld war nicht als Schadenersatz gedacht, vielmehr lag es noch auf einem Scientology-Konto. Die Sekte rückte den Betrag nur unter der Bedingung heraus, dass Meier keine weiteren Geldforderungen stellt. Die 3400 Franken werden rasch aufgebraucht sein, doch Scientology wird Ronald Meier nie vergessen. Seine Armut erinnert ihn täglich an seine Schwäche, gelegentlich weich zu werden. Scientology war nicht bereit, die Fragen des TA zu beantworten.

Martyrium bei den Missionaren im Dschungel

Hugo Stamm am Dienstag den 23. Juli 2013
Wurde als «auserwähltes Mädchen» bedroht und missbraucht: Christina Krüsi. Bild: Sophie Stieger

Wurde als «auserwähltes Mädchen» bedroht und missbraucht: Christina Krüsi. Bild: Sophie Stieger

Freikirchlich Gläubige werden unablässig mit einer stereotypen Botschaft berieselt: Wer Jesus in sein Herz aufnimmt oder sich vor der Gemeinde zum christlichen Gott bekennt, steht unter seinem besonderen Schutz. Im «Fenster zum Sonntag» auf SRF 1 treten immer wieder Gläubige auf, die von ihren Erlebnissen mit Gott oder Jesus erzählen. Diese haben ihnen Botschaften übermittelt, die ihnen halfen, eine Krankheit zu überwinden, ein Geschäft erfolgreich aufzubauen, in der Missionsarbeit gefährliche Situationen heil zu überstehen usw. Auch in der Zeitschrift idea/spektrum kommen immer wieder Leser zu Wort, die berichten, wie Jesus ihnen in Krisen geholfen und sie beschützt habe. Auch die freikirchlichen Prediger und Pastoren berichten in ihren Predigten gern, wie Gott und Jesus direkt ins Leben der (Recht-)Gläubigen wirkten. Die Botschaft ist ebenso unmissverständlich wie ziemlich weltlich: Wer an den (richtigen) Gott glaubt, geniesst seine besondere Aufmerksamkeit und wird von ihm durch die Stürme des Lebens geführt und begleitet.

Wer aber die Geschichte von Christina Krüsi liest, die sie im Buch «Das Paradies war meine Hölle» verarbeitet hat, fragt sich, wo denn der (freikirchliche) Gott war, als die Missionare reihenweise über sie hergefallen sind. Hier der Artikel über eine Begegnung mit Christina Krüsi:

Ihr herzhaftes Lachen hallt durch die ganze Wohnung. Christina Krüsi sitzt zufrieden in ihrer hellen Stube in Winterthur, umgeben von ihren selbst gemalten Bildern, als seien die traumatischen Kindheitserlebnisse ein Kapitel aus vergangenen Tagen. Doch nun holen sie die Erinnerungen aus Bolivien wieder ein. Immer wieder muss sie Medienleuten ihre Geschichte erzählen. Warum tut sie sich das an?

Warum nimmt sie die Leser mit nach Tumi Chucua zu den Tacana-Indianern in den tiefen Dschungel von Bolivien, wo sie als kleines Mädchen von christlichen Missionaren «auserwählt wurde»? Jahrzehntelang hat sie ihre Geschichte verdrängt aus Angst, niemand würde ihr glauben. Jahrzehntelang war sie nie richtig angekommen im Leben. Wer würde es schon für möglich halten, dass in der heilen Welt einer entlegenen Missionsstation gleich mehrere Gottesmänner über sie und andere Mädchen und Jungen herfallen könnten?

Die Aufarbeitung begann vor elf Jahren. «Beim Joggen verlor ich plötzlich meine Stimme», erzählt sie. «Es war ein Schock, doch ich wusste, dass der Zusammenbruch mit meiner Kindheit zu tun hatte.» Unter seelischen Krämpfen holte sie sich ihre Stimme wieder zurück. Sie wusste: Sie braucht sie, um nicht länger Opfer zu sein. Um die Vergangenheit abzuschütteln und das Unrecht, das man ihr und den andern Kindern angetan hatte, in die Welt hinauszutragen. Damit sich das, was die frommen Täter ihr auf der «Insel der Palmen» (Tumi Chucua) angetan hatten, nicht mehr wiederholen würde.

Im Buch beginnt die Reise durch das Leben der Christina Krüsi im Paradies. Im bolivianischen Urwald erlebt sie eine idyllische Kindheit. In einem Indianerdorf fernab der Zivilisation, wo ihr Vater die Bibel in die Sprache der Chiquitano-Indianer übersetzt, blüht das temperamentvolle Mädchen auf und tollt mit den Indianerkindern herum. «Es waren für uns weisse Kinder wirklich paradiesische Lebensumstände», sagt sie.

Hölle an Halloween

An Halloween – Christina ist sechs Jahre alt – bricht für sie aber über Nacht die Hölle los. Sie freut sich auf das Fest mit den gruseligen Gespenstern und Masken, das die amerikanischen Missionare von Wycliff, einer freikirchlichen Organisation, welche die Bibel in Minderheitssprachen übersetzt, im Missionarscamp feiern wollten. Auch wenn es nicht so recht ins christlich-fromme Umfeld passt. Christina muss wie die andern Kinder nachts einem Seil folgend einen Parcours durch den dunklen Wald absolvieren. Als «auserwähltes Mädchen» wird sie in einen Hinterhalt gelockt und rutscht in ein Loch. Dort wird sie Opfer eines sexuellen Übergriffs.
Das ist der Beginn einer Leidenszeit, für die der Begriff Hölle eine harmlose Umschreibung ist. Jahrelang wird sie von mehreren amerikanischen Missionaren verfolgt, genötigt und sexuell missbraucht. Einmal wird sie Zeugin eines rituellen Kindsmordes. Niemand merkt es: weder die Eltern, die Lehrer – einer beteiligt sich gar an den Übergriffen – noch die Missionsleitung. «Die pädophilen Täter drohten mir: ‹Wenn du den Mund nicht hältst, können deine Eltern die Bibel nicht übersetzen. Dann kommen alle Indianer in die Hölle, und du bist schuld›», erzählt sie. So schweigt das Mädchen eisern und leidet. Christina behält das Geheimnis auch später für sich, weil sie überzeugt ist: Mir würde niemand glauben. Mit einem Suizidversuch will die Zehnjährige dem Leiden ein Ende bereiten, im letzten Moment wird sie gerettet.

Missbrauch bestätigt

Christina Krüsi entschuldigt die Täter aus religiösen Gründen, verbannt die Erlebnisse in die Abgründe ihrer Seele. Bis eben 2002, als sie im Alter von 34 Jahren ihre Sprache verlor. «Ich war längst wieder in der Schweiz und wusste, dass ich endlich über meine Kindheitserlebnisse reden musste, um mich aus meinem inneren Gefängnis zu befreien», sagt sie.

Krüsi spricht mit ihren Eltern, fühlt sich aber nicht verstanden. Solche Schandtaten im Umfeld einer freikirchlich geprägten Missionsstation und quasi unter ihren Augen: undenkbar. Das Verhältnis zu den Eltern ist massiv erschüttert. Die Täter schienen recht zu haben, dass ihr niemand glauben würde. Dann öffnet sie sich vorsichtig ihrer Freundin Gudrun Ruttkowski, mit der sie später ihre Lebensgeschichte aufschreibt. Als Mal für ihr Leiden kann sie die beiden Schnitte auf der Innenseite ihres Knies vorzeigen, die die Täter ihr und anderen Kindern als Zeichen des «Auserwähltseins» zugefügt hatten.

Ein Jahr später dann die «Erlösung». Krüsi bekommt einen Brief von Wycliff Amerika. Zwei andere Opfer hatten sich gemeldet und auch Christinas Namen genannt. Bald wird das Ausmass des systematischen Verbrechens klar. 17 Opfer schildern detailliert die Übergriffe und nennen Namen der Täter.

«Wir sind zutiefst betrübt»

2004 lädt Wycliff die Opfer zu einem Treffen in die USA ein. Bei den emotionellen Begegnungen wird das monströse Ausmass der sexuellen Ausbeutung erst richtig klar. Für Christina Krüsi ein erster Schritt zur Befreiung. Doch dann stockt die Aufarbeitung. Wycliff erstellt zwar Berichte und übergibt sie den Behörden, doch es passiert nichts. Alles verjährt, vernimmt Krüsi. Die Täter kommen ungeschoren davon, einer arbeitet weiterhin als Lehrer.

Krüsi verarbeitet die seelischen Wunden mit dem Malen von grossen, farblich kräftigen Bildern und dem Schreiben von Tagebüchern. Sie ist inzwischen geschieden und hat Probleme, sich und ihre beiden Söhne, die das Gymnasium besuchen, finanziell über die Runden zu bringen. Sie klopft bei Wycliff an und bekommt etwa zwei Jahre lang einen sehr kleinen monatlichen Beitrag, um ihr eigenes Studium mitzufinanzieren. Im Gegenzug muss sie unterschreiben, keine Forderungen mehr zu stellen. Das findet sie heute mehr als schäbig.

«Wir sind zutiefst betrübt darüber, dass Christina Krüsi und ihrer Familie so viel Ungerechtigkeit und Leid widerfahren ist», erklärt Hannes Wiesmann, Leiter von Wycliff Schweiz. Der Fall habe zur Sensibilisierung und zu neuen Richtlinien geführt. Neue Mitarbeiter müssen seither eine Onlineschulung durchlaufen, Kinder würden mit einem Video aufgeklärt und sensibilisiert. Ausserdem werden seither mutmassliche Täter im Einsatz- und Herkunftsland angezeigt. Christinas Eltern glauben ihrer Tochter heute. «Sie verstehen aber immer noch nicht, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin.»

Kinderbuch zur Aufklärung

Wie konnte es zu den jahrelangen systematischen Übergriffen durch mehrere Mitarbeiter der Missionsstation kommen? Niemand weiss es. Auch Hannes Wiesmann von Wycliff nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass sich in der Missionsstation mit den rund 300 Mitarbeitern ein Ring von Pädophilen gefunden hat, angeführt vom Schulleiter.

Die Situation blieb für Christina Krüsi, die bis vor kurzem als Schulleiterin arbeitete und nun als Künstlerin und Konfliktmanagerin tätig ist, unerträglich. Weil sie die Täter nicht belangen konnte, wollte sie wenigstens mit dem Buch die Öffentlichkeit aufklären. Ausserdem gründete sie eine Stiftung, um Projekte zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit zu finanzieren. Das erste Projekt war ein Kinderbuch mit dem Titel «Chrigi und Nanama – Dschungelfreunde», das nächste ist die Verfilmung des Buches.

Beim Abschied an ihrer Wohnungstür wird noch einmal klar, dass Christina Krüsi nicht nur ihre Stimme wiedergefunden hat, sondern auch ihr kräftiges, fröhliches Lachen.